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»Die große Trockenheit«: Bis zum letzten Wassertropfen?

Schockierende Geschichten über die Dürren weltweit, aber auch interessante Projekte zur Rettung des Trinkwassers. Absolut lesenswert.
Zwei Maispflanzen auf ausgetrocknetem  Boden

Zwei Geschichten stehen beispielhaft für die Wasserkrisen, die jetzigen und die kommenden. In einer berichtet der Autor von einer guten Aktion, die katastrophal endet: Ein Stausee bis zum Horizont, endlich gefüllt mit Wasser in dem unter Wassermangel leidenden Land Jordanien. Allerdings: Trotz Warnungen wurde er mitten auf einer Salzader errichtet – und so wird das Süßwasser zu unbrauchbarem Salzwasser. Eine andere erzählt vom kommenden Ende: Bauern am Rande des Qilian-Gebirges freuen sich über eine plötzliche Wasserfülle. Sie können jetzt ihr bislang trockenes Land beackern. Doch das reichlich sprudelnde Nass ist nur der Vorbote des Endes. Es stammt von endgültig abschmelzenden Gletschern und wird die Landwirtschaft nur kurzfristig aufblühen lassen. Tim Smedley zeigt an vielen weiteren Beispielen, dass es nicht nur der Klimawandel ist, sondern auch menschliches Fehlverhalten, Missmanagement oder Korruption, die das Weiterleben der Menschen bedrohen. Und die Liste der Wahrzeichen des weltweiten Wassermissmanagements ist lang und niederschmetternd.

Gespräch mit den Menschen vor Ort

Tim Smedley ist britischer Umweltjournalist, der für den Guardian, die Financial Times oder den BBC schreibt. Sein erstes Buch »Clearing The Air« über die globale Luftverschmutzung stand 2019 auf der Shortlist für den Royal Society Science Book Prize. In seinem neuen Buch offenbart er nicht nur sein großes Fachwissen, sondern er überzeugt mit spannend erzählender Schreibweise. Ein Grund ist sicherlich, dass er aus erster Hand von seinen Reisen und den Gesprächen mit den Menschen vor Ort berichtet. So schildert er nicht nur seine eigenen Eindrücke sehr lebendig, sondern hat auch Zugang zu Informationen, die in den Medien nicht auftauchen. Gespräche mit Experten, Aktivisten, Einheimischen, die ihn im Taxi zu Stauseen fahren, Landwirtschaft betreiben, gegen die Korruption kämpfen oder überteuerte Entsalzungsanlagen betreuen. So entsteht ein tiefgründiges und umfassendes Bild über die Wassernotstände der Welt. Smedley schafft es, die Brisanz der Wasserkrise, die immerhin als eine der fünf größten Gefahren für die Weltwirtschaft gilt, spannend und lesenswert zu verdeutlichen.

Die vielen Gesichter des Wassernotstands

In Mississippi platzen alte Rohrleitungen bei einem starken Frost, in Johannisburg erfinden sie einen Song, der die Duschzeiten verkürzen soll, auf dem Rhein können Frachtschiffe keine Kohle mehr transportieren, der Jangtse-Fluss in China ist fast vollständig ausgetrocknet, und große Seen wie der Aralsee in Zentralasien oder der Urmiasee im Iran sind so gut wie verschwunden: Smedley zeigt die Hotspots der Wassernot auf. Und mahnt, dass zusätzliche Gefahr droht, weil das verbliebene Süßwasser immer mehr mit Dünger und Pestiziden belastet ist. So leuchten Flüsse in Bangladesch oder Pakistan in allen Regenbogenfarben, wenn die Textilindustrie gerade mal wieder neue Modetrends kreiert hat. Und Wasserwerke stehen hilflos der neu erkannten Gefahr durch giftige und Krebs erregende PFAS (per- und polyfluorierte Alkylverbindungen) im Trinkwasser gegenüber.

Tim Smedley reist für seine Berichte um die Welt. Er trifft auf Menschen in Jordanien, Nevada, Uganda, Ghana und vielen anderen Orten. Er schaut sich in einem Freibad in Südengland um oder auch in Belgien, wo das Wasser 2022 knapp wurde, obwohl es »doch die ganze Zeit« regnete. Wassermangel – wer meint, das ist doch woanders, den belehrt Smedley eines Bessern. Die Meldungen über Trockenheit auch in den europäischen Ländern häufen sich. In Spanien sind drei Viertel der Fläche von der Wüstenbildung bedroht, wie auch Teile von Portugal, Süditalien und Zypern, wo uralte Olivenhaine verdorren. Wassermangel und die Verunreinigung von Wasser sind bereits Ursache für Flüchtlingswellen, der globale Süden verdurstet, 14 der größten Städte weltweit sind von Wasserknappheit betroffen. Die Hälfte der größten Wasserreservoire der Welt – ob in Indien, China, den USA oder Frankreich – schrumpfen.

Smedley holt das Thema eindringlich an die Öffentlichkeit. Zudem war lange der Stand der unterirdischen Grundwasserspeicher nicht sichtbar; jetzt aber dokumentieren Satelliten aus dem All das dramatisch schwindende Grundwasser – weltweit.

Die guten Wassergeschichten

Smedley zeichnet in seinem Buch ein schockierendes Bild vom Zustand der Trinkwasserreserven. Er zeigt aber auch hoffnungsvolle und hochinteressante Lösungsansätze. Zuversichtlich stimmen viele Wasserprojekte, die zeigen, wie es besser gehen kann. Denn der Autor hofft, dass wir den Kurs ändern und nicht bis zum allerletzten Tropfen weitermachen. Smedley »geht es darum, … Entscheidungsträger zum Handeln bewegen zu können, jetzt und in den kommenden Jahrzehnten. Außerdem soll das Buch Hoffnung machen«. Er erzählt so mitreißend und verständlich, dass es damit bei dem ein oder andern gelingen könnte.

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