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Seltene Pflanzen: Extinctus existiert doch noch

Die Abholzung in den Tropen schreitet rapide voran und löscht Arten aus. Manche werden aber vorschnell als ausgestorben betitelt. Das belegt ein spektakulärer Fund aus Ecuador.
Gasteranthus extinctus

Der Centinela-Gebirgszug im westlichen Ecuador hat unter Biologen einen traurigen Ruf: In den 1980er Jahren wurde die Region rasch und umfassend abgeholzt, weshalb die Wissenschaftler befürchteten, dass damit zahlreiche einzigartige Pflanzenarten ausgerottet wurden. Der US-amerikanische Biodiversitätsexperte Edward O. Wilson prägte für das Phänomen sogar den Ausdruck »Centinelisches Aussterben« für das Verschwinden von Spezies, wenn ihr kleinräumiger Lebensraum zerstört wird. Doch auch wenn die Verluste gewaltig waren: Kleinere Waldinseln blieben erhalten und boten so manchen Pflanzen letzte Refugien. Davon zeugt die Wiederentdeckung einer Art, die das Aussterben eigentlich schon im Namen trägt. Allerdings hat Gasteranthus extinctus tatsächlich überlebt, wie ein Team um Dawson White vom Field Museum in Chicago in »PhytoKeys« schreibt.

»Extinctus erhielt seinen markanten Namen angesichts der umfassenden Abholzung im westlichen Ecuador«, sagt White. In der Tat haben die Küstenregion des Landes und die angrenzenden Vorberge der Anden bis zu 97 Prozent ihrer ursprünglichen Waldbedeckung verloren. Vor allem an unzugänglichen Stellen blieben jedoch kleinere und größere Flecken mit natürlicher Vegetation stehen, die jedoch aus dem Blickfeld der Wissenschaft gerieten. G. extinctus etwa wurde kurz vor der Entwaldung gesammelt, aber erst 2000 beschrieben. Angesichts der dramatischen Waldverluste gingen die Beteiligten davon aus, dass sie nicht mehr existierte, und bezeichnete sie als »extinctus« im Artnamen.

Doch niemand suchte wirklich vor Ort nach der Art; erste Expeditionen ab 2009 konnten keinen Nachweis mehr liefern. White und sein Kollege Nigel Pitman ließen sich davon aber nicht entmutigen und gingen 2021 erneut auf Expeditionen – obwohl ihr Ansinnen scheiterte, geeignete Biotope mit Hilfe von Satellitenbildern ausfindig zu machen: Der Gebirgszug war auf den Aufnahmen vielerorts von Wolken verdeckt. »Erstmals plante ich eine Expedition, bei der wir nicht sicher waren, ob wir überhaupt einen Wald betreten würden«, sagt Pitman.

Doch bereits am ersten Tag vor Ort fanden sie Überreste intakter Nebelwälder. Und innerhalb weniger Stunden spürten sie darin lebende Exemplare der verloren geglaubten Art auf. »Wir hatten kein Foto zum Vergleich, sondern nur Bilder von getrockneten Herbariumsexemplaren, eine Strichzeichnung und eine schriftliche Beschreibung. Wir waren uns jedoch auf Grund ihrer kleinen Härchen und auffälligen Blüten ziemlich sicher, dass wir die Pflanze gefunden hatten«, sagt Pitman.

Letzte Zweifel räumte dann der Spezialist John Clark aus, dem das Team Bilder und abgefallene Blüten schickte: Die Crew vor Ort wollte keine lebenden Pflanzen schädigen. Später entdeckte sie allerdings zahlreiche weitere Individuen in den verschiedenen Waldresten, so dass sie ein Belegexemplar für das Museum und DNA-Proben sammeln konnte.

»Der Fund von G. extinctus war großartig, aber uns freut noch mehr, dass wir einen spektakulären Wald in einem Bereich gefunden haben, an dem die Wissenschaftler schon befürchtet hatten, dass alles verschwunden ist«, sagt Pitman. Zusammen mit ecuadorianischen Naturschützern arbeiten Pitman und White daran, die restlichen Wälder vor Ort zu schützen.

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