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Hirschhausens Hirnschmalz: Doktorspiele

Von wegen »nur« ein Placebo! Auch in der Medizin versetzt der Glaube nachweislich Berge. Schade, dass Ärzte das so selten nutzen, findet unser Kolumnist Eckart von Hirschhausen.
Dr. Eckart von HirschhausenLaden...

Das ist doch nur der Placeboeffekt! So lautet ein beliebtes Argument gegen alle möglichen Formen von Alternativmedizin. Was heißt denn hier »nur«? Die Erwartung des Patienten an seine Behandlung ist einer der stärksten Wirkfaktoren in der Medizin überhaupt. Deshalb ist es ein Jammer, dass angehende Ärzte so viel mehr über Biochemie und Strahlentherapie lernen als über die Rolle ihres eigenen Verhaltens und ihrer Ausstrahlung. Sollten sie ihre Rolle als »Heiler« nicht wesentlich ernster nehmen? Lassen sich Patienten von der Haltung des Behandlers denn etwa nicht anstecken? Und wenn ja, über welche Kanäle läuft das?

Selbsterfüllende Prophezeiungen gibt es nicht bloß in der Medizin. Wenn Lehrer glauben, einen besonders begabten Schüler vor sich zu haben, schreibt das Kind bessere Noten und weiß tatsächlich auch mehr. Geriatrische Patienten sind fitter, wenn der Untersucher auf Grund seiner Vorinformationen sie für gesünder hält. Und selbst Nagetiere finden schneller aus einem Labyrinth, wenn der Experimentator glaubt, das Tier habe leistungssteigerndes Futter bekommen. Wie um alles in der Welt geht das?

In einer aktuellen Studie bildeten Studierende Zweierteams: Einer durfte Doktor spielen, der andere gab den Patienten. Der »Doktor« bekam zwei Cremes, eine war angeblich schmerzstillend, die andere nicht. Tatsächlich waren beide vollkommen wirkstofffrei. Zuerst durfte der »Doktor« die Cremes an sich selbst ausprobieren – als Schmerzreiz diente dabei eine heiße Elektrode. Und weil beim Einsatz der vermeintlichen Schmerzsalbe die Elektrode heimlich kühler gestellt wurde, war der Doc anschließend davon überzeugt, eine wirksame Medizin in der Hand zu haben. Bekam der Patient nun ebenfalls das »Thermedol«, das angeblich Linderung versprach, ließ der wahrgenommene Schmerz prompt nach. Das bestätigte auch die objektive Messung des Hautwiderstands und der Aktivität der Gesichtsmuskeln – bei den Docs!

Sprich: Allein schon die Erwartung, dem leidenden Gegenüber etwas Gutes zu tun, spiegelte sich im Gesichtsausdruck der Wohltäter wider. Was die Erwartungsübertragung wohl mindestens zum Teil erklärt. Hinzu kamen eine erhöhte Aufmerksamkeit und Empathie gegenüber den Patienten. Wenn das schon beim Laien­theater so gut funktioniert – wie viel mehr könnten richtige Mediziner punkten, wenn sie richtigen Patien­ten die richtigen Worte und Gesten gönnten?

Doch traurigerweise wird Medizinstudierenden über die Ausbildungszeit ihre Empathie eher abtrainiert, wie Längsschnittstudien zeigen. Und wenn Medikamententests mit aller Gewalt und Raffinesse den Placeboeffekt ausschließen, damit er die Wirksamkeitsbeurteilung nicht verfälscht, dann sollte man sich trotzdem daran erinnern: nach der Doppelblindstudie und dem saube­ren Pharmako-Check bitte die Augen wieder aufmachen und alles dafür tun, dass man über Augenzwinkern, Berührung und Zuspruch möglichst sämtliche Heilkräfte mobilisiert, die zur Verfügung stehen! Also mindestens zwei dieser drei: Glaube, Liebe, Hoffnung. Als Kinder haben wir doch auch alle gerne Doktor gespielt. Warum tun es nur die Erwachsenen nicht mal mehr dann, wenn sie tatsächlich Doktor geworden sind?

2/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 2/2020

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