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Wie viel Bäume machen einen Wald?

Die Biologin und Journalistin Adriane Lochner möchte zu einem realitätsnahen Verständnis des Waldes beitragen und hat hierfür mit zahlreichen Experten gesprochen.

Manche meditieren im Wald oder suchen Kraft beim Waldbaden, andere ordnen den Bäumen menschliche Gefühle zu. Der Wald ist mythisch aufgeladen, wird religiös oder patriotisch verklärt oder ist umkämpft wie im Hambacher Forst. Mit diesem Buch will die Biologin und Journalistin Adriane Lochner zu einem realitätsnahen Verständnis des Waldes beitragen. Hierfür hat sie zahlreiche Expertinnen und Experten befragt – von Holzkohleexperten, Psychologen, Waldgenetikern bis hin zu Zoologen. Ihr Ziel ist es, das Thema von möglichst vielen Seiten zu beleuchten, sich dabei aber gegen eine romantische Verklärung des Waldes zu stellen. In den Text streut sie immer wieder überraschende Aspekte ein wie Bekleidung aus Holz oder Schmetterlingsraupen, die nur Veilchenblätter mögen.

Eingangs versucht sich die Autorin an einer Definition: Ab wann gilt eine Gruppe von Bäumen gesetzlich überhaupt als Wald? Das ist wichtig, denn ein Wald im Sinne des Gesetzes darf nicht ohne Weiteres gerodet oder in einen Garten umgewandelt werden – anders als eine Ansammlung von Bäumen. Wie aus dem Buch hervorgeht, sind die Definitionen dazu allesamt vage, und jedes Bundesland hat eigene Richtlinien, wie viel Bäume denn nötig sind, damit sie zu einem schützenswerten Ganzen erklärt werden.

Geben und Nehmen in der Natur

Lochner schildert anschließend in einem historischen Abriss, wie der Wald die Menschen über die Zeiten hinweg beeinflusst hat und wie sie ihn umgekehrt veränderten. Überwiegend beschränkt sie sich dabei auf den heimischen Wald und geht auf das Zusammenleben der Waldbewohner in verschiedenen Biotopen wie dem Buchenwald, Moorwald oder Eichenwald spezifischer ein. Die Autorin sieht den Wald als Netzwerk des Lebendigen: In einer Art »Wood Wide Web« zapfen beispielsweise unterirdische Pilze Zuckerverbindungen aus Baumwurzeln und ermöglichen der Pflanze dafür im Gegenzug eine verbesserte Aufnahme von Wasser und Nährstoffen wie Phosphor und Stickstoff.

Im Schlusskapitel beleuchtet Lochner kurz, wie künftige Wälder aussehen könnten und wie sich der Wald fit für den Klimawandel machen lässt. Denn aus eigener Kraft schaffe er das nicht, so die Autorin. Sie hofft auf Mischwaldkonzepte beispielsweise unter Beteiligung der Libanon-Zeder oder anderer Baumarten, die genetisch besser an die kommenden klimatischen Bedingungen angepasst sind. Doch dazu müssen alle Beteiligten mitmachen, was in Deutschland keine Selbstverständlichkeit ist – immerhin befindet sich knapp die Hälfte des bundesdeutschen Waldes in Privatbesitz.

Lochner schreibt lesenswert und abwechslungsreich, oft mit Zitaten aus deutschen Gedichten. Auf etwa jeder dritten Seite lockern wunderbare schwarzweiße und farbige Zeichnungen die etwas klein gedruckte Buchstabenwelt auf. Die Biologin vermittelt nicht nur Wissenswertes über den heimischen Wald, sondern weckt darüber hinaus eine große Sehnsucht, hinauszugehen und sich selbst im Forst umzusehen. Das handliche Bändchen lässt sich dabei gut mitnehmen, da es in eine geräumige Manteltasche passt.

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