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Plastikmüll: Die Umweltministerin irrt

Die Bundesumweltministerin Svenja Schulze ist gegen eine Abgabe auf Plastiktüten. Dabei zeigen andere Länder, dass sie funktioniert, kommentiert Daniel Lingenhöhl.
Obst in Plastiktüten

»Ich bezweifle, dass ein paar murrend an der Kasse bezahlte Cent zu einem Umdenken führen.« Mit diesen Worten gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland wurde die Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) am vergangenen Freitag in verschiedenen Medien zitiert. Und damit ist sie in guter Gesellschaft. Denn schon einer ihrer Vorgänger, Peter Altmaier (CDU), lehnte dieses Ansinnen vor ein paar Jahren ab. Aus Umweltsicht sei »keine neue Steuer, sondern eine intelligentere Steuerung, die zu weniger Abfall und mehr Recycling« führe, notwendig, so Schulze weiter.

Womöglich gibt es tatsächlich gute Gründe gegen eine Zusatzsteuer auf Kunststofftüten. Verglichen mit anderen europäischen Ländern gehen in Deutschland weniger Einmaltaschen über den Ladentisch. Laut Statistik verbrauchten die Deutschen noch 2010 pro Jahr und Kopf nur 64 Stück, während es in Staaten wie Polen, Portugal oder Lettland weit über 400 sind. Seitdem ist hier zu Lande die Anzahl nochmals gesunken und soll nun laut dem Handelsverband Deutschland bei lediglich 45 Tüten liegen. Die verbrauchte Gesamtmenge liegt aber bei beeindruckenden 3,7 Milliarden Tüten. Europaweit reicht es damit für Deutschland noch immer unter die Top 5.

Auch die häufig angebotene Alternative aus Papier ist weniger umweltfreundlich, als man vielleicht denkt. Für ihre Herstellung werden viele Ressourcen verbraucht, darunter Zellstoff (sofern sie nicht aus Recyclingmaterial besteht), Wasser, Energie und zahlreiche Chemikalien. Hinzu kommt, dass die Papiertüten rasch durchweichen können und deshalb ebenfalls nur wenige Male benutzt werden können.

Und dennoch irrt die Umweltministerin in ihrer Aussage. Denn in verschiedenen Ländern wurden bereits Zwangsabgaben auf die Wegwerftüten eingeführt. Irland beispielsweise erhebt seit einigen Jahren eine derartige Strafsteuer, die 2013 auf 44 Cent pro Tüte verdoppelt wurde. Als Folge sank der Verbrauch von 328 Tüten pro Kopf und Jahr auf nur noch 18. Ähnlich sieht es in Großbritannien aus. Mehr als sieben Milliarden Plastiktüten gingen bei den sieben größten Supermärkten Großbritanniens 2015 über die Ladentheke. Dann führte das Land eine Zwangsabgabe von fünf Pence pro Tüte ein – und der Verbrauch ging drastisch zurück. Im ersten Halbjahr 2016 verlangten die Kunden nur noch nach 500 Millionen Tüten: ein Rückgang von 85 Prozent. In der Folge machte sich die dramatisch verringerte Nachfrage auch rasch in der Umwelt bemerkbar. Die Menge an entsprechendem Plastikmüll an den Stränden des Königreichs ging ebenfalls stark zurück.

Man kann also durchaus gegen diese Zwangsabgabe sein, sollte dann aber korrekte Gründe hervorbringen. Machbar wäre der totale Verzicht an Kassen sowie Obst- und Gemüsetheken jedenfalls. Jute statt Plastik kann auch heute noch eine Alternative sein. Über die lange Lebensdauer und Stabilität gleichen die Stofftaschen die anfänglich höheren Umweltkosten in Form von Ressourcen- und Energieverbrauch locker aus. Oder die Käufer investieren in die ebenfalls robusten und winzig klein zusammenfaltbaren Polyesterbeutel, die viele Supermärkte ebenfalls anbieten. Laut Umweltbundesamt sind sie die umweltfreundlichste Alternative zur Plastiktüte.

Und die Abgabe auf Plastiktüten sollte ohnehin nur ein erster Schritt sein, die Plastikflut europaweit einzudämmen. Einweggeschirr, Einmalflaschen oder Plastikstrohhalme landen ebenfalls meist nach nur einmaliger Nutzung im Müll – und leider zu oft im Meer.

20/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20/2018

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