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Konferenz der Schwänzeltänzer

Bienen können weit mehr, als unsere Frühstücksbrötchen mit Honig zu versüßen. Rund 80 Prozent aller Pflanzen sind auf die Bestäubung durch sie angewiesen – ohne diese Insekten gäbe es kaum Äpfel, Gurken, Kaffee und anderes. Honigbienen zählen, soweit sich das überhaupt beziffern lässt, mit einer jährlichen Wirtschaftsleistung von 153 Milliarden Euro zu den wichtigsten Nutztieren.

Die kleinen Flugtiere bilden Staaten mit tausenden Individuen, wehren koordiniert Feinde ab und verständigen sich untereinander bei der Futtersuche. Wie ihnen das gelingt, erforscht der Verhaltensbiologe Thomas D. Seeley seit Jahrzehnten. Seeley lehrt an der Cornell University und gilt als einer der weltweit führenden Bienenexperten.

In seinem neuen Buch räumt Seeley mit dem verbreiteten Irrtum auf, jedes Bienenvolk werde von einer quasi diktatorischen Königin beherrscht. Zwar spielt die Königin als normalerweise einzige Eierproduzentin eine zentrale Rolle, aber das Kollektiv betreffende "Entscheidungen" trifft das Bienenvolk in "demokratischer Abstimmung".

Zwischen Mai und Juli beginnen die Arbeiterinnen, eine neue Königin heranzuziehen, um ein neues Volk zu gründen. Während die frisch gebackene Matriarchin mit rund einem Drittel des Bienenvolks am alten Nistplatz bleibt, schwärmen die anderen zwei Drittel mit der alten Königin aus und suchen sich ein neues Zuhause. Zunächst entfernt sich der Schwarm zirka 30 Meter weit vom alten Wohnort und bildet an einem Ast eine kompakte Traube. Anschließend fliegen von dem etwa zehntausend Tiere starken Schwarm einige hundert Kundschafterinnen aus, die ein Areal von 70 Quadratkilometern nach geeigneten Nistplätzen absuchen. Dabei bevorzugen sie Hohlräume bestimmter Größe und mit bestimmten Eingängen, die vor Regen geschützt sind und sich über dem Erdboden befinden – meist alte Baumhöhlen.

Der Träger des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin, Karl von Frisch (1886-1982), und sein Schüler Martin Lindauer (1918-2008) haben bereits in den 1950er Jahren die Frage geklärt, wie die ausfliegenden Bienen die gesammelten Informationen an ihr Volk weitergeben. Mit dem "Schwänzeltanz" teilen die Tiere den genauen Standort des neuen Nistplatzes anhand des Sonnenstands mit und geben einiges über dessen Qualität und exakte Entfernung an. Seeley beantwortet in seinem Buch die sich daran anknüpfende Frage: Wie entscheidet das Bienenvolk, zu welchem Platz es sich begibt, wenn die Kundschafterinnen mehrere anpreisen? Jedenfalls probiert der Schwarm sie nicht nacheinander aus und lässt sich auch nicht zufällig am erstbesten nieder.

Zuerst, so Seeley, legen die Kundschafterinnen alle Informationen über potenziell geeignete Orte "auf den Tisch", im Durchschnitt sind es 24. Anschließend rekrutieren sie weitere Artgenossen, die dann ihrerseits ausfliegen, um sich von der Qualität des Nistplatzes zu überzeugen. Führt die Begutachtung zu einem positiven Ergebnis, werben auch die "Prüfer" für das mögliche neue Domizil: Je besser es ist, desto lebhafter und länger fällt der Schwänzeltanz der Tiere aus. Es kommt zu einer Art Abstimmung zwischen den Kundschafterinnen, bei der es darum geht, möglichst viele Schwarmteilnehmer für sich zu gewinnen. Manchmal "diskutiert" ein Bienenvolk dabei tagelang. "Die 1,5 Kilo Bienen in einem Schwarm", schreibt Seeley, "[erlangen] ihre kollektive Klugheit auf ähnliche Weise wie die 1,5 Kilo Neuronen in unserem Gehirn: Sie organisieren sich so, dass die Gruppe insgesamt erstklassige kollektive Entscheidungen trifft, obwohl jedes Individuum nur über begrenzte Informationen und geringe Intelligenz verfügt." Jene Gruppe, die am lebhaftesten tanzt, erhält am Ende den meisten Zuspruch, während die anderen irgendwann schlicht aufhören.

In den ersten neun Kapiteln meistert Seeley durchweg den schwierigen Spagat zwischen wissenschaftlichem Tiefgang und Lesefreundlichkeit. Das zehnte und letzte Kapitel wirkt jedoch etwas an den Haaren herbeigezogen. Hier versucht der Autor, die Erkenntnisse zur "Bienendemokratie" auf menschliche Gemeinschaften zu übertragen. Der Autor empfiehlt, Gruppen so zusammenzustellen, dass sie – wie in einem Bienenschwarm – aus Individuen mit gemeinsamen Interessen bestehen. Ein äußerst gewagter Vergleich zwischen den staatenbildenden Kerbtieren und uns.

Abgesehen davon legt Seeley ein sehr anregendes Buch mit wenig Fachjargon vor. Seine spannenden Exkurse in die Forschung unterfüttert er mit zahlreichen Abbildungen und interessanten Statistiken. Ein empfehlenswertes Buch, nicht nur für Bienenbegeisterte.

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