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Reizdarm: Wenn der Bauch ständig rumpelt und rumort

Das Reizdarmsyndrom lässt sich effektiv behandeln. Doch nicht jeder bekommt die passende Therapie. Denn häufig mangelt es am ersten, notwendigen Schritt: der Diagnose.
Ein gereizter Darm kann für Bauchschmerzen, Blähungen und Verstopfung sorgen.

Lange Busfahrten, Konzertbesuche, ein Arbeitsplatz mit Kundenkontakt – allein der Gedanke, nicht unmittelbar eine Toilette aufsuchen zu können, stresst Reizdarm-Betroffene. Jeder Fünfte bis Zehnte hier zu Lande ist von dieser Funktionsstörung des Verdauungstrakts betroffen, die sich unterschiedlich äußern kann: mit wiederkehrenden Bauchschmerzen, starken Blähungen, Durchfall, Verstopfung.

Wenn Patienten sich wegen der Beschwerden von einem Gastroenterologen untersuchen lassen, scheint organisch zuerst einmal alles in Ordnung. Würde man jedoch mit besonderen mikroskopischen Untersuchungen nachschauen, »fände man bei einigen Betroffenen vermehrt gewisse Entzündungszellen in der Darmschleimhaut«, erklärt Gabriele Moser, Fachärztin für Innere Medizin und Psychotherapeutin an der Medizinischen Universität Wien. »Bei anderen ist die Darmbarriere gestört«, sagt sie weiter. Die Patienten reagierten häufig hochsensibel auf Signale aus dem Verdauungstrakt. Schon wenn Stuhl oder Luft den Darm normal dehnen, spürten sie Unwohlsein oder gar Schmerzen.

Die Funktionsstörung beim Reizdarm könne verschiedene Ursachen haben. Vor allem sei sie eine Störung der Darm-Hirn-Achse, sagt Moser. Die beiden Organe sind eng miteinander verbunden. Allein 100 Millionen Nervenzellen durchziehen die Wände von Magen und Darm. 90 Prozent der Nerven reagieren auf mechanische Reize oder Veränderungen im chemischen Milieu. Sie melden etwa, ob der Bauch voll oder leer ist. Zehn Prozent senden Nachrichten vom Gehirn zum Darm und regen zum Beispiel die Produktion von Verdauungssäften an. Läuft etwas falsch in der Kommunikation zwischen Darm und Gehirn, kann das die Darmbewegungen beeinträchtigen, die Darmbarriere durchlässiger machen oder Immunzellen aktivieren.

»Je mehr der Patient weiß, desto besser«(Andreas Stengel, Arzt)

Wie das Reizdarmsyndrom entsteht, ist komplex. Es gibt viele Faktoren – biologische, psychologische, psychosoziale. Auch wenn die Betroffenen bisweilen verzweifelt sind, weil die Beschwerden ihren Alltag dominieren, befände man sich angesichts einer Vielzahl wirksamer Therapiemethoden nach der Diagnose »Reizdarm« in einer guten Ausgangslage, sagt Andreas Stengel, der als Oberarzt am Universitätsklinikum Tübingen arbeitet. Es gäbe nicht die eine Behandlung für alle; im Idealfall stimme die Ärztin die Therapie auf ihre Patienten ab.

Vielen hilft es, anders zu essen

Zunächst sollten die Betroffenen über die Zusammenhänge der Erkrankung und mögliche Ursachen wie Stress oder die Ernährung aufgeklärt werden. Dieser erste Therapiebaustein, die Psychoedukation, sei häufig schon sehr wirksam. Die Betroffenen erfahren, aus welchen Gründen es sie womöglich schmerzt. »Je mehr der Patient weiß, desto besser«, sagt Stengel. Ist man im Gespräch den persönlichen Einflussfaktoren womöglich auf die Schliche gekommen, regen die Therapeuten im nächsten Schritt eine Lebensstiländerung an: Stress verringern, regelmäßige Mahlzeiten und gewisse Diäten gehören dazu. Bei mehr als 60 Prozent der Betroffenen stehen die Beschwerden – zumindest subjektiv – in einem unmittelbaren Zusammenhang zur Nahrungsaufnahme. Bei etwas mehr als 25 Prozent davon treten die Beschwerden sogar schon innerhalb von 15 Minuten nach dem Essen auf, bei fast allen innerhalb von drei Stunden nach der Mahlzeit.

Das Tückische sei, dass Reizdarm-Patienten ihr Unwohlsein häufig auf das letzte Lebensmittel schieben, das sie zu sich genommen haben, bevor die Beschwerden einsetzten, sagt Walburga Dieterich, Biologin am Universitätsklinikum in Erlangen. Dabei haben die über den Tag konsumierten und sich addierenden FODMAPs durch diesen einen Apfel oder diesen Becher Milch eine Grenze erreicht, und die Symptome treten auf (siehe »Welche Ernährung den Darm weniger reizt«).

Welche Ernährung den Darm weniger reizt

Manche Menschen vertragen Nahrungsmittel, die reich an bestimmten Kohlenhydraten und Zuckeralkoholen sind, nicht so gut. Auf sie zu verzichten, kann Bauchschmerzen und Blähungen lindern. Ernährungsforscher sprechen dabei auch von einer FODMAP-armen Diät. Sie hilft nach jetziger Kenntnis besser als eine glutenfreie Diät, Probiotika und allgemeine Ernährungsempfehlungen.

FODMAPs ist kurz für fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und Polyole. Sie sind nicht per se schädlich, produzieren aber während der Verdauung im Darm vermehrt Gase. Der Dünndarm nimmt die Stoffe schlecht auf, die Bakterien im Dickdarm wiederum tun sich schwer damit, sie zu verwerten. Das kann den ohnehin gereizten Darm zusätzlich belasten.

Diese Stoffe finden sich in fast allen Nahrungsmitteln. Das Gute: Sie kommen in unterschiedlichen Mengen vor. Wer weiß, was wo drinsteckt, und gezielt darauf verzichtet, kann sich also Schmerzen ersparen.

Zu den Lebensmitteln, die problematisch sind, weil sie in großen Mengen gegessen werden oder einen hohen Gehalt an FODMAPs haben, zählen etwa: Weizen, Roggen, Zwiebeln, Lauch, Blumenkohl, Pilze, Äpfel, Birnen, Dörrobst, Steinfrüchte, Wassermelone, Milch, Joghurt und Hülsenfrüchte.

Weil eine FODMAP-Diät einigen Patientinnen und Patienten nachweislich hilft, empfehlen sie nun auch die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten und die Deutsche Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM). Laut ihrer aktuellen medizinischen Leitlinie (PDF) sollte man die Ernährung in drei Phasen anpassen, wenn Schmerzen, Blähungen und Durchfall die dominierenden Beschwerden sind: erstens weglassen, zweitens herausfinden, welche Menge gerade noch geht, und drittens daraus einen individuellen Ernährungsstil ableiten.

Dieterich untersucht derzeit in einer Studie, wer von den Reizdarmpatienten auf eine glutenfreie beziehungsweise FODMAP-Diät anspricht. Dazu lassen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sechs Wochen lang glutenhaltige Nahrungsmittel weg. »Wir schauen, wie es den Patienten mit dieser Diät geht, und messen gleichzeitig im Blut, ob sich Hinweise für entzündliche Prozesse finden beziehungsweise ob diese abnehmen«, erklärt Dieterich. Schon jetzt sei deutlich: Bei rund einem Drittel nehmen die Beschwerden mit der glutenfreien Diät ab. Diese Menschen haben eine Glutensensitivität, wovon in der Durchschnittsbevölkerung ein bis fünf Prozent betroffen sind. Bei der Zöliakie, einer Autoimmunkrankheit des Darms, die Verdauungsbeschwerden und Ernährungsdefizite verursacht, schädigt das Gluten die Darmschleimhaut direkt. Das passiert bei einer Glutensensitivität nicht. Diese sei daher von weniger eindeutigen Symptomen wie Blähungen oder Gelenkschmerzen begleitet, erklärt Dieterich.

Bisher gibt es keinen Labortest, der eine Glutensensitivität oder FODMAP-Empfindlichkeit feststellt. Das gelingt nur über veränderte Essgewohnheiten. Bringt es nichts, das Gluten wegzulassen, sollten die Betroffenen im nächsten Schritt FODMAP-reiche Lebensmittel vermeiden. Bessern sich die Beschwerden, können dann in der nächsten Phase FODMAP-Lebensmittel nach und nach wieder eingeführt und so die tolerierbaren Mengen bestimmt werden. Wichtig ist es, die FODMAP- oder Gluten-Diät erst auszuprobieren, wenn eine Zöliakie definitiv ausgeschlossen wurde und ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert ist; und sie nur dann zu praktizieren, wenn sich die Beschwerden tatsächlich bessern. In jedem Fall sollte man sich von einem Ernährungsexperten begleiten lassen. Sonst droht ein Mangel an Mikronährstoffen und eine für die Gesundheit ungünstige Veränderung des Mikrobioms im Darm.

Probiotika, Antidepressiva und pflanzliche Präparate empfohlen

Medikamente allgemein können die Ursache des Reizdarmsyndroms nicht beseitigen, aber die Symptome lindern. »Je nachdem, unter welchem Hauptsymptom die Erkrankten leiden, kommen Arzneistoffe gegen den Durchfall, die Verstopfung oder den Schmerz zum Einsatz«, sagt der Arzt Andreas Stengel. Hin und wieder verschreibe er niedrig dosierte Antidepressiva. Nicht wegen einer Depression, »sondern weil sie eine gute Wirkung auf die Nerven des Bauchraums haben«, erklärt Stengel.

Diagnose: »Reizdarmsyndrom«

Die Diagnose erfolgt nach dem Ausschlussprinzip: Schmerzen, Durchfall, Verstopfung, Blähungen sind nicht nur Symptome für das Reizdarmsyndrom, sondern auch für andere Erkrankungen; Darmkrebs, Eierstockkrebs, chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Zöliakie beispielsweise. Mit diversen Tests prüfen der Arzt oder die Ärztin, ob der Patient eine dieser Krankheiten hat. Wenn nicht, handelt es sich sehr wahrscheinlich um das Reizdarmsyndrom.

Auch mit einigen pflanzlichen Präparaten lassen sich die Symptome wirksam abschwächen. Vor allem Pfefferminzöl in Form von magensaftresistenten Kapseln hat sich bei Schmerz und Blähungen bewährt. Entspannungsverfahren oder Yoga in Kombination mit anderen Maßnahmen können die Beschwerden ebenso deutlich verringern.

Zudem können Präparate mit lebenden Bakterien gegen die Beschwerden helfen. Solche Probiotika wirken Studien zufolge vor allem bei einer Kombination aus Schmerz und Verstopfung – allerdings nicht bei jedem gleich gut.

»Wer zu mir kommt, hat schon vieles durchprobiert, Entspannungstechniken, FODMAP-Diät, Medikamente oder Probiotika«(Gabriele Moser, Ärztin)

Bei Betroffenen mit schweren Verlaufsformen sind die genannten Therapien möglicherweise nicht ausreichend. Wer zusätzlich eine psychische Begleiterkrankung hat, sollte laut Andreas Stengel eine Psychotherapie in Betracht ziehen. Die Wirksamkeit einer Verhaltenstherapie oder eines tiefenpsychologischen Ansatzes sei in Studien klar erwiesen.

»Wer zu mir kommt, hat schon vieles durchprobiert, Entspannungstechniken, FODMAP-Diät, Medikamente oder Probiotika«, sagt Gabriele Moser. Während die Mittel Symptome lindern könnten, gelänge es mit Hilfe der Psychotherapie, die zu Grunde liegende Störung der Bauch-Hirn-Achse zu behandeln. 42 kontrollierte Studien belegten die Wirksamkeit der Psychotherapie, sagt Moser. Einige darunter bescheinigten auch der Hypnose einen großen Nutzen.

Die Hypnose ist eine uralte Methode, mit der es gelingen kann, die Sinneswahrnehmung zu verändern. Meldungen aus dem Bauch wie »Hier ist etwas zu voll, es drückt« empfinden manche dann womöglich erst ab einem höheren Schwellenwert als schmerzhaft. In rund zehn wöchentlichen Sitzungen gelingt es, die Beschwerden langfristig zu mildern. Die Betroffenen lernen in Alltagssituationen, im Bus oder in der Vorlesung, die Unruhe im Darm zu kontrollieren. Etwa indem sie eine Hand auf den Bauch legen.

Wichtig zu wissen: Die Beschwerden verschwinden trotz der Behandlungen nicht bei allen Patienten und Patientinnen vollständig. »Doch dank der Therapie wird die Erkrankung nicht mehr so dominierend sein, man weiß besser damit umzugehen, hat seine Strategien«, sagt Stengel.

Ohne Diagnose keine wirksame Therapie

Entscheidend ist zuallererst die rechtzeitige Diagnose. Die funktioniert nach dem Ausschlussprinzip (siehe »Diagnose: Reizdarmsyndrom«). Findet der Facharzt etwa nach einer Darmspiegelung keine Auffälligkeiten, sollte er auch an die Möglichkeit eines Reizdarmsyndroms denken. Die Aussage »Es ist alles in Ordnung« möge zwar im ersten Moment beruhigen. »Wenn die Durchfälle aber weiterhin zu schaffen machen, wird der Betroffene weiter nach Möglichkeiten suchen, eine Diagnose zu bekommen – dies kann zu unnötigen oder gar schädigenden Folgeuntersuchungen führen«, sagt Stengel.

Zu oft bekommen Patientinnen und Patienten deshalb nicht die Therapie, die sie brauchen. Dabei sei die Prognose umso besser, je früher die Therapie beginne, sagt Stengel. Die wiederum könne nur gezielt erfolgen, wenn es eine Diagnose gebe. »Das Wichtigste ist die Diagnose«, sagt auch Gabriele Moser. Über die Hälfte der Betroffenen hätten keine erhalten, wenn sie wegen ihrer Beschwerden, mit denen sie sich schon lange plagten, in eine Klinik kommen. Je länger ein Mensch mit den Reizdarmsymptomen lebt, desto schwieriger ist es, sie wieder loszuwerden. Und umso wahrscheinlicher wird es, dass sich eine zweite Erkrankung hinzugeselle, eine psychische Erkrankung etwa, eine Depression oder Angststörung.

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