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Lobes Digitalfabrik: Sex auf Knopfdruck

Mit passend gestalteten Sexrobotern lassen sich Frauen und Kinder vor Missbrauch und Ausbeutung schützen, heißt es. Oder erreicht man nicht viel eher das Gegenteil?
Kopf einer Frauen-Puppe

Auf der Seite »TrueCompanion.com« kann man sich seine Traumfrau nach dem Baukastenmodell zusammenstellen: Haarfarbe (champagnerblond oder lieber graue Strähnchen?), Frisur (Modelle »Victoria«, »Naomi«, »Patti« und so weiter), Augenfarbe, Hautfarbe, Eyeliner, Lippenstift, Nägel, Intimfrisur – für all das kann man seine Auswahl treffen. 10 000 Dollar kostet der Sexroboter, bestellbar bequem im Netz. Der mit Gummi umhüllte Computer ist mit Berührungssensoren und einer vibrierenden Vagina ausgestattet. »Sie saugt zwar nicht und kocht nicht, aber sie macht fast alles andere«, sagte Entwickler Douglas Hines von TrueCompanion. Roxxxy sieht auf den ersten Blick aus wie eine aufwändig geformte Gummipuppe, mit vollen Lippen, laszivem Blick und Reizwäsche. Ihr Aussehen lässt sich personalisieren, ihre Persönlichkeit programmieren: abenteuerlustig (»Wild Wendy«), zurückhaltend (»Frigid Farrah«) oder neugierig (»Young Yoko«).

Es gibt sogar eine Gold-Version. »RoxxxyGold kann zuhören, reden, eine Konversation führen, Ihre Berührungen spüren sowie ihren Intimbereich innerlich bewegen, wenn sie ›benutzt‹ wird – für ein unvergesslich erotisches Ereignis«, bewirbt TrueCompanion sein Modell (es gibt übrigens auch eine männliche Version namens Rocky). In Barcelona hat vor ein paar Monaten das erste Sexpuppen-Bordell Europas eröffnet. In dem Silikon-Etablissement kann man sich für 100 Euro die Stunde mit einer Gummipuppe vergnügen. Und in Japan hat die Firma Doll No Mori 2004 einen Escort-Service für Sexpuppen lanciert.

Um Sexroboter tobt ein heftiger Streit. Während die einen den Einsatz für legitim erachten, weil damit das Menschen verachtende Gewerbe der Prostitution substituiert und Sexarbeit obsolet würde, halten die anderen dies für moralisch verwerflich. Die Roboterethikerin Kathleen Richardson kritisiert, dass Sexroboter lediglich eine andere Art von Pornografie darstellten und die Schaffung von Robotergirls das Wertesystem einer moralisch verdorbenen Industrie reproduziere. Der Reiz einer Ja sagenden Sexmaschine, die Dauerlust auf Sex hat und jederzeit ein- und ausschaltbar ist, bediene chauvinistische Männerfantasien. Die wohl komplizierteste ethische Frage ist, ob man nach Kindern modellierte Sexroboter in Verkehr bringen darf. Das ist nicht bloß eine akademische maschinenethische Diskussion, sondern eine Frage von höchst praktischer Relevanz.

Die japanische Robotikfirma Trottla hat bereits mit der Produktion solcher Kindersexroboter begonnen. Die lebensechten Puppen in Kindergröße sehen aus wie richtige Kinder: Sie tragen Schuluniformen und einen Teddybär im Arm, kurze Kleidchen und Lippenstift. Kostenpunkt: 1500 bis 2000 Euro. Der Unternehmensgründer Shin Takagi sieht sein Angebot als eine Art kriminalpräventive Maßnahme im Dienst der Allgemeinheit. »Wir sollten akzeptieren«, sagte er der US-Zeitschrift »The Atlantic«, »dass es keinen Weg gibt, die Fetische eines Menschen zu ändern. Ich helfe den Leuten dabei, ihre Wünsche legal und ethisch auszuleben.« Takagi, der seine Pädophilie offen einräumt, sagte, die Nutzung seiner »Pädobots« hätte ihn vor Straftaten bewahrt. Manche sehen in diesen Entwicklungen die Chance, Vergewaltigungen zu verhindern oder Pädophilen mit den Robotern die Möglichkeit zur »Triebabfuhr« zu geben.

Kindersexroboter als Therapiewerkzeug für Pädophile?

Vertreter dieser »Ventiltheorie« wie der US-Robotik-Forscher Ronald C. Arkin wollen Pädophile gar mit Sexrobotern therapieren, was als ethisch umstritten gilt. Arkin sagte, dass Kindersexroboter als Substitutionsmittel ähnlich wie die Methadonbehandlung von Heroinabhängigen zur Behandlung von Pädophilen eingesetzt werden könnten.

Die niederländische Philosophin Litska Strikwerda argumentiert in dem von John Danaher und Neil McArthur herausgegebenen Sammelband »Robot Sex – Social and Ethical Implications«, dass es sich bei Kindersexrobotern lediglich um »künstliche Faksimiles« eines Sexpartners handele. Sexuelle Handlungen mit Kindersexrobotern könnten als »autoerotisch und nichtresponsiv« betrachtet werden. Kindersexroboter seien ein geeigneteres Substitut als virtuelle Kinderpornografie, die von einigen Gerichten, unter anderem 2002 vom Supreme Court, dem obersten Gericht der USA, als zulässig erachtet wurden. Strikwerda plädiert daher dafür, dass nach Kindern modellierte Sexpuppen nicht verboten werden, sondern bei der Therapie von Pädophilen eingesetzt werden sollten. Diese konsequenzialistische Ethik fragt zunächst nach den Folgen einer Techniknutzung. Weil bei einer Sexpuppe kein Kind – weder physisch noch psychisch – zu Schaden käme, sei die Zulassung gerechtfertigt. Gegen diese Haltung gibt es jedoch Bedenken, weil damit ein gesellschaftlich geächtetes Verhalten gewissermaßen gewohnheitsrechtlich legitimiert und salonfähig würde.

Der US-Robotikethiker Patrick Lin hält die Behandlung von Pädophilen mit Kindersexrobotern für eine »dubiose und abstoßende Idee«: »Man stelle sich vor, man würde Rassismus dadurch behandeln, dass man einen Fanatiker einen dunkelhäutigen Roboter misshandeln ließe. Würde das funktionieren? Wahrscheinlich nicht.« Feuer mit Feuer zu bekämpfen, sei in diesem Fall nicht sinnvoll, zumal Sexpuppen das Verlangen nach sexuellen Kontakten mit Kindern aus Fleisch und Blut verstärken könnten. Die Vorstellung, dass Rassisten ihre kruden Ansichten einfach ventilieren sollten und es hernach keinen Rassismus mehr gebe, sei naiv. Gleichwohl ist die Gleichsetzung von Rassismus und Pädophilie problematisch, weil das sexuelle Interesse an Kindern nach Ansicht einiger Wissenschaftler eine Krankheit sei, für die der Betroffene nichts kann. Für rassistische Haltungen kann die Person dagegen in der Regel sehr wohl etwas.

Umstritten ist auch die Frage, ob Sexroboter und Liebespuppen kindlich sprechen sollen. Letztlich kann man sowohl durch die äußerliche Gestaltung als auch durch die künstliche Stimme eine entsprechende Illusion hervorrufen. Technisch ist es möglich, Sexroboter nicht nur kindlich aussehen zu lassen, sondern sie auch kindlich sprechen zu lassen. Das ist alles eine Frage des Designs. Nur: Ab wann ist eine Stimme zu jung? Der Maschinenethiker Oliver Bendel, der im Dezember 2017 in London auf einer Konferenz (»Third International Congress on Love and Sex with Robots«) zu synthetischen Stimmen von Sexrobotern und Liebespuppen sprach, sagt: »Ich bin dagegen, dass Sexroboter und Liebespuppen, die kindähnlich aussehen, in halböffentlichen und öffentlichen Bereichen etabliert werden. Konkret bin ich gegen Kinderroboter und -puppen in Bordellen, weil sie zur Normalisierung beitragen könnten. Ich bin kein großer Freund von Tabus, aber manchmal brauchen wir sie.«

Die Frage, ob Pädophile mit solchen Robotern therapiert werden dürfen, bewertet Bendel differenziert. »Es ist zunächst einmal ein Trieb, eine Geisteshaltung, keine Handlungsweise. Vermutlich leben die meisten Pädophilen ihre Phantasie nicht aus.« Mit Sexrobotern und Liebespuppen könnten sie ihre Fantasie ausleben, wenn auch mit Artefakten. Das könne positive und negative Effekte haben. »Generell spricht für mich aus ethischer Sicht nichts dagegen, kindliche Sexroboter in begleiteten Maßnahmen einzusetzen«, konstatiert Bendel.

Bleibt die Frage nach dem privaten Raum, nach dem eigenen Haushalt. »Wenn sich durch Forschung herausstellt, dass die negativen Effekte enorm und Opfer zu befürchten sind, sollte man jenseits des Moralischen ein Verbot in Betracht ziehen«, fordert Bendel. Der Wissenschaftler bedauert, dass es generell zu wenig Forschung in diesem Bereich gebe. »Die meisten Hochschulen möchten nicht mit Forschung in diesem Bereich in Verbindung gebracht werden, und es finden sich kaum Testgruppen und -personen.«

Wie so häufig hinkt die ethische Bewertung dem technischen Fortschritt hinterher. Zwar gibt es von der Herstellerfirma TrueCompanion keine offiziellen Verkaufszahlen. Doch angesichts der 600 Exemplare, die Konkurrent Abyss Creations von seinen RealDoll-Modellen jährlich vertreibt, darf man wohl von einer Normativität des Faktischen ausgehen.

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