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Simon von Geldern: Morgenländer, Schwärmer und sonderbarer Heiliger

Schillernd und widersprüchlich war das Leben des Abenteurers Simon von Geldern. Der Mann, der vor 235 Jahren starb, bereiste die Alte Welt, empfahl sich ergebenst den Rabbinern – und verspielte dann wieder sein Geld. Hätte nicht ein berühmter Nachfahre seine Schriften entdeckt, wäre das bewegte Dasein des Kavaliers wohl gänzlich unbekannt.
Jerusalem in einer Malerei von David Roberts, um 1840.
Der jüdische Abenteurer Simon von Geldern (1720–1788) reiste viel, auch nach Jerusalem. Die Stadt malte der schottische Künstler David Roberts um das Jahr 1840.

Am 4. Dezember 1755 ließ sich der Rabbiner Zwi Hirsch Oppenheim zu einem bedingt lobenden Empfehlungsschreiben hinreißen: »Wenn ich auch keine Empfehlungen an Leute gebe, die umherziehen, so weiß ich doch, dass mein Verwandter Simon de Geldern eine Leuchte ist und daher eine besondere Behandlung verdient«, heißt es im Brief des angesehenen Hofkammeragenten für Bonn und Hildesheim. »Weil er aufs Meer ging, um sich in fremde Länder zu begeben, und sich unbesonnen von zu Hause entfernte und von dem Lande, in dem er geboren wurde.«

Zu diesem Zeitpunkt war der angesprochene Simon von Geldern in der Tat weit herumgekommen. Er war durch halb Europa gezogen, hatte Wien, Amsterdam, London und Paris besucht sowie rund ein Dutzend deutscher Städte, hatte Frankreich durchquert, Italien ebenso, und war bereits zweimal über Ägypten und Zypern ins Heilige Land der Christen gepilgert – in den Jahren 1751 und 1753. Er war in Alexandria und Kairo gewesen, in Akkon, Jerusalem und Safed, das seit dem Mittelalter als Zentrum der jüdischen Mystik galt. Dort ließ er sich denn auch seine fromme Pilgerschaft vom lokalen Rabbinerkollegium schriftlich bestätigen.

Auf dem Rückweg nach Europa nahm er die Route über Kleinasien und den Balkan. Mittlerweile trug er stets »türkische Tracht«, also orientalische Kleidung, weshalb man ihn den »Morgenländer« nannte. Er verlieh sich selbst Titel, nannte sich Rabbi, Doktor, später auch Ritter – Chevalier Simon de Gueldres, de Galilée – und gab sich als erfahrener Kabbalist, geschult im Umgang mit Zahlenpyramiden und magischen Quadraten.

Simon von Geldern war demnach so einiges – Reisender, Händler, Kavalier, aber auch selbst erklärter Gelehrter in jüdisch-mystischen Glaubensangelegenheiten. Das Leben jenes Mannes war abenteuerlich und widersprüchlich. Und fast wäre nichts davon bekannt, hätten nicht eine Hand voll Schriften die Jahrhunderte überdauert. Weil von Gelderns Großneffe sie entdeckte, aufbewahrte und sich mit seinem Oheim innigst befasste. Sein Name: Heinrich Heine (1797–1856).

Sohn angesehener Hoffaktoren

Eigentlich war Simon von Geldern eine andere Laufbahn in die Wiege gelegt. 1720 in Wien geboren und in Düsseldorf aufgewachsen, entstammte er einer respektablen Familie so genannter Hoffaktoren. So wurden jene Kaufleute bezeichnet, die sich im Hauptberuf der wirtschaftlichen Angelegenheiten europäischer Fürstenhöfe annahmen. Man nannte sie auch »Hofjuden«, wegen des Glaubens, dem die meisten von ihnen anhingen. Sie besorgten Verpflegung, Uniformen und Munition für die fürstlichen Truppen, verhandelten verschiedenste Waren oder vermittelten ihren Dienstherren günstige Kredite.

Sie gehörten zu den wenigen reichen Juden, ein paar hundert über den ganzen Kontinent zerstreute Familien, die repräsentative Bürgerhäuser in den europäischen Residenzstädten bewohnten – und nicht wie ihre Glaubensbrüder zusammengepfercht in Ghettos oder in armseligen Hütten auf dem Lande hausten. Bei allem Reichtum war der Status der »Hofjuden« jedoch alles andere als gesichert. »Mühsam, Stück für Stück, müssen sie sich die Rechte erkaufen, die jedem Christen durch Geburt zustehen. Die Freiheit zu wohnen, zu reisen, zu arbeiten, zu leben, wo und wie es ihnen beliebt«, schrieb der Kulturjournalist Fritz Heymann (1898–1944), ein deutscher Jude auch er, in seinem 1937 im Amsterdamer Exil publizierten Werk »Der Chevalier von Geldern. Eine Chronik vom Abenteuer der Juden«. Zudem waren die Fürsten oft genug säumige Kunden, Rechnungen wurden mitunter spät, manchmal gar nicht beglichen.

Von Gelderns Globus | In seinem Tagebuch zeichnete Simon von Geldern einen Globus. Auf Hebräisch beschriftete er die Himmelsrichtungen, die Klimazonen und die Kontinente. Auf dem Sockel nannte er sich als Autor.

Die Familie von Geldern diente bereits zwei Generationen lang den Kurfürsten von der Pfalz als Hoffaktoren. Simons Ausbildung war dementsprechend standes- und zeitgemäß. Neben Thora und Talmud standen auch Latein und Mathematik auf dem Lehrplan, neben Jiddisch und Hebräisch lernte er Hochdeutsch und Französisch – außerdem fechten, reiten, tanzen. Schließlich sollte der Junge das Familienunternehmen weiterführen. Und tatsächlich erweckte Simon in seiner Jugend noch den Eindruck, als ob er die Geschäfte übernehmen würde.

Doch letztlich stand ihm nicht der Sinn nach Lieferungsverpflichtungen und Verproviantierungsverträgen. Angelegenheiten, »über die zu schreiben nicht verlohnt«, wie er noch Jahrzehnte später missvergnügt in seinem Tagebuch festhielt. Er zog es vor, in die Welt zu ziehen. Im April 1747 nahm Simon einen handfesten Streit mit dem Vater zum Anlass, Düsseldorf zu verlassen – bis auf wenige Besuche sollte er auch nicht wiederkehren. Stattdessen war er unterwegs: mal als Pilger, mal als Abenteurer.

Von göttlicher Lehre durchdrungen saß er an den Spieltischen

Der Historiker Ludwig Rosenthal (1896–1988) schrieb 1978 eine Biografie über Simon von Geldern, die der Literaturwissenschaftler und ehemalige Direktor des Heinrich-Heine-Instituts in Düsseldorf Joseph Kruse noch 2019 als verlässlich lobte. Rosenthal meinte, von Geldern habe sein Leben »auf zwei fast völlig voneinander getrennten Ebenen« geführt. Auf der einen Ebene finde man »Reb Simon, den Kenner von Thora und Talmud«, der die Sabbatruhe auch dann einhielt, wenn ihn auf Reisen ein adeliger Begleiter zur Weiterfahrt drängte, der mehrfach Pilgerfahrten ins Heilige Land unternahm, dort an den Gräbern großer Kabbalisten meditierte – einen Mann also, »dem die größten Rabbiner seiner Zeit Bescheinigungen ausstellen, dass er von der göttlichen Lehre durchdrungen und der materiellen Hilfe seiner Glaubensgenossen durchaus würdig sei«.

Auf der anderen Ebene aber begegne man einem galanten Kavalier und Abenteurer des 18. Jahrhunderts, der sich die Doktorwürde sowie einen Adelstitel selbst verpasste, der auch dank seiner prächtigen orientalischen Kleidung Zugang zu europäischen Fürstenhöfen erlangte »und mit seinem guten Aussehen, seinen guten Manieren und seiner interessanten Plauderei in vielen Sprachen männliche und – vor allem auch – weibliche Zuhörer anzuziehen und zu bezaubern weiß«.

Als Pilger zog Simon von Stadt zu Stadt, von Synagoge zu Synagoge, von einer jüdischen Gemeinde zur nächsten. Überall legte er Rabbinatszeugnisse von seinen früheren Aufenthaltsorten vor und ließ sich neue ausstellen. Über die Jahre kamen derart viele Empfehlungen zusammen, dass er sie 1759 in Amsterdam als Büchlein drucken ließ, um sie vorlegen zu können. Auch als Kavalier begab sich von Geldern von Ort zu Ort. Der passionierte Glücksspieler frequentierte die Kasinos, in denen er mehr als einmal sein ganzes Vermögen verspielte, bei anderen Gelegenheiten aber ein neues gewann, das er mit hohen Damen und leichten Mädchen vergeudete – stets seine Sünden bereuend, so ist es seinen teilweise erhaltenen Tagebüchern zu entnehmen, stets sie aufs Neue begehend.

Anders als seine christlichen Kollegen benötigte der jüdische Abenteurer auf seinen Reisen in Europa Freipässe der jeweiligen Landesherren. Diese wurden ihm meist anstandslos gewährt. Dabei war wohl seine Abstammung aus einer angesehenen Hoffaktorenfamilie ebenso nützlich wie der Ruf, den er sich als weit gereister und außergewöhnlicher Mann erworben hatte. Schließlich ging er auch an Fürstenhöfen ein und aus. In London empfingen ihn sogar König und Königin zum Tee in privater Runde.

Die Sehnsucht nach einem festen Job

In die Jahre gekommen, begann Simon nach einer festen Anstellung zu suchen, die seinen Fähigkeiten entsprach. Von diesen hatte er eine hohe Meinung, wie ein Bewerbungsschreiben zeigt, das er an den französischen König Ludwig XV. (1710–1774) persönlich richtete: »Der Herr von Geldern aus Bethulia in Galiläa, der die hebräische, chaldäische, deutsche, spanische, italienische und englische Sprache so sehr beherrscht, dass er sie ins Französische übersetzen kann, und der sich einen großen Ruf an allen Höfen Europas durch seine Reisen in Asien und Afrika erworben hat sowie die Achtung aller Gelehrten, die er kennen lernte, ist hierher in der Absicht gekommen, sein Leben im Dienst Sr. Majestät, des viel geliebten Königs, zu beschließen. Er könnte nützlich, ja nötig sein bei der königlichen Bibliothek oder auch sonst als Dolmetscher. In Kriegszeiten würde man sich seiner Kenntnisse fast aller europäischen Höfe bedienen (…).«

Simon von Geldern hieß ganz offiziell »Hof Cabbalist, Geheimer Magischer Rath, öffentlich accreditierter Hoffactor und Agent des Landgrafen und Erbprinzen von Hessen Darmstadt«

Doch es gab keine Stelle für ihn in Versailles, ebenso wenig an der Bibliothek in Wolfenbüttel, wo er mehrfach vorstellig wurde. Also zog er weiter – von Gemeinde zu Gemeinde, von Spieltisch zu Spieltisch. Durch den Handel mit wertvollen hebräischen oder arabischen Handschriften und Büchern, die er von seinen Reisen in den Orient mitgebracht hatte, gelang es ihm kaum, über die Runden zu kommen. Also gab er bisweilen Sprachunterricht, obwohl er diese Beschäftigung für unter seiner Würde betrachtete. Ebenfalls versuchte er vergeblich, als Gelehrter ein Auskommen zu finden.

Erst das Jahr 1776 brachte die entscheidende Wende in Simons prekärem Dasein. Er begegnete Prinz Ludwig von Hessen (1753–1830), einem esoterischen Schwärmer, der in dem Morgenländer einen Meister der Kabbala und anderer Geheimwissenschaften zu erkennen glaubte und ihn schließlich in Stellung nahm. Ab 1778 durfte sich Simon von Geldern ganz offiziell »Hof Cabbalist, Geheimer Magischer Rath, öffentlich accreditierter Hoffactor und Agent des Landgrafen und Erbprinzen von Hessen Darmstadt« nennen. Aus dem Vagabunden war schließlich ein »Hofjude« geworden.

Beteiligt an der Emanzipation der Juden in Frankreich

Doch die neuen, klingenden Titel erwiesen sich als hohl, da für Simons »magische Fähigkeiten in Darmstadt damals keine große Nachfrage bestand«, schreibt Rosenthal. Schon kurz nach der Anstellung wies der Prinz dem Hofkabbalisten einen zu seinem Schloss im elsässischen Buchsweiler gehörenden Pavillon als Ruhesitz an. Allerdings: Ruhig zu sitzen war Simons Sache nicht. Er brach des Öfteren zu Reisen auf, freilich hatte sich sein Radius erheblich verkleinert – und stets kehrte er in seinen Pavillon zurück.

Besonders häufig besuchte er in seinen letzten Jahren den Abbé Henri Grégoire (1750–1831), einen liberal gesinnten katholischen Geistlichen, der Pfarrer im nahe gelegenen Städtchen Emberménil war. Diesen unterstützte er bei der Abfassung eines Essays zu der Frage: »Gibt es Mittel, die Juden in Frankreich nützlicher und glücklicher zu machen?« Der Aufsatz bildete die Grundlage für die Emanzipation der Juden in Frankreich, die 1791 in der Nationalversammlung beschlossen wurde. Simon von Geldern »hat also letzten Endes viel mehr zu Wege gebracht als alle anderen ehrenwerten Mitglieder dieser angesehenen Familie«, schrieb Rosenthal.

Irgendwann im September 1788 verstarb Simon von Geldern auf der Landstraße von Straßburg nach Buchsweiler, wahrscheinlich in einer Kutsche. Genaueres weiß man nicht. Auch wo sein Grab liegt, ist unbekannt. Was von ihm blieb, sind handschriftliche Aufzeichnungen, verteilt auf diverse Archive. Sie wären vielleicht schon zu Staub zerfallen, hätte nicht ein träumerischer Junge auf dem Dachboden des Hauses »Zur Arche Noä« in Düsseldorf gestöbert. Der Junge hieß Harry Heine – als Heinrich Heine sollte er zu einem der bedeutendsten deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts werden. In dem besagten Haus besuchte er häufig seinen Onkel mütterlicherseits und kramte aus den Truhen so manchen Schatz heraus.

»Der beste und kostbarste Fund jedoch, den ich in den bestäubten Kisten machte, war ein Notizbuch von der Hand eines Bruders meines Großvaters, den man den Chevalier oder den Morgenländer nannte und von welchem die alten Muhmen immer so viel zu singen und zu sagen wussten«, schrieb Heine in seinen Memoiren. Der Junge war fasziniert von dem Verwandten, diesem »sonderbaren Heiligen«, den er nie kennen gelernt hatte und dem er sich doch so nahe fühlte. Über ein Jahr sah er den Onkel seiner Mutter in seinen Träumen und identifizierte sich mit ihm. Sein Großoheim sei »halb Schwärmer [gewesen], der für kosmopolitische, weltbeglückende Utopien Propaganda machte, halb Glücksritter, der im Gefühl seiner individuellen Kraft die morschen Schranken einer morschen Gesellschaft durchbricht oder überspringt. Jedenfalls war er ganz ein Mensch.«

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