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Stillen in der Öffentlichkeit: »Auf der Toilette will niemand essen, auch nicht unsere Babys«

Dem Kind im Bus oder Café die Brust geben? Absolut normal, sagt die Stillberaterin Simone Lehwald im Interview. Klar sei aber auch: »Mütter profitieren von einer stillfreundlichen Umgebung.«
Aktuelle Zahlen aus Deutschland und Österreich zeigen, dass heute mehr als 95 Prozent der Frauen das Stillen beginnen.

Stillen sie ihre Babys nicht, bekommen manche Frauen zu hören, sie seien schlechte Mütter. Geben sie ihren Kindern dann im Bus, Park oder Restaurant die Brust, werden sie womöglich seltsam beäugt. Warum es ratsam ist, nicht jeden Blick negativ zu deuten, es mehr Zusammenhalt unter stillenden Müttern braucht und inwiefern ein Stillgesetz hilfreich sein könnte, erklärt die Hebamme und zertifizierte Stillberaterin Simone Lehwald im Interview.

»Spektrum.de«: 77 Prozent der Frauen fühlen sich unwohl, wenn sie ihre Kinder in der Öffentlichkeit stillen, das ergab im Jahr 2020 eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Woran liegt das?

Simone Lehwald: Nach allem, was ich in der Praxis erfahre, besteht das größte Problem in den Köpfen. Immer wieder stellen Mütter sich die Frage, ob es überhaupt gewollt ist, dass sie ihre Kinder in der Öffentlichkeit stillen, deshalb fühlen sie sich unwohl und stillen eher heimlich und hinter verschlossenen Türen. Ich vermute, das ist eine Fehleinschätzung, tatsächlich bemerken es die meisten Menschen im Umfeld gar nicht.

Gleichzeitig berichten Frauen im Netz regelmäßig davon, dass sie komisch angeschaut würden.

Simone Lehwald | Die Hebamme und zertifizierte Stillberaterin ist Mitarbeiterin am Europäischen Institut für Stillen und Laktation.

Da gilt es zu unterscheiden: Ist der Blick abwertend gemeint? Oder ist es nur Neugier? Und was macht die Frau daraus? Eine Befragung der Nationalen Stillkommission Deutschlands aus dem Jahr 2017 von mehr als 1000 Personen hat ergeben, dass nahezu die Hälfte der Bevölkerung öffentlich stillende Mütter gar nicht wahrnimmt. Lediglich sechs Prozent der Befragten störten sich tatsächlich an dem Anblick. Meiner Meinung nach werden Einzelfälle, in denen Mütter sehr negative Erfahrungen machen, in den Medien überrepräsentiert. Wenn alle paar Jahre eine stillende Mutter aus dem Café geworfen wird, dann wird das sehr groß aufgezogen und kontrovers diskutiert. Erntet die Frau im Café also einen Blick von der Seite, stellt sie schnell eine Verbindung zu dem her, was sie in den Medien gesehen hat. Wichtig ist, dass wir wieder mehr verstehen, dass Stillen das Normalste auf der Welt ist.

»Heute beginnen mehr als 95 Prozent der Frauen das Stillen«
(Simone Lehwald, Hebamme)

Würden Sie sagen, dass sich unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren vom Stillen entfremdet hat?

Ganz und gar nicht, im Gegenteil. Zwar wurde Mitte der 70er Jahre noch jedes zweite Kind in Deutschland mit Flaschenmilch ernährt. Als es allerdings um das Jahr 1980 große Skandale rund um die Praktiken der Säuglingsnahrung-Industrie in Entwicklungsländern gab, stiegen die Stillraten auch in Deutschland. Ein Trend, der bis heute anhält.

Die aktuellen Zahlen aus Deutschland und Österreich zeigen, dass heute mehr als 95 Prozent der Frauen das Stillen beginnen. Die wichtigere Frage ist hier sicher, warum erreichen so viele Frauen nicht das Ziel, ihre Kinder so lange zu stillen, wie es die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt? Nämlich sechs Monate lang ausschließlich und danach weiter, bis weit in das zweite Lebensjahr hinein und darüber hinaus.

Die Weltstillwoche 2021

Vom 4. bis 10. Oktober 2021 findet die Weltstillwoche mit dem Motto »Stillen. Unser gemeinsamer Weg.« statt. Zahlreiche stillfördernde Institutionen und Akteure machen darauf aufmerksam, dass Stillen eine Möglichkeit ist, Babys zu füttern – allerdings nicht die einzige. Das Ziel ist auch, mehr Akzeptanz für Stillen im Alltag zu schaffen.

Welche Unterstützung brauchen Mütter Ihrer Meinung nach, um selbstbewusst auch in der Öffentlichkeit zu stillen?

Es braucht eine Umgebung, die signalisiert, dass Gestilltwerden in allen Lebenslagen ein natürliches und unaufschiebbares Bedürfnis des Kindes ist. Im besten Fall gibt es niederschwellige Unterstützungsangebote. Also zum Beispiel Fachpersonal. Gleichzeitig braucht es die Erkenntnis und die Offenheit dafür, dass es nicht immer sofort und unproblematisch mit dem Stillen klappt. Viele Stillbeziehungen müssen erst wachsen, um »nebenher« zu funktionieren. Da kann es hilfreich sein, das Stillen erst einmal in einem geschützten Rahmen und mit der notwendigen Unterstützung zu üben.

Wie kann diese Unterstützung aussehen?

Wenn werdende Mütter bereits in der Schwangerschaft auf das Stillen vorbereitet werden, stärkt das das Vertrauen in die eigenen Stillfähigkeiten und das mütterliche Kompetenzgefühl. Beides sind wichtige Voraussetzungen dafür, offen in eine Stillbeziehung zu starten und etwaige Hürden anzugehen. So eine Stillvorbereitung in der Schwangerschaft läuft bestenfalls über die Hebamme während der Beratungstermine, in Stillvorbereitungskursen in Krankenhäusern und bei freiberuflichen Still- und Laktationsberaterinnen mit dem Titel IBCLC.

»Gruppen, in denen Mütter sich austauschen und ihre Anliegen miteinander besprechen können, stärken das Vertrauen in die Stillbeziehung«
(Simone Lehwald)

Und wenn das Kind dann auf der Welt ist?

Gerade zu Beginn der Stillzeit braucht es gut ausgebildete Unterstützerinnen und kompetente Ansprechpartnerinnen im weiteren Verlauf der Stillbeziehung. Ein sicherer Übungsort können auch Stillgruppen sein. In einer solchen Gruppe lässt sich abgleichen: Wie kann ich beim Anlegen mehr Sicherheit erlangen? Wie machen es andere Mütter in Cafés, Restaurants und Kaufhäusern, wenn ihr Baby plötzlich Hunger bekommt und die Brust verlangt? Das schafft ebenfalls Kompetenzgefühl. Gruppen, in denen Mütter sich austauschen und ihre Anliegen miteinander besprechen können, stärken das Vertrauen in die Stillbeziehung, so dass Mütter länger und zufriedener stillen.

Ist Stillen in der Öffentlichkeit auch Typsache?

Es wird immer Frauen geben, die sich gern etwas zurückziehen wollen, und vielleicht braucht auch das Baby Ruhe. Manche Kinder lassen sich in einem turbulenten Umfeld leicht ablenken, dann wird es stressig. Entsprechend braucht es an öffentlichen Orten leicht zugängliche Plätze, die Rückzug bieten und klar und deutlich zeigen, dass dort gestillt werden darf. Aber bitte nicht die Toilette! Das finde ich schlimm, niemand möchte auf der Toilette essen, auch nicht unsere Babys!

Gibt es internationale Unterschiede bezüglich des Stillens in der Öffentlichkeit?

Ich gehe davon aus. Einen Anhaltspunkt dazu liefert eine Umfrage aus dem Jahr 2015. Dafür wurden 13 000 Mütter in mehr als zehn Ländern befragt. Demnach lehnen Asiatinnen Stillen in der Öffentlichkeit ab. Sie finden es sehr peinlich, stillen fast ausschließlich zu Hause und sprechen nicht mal darüber. In Europa sind es zum Beispiel die Französinnen, die Stillen in der Öffentlichkeit unangenehm finden. Ganz anders sieht es in Großbritannien aus, da gibt es eine sehr große Akzeptanz.

Im Vereinigten Königreich, den meisten Staaten in den USA sowie in Australien ist gesetzlich geregelt, dass Stillen in der Öffentlichkeit erlaubt ist. Braucht es solch ein Gesetz auch in Deutschland?

Sicherlich wäre ein Gesetz zum Schutz des Stillens in der Öffentlichkeit hilfreich. Dadurch könnte niemand mehr in Frage stellen, ob es erlaubt ist. Das könnte den Müttern einen Teil der Verunsicherung nehmen. Eine Stillkultur könnte sich etablieren, in der Stillen überall normal ist und sich die Mütter willkommen fühlen. Gleichzeitig darf ein Gesetz niemanden zum Stillen zwingen. Wenn Mütter unter Druck stehen und einem gesetzlich festgelegten Stillzwang ausgesetzt sind, führt das mit Sicherheit nicht zu einer entspannten und freudigen Stillbeziehung.

Sieben Wahrheiten übers Stillen

1. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, Kinder mindestens sechs Monate ausschließlich zu stillen; das heißt ohne den Zusatz von Wasser oder Tee, Säuglingsnahrung sowie Beikost.

2. Praktischer Still-Aspekt: Muttermilch ist kostenlos, jederzeit verfügbar und immer richtig temperiert.

3. Frühgeborene haben oft Schwierigkeiten, an der Brust zu saugen. Sie können trotzdem mit Muttermilch gefüttert werden, etwa über eine Sonde oder per Fläschchen.

4. Auch Mehrlinge können gestillt werden. Es gilt die Devise: Die Nachfrage regelt das Angebot. Wird mehr Milch gebraucht, produziert der Körper der Mutter auch mehr Milch.

5. Partner und sogar die Mütter der Stillenden haben einen Einfluss darauf, ob und wie lange eine Frau stillt. Die Familie ist deshalb Teil einer stillfreundlichen Umgebung.

6. Auch wenn es häufig behauptet wird: Vermutlich hat Stillen keinen Einfluss auf die Neigung zu Nahrungsmittelallergien. Das zeigen aktuelle Studienauswertungen und räumen mit einem langjährigen Mythos auf.

7. Rund ein Drittel der Mütter vermeidet es, in der Öffentlichkeit zu stillen, auch aus Angst vor negativen Reaktionen und Stigmatisierung. Fünf Prozent der Frauen stillen deshalb sogar früher ab. Das ergab die Studie Becoming Breastfeeding Friendly.

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