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Die vielen Gesichter des Todes

Mit dem Tod befassen sich die meisten nicht gern. Dieses Buch möchte zu einem offeneren Umgang mit dem Thema anregen.

Der Tod ist »für uns ein unwillkommener und teuflischer Widersacher, den man, so lange es geht, meidet «, schreibt Sue Black gleich in ihrer Einleitung. Warum also sollte man ein ganzes Buch über ein Thema lesen, dem man doch eigentlich aus dem Weg gehen möchte? Neugierig wird man aber bereits bei dem Untertitel: Mein Leben mit dem Tod. Vielleicht erfährt man doch etwas Neues über das große Unbekannte, mit dem wir alle früher oder später zu tun bekommen?

Black gehört zu den weltweit renommiertesten forensischen Anthropologinnen. Ihre Leidenschaft für Anatomie entdeckte sie – es klingt makaber – bereits als Schülerin, als sie sich in den Ferien im Schlachthaus ihr Taschengeld verdiente. Heute ist sie Professorin an der schottischen University of Dundee und half bereits bei der Aufklärung zahlreicher spektakulärer Straftaten, darunter der Zerschlagung von Schottlands größtem Pädophilenring. Als Beraterin für die Vereinten Nationen identifizierte sie Opfer von Kriegsverbrechen und Naturkatastrophen.

Den Tod schon oft gesehen

Die Autorin hat den Tod somit schon aus zahlreichen Perspektiven gesehen. Aus diesem reichen Erfahrungsschatz erzählt sie in diesem Buch, mit dem sie sich erstmals an ein Laienpublikum wendet. Sie möchte einen offeneren Umgang mit dem Thema anregen, und dafür teilt sie mit den Lesern auch ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen.

So widmet sich Black in zwei Kapiteln ausschließlich dem Thema Tod in der Familie. Unter anderem schildert sie, wie ihr Onkel Willie mit dem Gesicht in den Suppenteller fiel, als er starb. »So als habe er sich entschlossen, seinen Sinn für Humor bis zum Ende zu behalten.« Liebevoll hält sie Rückschau auf das Leben ihres Onkels und seine Persönlichkeit. Daher sind trotz solcher Details ihre Erzählungen nie lächerlich, ebenso wenig schwermütig. Auch nicht, wenn sie erzählt, wie sie ihre Eltern auf dem letzten Weg begleitete und was sie dabei heute anders machen würde.

Neben diesen sehr privaten Geschichten wendet sie den Blick auf Menschen, die Angehörige beispielsweise durch Naturkatastrophen oder Kriegsverbrechen verloren haben. Die Opfer bleiben oft vermisst. Das Thema der menschlichen Identität zieht sich dabei als roter Faden durch die Erzählungen. Denn mit ihrer Arbeit möchte die Autorin vor allem den Verstorbenen ihre Geschichte wiedergeben, ihnen gegebenenfalls zu Gerechtigkeit verhelfen und den Hinterbliebenen einen würdevollen Abschied ermöglichen.

Das Buch ist nichts für zart Besaitete. Das gilt vor allem für die Beschreibungen der grausamen Kriegsverbrechen im Kosovo, deren Opfer die Autorin untersucht hat. Sie widmet sich ausgiebig deren Schicksalen und reflektiert gleichzeitig ihre eigene Haltung; zudem schildert sie, wie sie mit solch traumatisierenden Erfahrungen zurechtkommt.

Black schafft es gekonnt, ihre persönlichen Erfahrungsberichte mit Beschreibungen der forensischen und kriminalistischen Arbeitsweisen zu verweben. Die wissenschaftlichen Methoden erklärt sie so leichtfüßig, dass man ihr gut folgen kann. Man erfährt etwas über die biologischen Prozesse des körperlichen Verfalls ebenso wie über die anatomischen und biochemischen Besonderheiten, die jeden von uns unverwechselbar machen. Die Autorin legt dar, auf welche Weise Isotope verraten, wann ein Mensch wo gelebt hat – und was seine DNA über seine Familiengeschichte verrät. Black weiß selbst komplexe forensische Untersuchungen verständlich darzustellen. Da verwundert es kaum, dass bereits zahlreiche Krimiautoren ihren Rat gesucht haben, um ihre jeweiligen Romanhelden nicht als Dilettanten dastehen zu lassen.

Wer tiefschürfende Fachinformationen über forensische und kriminalistische Methodik sucht, ist mit dem Buch zwar schlecht beraten. Denn die Stärke des Werks liegt klar in seinem erzählerischen Konzept. Dafür aber gibt die Lektüre zahlreiche Perspektiven, anschauliche Erklärungen und viele Denkanstöße, sich mit dem unausweichlichen Thema auseinanderzusetzen. Die Autorin zeichnet ein authentisches Bild ihrer Arbeit und befasst sich dabei vor allem mit den Menschen. Gleich zu Beginn schreibt sie: »Die Anatomie lehrt einen viele Dinge über die Funktionen des Körpers hinaus. Man lernt über das Leben und den Tod, Menschlichkeit und Nächstenliebe, Respekt und Würde.« Genau das vermittelt sie mit ihrem Buch.

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