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Angebliche Jura-Vögel aus China sind kreidezeitlich

Die Position von Archaeopteryx als bisher ältester Vogel der Erdgeschichte ist nun doch nicht gefährdet. Seine Konkurrenz aus dem Fernen Osten erwies sich bei neuesten Datierungen als rund 30 Millionen Jahre jünger.

Einiges Aufsehen erregte vor gut einem Jahr die Entdeckung fossiler Vogelreste in Nordostchina. Die Skelette wiesen einerseits Merkmale wie einen Hornschnabel, einen kurzen Schwanz und das Fehlen von Zähnen auf, die ein recht fortgeschrittenes Entwicklungsstadium bezeugen, stammten aber andererseits aus einer geologischen Formation, die aufgrund radiometrischer Befunde dem Oberjura zugeordnet wurde. Mit einem Alter von mehr als 145 Millionen Jahren wäre Confuciusornis sanctus, wie die neue Frühvogelart wissenschaftlich genannt wurde, somit nahezu ein Zeitgenosse von Archaeopteryx gewesen, dem bisher ältesten bekannten Vogel, der im Vergleich zu seinem fernöstlichen Verwandten jedoch ein deutlich niedrigeres Entwicklungsniveau verkörpert. Als ich seinerzeit über den neuen Fund berichtete, wies ich bereits deutlich auf die Problematik der Datierung hin (Spektrum der Wissenschaft, Juni 1996, Seite 30). Anders als die Solnhofener Plattenkalke, in denen die Archaeopteryx-Fossilien gefunden wurden, enthält die festländische Yixian-Formation in der nordostchinesischen Provinz Liaoning, aus der Confuciusornis stammt, nämlich keine marinen Leitfossilien, die eine paläontologische Datierung erlauben würden. Sie besteht vielmehr aus Süßwasserablagerungen von kleinen, isolierten Seen, die von mehreren Lagen vulkanischer Gesteine durchsetzt sind. Aus diesen Vulkaniten stammen auch die Proben für die bisherige Datierung, bei der die Konzentrationen der Radioisotope von Kalium (K), Argon (Ar), Rubidium (Rb) und Strontium (Sr) bestimmt wurden. Nun hat eine kanadisch-chinesische Gruppe von Geochronologen und Paläontologen unter Leitung von Patrick E. Smith von der Universität Toronto jedoch genauere absolute Altersbestimmungen der Yixian-Formation durchgeführt ("Canadian Journal of Earth Sciences", Band 32, Seite 1426). Die Forscher bedienten sich dazu der Laserfusions-Technik, bei welcher der Gehalt des Gesteins an 40Ar-Gas ermittelt wird, das beim radioaktiven Zerfall von 40K entsteht. Außerdem entnahmen sie diesmal nicht nur Proben aus den vulkanischen Gesteinen der unteren und oberen Yixian-Formation, sondern auch aus den fossilführenden Seesedimenten im mittleren Abschnitt und datierten sie unabhängig voneinander. Die für die verschiedenen Schichten erhaltenen Meßergebnisse stimmen ausgezeichnet überein. Die gesamte Yixian-Formation hat danach ein Alter zwischen 121,1 und 122,9 Millionen Jahren. Dies entspricht nach der neuesten geologischen Zeittabelle gemäß internationalem Standard der höheren Unterkreide – genauer: dem Grenzbereich von Barreme und Apt. Die Jura-Kreide-Grenze liegt nach dieser Tabelle bei ungefähr 144 und das Alter der Solnhofener Schichten – und somit auch von Archaeopteryx – bei etwa 150 Millionen Jahren. Nach den neuen Datierungen waren Confuciusornis und weitere Gattungen fossiler Vögel, die erst vor kurzem in der Yixian-Formation entdeckt wurden, also keine Zeitgenossen von Archaeopteryx, sondern Kreidevögel, die fast 30 Millionen Jahre später lebten. Dies erklärt auch ihr fortgeschrittenes Entwicklungsstadium. Als weitere Konsequenz ist zudem das Alter der anderen Kreide-Vögel aus Liaoning, Sinornis und Cathayornis, zu korrigieren (Spektrum der Wissenschaft, August 1992, Seite 32). Sie stammen aus der nächstjüngeren Jiufotang-Formation, die bisher auf ein Alter von etwa 135 Millionen Jahre geschätzt und somit in die tiefere Unterkreide (Valangin) eingestuft worden war. Nach den neuen Messungen wäre ihr Alter jedoch auf jeden Fall geringer als 121 Millionen Jahre, was dem Apt entspricht. Die neuen Zahlen machen auch die Schlüsse hinfällig, die aus der Einordnung von Confuciusornis in den Oberjura über die frühe Evolution der Vögel gezogen worden waren. Danach besteht kein Grund mehr, tiefere phylogenetische Wurzeln für diesen Tierstamm zu vermuten, und es bleibt dabei, daß sich seine eigentliche adaptive Radiation, die Aufspaltung in mehrere vielgestaltige Gruppen, höchstwahrscheinlich erst in der Unterkreide vollzogen hat.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1997, Seite 23
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1997

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