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Der Hexerei angeklagt

Der Astronom Johannes Kepler bewahrte seine Mutter vor Folter und Scheiterhaufen. Dieses Buch beleuchtet seine Zeit.

Es waren stürmische Zeiten, in denen Johannes Kepler (1571-1630) auf der Höhe seines Schaffens angelangt war. Als er an seinem wichtigsten naturwissenschaftlichen Werk arbeitete, der »Weltharmonik«, ging es für seine Mutter um Leben und Tod. Katharina Kepler wurde 1615 der Hexerei angeklagt, und ihr Sohn eilte ihr zur Hilfe, um sie im anstehenden Prozess zu verteidigen.

Jene tragischen Ereignisse bilden die Rahmenhandlung dieses Buchs. Die Historikerin Ulinka Rublack, die an der University of Cambridge arbeitet, legt darin weit mehr vor als die Abhandlung eines jener zahllosen Hexenprozesse, die damals ganz Europa erfassten und zwischen 40 000 und 50 000 Frauen und Männer das Leben kostete. Allein die Tatsache, dass ein hochangesehener Mathematiker und Astronom seine Mutter vor Folter und Verbrennung beschützen musste, bietet schon mehr als genug Stoff für das äußerst beeindruckende Sachbuch. Darüber hinaus erfahren die Leser viel über den tief verwurzelten christlichen Glauben von Keplers Zeitgenossen, ihre ständige Angst vor dem Teufel und den Hexen und okkulten Einflüssen, die angeblich von ihm ausgingen. Diese hoch explosive Mischung aus religiösen Überzeugungen und Aberglauben bindet Rublack packend in die Handlung ein. Fast liest sich ihr Werk wie ein Krimi.

Komplizierte juristische Angelegenheit

Viele Jahre lang sah sich Keplers Mutter Katharina den Verleumdungen ihrer Nachbarn ausgesetzt, bis sie schließlich 1615 der Hexerei angeklagt wurde. Der Prozess und seine Vorgeschichte sind sehr gut dokumentiert. Daraus geht deutlich hervor, dass ein Hexenprozess durchaus eine komplizierte juristische Angelegenheit war, lange dauern konnte und nicht zwangsläufig mit der Todesstrafe enden musste. Die genaue Überlieferung der Ereignisse ist zu einem großen Teil den persönlichen Aufzeichnungen von Johannes Kepler zu verdanken, der seine Mutter geradezu brillant im Hauptprozess 1620 verteidigte. Er unterbrach seine Arbeit als Naturforscher und reiste 1617 von Linz nach Württemberg, um seiner Mutter beizustehen.

Rublack versteht es hervorragend, die historischen Ereignisse einzubetten in zahlreiche Informationen darüber, wie damals die Menschen dachten und nach welchen Kriterien sie handelten. Tief verwurzelt war der Glaube daran, dass der Teufel vor allem schwache Frauen zu »seinen Hexen« machte. Katharinas Nachbarn schworen auf die Bibel, dass die alte gebrechliche Dame durch verschlossene Türen gegangen sei oder ihnen mit Kräutertränken geschadet habe.

Selbst Kepler, der tief im christlichen Glauben wurzelte, war fasziniert vom Okkultismus, glaubte allerdings wohl nicht an Hexerei. Er erstellte zahllose Horoskope für hochrangige Würdenträger; die Astrologie galt damals noch als seriöse Wissenschaft. Demgegenüber stehen seine akribischen Berechnungen zu den planetaren Umlaufbahnen um die Sonne und weitere bahnbrechenden Erkenntnisse zur Natur unseres Universums. Der Astronom gehörte zu den ersten Naturforschern, die dem noch jungen und heftig umstrittenen heliozentrischen Weltbild des Nikolaus Kopernikus (1473-1543) anhingen. Keplers Denkweise spiegelt sehr gut die damalige Gesellschaft wider, die stark zwischen Aberglaube und den rasant wachsenden wissenschaftlichen Erkenntnissen schwankte und sich gerade eben erst aufgemacht hatte, in die vernunftgeleitete Moderne zu reisen.

Kepler gelang es, seine Mutter vor Folter und Scheiterhaufen zu bewahren. Das war ein juristisches Meisterstück, denn die »Indizienlage« gegen seine Mutter war erdrückend. Doch der Astronom verstand es hervorragend, sich in die Ankläger hineinzuversetzen und ihre Anschuldigungen präzise zu entkräften. Auf seine Verteidigungsstrategien geht Rublack in ihrem sehr empfehlenswerten Buch ein.

Die Autorin versteht es, den Lesern ein Gefühl für die Denkweisen und sozialen Umstände im Mitteleuropa des 17. Jahrhunderts zu vermitteln. Sie zeigt, wie in dem damaligen Spannungsverhältnis zwischen neuen Erkenntnissen und tief verwurzeltem Aberglaube allmählich die empirische Wissenschaft entstand.

48/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 48/2018

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