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News: Tod dem Tyrannen!

Demokratie ist mühsam und kostet Zeit. In Gruppen zusammenlebende Tiere sollten daher auf diesen Luxus verzichten und wichtige Entscheidungen erfahrenen Leittieren überlassen - sollte man meinen. Doch dem ist nicht so.
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"Die Demokratie ist die schlechteste Staatsform – außer allen anderen." Winston Churchill, dem dieses Zitat zugesprochen wird, spielte damit auf die mitunter recht mühsamen demokratischen Entscheidungsprozesse an. In der Tat erscheint es manchmal effektiver, wenn einer – zum vermeintlichen Wohle aller – bestimmt, wo es lang geht. Zumindest Tiere, die in sozialen Verbänden zusammenleben, sollten somit eigentlich keine Zeit für langwierige demokratische Verfahren haben, schließlich gilt doch in der Natur das Recht des Stärkeren, oder?

Nicht ganz. Demokratische Entscheidungsprozesse finden nicht nur beim Homo sapiens statt. Auch andere soziale Wesen verhalten sich durchaus demokratisch: So entscheidet bei einer Herde von Rothirschen die Mehrheit, wann die Tiere eine Rast beenden. Sobald sich 62 Prozent der erwachsenen Hirsche erhoben haben, zieht die Gruppe weiter.

Ein ähnliches Abstimmungsverhalten zeigen auch Gorillas: Hier verlässt die Gruppe ihren Rastplatz, wenn 65 Prozent der erwachsenen Tiere mit lauten Rufen dazu auffordern. Und auch bei tanzenden Bienen entscheidet die Mehrheit, wo der Stock sein Futter zu suchen hat. Demokratie ist also nicht unbedingt an höhere menschliche Intelligenz gebunden.

Doch welches Verhalten ist nun effektiver für das Überleben der Gruppe? Demokratie oder Diktatur? Larissa Conradt und Timothy Roper von der University of Sussex gingen die Frage mathematisch an. Sie betrachteten zwei Gruppen, eine "demokratische" und eine "despotische", und berechneten die Kosten, die den einzelnen Tieren des Verbandes entstehen, wenn sie ihre individuellen Bedürfnisse an die Aktivität der Gruppe anpassen müssen.

Dabei zeigte sich, dass die Mitglieder einer despotischen Gruppe meist einen höheren Preis zahlen müssen als ihre demokratisch gesinnten Gegenspieler, denn die Demokratie vermeidet extreme Entscheidungen, die sich für die Mehrheit als ungünstig erweisen könnten. Je homogener die Gemeinschaft zusammengesetzt ist, umso günstiger erweist sich das demokratische Modell. Doch selbst bei sehr heterogenen Gruppen sind demokratische Entscheidungsprozesse für die meisten günstiger – mit einer Ausnahme: Für das Leittier können sich demokratische Entscheidungen als nachteilig erweisen. Nur der Diktator profitiert von der Diktatur.

Der Vorteil für die Demokratie kann jedoch auch schwinden. Dies ist bei so genannten asymmetrischen Kosten der Fall, wenn beispielsweise der Beginn einer Aktion mehr Kosten verursacht als ihr Beenden. Hier können demokratische Mehrheitsentscheidungen kostspieligere Nachwirkungen als bei diktatorischen Prozessen nach sich ziehen. Doch mit einer leichten Korrektur lässt sich das Nachsehen der Demokratie auch hier beheben: Nicht die einfache, sondern eine Zweidrittelmehrheit entscheidet. Nicht umsonst legen auch Gesellschaftssysteme des Menschen Wert auf eine Sperrminorität, beispielsweise bei Verfassungsänderungen.

Wie sieht es nun aus, wenn die "Elite" über bessere Informationen verfügt, um Entscheidungen für die ganze Gruppe treffen zu können? Auch dieses häufig gegen demokratische Verfahren vorgebrachte Argument überprüften Conradt und Roper: Nur wenn der Verband sehr klein und der Informationsvorsprung des Leittieres ausgesprochen hoch ist, kann sich die Unterordnung für die Gruppe lohnen.

Im "wirklichen Leben" bestimmt in solchen Fällen häufig nicht ein einzelner Tyrann, sondern eine privilegierte Gruppe fällt für die gesamte Gemeinschaft die Entscheidung. Eine derartige "Oligarchie" herrscht beispielsweise bei den erwähnten Rothirschen und Gorillas, schließlich sind nur die ausgewachsenen Tiere "stimmberechtigt". Innerhalb dieser Elitegruppe fällt die Entscheidung wiederum demokratisch, und die Tiere sind durchaus bereit, ihre eigenen Wünsche dem unterzuordnen – ganz nach Churchill: "Demokratie ist die Notwendigkeit, sich gelegentlich den Ansichten anderer Leute zu beugen."

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