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CRISPR-Zwillinge in China: Verwirrung um genetisch veränderte Babys

Ein chinesischer Forscher behauptet, mit CRISPR-Cas9 zwei Babys gegen HIV immun gemacht zu haben. Fachleute sind entsetzt und empört - doch stimmt die Meldung überhaupt?
Der Bauch einer Schwangeren neben einigen stilisierten Doppelhelices.

Auf einer Konferenz sind inzwischen weitere Details des Experiments vorgestellt worden. Informationen über den Ablauf der Versuche und eine mögliche zweite Schwangerschaft mit einem genetisch veränderten Baby finden Sie in diesem Artikel.

Lulu und Nana sollen sie heißen, die zwei inzwischen mehrere Wochen alten Säuglinge aus China mit dem veränderten Genom. Die Zwillinge seien gesund und bei ihren Eltern, berichtet der Genetiker He Jiankui in einem Video – vor allem aber sei ihr Erbgut erfolgreich umgebaut worden. Der Forscher hat demnach bisher insgesamt sieben Frauen mit HIV-infizierten Partnern Embryos eingepflanzt, bei denen der für eine HIV-Infektion notwendige Rezeptor CCR5 mit Hilfe des CRISPR-Cas9-Systems entfernt wurde. Eine der Probandinnen brachte jetzt Zwillinge zur Welt: Sollte das stimmen, wären Nana und Lulu zumindest weitgehend gegen HIV geschützt.

Ob das stimmt, ist aber nicht klar. Die meisten Fachleute sind bisher zurückhaltend bis skeptisch: Abgesehen von dem Video und zwei nachträglich eingereichten Einträgen in einer staatlichen Datenbank für klinische Studien gibt es noch keine Veröffentlichung. Anhand der wenigen verfügbaren Informationen schließt der Genetiker Gaetan Burgio von der Australia National University sogar, das Experiment sei missglückt, ohne unabhängig begutachtete Publikation ist jedoch kein endgültiges Urteil möglich. Die BBC schreibt jedenfalls, dass bisher keine an dem angeblichen Experiment beteiligte Institution den Bericht bestätige: Nicht einmal die Universität des Genetikers, die Southern University of Science and Technology of China in Shenzhen, wisse davon. Bislang kann man keinesfalls ausschließen, dass es sich um eine Luftnummer handelt.

Trotzdem gibt es bereits jetzt heftigen Protest in der Fachwelt. Sollte die Behauptung stimmen, hätten He Jiankui und sein Team nicht nur eine gentechnische Veränderung beim Menschen eingefügt, die an zukünftige Generationen weitergegeben wird – was weithin als unethisch abgelehnt wird und in vielen Ländern verboten ist. Zusätzlich ist die Technik nicht ausgereift; schwer wiegende Spätfolgen wie Krebs und andere genetische Störungen durch unerwünschte Veränderungen an anderen Stellen des Erbgutes sind möglich. Nicht zuletzt gibt es, anders als bei schweren Erbkrankheiten, keine echte medizinische Rechtfertigung für den gravierenden Eingriff: Die Embryos waren gesund, und eine HIV-Infektion ist medizinisch ohne Weiteres behandelbar.

Auch wenn der Bericht unwahr ist, sorgen sich Fachleute vor bleibendem Schaden: Die Behauptung sei anscheinend gezielt darauf ausgerichtet, maximalen Schock und Kontroverse hervorzurufen, kritisiert zum Beispiel die Molekularbiologin Sarah Chan von der University of Edinburgh in einem Blogbeitrag. Das sei unverantwortlich und unethisch, unabhängig davon, ob es stimmt oder nicht. Die Öffentlichkeit könne sich womöglich von Gentherapien an Menschen allgemein abwenden, wenn ihr Einsatz nicht sorgfältig mit allen Beteiligten diskutiert wird, befürchtet sie.

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