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Bernhard Hoëckers Gute Frage: Warum lassen sich Fledermäuse hängen?

Folge 3: In einer Höhle in Frankreich fragt Bernhard Hoëcker sich, wie denn der evolutionäre Schritt der Fledermaus vom Laufsäuger zum fliegenden, kopfüber hängenden Tier war. Biologe und »Spektrum«-Redakteur Andreas Jahn begibt sich zur Antwort ins Heidelberger Schloss, wo Fledermäuse beheimatet sind.
Bernhard Hoëckers Gute Frage: Warum lassen sich Fledermäuse hängen?

Veröffentlicht am: 17.10.2019

Laufzeit: 0:06:09

Sprache: deutsch

Die Fledermäuse hier im Heidelberger Schloss können wir leider nicht fragen, denn sie sollen ja nicht gestört werden. In dem alten Gemäuer mit den vielen Verstecken fühlen sich nämlich gleich acht Fledermausarten wohl und verbringen hier ihren Winterschlaf.

Nun zu deiner Frage, Bernhard, nach dem evolutionären Schritt vom Läufer zum Hänger. Die ist deswegen so knifflig, weil wir nur sehr wenige Fossilien von Fledermäusen kennen, bei denen wir nachgucken können, wie sie früher gelebt haben. Eine Fledermaus besteht ja aus ganz kleinen, filigranen Knöchelchen, die natürlich leicht kaputtgehen. So ein dicker Dinosaurierknochen hält da schon etwas länger. Außerdem leben viele Fledermäuse in tropischen Gefilden, wo ihr Körper durch die Wärme sehr schnell verwest. Dann bleibt für Fossiliensammler nicht mehr viel übrig. Aber natürlich existieren Fossilien. Nicht weit von hier, in der Grube Messel bei Darmstadt, fand man besonders schöne Exemplare, die 47 Millionen Jahre alt sind. Es gibt auch noch ältere Fossilien, und daher wissen wir, dass Fledermäuse seit mehr als 50 Millionen Jahren durch die Gegend flattern. In den USA hat man ein Fossil gefunden, das sicher schon geflogen ist, aber noch ziemlich lange Hinterbeine besaß. Die Paläontologen glauben daher, dass sich das Tier wie seine nicht fliegenden Vorfahren von Ast zu Ast hangeln konnte.

Doch wie haben nun die Fledermäuse das Fliegen gelernt? Unter den Säugetieren sind sie ja die einzigen, die das können. Nun, man kann sich leicht vorstellen, dass die laufenden Vorfahren der Fledermäuse auf Bäume geklettert sind und von da aus bei Gelegenheit elegant herabglitten. Das konnten sie, weil zwischen ihren Fingern Häute gewachsen waren. So machen das zum Beispiel heute noch Gleithörnchen. In Südostasien gibt es sogar einen Flugfrosch, der mit seinen Flughäuten zwischen den Zehen bis zu 20 Meter weit segeln kann. Wenn nun einer dieser segelnden Fledermausvorfahren einfach mal anfing, mit seinen Flughäuten aktiv zu flattern, dann war er natürlich gegenüber seinen verwandten Passivgleitern enorm im Vorteil. Die Selektion wird also sehr schnell dafür gesorgt haben, dass nur noch aktive Flieger übrig blieben.

Und nun zum Hängen. Warum hängen Fledermäuse mit dem Kopf nach unten? Das klingt ja nicht sonderlich bequem. Wenn wir das machen, kriegen wir ziemlich schnell einen roten Kopf, und uns geht die Puste aus. Nicht so bei den Fledermäusen. Wenn sie sich mit ihren Hinterfüßen irgendwo festhalten, bleiben die scharfen Krallen durch spezielle Sehnen auch ohne Muskelkraft gekrümmt und eingerastet. Die Fledermaus hakt sich also quasi ein und muss nur Kraft aufwenden, wenn sie den Haltegriff wieder lösen will. Deshalb kann sie entspannt abhängen und schlafen – selbst tote Tiere bleiben so an der Decke hängen. Das Ganze ist auch ziemlich praktisch. Hoch oben hängend behält man den Überblick und ist vor Räubern gut geschützt. Falls doch mal jemand stören sollte, muss man nicht gegen die Schwerkraft losfliegen, sondern kann sich einfach fallen lassen.

Um jetzt noch mal zu deiner Frage zurückzukommen, Bernhard: Die Vorfahren der Fledermäuse flatterten wohl nicht seitlich wie ein Fähnchen im Wind. Letztlich ist beides vorstellbar: Entweder hingen ihre Ahnen kopfunter an Bäumen, um von da aus loszugleiten, und lernten erst später das richtige Fliegen. Oder Tiere, die schon fliegen konnten, kamen irgendwann auf die Idee, sich entspannt hängen zu lassen.

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