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Zeitsprünge : Kleine Geschichte der Einbauküche oder warum wir Hängeschränke haben

Jeder von uns kennt sie, fast jeder von uns hat sie: die Einbauküche, in der Geräte und Lebensmittel praktisch verstaut sind. Dass es sie gibt, verdanken wir der ersten Architektin Österreichs.
Die Frankfurter Küche der 1920er Jahre nach dem Entwurf von Margarete Schütte-LihotzkyLaden...

Die meisten von uns verbringen täglich viel Zeit in der Küche – um zu kochen, zu frühstücken oder sich einen Kaffee zu machen. Darin liegt – freilich nicht ständig – alles an seinem Platz, in Hängeschränken oder Schubladen verstaut. Es gibt einen Herd, eine Spüle und eine Arbeitsfläche. Doch was vielleicht den wenigsten von uns in einer Küche auffällt: Mit all dem Mobiliar und den Geräten sparen wir beim Zubereiten ungemein viel Zeit. Denn genau diese Idee, effizienter arbeiten zu können, führte zur Erfindung unseres modernen Küchenraums, der Einbauküche.

Die erste Architektin Österreichs

Den Prototyp der modernen Einbauküche entwickelte Margarete Schütte-Lihotzky. Sie wurde 1897 in Wien geboren, studierte in den 1910er Jahren an der Kunstgewerbeschule und war anschließend die erste Frau in Österreich, die als Architektin arbeitete. Einer ihrer Lehrer war Oskar Strnad. Der Architekt und Designer machte Schütte-Lihotzky auf ein drängendes Problem der Nachkriegszeit aufmerksam, für das Lösungen von Designern gefragt waren: den sozialen Wohnungsbau in Wien.

Die 1920er Jahre waren eine Zeit großer Wohnbauprojekte. Und die Gründe dafür waren vielschichtig. Schon zuvor, im 19. Jahrhundert, waren immer mehr Menschen nach Wien gezogen, suchten Arbeit im prosperierenden Industriegewerbe. Die Wohnungsnot wuchs zum steten Problem in der Donaumetropole. Nach den Kriegsjahren des Ersten Weltkriegs war der Wohnraum dann besonders knapp geworden, wie in vielen anderen europäischen Städten auch. Waren doch während des Kriegs kaum Investitionen in den Häuserbau geflossen.

Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000)Laden...
Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000) | Die Wiener Architektin entwarf den Prototyp der Einbauküche.

Nach 1918 fingen die Wiener an, möglichst rasch neue Häuser zu bauen. Ein Beispiel dafür ist der kommunale soziale Wohnungsbau in Wien. Allein in den 1920er Jahren ließ die Stadt mehr als 60 000 Wohnungen errichten. Eine Gruppe nahm ihr Schicksal allerdings selbst in die Hand: die Siedlerbewegung.

Einige Wiener bauten illegal Häuser am Stadtrand. Doch die Stadt erkannte das Potenzial und unterstützte die Bewegung, indem sie den Siedlern Baumaterial zur Verfügung stellte. Auf diese Weise entstanden etwa 50 Hausanlagen, die heute noch den Stadtrand Wiens prägen.

Neu und normgerecht

Die Aufgabe von Schütte-Lihotzky war es nun, Wohnküchen für die Siedlerhäuser zu entwerfen. Dafür beschäftigte sie sich mit der Frage, wie die Menschen im Haushalt Zeit sparen könnten. Das brachte Schütte-Lihotzky auf die Idee, eine Standardküche zu gestalten. Der Architekt Ernst May wurde auf die Wienerin aufmerksam und bat sie, einen Artikel für eine Zeitschrift über Wohnungsbau zu verfassen. Darin beschrieb Schütte-Lihotzky, wie die zeit- und arbeitseffiziente Küche auszusehen hat.

Ernst May arbeitete gerade selbst an einem Wohnbauprojekt. Seit 1925 war er Stadtplaner und Siedlungsdezernent in Frankfurt am Main und stand vor der Aufgabe, das »Neue Frankfurt« zu errichten. Dabei handelte es sich um ein groß angelegtes Stadtplanungsprogramm, das den Bau von 12 000 Wohnungen vorsah, die auch neue Standards hinsichtlich Einrichtung, Funktion und Ästhetik setzen sollten. May war davon überzeugt, dass sich dieses Ziel durch die Normierung von Bauteilen erreichen ließe. Für die Gestaltung der Küche engagierte May nun Schütte-Lihotzky. 1926 bis 1930 arbeitete sie am Hochbauamt in Frankfurt in der Abteilung Standardisierung und entwickelte dort die Frankfurter Küche.

Margarete Schütte-Lihotzkys Ziel war eine »Griff- und Schrittersparnis«

Zunächst beschäftigte sich Schütte-Lihotzky mit den Arbeiten des US-Ingenieurs Frederick Winslow Taylor, der als Begründer der Arbeitswissenschaft gilt. Nach ihm ist der Taylorismus benannt, ein Prinzip, mit dem industrielle Arbeitsabläufe optimiert werden können. Schütte-Lihotzky übertrug seine Ideen aus der Arbeitswelt ins Private und spielte die verschiedenen Abläufe in der Küche durch. Ließe sich vielleicht auch die Küche zu einem ergonomischen und praktischen Arbeitsplatz optimieren? Schütte-Lihotzkys Ziel war eine »Griff- und Schrittersparnis«. Als Modell diente ihr die Speisewagenküche der Eisenbahn.

Der Prototyp moderner Einbauküchen

Wie sah sie nun aus, die Frankfurter Küche? Neu waren für damalige Verhältnisse der Elektroherd, zwei Geschirrspülbecken mit einem Abtropfgitter, dann Hängeschränke und Schubfächer für Zutaten und eine Arbeitsplatte am Fenster, in die eine Abfallrinne eingelassen war. Die Küche bestand aus standardisierten Modulen, die Bauteile konnten seriell und kostengünstig hergestellt werden. In den 1920er Jahren entwickelte Schütte-Lihotzky drei Varianten der Frankfurter Küche, weit über 12 000 Küchen wurden gefertigt. Heute kann man originale Exemplare davon in vielen Museen besichtigen.

Margarete Schütte-Lihotzky hatte nach ihrer Zeit in Frankfurt ein sehr bewegtes Leben. Nachdem sie in den 1930er Jahren einige Zeit in der Sowjetunion verbracht hatte, engagierte sie sich ab 1940 im Wiener Widerstand gegen die Nationalsozialisten. 1941 wurde sie verhaftet und verbrachte die Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Frauenzuchthaus. Anerkennung für ihre Arbeit erhielt die Architektin erst seit den 1980er Jahren. Inzwischen sind mehrere Straßen nach ihr benannt. Nach ihrem Tod im Jahr 2000 ließ die Stadt Wien für sie ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof errichten.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche eine Geschichte aus der Geschichte auf ihrem Podcast »Zeitsprung«. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.

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