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News: Weniger ist mehr

Wer nicht gefressen werden will, tut gut daran, einen weniger schmackhaften oder wehrhaften Zeitgenossen zu imitieren. Diese Mimikry sollte um so besser funktionieren, je größer die Ähnlichkeit zwischen Vorbild und Nachahmer ist. Doch mitunter kann eine zu große Ähnlichkeit auch schaden.
"Komm mir nicht zu nahe!" So lässt sich das schwarz-gelbe Kleid einer Wespe übersetzen. Denn schließlich weiß sich das Insekt zu wehren, sodass man besser die Finger von ihm lassen sollte. Und auch so mancher Schmetterling teilt in kräftigen Warnfarben seiner Umwelt mit, dass er einfach abscheulich schmeckt. Ein Vogel, der dennoch zulangt, wird sich die bittere Erfahrung merken und den bunten Falter in Zukunft meiden.

Diese erfolgreiche Warntracht verleitet zum Betrug. So ahmen harmlose Schwebfliegen das schwarz-gelbe Muster der Wespen nach, und auch so mancher, durchaus schmackhafter Schmetterling schützt sich vor zudringlichen Vögeln, indem er die Warntracht einer ungenießbaren Art imitiert. Diese Mimikry, die der englische Naturforscher Henry Walter Bates 1862 entdeckte, erwies sich als wichtige Stütze für die Evolutionstheorie von Charles Darwin und ist inzwischen durch zahlreiche Beispiele aus der Natur belegt.

Dabei sollte die Täuschung für den Nachahmer umso erfolgreicher verlaufen, je ähnlicher er dem ungenießbaren oder wehrhaften Modell sieht. Und tatsächlich zeigen einige Schmetterlingsarten eine verblüffende Ähnlichkeit zu ihren Vorbildern, die auch schon manchen Zoologen narrte. Doch bei anderen Arten verläuft die Täuschung dagegen eher plump: So erinnern einige Schwebfliegenarten nur entfernt an Wespen. Warum dieser unvollständige Betrug?

Diese Frage stellte sich auch Rufus Johnstone von der University of Cambridge. Er ging das Problem theoretisch an und entwarf ein mathematisches Modell, das die Evolution der unvollständigen Mimikry beschreibt. Dabei ging er davon aus, dass das Erscheinungsbild sowohl vom Vorbild als auch vom Nachahmer normalverteilt ist. Mit anderen Worten: Die Populationen zeigen typische Glockenkurven, die sich teilweise überschneiden; und je größer die Überschneidung der beiden Kurven ist, desto vollständiger verläuft die Mimikry.

Im nächsten Schritt betrachtete Johnstone das Verhalten des Räubers: Sobald dieser gelernt hat, dass vermeintliche Beutetiere mit einem bestimmten Aussehen ungenießbar sind, wird er alle Exemplare mit diesem Äußeren meiden. Auf andere, die sich von den ungenießbaren Tieren unterscheiden, wird er sich jedoch nach wie vor stürzen. Mit anderen Worten: Überschreitet das Äußere der potenziellen Beute eine Schwelle, dann wird der Räuber verzichten.

Dadurch geht der Räuber das Risiko zweier Fehler ein: Liegt die Schwelle zu tief, dann langt er zu oft beim Original zu und wird häufig die unangenehme Erfahrung eines wenig schmackhaften Mahles machen. Bei zu hoher Schwelle wird der Räuber dagegen häufiger durch die Mimikry getäuscht, sodass ihm so mancher Leckerbissen entgeht.

Doch wer legt die Schwelle fest? Natürlich die Erfahrung des Räubers: Gibt es viele ungenießbare potenzielle Beutetiere, dann wird der Räuber die Schwelle besonders hoch ansetzen. Für die selteneren Nachahmer lohnt es sich dann, den ungenießbaren Zeitgenossen möglichst stark zu ähneln.

Anders sieht es aus, wenn das Original eher selten vorkommt oder nur mäßig schlecht schmeckt. Dann wird der Räuber seine Angriffsschwelle herabsetzen, um die häufigeren oder wesentlich besser schmeckenden Nachahmer zu erwischen.

Damit haben häufig vorkommende Nachahmer ein Problem: Je mehr sie ihrem Vorbild ähneln, desto tiefer liegt die Angriffsschwelle des Räubers. Denn schließlich wird sich der Räuber das auffällige Äußere der leckeren und häufig vorkommenden Beute gut einprägen. Daher wäre es für die Beute günstiger, mit der Mimikry nicht zu stark zu übertreiben. Es wird sich somit ein Gleichgewicht einstellen zwischen Ähnlichkeit der beiden Beutearten und der Angriffsschwelle des Räubers. Und die Lage dieses Gleichgewichtes hängt von der Häufigkeit der beiden Arten ab.

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