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Depression: Die vermeintliche Demenz

Wenn das Erinnerungsvermögen nachlässt, fürchten viele ältere Menschen, sie würden dement werden. Doch hinter den Gedächtnisproblemen steckt manchmal keine neurologische, sondern eine psychische Erkrankung.

Als »chronisch ängstlichen Bergmann« beschrieb der australische Neurologe Leslie Kiloh einen Patienten, den er nach seinen Initialen G. L. nannte. Gelegentlich verschlimmerten sich die Beschwerden des Mannes, so der Arzt, und teils nahmen sie phobische Züge an. Den Dienst bei der Armee hatte G. L. nach einem Autounfall aus psychischen Gründen aufgegeben.

Der Patient war 59 Jahre alt, als sein Schwager einen tödlichen Herzinfarkt erlitt. Im Folgemonat starb sein Vater, bei dem drei Jahre zuvor eine Demenz diagnostiziert worden war. Nur wenig später, während G. L. im Garten arbeitete, brach er erschöpft zusammen. Am nächsten Tag war er unfähig, zur Arbeit zu gehen. Ein Arzt verschrieb ihm Medikamente gegen Bluthochdruck, doch sein Zustand verschlechterte sich. Er wirkte niedergeschlagen, leicht reizbar und antriebslos. Sein Interesse für alltägliche Dinge schwanden, ebenso geschwächt war sein Konzentrationsvermögen. Nach eigener Aussage wurde er zudem immer vergesslicher – und das, klagte er, war schon seit über einem Jahr so.

Leslie Kiloh zog für die Diagnose einen weiteren Experten hinzu. Dieser machte mit G. L. verschiedene Tests, prüft dessen Aufmerksamkeit und Erinnerungsvermögen. Zudem ließ er ein Elektroenzephalogramm und Röntgenaufnahmen des Schädels anfertigen. Die Resultate schienen eindeutig: Mit nicht einmal 60 Jahren litt G. L. offenbar an präseniler Demenz. Doch Kiloh untersuchte G. L. weiter. Der Gedächtnisschwund, auf dem die Diagnose fußte, schwankte von Tag zu Tag. »Insgesamt erschien der Patient gut orientiert, obwohl er gelegentliche Fehler machte«, notierte der Arzt. Jedenfalls verschlechterte sich der Zustand von G. L. nicht kontinuierlich, wie es bei einer Demenz zu erwarten gewesen wäre. Dagegen trat eines immer deutlicher zu Tage: Der Mann war offensichtlich depressiv.

Als Kiloh diese Verstimmung behandelte, erholte sich G. L. rapide. Bald konnte er nach Hause zurückkehren und wieder seiner Arbeit nachgehen. Ein halbes Jahr später war die Vergesslichkeit, über die der Patient geklagt hatte, wie weggeblasen. Von der Demenz, die ihm anfangs bescheinigt wurde, keine Spur mehr…

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  • Quellen

Alexopoulos, G. S.: Mechanisms and treatment of late-life depression. Translational Psychiatry 9, 2019

Anguera, J. A. et al.: Improving late life depression and cognitive control through the use of therapeutic video game technology: A proof-of-concept randomized trial. Depression and Anxiety 34, 2017

Leaver, A. M. et al.: Resilience and amygdala function in older healthy and depressed adults. Journal of Affective Disorders 237, 2018