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Was tun bei außerirdischem Besuch?

Aus soziologisch-politischer Warte hinterfragt dieses Werk, was zu tun wäre, sollten Extraterrestrische auftauchen.

»Je näher das Objekt der Erde kommt, desto deutlicher wird, dass es künstlich sein muss. [...] Zwischen ihm und dem [...] jeder menschlichen Kontrolle entzogenen Radioteleskop nahe Tokio kommt es zu einem exakt 57 Minuten dauernden Austausch gigantischer Datenmengen. Am Weihnachtsabend 2023 erscheint auf allen ans Internet angeschlossenen Monitoren weltweit [...] die Botschaft ›Jetzt wache ich über euch‹.« Dieses bedrohliche Szenario eines Erstkontakts zwischen Menschheit und außerirdischer Intelligenz schildern die Politologen, Soziologen und Kulturwissenschaftler Michael Schetsche und Andreas Anton in ihrem Buch »Sie sind da«. Wäre es angesichts einer solchen potenziellen Bedrohung nicht gut, schon vorher über eine solche Begegnung und ihre Konsequenzen nachzudenken? Genau das ist das Ziel der Autoren, die damit auch gleichzeitig ihre Forschungsdisziplin einführen wollen: die Exosoziologie.

Spiegel unserer Angst

Nach einem kurzen Abriss der Astronomiegeschichte beschreiben die Autoren, was Sciencefiction zu diesem Thema häufig ausmacht: Oft sind die Aliens hier nichts anderes als Spiegel unserer Ängste. Diese anthropozentrische Sicht kritisieren Anton und Schetsche als viel zu eng und stellen im zweiten Kapitel ihren Ansatz einer Exosoziologie vor, die sich den Fragen um außerirdische Intelligenz möglichst vorurteilsfrei nähern will. Das dritte Kapitel erklärt ziemlich langatmig die berühmte Drake-Formel, um am Ende doch wieder nur festzustellen, dass die einzelnen Faktoren darin viel zu ungenau bekannt sind, um eine sinnvolle Aussage darüber treffen zu können, wie viele intelligente Spezies es im All gibt. Das vierte Kapitel beschreibt SETI, die berühmte Initiative, um nach Radiosignalen außerirdischer Zivilisationen zu suchen, und aktive Kommunikationsversuche der Menschheit. Beides ist bislang erfolglos geblieben. Im fünften Kapitel spielen die Autoren exemplarisch drei Szenarien des Erstkontakts durch, von denen das schlimmste eingangs zitiert wurde. Diese erlauben dann, sich zu überlegen, wie wir uns vorbereiten können auf eine erste Begegnung mit Außerirdischen und wie sich außerirdische Zivilisationen womöglich beschreiben lassen.

Ist es sinnvoll, eine Forschungsdisziplin namens Exosoziologie zu begründen? Anton und Schetsche argumentieren: Auch wenn wir nicht wissen, wie wahrscheinlich ein Kontakt ist, wären dessen Folgen extrem weitreichend. Darum sei es wichtig, sich darauf vorzubereiten. Wer darf etwa bestimmen, was die Menschheit auf ein außerirdisches Radiosignal antworten soll? Wissenschaftler, Politiker oder Sprecher einer darauf spezialisierten Initiative? Wie stellt man sicher, dass sich in so einem Fall alle Beteiligten an die Absprachen halten? Wann und wie sollte die Weltöffentlichkeit von einem Kontakt oder Besuch erfahren? Es gibt mehr als genug offene Fragen in der Exosoziologie.

Die Autoren gehen erstaunlicherweise nicht auf den Fall ein, dass wir eine außerirdische Zivilisation anhand ihres normalen Radioverkehrs entdecken. Es geht immer nur um gezielte Kontaktaufnahme, nicht aber darum, dass Aliens sich einfach ungewollt verraten könnten – genau wie es die Menschheit tut, seit sie Radiowellen als Kommunikationsmedium nutzt. Natürlich müsste man in so einem Fall nicht reagieren, aber auch dann hätte die Erkenntnis, dass wir nicht allein sind, enorme Folgen für unser Selbstverständnis.

Zudem sind Anton und Schetsche sehr pessimistisch, was die Chancen angeht, außerirdische Signale zu entschlüsseln. Sie führen Ergebnisse der Ethnomathematik an, wonach nicht alle Kulturen die gleiche Mathematik entwickelt haben. Das Argument greift aber zu kurz, denn nicht jede Art von Mathematik beschreibt die beobachtbaren physikalischen Phänomene korrekt. Eine in dieser Hinsicht korrekte Mathematik wäre aber nötig, um interstellar kommunizieren zu können. Und wieso ein außerirdisches Signal dermaßen kompliziert verschlüsselt sein sollte, dass es für uns nicht lesbar wäre, erschließt sich ebenso wenig – umso mehr, wenn es bewusst zur Kontaktaufnahme gesendet wurde.

Bei ihren Kontaktszenarien lassen die Autoren folgende Überlegung vermissen: Sollte die Erde besucht werden, würden die Außerirdischen vermutlich wissen, dass wir nicht darauf vorbereitet sind. Sie würden die Reaktionen auf ihr Erscheinen wohl mitbedenken und wären entsprechend vorsichtig. Zumal sie Erfahrungen damit durchaus haben könnten, denn es wäre alles andere als selbstverständlich, dass auch wir für sie der Erstkontakt sind. Wenn es mehr als eine belebte Welt in der Milchstraße gibt, dann wohl nicht zufällig genau zwei, sondern wahrscheinlich deutlich mehr.

Dankenswerterweise verzichten Anton und Schetsche darauf, die abstrusen Ideen Erich von Dänikens zu erwähnen. Jedoch hätten sie einen Abschnitt über 'Oumuamua aufnehmen können, den ersten interstellaren Asteroiden, der im Herbst 2017 auftauchte und derart ungewöhnliche Eigenschaften hat, dass Forscher öffentlich überlegten, ob er ein außerirdisches Raumschiff sei. Außerdem bleibt das Szenario, das Carl Sagan (1934-1996) in seinem Roman »Kontakt« beschrieb, leider unerwähnt. Vielleicht, weil der Roman stark auf SETI basiert – einem Projekt, dem die Autoren sehr kritisch gegenüberstehen. Das mag auf den ersten Blick erstaunen, wird aber verständlich, bedenkt man, dass viele SETI-Beteiligten nach Außerirdischen suchen, ohne über die Notwendigkeit einer Exosoziologie auch nur nachzudenken.

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