Direkt zum Inhalt

Zeitsprünge: Kleine Geschichte eines Hundes im Hamsterrad: der Vernepator Cur

Bis ins 19. Jahrhundert gab es einen Küchengehilfen, wie man ihn sich heute nicht mehr vorstellen kann: Der Turnspit Dog sorgte für gleichmäßig gebratenes Fleisch.
Kurze Beine, gedrungener Körperbau: ein Drehspieß-HundLaden...

»Ein Hund kam in die Küche« – so beginnt ein beliebtes Kinderlied. Doch im Gegensatz zu dem Protagonisten im Lied, war der Hund, um den es hier geht, ein wichtiger und gern gesehener Teil vieler Küchen.

Dass Speisen in diversen Pfannen, Töpfen und Tiegeln auf Herdplatten zubereitet werden, ist eine vergleichsweise neue Erscheinung. Die Kombination aus Herd und Ofen kam erst spät in die Küche und war meist den höheren Schichten vorbehalten.

Es wird am Spieß gebraten

Davor kochten die Menschen in erster Linie über einem offenen Feuer. Wichtigstes Küchengerät war ein Topf oder, wenn es Fleisch geben sollte, ein Spieß, an dem der Braten über den Flammen gegart und geröstet wurde.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche eine Geschichte aus der Geschichte auf ihrem Podcast »Zeitsprung«. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.

Bei der Verwendung eines Topfes war die Sache recht einfach: befüllen, aufhängen, regelmäßig umrühren. Bei den Spießen, auf denen oftmals recht ansehnliche Brocken Fleisch steckten, war die Sache schon schwieriger. Denn: Im Gegensatz zu einem umschlossenen Ofen ist die Hitzeverteilung über dem offenen Feuer ungleichmäßig. Wer sein Fleisch von allen Seiten durchgebraten wollte, musste es also ständig drehen.

Zu diesem Zweck gab es Küchengehilfen – meist waren es die Jüngsten und Ausdauerndsten, die tagein, tagaus über Stunden den Spieß über dem Feuer drehten. Das war nicht nur anstrengend, sondern auch wenig ökonomisch, da diese Gehilfen natürlich zugleich für keine andere Tätigkeit zu gebrauchen waren.

Tierische Verstärkung naht!

Wer schließlich auf die Idee kam, diese Gehilfen durch einen kleinen Vierbeiner zu ersetzen, ist nicht geklärt. Zum ersten Mal erwähnt wurden Hunde mit dieser Spezialaufgabe im Werk »Of Englishe Dogges« von John Caius im Jahr 1576. Auf der Insel hießen die Tiere wahlweise »Turnspit Dog«, nach dem Drehspieß, oder auch »Vernepator Cur«. »Cur« nannten die Briten die Hunde, die sie am wenigsten schätzten. Die Herkunft des ersten Teils der Bezeichnung ist hingegen nicht ganz klar.

Wie konnte nun also so ein kleiner Hund – ganz ohne Hände – diese Arbeit übernehmen? Zeichnungen verraten es uns: Der tierische Küchengeselle mit den kurzen Beinen wurde in ein hölzernes Laufrad gesteckt, das an der Wand festgemacht wurde. Damit wurde eine Kette gedreht, die wiederum über diverse Rollen mit dem Drehspieß verbunden war. Je schneller der Hund im Rad rannte, desto schneller drehte sich der Spieß.

Genauere Details über die Herkunft der Hunde, die tatsächlich als eigene Rasse gezüchtet wurden, gibt es wenige. Einzig Zeichnungen und ein ausgestopftes Exemplar im walisischen Abergavenny Museum existieren noch heute. Ihr Aussehen erinnert an einen kleinen Terrier oder Corgi.

Während wir heute nur noch sehr wenig über die Hunde wissen, waren sie vor allem im 17. und 18. Jahrhundert in ganz Europa durchaus verbreitet. So erwähnt ein gewisser Peter Mundy im Jahr 1639 im Rahmen eines Besuchs in Bristol, dass kaum eine Küche ohne die Verwendung eines solchen Hundes auskomme. Auch der berühmte schwedische Wissenschaftler Carl von Linné merkt in einem seiner Werke an, dass er von einem derartigen Einsatz des Tiers in mehreren Ländern Europas wisse. Selbst Charles Darwin stellte Mutmaßungen darüber an, ob die krummen Beine des Spießdrehers auf Vererbung oder auf arbeitsbedingte erworbene Veränderungen zurückzuführen seien.

Tatsächlich hatte es der Turnspit Dog alles andere als leicht: Behandelt wie ein Küchengerät, musste er oft stundenlang durchgehend laufen. Die großen Fleischbrocken brauchten bis zu sieben Stunden, um vollständig zu garen. Oft wurde im Schichtbetrieb gearbeitet. So konnte die Arbeit zumindest auf zwei Hunde aufgeteilt werden.

Der Hund wird abgelöst

Die unwürdigen Arbeitsbedingungen waren schließlich auch ein Grund, warum die Hunde mehr und mehr aus den Küchen Europas und den USA verschwanden. Die Society for the Prevention of Cruelty to Animals – im England des frühen 19. Jahrhunderts eigentlich als Reaktion auf die schlechte Behandlung von Kutschpferden gegründet – machte ab der Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Lage der Hunde aufmerksam.

Am Ende waren es wohl weniger diese Proteste als schlicht und einfach der technische Fortschritt, der für das Verschwinden dieses Küchenhundes sorgte.

Schon ab dem frühen 18. Jahrhunderts übernahm der so genannte Clock Jack, im Grunde ein Uhrwerk versehen mit Seilen, Rollen und Gewichten, mehr und mehr die Aufgabe des Turnspit Dog. Er lief nicht nur verlässlicher, sondern war auch einfacher zu handhaben als die kleinen Hunde. Anfangs noch reichen Haushalten vorbehalten, war der Clock Jack bald erschwinglich genug, um auch in den weniger vermögenden Häusern den Turnspit Dog zu ersetzen.

Ab spätestens 1900 war der Hund in der Küche aus der Mode gekommen. Schon im Jahr 1850 galt es als altmodisch und exzentrisch, noch immer einen Vernepator Cur zum Drehen des Spießes einzusetzen.

Da die Hunde abseits ihrer eigentlichen Tätigkeit anscheinend wenig interessante Eigenschaften hatten, verschwanden sie bald als eigene Rasse. Als Schoßhunde waren sie wohl einfach zu unansehnlich. Immerhin einen berühmte Persönlichkeit konnten sie zu ihren Fans zählen: Queen Victoria, ihres Zeichens begeisterte Hundefreundin, soll auch noch im 19. Jahrhundert drei der kleinen, krummbeinigen Küchengehilfen besessen haben. In die Küche kamen diese Hunde, anders als ihre Artgenossen aus dem bekannten Lied, jedoch wohl eher nicht.

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnervideos