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Buchkritik zu »Fälscher, Schwindler, Scharlatane«

Ein unendliches Thema, das von Zeit zu Zeit thematisiert wird und in den Medien aufschäumt oder bei Nachsitzungen in kleinerer Runde genüsslich wiedergekäut wird: Erinnern Sie sich? Was ist aus dem geworden? Gottseidank, wir sind nicht so.

In den letzten Jahren, seit der Druck auf die „Relevanz“ der Forschung und die damit einhergehende Spendierfreudigkeit von staatlichen oder stattlichen Sponsoren immer spürbarer wird, sind mehrfach Forscher ihm erlegen, Fälscher, Betrüger oder Scharlatane in der Forschung und Wissenschaft aufgetreten, die peinliche Konsequenzen von bemühten Kommissionen, detektivische Nachforschungen, Ehrengerichten, juridischen Grauzonen und „Skandal!“ nach sich gezogen haben – in Deutschland, wie auch anderswo. Der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Erwartungen, ökonomischen Belohnungen und angebotenen Ergebnissen ist prekär, um das mindeste zu sagen. Manche erliegen dem „Spannungsfeld“, durchaus eher in der Wirtschaft und Politik als in der Forschung – hier ist der Gewinn zu gering und die Möglichkeit des Ertapptwerdens zu groß, denn Wissenschaft beruht definitionsgemäß auf ihrer Reproduzierbarkeit. Und Unreproduzierbares hält sich nicht lange, wenn er nur irgendwie aktuell ist und Konkurrenz anzieht. Außerdem verfügen Forscher – mit sehr wenigen Ausnahmen öffentlich interessanter Angeschuldigter – nicht über die teuren Rechtsanwälte, die sie herauspauken oder einen Papierschleier um sie herumbauen, bis sich der Eklat gelegt hat und die Öffentliche Meinung zu anderer Tagesordnung übergeht. Solche Dinge bleiben aber natürlich nicht unter dem Schleier des Vergessens, sondern in den wissenschaftlichen Journalen, aus denen sie sammelnde und geschickte, heute mit dem Internet verwobene Wissenschaftsjournalisten unter bestimmenden Findeworten wieder ans Licht und zwischen Pappendeckel ziehen können. Das Interesse ist ihnen gewiss, denn wer freut sich nicht an den mehr oder weniger raffiniert gegrabenen Gruben, in die man selbst nicht, sondern andere, möglichst Berühmtere, hineingefallen sind? Das ist beruhigend, wie eine Kriminalgeschichte.

Der Kaiserslauterner Humanbiologe Heinrich Zankl hat zugleich einen preisgekrönten Journalisten-PC und mit ihm in diesem gut ausgestatteten Buch eine Reihe bekannter und noch viel mehr unbekannter, bewusster und unbewusster Wissenschaftstrügereien dargestellt, aus den exakten und weniger exakten Wissenschaften. Auch die exakten schützen nämlich, gerade durch ihre Berechenbarkeit, nicht vor fudge-Faktoren oder auslesender Einäugigkeit, wie viel weniger die menschennäheren der Petrefaktensammler, Krötenküsser, Zwillingsforscher oder Tabubrecher? Diese notorischen Dinge findet man hier natürlich wieder, dazu aber jeweils nahe einem Dutzend anderer, weniger alter und abgehandelter, in jedem der Kapitel: Physik, Biologie, Medizin, Psychologie und Anthropologie (die dem Autor ja besonders nahe steht). Das ganze liest sich gut und ist natürlich kompetent auch mit Literatur- und www-Zitaten belegt. Aber man hätte sich etwas mehr Schwerelosigkeit gewünscht, denn oft sind die Betrügereien oder ihre Aufdeckung durch Zauberkünstler oder ihr weniger liebenswertes Gegenstück beim CIA auch von der humorigen Seite zu sehen, und wirklich zu Dauerschaden gekommen ist, abgesehen von den Sündern, kaum einer – selbst nicht das Renommee der Wissenschaft. Sie ist, trotz allem medienträchtigen Bibelbelt, gezielten Unkenrufen und anderen Scharlatanerien zu fest in unser Lebenssystem integriert, als dass ihr solche Dinge viel schaden könnten. Schlimmer ist es, wenn die Politik aus kurzen Gründen, die sie auch aus den (aufgedeckten und vermuteten) Betrugsfällen zieht, an den Geldern manipuliert und damit den Grund trocken legt, auf dem Kraut, aber kein Unkraut gedeiht. Auf beiden Seiten: Wehret den Anfängen und bleibt wachsam bei zu schönen Ergebnissen!

Ein Buch zur belehrenden und nachdenklich stimmenden Freizeitlektüre, auch als passendes Geschenk hübsch anzusehen. Aber eigentlich waren die Hochstapler des Rokoko sympathischer, oder sind zum mindesten poetischer dargestellt worden, wenn sie es nicht selbst besorgt haben.

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  • Quellen
BIOspektrum 2/2004

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