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Spätantike Seuche: Tötete die Justinianische Pest wirklich Millionen von Menschen?

Zwischen 541 und 750 hat die Pest angeblich ein Viertel der Mittelmeerbevölkerung dahingerafft. Forscher bezweifeln nun, dass die Seuche tatsächlich so stark gewütet hat.
Ein menschlicher Schädel als Sinnbild für den Tod - auch den durch die Pest.Laden...

Beginnend im Jahr 541 hatte sich die Pest von Ägypten aus über Syrien bis nach Konstantinopel und die gesamte Mittelmeerwelt ausgebreitet. Der Pandemie fielen Millionen von Menschen zum Opfer. Danach verschwand die Seuche nicht, sondern wütete in den 200 Jahren darauf immer wieder in der Mittelmeerregion und Europa – mit katastrophalen Folgen für die Landwirtschaft. Mehrere Pestwellen haben zu jener Zeit dem Römischen Reich den Todesstoß versetzt und die Welt Europas ins frühe Mittelalter überführt.

Das ist kurz gefasst der Stand der Forschung zur Justinianischen Pest, die nach dem damals regierenden byzantinischen Kaiser Justinian I. (482-565) benannt wurde. Eine Forschergruppe stellt diese Communis Opinio nun in Frage. Sie analysierte die Schriftquellen, die Bestattungssitten und die Münzprägung zu jener Zeit und prüfte archäogenetische Daten und Pollenanalysen. Das Fazit ihrer Studie, die in den »Proceedings of the National Academy« erschien: Für einen krassen Bevölkerungsrückgang in der Mittelmeerwelt oder Europa finden sich kaum Belege.

Dass Yersinia pestis, so der Name des Pesterregers, im 6. bis 8. Jahrhundert in Europa und den Anrainern des Mittelmeers umging, das bezweifeln Lee Mordechai von Hebrew University von Jerusalem und seine Kollegen nicht. Erst im Juni 2019 haben Wissenschaftler rund um den Paläogenetiker Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena den Pesterreger erneut in menschlichen Überresten nachgewiesen, die von 21 spätantiken Fundorten in Mittel- und Westeuropa stammten. Allerdings sind die Forscher um Historiker Mordechai überzeugt, dass das Ausmaß der Pestwelle bislang falsch beurteilt wurde. Schätzungen zufolge seien zwischen 20 bis 60 Prozent der damaligen Bevölkerung oder 15 bis 100 Millionen Menschen an der Pest gestorben.

Was gegen eine Pandemie spricht

Zunächst könne aus historischer Sicht die Pest nicht den Untergang des Römischen Reichs befördert haben, betonen die Forscher. Das Weströmische Reich war bei Ausbruch der Pest im 6. Jahrhundert bereits größtenteils zerfallen. Und Ostrom verlor beachtliche Gebiete erst knapp 100 Jahre nach dem Ausbruch – infolge der Islamischen Expansion.

Die bisherige Beurteilung der Justinianischen Pest beruht aber vor allem auf Beschreibungen in antiken Texten. Allerdings nur auf einigen wenigen, wie Mordechai und seinen Kollegen bemängeln. Ausführliche Schilderungen bei spätantiken Autoren wie Prokopios von Caesarea interpretierte man als beispielhaft und übertrug sie auch auf andere Regionen, die in den Textquellen gar nicht behandelt wurden. Überhaupt, so fordert die interdisziplinäre Forschergruppe, müssten die spätantiken Textstellen über Epidemien im Gesamtkontext des Werks gedeutet werden. Faktentreue hatte für viele antike Schreiber wenig Priorität. Zahlen- und Mengenangaben beispielsweise sind für die gesamte Antike skeptisch zu beurteilen. Ein Beispiel: Bei Prokopios heißt es, Kaiser Justinian sei die »Verkörperung eines Dämons« und für den Tod unzähliger Menschen verantwortlich – mehr als es Sandkörner auf der Welt gebe. Angaben dieser Art orientierten sich weniger an tatsächlichen Zahlen als an dem Ziel, den Kaiser in ein schlechtes Licht zu rücken.

Demgegenüber verzeichneten Mordechai und sein Team in den Texten oft Hinweise auf Naturkatastrophen wie Erdbeben, deutlich mehr als auf die Justinianische Pest. »Dabei geht man davon aus, dass seismische Ereignisse als viel gewöhnlicher wahrgenommen wurden und weniger tödlich waren als Ausbrüche der Justinianischen Pest – trotzdem haben die Autoren der Spätantike und danach den Erdbeben Aufmerksamkeit geschenkt«, schreiben die Forscher. Hätten 200 Jahre lang immer wieder Pestwellen die spätantike Welt erschüttert, hätte die Pest dann nicht häufiger erwähnt sein müssen? Das Gegenteil sei jedoch der Fall: »Prokopios, der Autor der einflussreichsten Textstelle zur Justinianischen Pest, behandelt sie in weniger als einem Prozent seines Werks«, so Mordechai und sein Team.

Papyri und Pollen liefern keine Hinweise auf die Pest

Die Forscher richteten ihren Blick auch auf Papyri aus Ägypten. In dem Land am Nil soll die Epidemie 541 als Erstes aufgetreten sein. In den erhaltenen Papyritexten, die sich sicher zwischen 520 und 570 datieren lassen, wird die Pest jedoch nicht erwähnt – Hinweise auf einen Bevölkerungsrückgang oder unbesiedelte Gebiete fehlen ebenfalls. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen die Forscher bei einer quantitativen Auswertung von Inschriften auf Stein und der Münzprägung in der Mittelmeerregion.

Lee Mordechai und seine Kollegen werteten außerdem naturwissenschaftliche Daten aus. Denn sollte die Justinianische Pest ganze Landstriche entvölkert haben, dann sollte es in solchen Regionen auch keine Bauern mehr gegeben haben, die Felder bestellten. Dies war im Spätmittelalter der Fall, als der Schwarze Tod zwischen 1346 und 1353 in Europa wütete. »Weniger Druck durch den Menschen führte zu einer Verwilderung der Landschaft«, so die Forscher – es gab weniger Kulturpflanzen, dafür mehr wilde Arten auf den einstigen Äckern. Die Forscher der Hebrew University prüften daher die Daten von Pollenanalysen, die für einige Regionen des Ostmittelmeerraums vorliegen und Schlüsse auf die Vegetation des 6. und 7. Jahrhunderts zulassen. »Falls es weniger Menschen gegeben haben soll, die Äcker bestellten, müsste sich das in den Pollendaten abzeichnen. Aber das hat es bisher nicht«, erklärt Koautor der Studie Adam Izdebski vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena.

Zu einem ähnlichen Schluss kamen die Forscher, nachdem sie spätantike Bestattungen untersucht hatten. Sie prüften vor allem die Zahl und den Umfang an Massengräbern, vorwiegend von solchen, in denen der Pesterreger Yersinia pestis genetisch nachgewiesen werden konnte. Auch, ob sich die Zahl der Massengräber im Verhältnis zu den Einzelbestattungen vom 4. bis 8. Jahrhundert verändert hatte. Dazu Koautorin Archäologin Janet Kay von der Princeton University: »Wir haben einen große Datensatz an menschlichen Bestattungen vor und nach dem Ausbruch der Pest untersucht, und die Pest hat keinen signifikanten Wandel herbeigeführt – also ob die Menschen ihre Toten allein oder mit vielen anderen bestattet hatten.« Im Unterschied zur Pestepidemie des Spätmittelalters – zu jener Zeit hatte man viele Pestopfer in Massengräbern beigesetzt.

Drastischer Bevölkerungsrückgang eher die Ausnahme

Paläogenetische Untersuchungen der vergangenen Jahre erbrachten den direkten Beleg, dass die Justinianische Pest im Mittelmeerraum und Europa bis nach Großbritannien verbreitet war. Bislang fand sich das Bakterium in den Überresten von 45 Menschen der Spätantike. Für Lee Mordechai und seine Kollegen ist damit zwar die weite Verbreitung der Pest belegt, nicht jedoch ihr vermutetes katastrophales Ausmaß. »Womöglich waren einige Regionen zu bestimmten Zeiten von einer höheren Sterblichkeit betroffen, etwa Konstantinopel während des ersten Ausbruchs – aber man kann nicht annehmen, dass dies auf alle Regionen zutraf«, lautet das Fazit der Forscher. Ein drastischer Bevölkerungsrückgang dürfte eher die Ausnahme gewesen sein.

Doch auch die Datenauswertung des Forscherteams deckt nicht den gesamten Bereich Mittelmeer und Europa ab. So liegen nicht für alle Gegenden Pollen- und Genanalysen vor. Eine absolute Gültigkeit für ihre Ergebnisse wollen die Wissenschaftler aber nicht erheben. Kein Datensatz sei perfekt, sagte Mordechai gegenüber dem US-Fernsehsender CNN. »Zukünftige Forscher finden vielleicht andere Datenquellen, die unseren Ergebnissen widersprechen«. Sie jedenfalls seien zu dem Schluss gekommen, dass die spätantike Seuche nicht zum Tod von Millionen Menschen geführt habe.

49/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 49/2019

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