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Leseprobe »Rätsel Mensch«: »Wir haben Zugang zu den Dingen an sich«

Gaukelt unser Denkapparat uns die Welt nur vor? Der Bonner Philosoph Markus Gabriel widerspricht einer alten Ansicht, wonach »alles« eine Konstruktion des Gehirns ist. Sein Gegenmodell heißt: Neuer Realismus. Eine Leseprobe
Frau in verschiedenen Farben

Herr Professor Gabriel, Denken ist das Metier von Philosophen. Was genau tun Sie, wenn Sie denken?

Das hängt von der Betrachtungsebene ab. Zunächst einmal sammle ich Texte und Aussagen anderer Menschen: Ich lese, bespreche mich mit Kollegen und tausche Meinungen mit ihnen aus. Aber was passiert dann? Ich würde sagen, Philosophen filtern Begriffe heraus. Wenn wir zum Beispiel wie jetzt gerade über das Denken nachdenken, versuchen wir, den Begriff des Denkens zu erfassen und Schlüsse darüber zu ziehen, was er bedeutet und wie er mit den Dingen in der Welt zusammenhängt. Philosophen glauben gerne, Denken gründe vor allen Dingen auf Logik. Das könnte aber auch ein Vorurteil sein. (lacht)

Ist unser Denken, wenn es derart Begriffe seziert, zwangsläufig an Sprache gebunden?

Ich glaube nicht, dass es Denken nur in sprachlicher Form gibt. Die Artikulation von Gedanken geschieht eher beiläufig. Denken ist ein Umgang mit Bildern, Begriffsbildern. Ich entdecke einen Zusammenhang und denke »so sieht das für mich aus«, was viel mit Gefühl und Ahnung zu tun hat. Erst im zweiten Schritt versuche ich dann wie ein Steinmetz den Kern der Sache herauszumeißeln; Sprache ist hierfür ein nützliches Instrument. Der artikulierte Begriff muss sich dabei immer im jeweiligen Kontext bewähren, in welchem er erscheint.

Markus Gabriel

wurde 1980 in Remagen geboren. Er studierte Philosophie, Klassische Philologie und Germanistik in Hagen, Bonn und Heidelberg. Nach einer Assistenzprofessur an der New School of Social Research in New York erhielt er 2009 einen Ruf als Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Mit 29 Jahren war er damals jüngster Philosophieprofessor in Deutschland.

Ist das philosophische Denken also letztlich nur ein Streit um Wörter?

Nein, es gibt ja Begriffe jenseits der Sprache; sie sind nicht mit Wörtern identisch. »Hund« und »Köter« zum Beispiel sind verschiedene Ausdrücke für denselben Begriff – eben diese haarigen Typen mit vier Beinen und einer bestimmten genetischen Ausstattung. Denken ist das Haben von Gedanken – aber was hat man da? Psychologen beschreiben, auf welche Arten und Weisen man Gedanken haben kann. Auch Hirnforscher untersuchen beispielsweise die Bedingungen für das Haben von Gedanken, und Evolutionsbiologen stellen Theorien darüber auf, wie sich diese Bedingungen entwickelten. Philosophen interessieren sich für die Gedanken selbst.

Benutzen Sie beim Denken Hilfsmittel?

Ich externalisiere meine Gedanken etwa, indem ich sie aufschreibe. Diagramme aufzuzeichnen, ist ebenfalls oft sehr hilfreich. Und vor allem lehren, Vorträge halten – eine These aufstellen und sie an den Reaktionen der anderen messen. Manchmal redet man stundenlang mit Kollegen, die anderer Ansicht sind als man selbst, und es kommen alle zu erwartenden Einwände zur Sprache. Dann geht man zusammen etwas trinken, und um Mitternacht sagt ein Kollege irgendwas aus dem Bauch heraus, und man merkt auf einmal: Stopp, in meiner Argumentation stimmt etwas nicht! Das sind beglückende Momente.

Woher wissen Sie, wann ein Gedanke zu Ende gedacht und eine Argumentation schlüssig ist?

Ganz sicher weiß man das nie. Philosophie ist ja auch eine fehlbare Wissenschaft. Mein Kriterium lautet meistens: wenn ich Kollegen, die eigentlich anderer Meinung sind, dazu bringe, mir zuzustimmen. Leider tun die das selten; kaum ein Philosoph sagt zum anderen: »Du hast Recht, und ich lag falsch.« In der Philosophie ist es aber letztlich wie in jeder anderen Wissenschaft: Etwas gilt so lange als richtig, bis es widerlegt wird.

Aber manche Annahmen und Theorien sind kaum endgültig zu entscheiden, oder?

Ja, hier kommt eine gewisse Unberechenbarkeit ins Spiel. 2000 Jahre lang dachten Mathematiker etwa, der euklidische Raum sei alles (s. Box »Euklidischer Raum«; Anm. d. R.). Dann merkt einer, wenn ich das über eine Kugel spanne, sind einige Sätze auf einmal falsch. Im gekrümmten Raum sieht die Sachlage eben ganz anders aus. Solche Paradigmenwechsel gibt es ebenso in der Philosophie.

Kurz erklärt: Euklidischer Raum

Euklid von Alexandria (etwa 3. Jahrhundert v. Chr.) beschrieb in seiner Schrift »Elemente« die Grundlagen des »Raums der Anschauungen«, auf denen die klassische Arithmetik und Geometrie aufbauten. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entdeckten Mathematiker wie Carl Friedrich Gauß (1777–1855), dass sich Euklids Axiome nicht schlüssig auf gekrümmte Räume anwenden lassen. Ohne die moderne, nicht-euklidische Geometrie wäre Albert Einsteins (1879–1955) allgemeine Relativitätstheorie im wahrsten Sinn undenkbar.

Wenn auf das Denken kein Verlass wäre, hätten Sie als Philosoph ein Problem. Führt das nicht dazu, dass man die Macht des Denkens vorsorglich gerne überschätzt?

Nun, Philosophen zweifeln ja von jeher. Das nennt man Skeptizismus. Was wäre denn, wenn alles Denken falsch wäre? Woher wissen wir, dass wir überhaupt wahre Gedanken haben? Für einen begründeten Zweifel an der Wahrheitsfähigkeit unserer Gedanken nimmt man eine Theorie in Anspruch, die man für wahr halten muss. Es ist deswegen prinzipiell unmöglich, die Macht des Denkens zu überschätzen oder sie umgekehrt vollständig in Zweifel zu ziehen.

In Ihrem Buch »Warum es die Welt nicht gibt« wenden Sie sich gegen die Vorstellung, dass uns die Filter der Wahrnehmung und des Denkens unüberwindlich von den Dingen »an sich« trennen. Galt das nicht seit Immanuel Kant als ausgemacht?

Vielleicht stehen wir hier gerade an der Schwelle zu einem Paradigmenwechsel. Es gibt eine Gruppe von Philosophen vor allem in den USA, aber auch hier zu Lande, in Italien und Frankreich, die argumentieren, dass wir notwendig einen Zugang zu Dingen an sich haben müssen. An die Kant-These in ihrer traditionellen Form glaubt eigentlich niemand mehr. Ich denke zum Beispiel, dass es Farben an sich gibt, nicht nur in unserer Wahrnehmung.

(Der anwesende Fotograf fragt:) Ach, wirklich?

Natürlich. Selbst wenn »grün« nur bedeuten würde »Wellenlänge x oder y«, wären die Dinge ja immer noch grün. Das Wort »grün« würde dann nur etwas anderes bedeuten. Man muss unterscheiden, ob es Farbwahrnehmungen gäbe, wenn niemand sie hätte (natürlich nicht!), und ob es Farben gäbe, wenn niemand sie wahrnähme (natürlich schon!).

Sie schreiben, die Welt sei weder eine »Welt ohne Zuschauer« noch »die Welt des Zuschauers«. Was denn dann?

Die Welt besteht aus Sinnfeldern, wie ich das nenne. Nehmen wir den einfachen Fall, dass ich gerade etwas wahrnehme. Es gibt dabei sowohl das Wahrgenommene als auch meine Wahrnehmung. Beide sind gleich real und objektiv. Nur die Gesamtheit aller Dinge und Tatsachen kann aus logischen Gründen nirgends vorkommen, das heißt, sie erscheint in keinem Sinnfeld. Und damit ist sie undenkbar.

Viele Menschen teilen die Vorstellung, dass die Welt, wie wir sie sehen, ein Produkt des Gehirns ist. Warum halten Sie das für falsch?

Der Neurokonstruktivismus, wie diese Haltung genannt wird, führt sich selbst ad absurdum. »Alles ist relativ« ist eine Aussage, die keinen Sinn ergibt. Einen solchen Standpunkt kann man aus logischen Gründen nicht einnehmen, denn wenn alles relativ wäre, also von der subjektiven Sichtweise des Betrachters abhinge, würde dies auch für diesen Satz selbst gelten. Ähnlich ist es mit dem Gehirn: Wir machen das Gehirn zum Objekt, um Aussagen über es zu treffen. Das Gehirn wird damit nicht »durch das Gehirn« selbst hervorgebracht. Wir finden heraus, dass wir Gehirne haben, und erfinden diese nicht. Unter anderem deswegen bringt das Gehirn nicht die wahrgenommene Wirklichkeit hervor.

Aber wenn wir nicht in absoluten Kategorien sprechen, also nicht sagen »alles ist relativ«, sondern nur »fast alles oder vieles«, zieht Ihr Argument schon nicht mehr. Ist es nicht etwas geschummelt, eine These so sehr zu erweitern, um sie dann ad absurdum zu führen?

Das ist in der Tat eine spannende Frage. Ich glaube schon, dass es Überzeugungsfilter gibt. Es kann also sein, dass mein Denken teilweise einer Verzerrung unterliegt. Aber das ändert nichts daran, dass es einen Unterschied zwischen wahren oder falschen Überzeugungen gibt. Das meinte übrigens auch René Descartes, als er alles in Zweifel zog – außer ebendiesen radikalen Zweifel selbst. Vielleicht träumen wir ja alles nur, das kann ich weder beweisen noch widerlegen. Aber gerade weil diese Frage weder zu begründen noch zu widerlegen ist, ist sie philosophisch gesehen egal.

Wie gut haben wir unser Denken im Griff? Ob jemand zu einer Einsicht gelangt oder nicht, liegt doch oft jenseits seiner Kontrolle.

Das stimmt, wir sind auf Eingebungen angewiesen. Aber wir können durchaus etwas tun, um diese zu fördern. Philosophisches Denken heißt, eine rationale Gründeordnung zwischen Gedanken herzustellen. Aber ohne Intuition und Bauchgefühl kann einem nichts einfallen, was man ordnen könnte. Wir sind eben keine Rechenmaschinen.

Worin unterscheidet sich produktives Denken von Tagträumerei und Grübeln?

Dadurch, dass sich Ersteres begründen lässt und zu geordnetem Weiterdenken Anlass gibt.

Was sind weit verbreitete Denkfallen?

Ich glaube, ein häufiger Fehler liegt darin, dass man Zusammenhänge, die man in einem Bereich als gültig erkannt hat, unzulässigerweise auf andere überträgt. Nehmen wir die Ansicht, die Voreinstellungen unseres Gehirns verzerrten unser Bild der Welt. Mit anderen Worten: Wir schütten gern das Kind mit dem Bad aus und überdehnen den Bedeutungshorizont einer Erkenntnis, zu der wir gekommen sind. So folgt aus der Tatsache, dass jede meiner Überzeugungen falsch sein könnte, keineswegs, dass alle meine Überzeugungen falsch sein können, denn von irgendeinem Begriff der Wahrheit muss ich ja ausgehen. Ein anderes, verbreitetes Beispiel: »Gehirn und Geist sind miteinander identisch, also bringt das Gehirn den Geist hervor.« Das funktioniert nicht! Was miteinander identisch ist, kann sich nicht gegenseitig hervorbringen. Entweder Gehirn und Geist sind identisch, oder das Gehirn bringt den Geist hervor.

Haben Sie einen Tipp für klareres Denken?

Ich finde es wichtig, den Zustand auszuhalten, wenn sich ein Gedanke noch in der Schwebe befindet. Man sollte nicht zu schnell nach dem erstbesten Strohhalm greifen und sich mit einer schnellen Antwort zufriedengeben. Wir machen geistig immer nur kleine Schritte, es dauert, bis wir beim Denken Samba tanzen können. Deshalb ist Geduld eine wichtige Tugend.

Das Interview fand in der Bibliothek des Deutsch-Amerikanischen Instituts (DAI) in Heidelberg statt. Gehirn&Geist-Redakteur Steve Ayan war beeindruckt davon, mit welcher Selbstverständlichkeit Markus Gabriel Sätze sagt wie: »Das Nichts ist undenkbar; wenn es das Nichts gäbe, gäbe es immerhin eins – nämlich nichts.«

Literaturtipp

Gabriel, M.: Warum es die Welt nicht gibt. Ullstein, Berlin 2013.
Allgemein verständliche Einführung in die Theorie des Neuen Realismus.

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