Direkt zum Inhalt

Bildhaftes Denken in der Eiszeit

Während der längsten Zeit ihres Daseins haben die Menschen nur wenige technische und kulturelle Neuerungen geschaffen. Dann plötzlich – in Europa vor etwa 35000 Jahren – begannen sie, Körperschmuck, abstrakte Muster und realistische Darstellungen, insbesondere Gravuren und Skulpturen von Tieren, hervorzubringen.

Zweieinhalb Millionen Jahre lang haben die Hominiden offenbar nur reine Gebrauchsgegenstände angefertigt – erhalten sind jedenfalls hauptsächlich einfache Steinwerkzeuge wie Faustkeile, Kratzer und Schaber. Scheinbar unvermittelt ereignete sich dann im eiszeitlichen Europa etwas grundlegend Neues. Vor rund 35000 Jahren tauchten nicht nur bis dahin unbekannte Werkzeugtypen und Geräte aus Stein, Knochen und Geweihen auf, sondern erstmals auch Gegenstände von symbolischem Gehalt.

Zum einen waren es ornamentale Objekte, Perlen und Anhänger, die offenbar als Körperschmuck verwendet wurden, zum anderen rätselhafte Punktmuster und sowohl zwei- als auch dreidimensionale Darstellungen nach einem natürlichen Vorbild. Diese kulturelle Revolution ereignete sich gleichzeitig in weiten Teilen West- und Osteuropas und markiert den Beginn des Aurignacien (benannt nach einer Fundstelle in Südfrankreich), der – nach der einfachsten Einteilung – ersten Kulturstufe der jüngeren Altsteinzeit während der vierten und letzten Vereisungsepoche des Eiszeitalters. Wie kam es dazu?

Lange glaubte man an biologische Hintergründe. Man vermutete, in der fraglichen Zeit sei der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens sapiens) entstanden, habe den älteren Neandertaler (den man heute als Homo sapiens neanderthalensis klassifiziert) verdrängt und seine besonderen geistigen Fähigkeiten entfaltet.

Nach neueren Erkenntnissen ist diese Vorstellung nicht mehr plausibel. Heute nehmen viele Forscher an, daß sich der Homo sapiens sapiens vor 100000 Jahren – oder noch früher – in Afrika entwickelt hat und schon einige Jahrtausende vor Beginn des Aurignacien nach Europa kam. Dinge, die etwas symbolisierten, hat er unseres Wissens bis dahin nicht verfertigt.

Daß die Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich Ornamente und Bildwerke – also Repräsentationen von abstrakt-ästhetischen Vorstellungen und von Natureindrücken – herstellten, dürfte demnach nicht an einer gleichzeitigen entscheidenden Höherentwicklung speziell des Gehirns gelegen haben, sondern scheint sich allein aus kulturellen Prozessen zu begründen. Die analytische Deutung dieser frühesten materiell umgesetzten Imaginationen sollte mithin ein tieferes Verständnis dafür vermitteln, worauf die seitherige Entwicklung der Menschheit basiert.


Die kulturelle Evolution der Eiszeit

Allgemein wird der Beginn des Aurignacien mit dem einschneidenden Übergang vom mittleren zum jüngeren Paläolithikum gleichgesetzt. Den damaligen technologischen Wandel zudem mit dem Auftreten des modernen Menschen in der Evolutionsgeschichte zu assoziieren, wie man es früher weithin tat, läßt sich aber nicht mehr vertreten, seit im Nahen Osten und in Südafrika 90000 Jahre alte Skelettreste von Homo sapiens sapiens gefunden worden sind.

Genetische Untersuchungen am Erbmaterial von Mitochondrien (bestimmten Zellorganellen) heutiger Menschen brachten zudem die Hypothese in die Diskussion, daß alle modernen Populationen einen gemeinsamen afrikanischen Ursprung haben, der grob gerechnet rund 200000 Jahre zurückliegt. Manche Wissenschaftler deuten dies so, daß die gegenwärtige Weltbevölkerung ausschließlich von Gruppen abstammt, die sich von Afrika her über die übrigen Kontinente ausbreiteten; allerdings ist das Modell noch umstritten (Spektrum der Wissenschaft, Juni 1992, Seite 72 und Seite 80).

Die Besiedlung Westeuropas durch den modernen Menschen war offenbar vor rund 30000 Jahren abgeschlossen, denn statt des bis dahin durch Relikte belegten eher robust und kräftig gebauten Neandertalers finden sich hier nun nur noch Skelettreste des grazileren, schlankeren modernen Menschentypus. Anscheinend geschah diese Ablösung innerhalb von nur 5000 Jahren. Was immer sich damals in anderen Teilen der Welt abgespielt haben mag – nach dieser Zeit waren das Schmücken des Körpers und anderes bildnerisches Gestalten, das alle heutigen Kulturen kennen, nicht nur überall in Europa etabliert, sondern selbst im fernen Australien.

Besonders reiches Material aus dem Aurignacien bargen die vielen Fundstellen in Frankreich, Belgien und Deutschland. Ich möchte die frühesten bekannten Vorkommen von Körperschmuck beschreiben und abhandeln, wie man sie mit anderen Entwicklungen im Übergang zur jüngeren Altsteinzeit in Verbindung zu bringen sucht. Vornehmlich möchte ich darlegen, wie dieses Phänomen mit dem ersten Anfertigen von bildnerischen Schöpfungen zusammenhing.


Fundinventare

Die größten Schmuckvorkommen der frühesten Zeit werden den ersten Phasen des Aurignacien zugeordnet, das man in den Abschnitt vor 34000 bis vor 30000 Jahren datiert. In den gleichen Schichten wie diese Ornamente finden sich Relik-te hochentwickelter Werkzeugindustrien, die Steine, Knochen und Geweihe verarbeiteten. Darunter sind kleine Messerchen, Schaber und Kratzer, die man aus planvoll und präzise verfertigten Feuersteinabschlägen herrichtete, sowie knöcherne Pfrieme und Ahlen und aus Gehörn geschnitzte Keile, Speerspitzen und Glätter. Es war eine Ausstattung an Gerätschaften, mit der sich verhältnismäßig kleine Gruppen zu behaupten vermochten, die große pflanzenfressende Tiere wie Ren, Mammut, Wildpferd, Wisent und Rothirsch jagten. Auch für Flußfischerei und Vogeljagd finden sich unter den Hinterlassenschaften dieser Periode erstmals deutliche Hinweise.

An Hunderten von Plätzen, wo sich im Aurignacien Menschengruppen aufhielten, sind Objekte gefunden worden, die wie Perlen oder Anhänger aussehen. Sie wurden aus allen möglichen Materialien gefertigt, beispielsweise aus weichem Gestein, Muscheln und Zähnen, am häufigsten aber aus Mammut-Elfenbein. Viele Stücke sind mit Löchern versehen, so daß sie sich auffädeln ließen.

Für das auf das Aurignacien folgende Gravettien ist belegt, daß solche Objekte tatsächlich als Körperschmuck dienten. Sungir bei Moskau etwa, ein 28000 bis 24000 Jahre alter Fundort, barg Tausende von sorgsam gearbeiteten Elfenbeinperlen und durchbohrten Tierzähnen, die – wie zu langen Schnüren aufgereiht – über den Gebeinen mehrerer Menschen lagen.

Auch schon im späten Aurignacien hat man Tote mit solchen kunsthandwerklichen Produkten beerdigt: In der Höhle bei Cro-Magnon im Vézèretal in Südfrankreich, dem wohl bedeutendsten Fundort des Aurignacien überhaupt, hatten Eisenbahnarbeiter 1868 die Skelette von vier Erwachsenen und einem Fötus entdeckt; bei ihnen lagen zahllose durchbohrte Muscheln und ein Anhänger aus Elfenbein. Diese Menschen, nach deren Fundort der klassische Typus des anatomisch modernen Homo sapiens benannt worden ist, hatten vor etwa 28000 Jahren gelebt.

Doch die allerältesten Schmuckstücke – bereits vom Beginn des Aurignacien – stammen nicht aus Gräbern; zu Hunderten hat man sie vielmehr in Lagern und an sonstigen Aufenthaltsorten früher europäischer Vertreter des Homo sapiens sapiens gefunden. Falls zutrifft, was Robert H. Gargett von der Universität von Kalifornien in Berkeley in die Diskussion brachte, daß nämlich die Neandertaler ihre Toten vielleicht überhaupt noch nicht bestattet hätten, wären Beisetzungen erst einige Zeit nach dem Auftauchen des Menschen unseres Typs in Europa aufgekommen. Wie dem auch sei – bei unseren Untersuchungen zum Ursprung des Körperschmucks können wir uns nicht auf Grabfunde stützen. Dies bedeutet, daß sich schwer herausfinden läßt, ob der Zierat etwa auch benutzt wurde, um wichtige soziale Merkmale wie Alter oder Geschlecht zu betonen.


Die ersten Schmuckindustrien

Bevor ich zur Deutung dieser ornamentalen Objekte komme, möchte ich auf ihre Verteilung nach Fundplätzen und ihre Herstellung eingehen. Zwar fanden sie sich im Aurignacien an vielen Stellen in größerer Zahl, doch die Mengen unterscheiden sich von Ort zu Ort beträchtlich: Manche Plätze bergen trotz bester Erhaltungsbedingungen entweder gar keine oder höchstens eine Handvoll solcher Pretiosen, andere wieder Hunderte. Dort kamen oft außer fertigen auch halbbearbeitete Objekte zum Vorschein und dazu der Abfall, der beim Herstellen anfiel. Der Schmuck dürfte demnach vielfach an den Fundplätzen selbst fabriziert worden sein – die einzelnen Arbeitsschritte lassen sich sogar nachvollziehen.

Verblüffenderweise stammte das verwendete Material meistens gar nicht aus der Gegend. Offensichtlich nahmen im Aurignacien die Möglichkeiten, sich geschätzte Werkstoffe anderswoher zu besorgen, enorm zu. Verschiedene weiche Gesteine, Muscheln und Elfenbeinstücke kamen von Hunderte von Kilometern entfernten Orten. Ob einzelne Menschen dafür eigens weite Strecken zurücklegten oder sich schon eine Art Tauschhandelsnetz zwischen verschiedenen Gruppen etablierte, wissen wir nicht. Bemerkenswert ist aber, daß man aus den über große Entfernungen bezogenen Materialien meistens Schmuck anfertigte, kaum je Gebrauchsgegenstände wie Werkzeuge oder Waffen.

Das zeigt, wieviel den Menschen die für sie exotischen Güter wert waren: Sie wurden hauptsächlich benutzt, um eine Person in ihrem sozialen Umfeld sichtbarlich hervorzuheben. Mehr noch – wo sich der meiste Schmuck fand, waren auch besonders viele Stücke ortsfremden Materials vorhanden. Vielleicht handelte es sich tatsächlich um Plätze, an denen die Menschen vereinbarungsgemäß diese Güter tauschten und dazu möglicherweise von weither zusammenkamen. Es gäbe dafür allerdings auch andere Erklärungen, doch waren diese Stätten jedenfalls etwas Besonderes und hatten irgendeine gesellschaftliche Relevanz.

Die Weiterverarbeitung der Materialien geschah anscheinend nach bestimmten, recht komplexen Vorstellungen. Das fing schon mit der Wahl der Rohstoffe an: Offenbar sind sie für jedes Objekt bewußt ausgesucht worden. So bilden durchbohrte Tierzähne eine größere Kategorie von Schmuckstücken, aber sie mußten von bestimmten Arten stammen, meist von Raubtieren wie Füchsen, Wölfen, Hyänen oder Bären. Es gibt jedoch Ausnahmen: Bei Mladec in der ehemaligen Tschechoslowakei kam eine Fülle von durchbohrten Biberzähnen zutage.

Man kann sich vorstellen, daß die Hersteller mit dieser Wahl auf bestimmte Eigenschaften der Tiere abzielten, sie also sich aneignen oder bei anderen den Eindruck davon evozieren wollten. Für diese Form von Abstraktion – daß nämlich ein Teil das Ganze symbolisieren soll – gibt es aus viel späterer Zeit in der Literatur und besonders in der Mythologie zahllose Beispiele. Eine klassische solche Metonymie (Gebrauch eines Ausdrucks in übertragenem Sinne) findet sich etwa bei Homer, wenn er mitunter das Wort "Segel" für "Schiff" verwendet. Auch von heutigen urtümlichen Gesellschaften sind Übertragungen ähnlicher Art bekannt: Bestimmte Objekte oder auch Rituale verhelfen nach dieser Vorstellung tatsächlich zu Eigenschaften eines anderen Wesens. Daß die Menschen im Aurignacien gerade Raubtierzähne wählten, paßt gut in dieses Bild, denn wie diese ernährten sie sich in erster Linie von der Jagd, wie man an den hinterlassenen Abfällen erkennt.

Bei aller Komplexität der Gedankenwelt, die offensichtlich hinter der Ornamentik des Aurignacien stand, variierten die für die Umsetzung der Konzepte verwendeten Technologien stark in ihrer Raffinesse. Zu den simpelsten Prozeduren gehörte, Meeresmuscheln und Tierzähne mit Löchern zu versehen. Beide Objekte sind an den dünnen Stellen – bei Zähnen meist an der Wurzel – selten mehr als zwei Millimeter dick. Sie wurden dort einfach von beiden Seiten her ausgehöhlt, bis es gelang, die Stelle durch Druck mit einem spitzen Werkzeug zu durchbrechen. Gebohrt wurde praktisch nie, außer bei sehr weichen Materialien; im Aurignacien fehlen noch jene feinen Feuersteinbohrer, die in späteren Phasen häufig sind.

Statt die Zähne zu lochen, wurden sie manchmal auch rund um die Wurzel eingekerbt. Die Rille diente vermutlich zum Anbinden an eine Schnur.

Nun haben Muscheln von Natur aus für das Durchlöchern eine günstige Form, ebenso bestimmte Zahn- und Knochentypen. Um aber aus einem Mammutstoßzahn Perlen zu fertigen, brauchte es einiges mehr an Vorbereitung. Die Aurignacien-Menschen zerkleinerten Elfenbein zunächst in Stücke von angemessener Größe – die je nach Gegend beträchtlich variiert; darin drückten sich letztlich die spezifischen ästhetischen und symbolischen Bedürfnisse aus. Im folgenden Beispiel (Bild 2) beziehe ich mich hauptsächlich auf Südwestfrankreich, nicht nur, weil die Funde von Schmuck in jedem Stadium der Bearbeitung dort besonders reich sind, sondern auch, weil meine eigenen Forschungen sich auf dieses Gebiet konzentrieren.

Ausgangsmaterial für die Perlen waren lange Stäbe von Elfenbein, die offenbar von fern her beschafft worden waren, denn in Südfrankreich lebten damals wahrscheinlich keine Mammute: An den Fundstellen stieß man auf keine Knochen dieser Tiere und kaum auf weggeworfene Stoßzahnreste. Die Stäbe waren in Längsrichtung der äußeren Zone des Zahns entnommen worden; dort ist er nämlich konzentrisch geschichtet und weicher als im Kern. Dieser Teil eignete sich darum bestens zur Bearbeitung mit den damals verfügbaren Techniken. Das nicht geschichtete, dichte und extrem harte Kernmaterial warf man meistens fort oder schnitzte gelegentlich daraus Tierfigürchen (etliche solche Skulpturen fanden sich im deutschen Raum; Bilder 1 und 4).

Die langen, dicken Elfenbeinstäbe wurden zunächst in dünne Stifte zerschnitten und alle ein bis zwei Zentimeter gekerbt, so daß sie sich in Rohlinge für Perlen zerbrechen ließen. Diese wurden dann an einem Ende, der Schichtung des Materials folgend, beidseits abgeflacht. Die Gebilde sehen in diesem Stadium aus wie kleine platte Keulen und ähneln gewissen Tierzähnen, besonders den verkümmerten Eckzähnen von Rothirschen oder Rentieren (Bild 3).

Ich vermute, dies war Absicht. Denn wie wir noch sehen werden, scheint die Nachahmung natürlicher Formen und Muster für die Bildnerei des frühen Aurignacien bezeichnend zu sein. Außerdem war der Rohling im abgeflachten Bereich in aller Regel höchstens noch zwei Millimeter dick; dort ließ sich nun leicht ein Loch hineinkratzen. Es ist stets am Ansatz des noch dickeren Endes plaziert und quer zur Schichtung des Elfenbeins angebracht.

Als letztes wurde das Objekt rundgeschliffen und poliert. Mehr als die Hälfte des Elfenbeins ging dabei verloren, besonders viel am abgeplatteten Ende.

Eine derart ausgefeilte Prozedur assoziiert man normalerweise nicht mit Technologien der Altsteinzeit. Viele Leute staunen, wie die Menschen damals in kleine Perlen so feine Löcher arbeiten konnten. Doch gerade dies vermochten sie eben nicht, sondern behalfen sich, indem sie das Loch schon in den groben Rohling kratzten und dann erst das Gebilde kugelförmig zurechtschliffen.

Wie trug man diese Perlen? Möglicherweise machte man aus ihnen Halsketten und Armbänder oder nähte sie in Zeichen oder Mustern auf die Kleidung. Die meisten, die man findet, sind noch heil. Sie müßten, wenn sie einzeln aufgenäht waren und der Träger sie verloren haben sollte, eigentlich zerbrochen sein. Manchmal findet man zwei gleichartige Perlen beieinander, was auf eine Verwendung als Ohrpflöcke oder Ohrringe schließen läßt. Länglich bolzenförmige Stücke waren eventuell Knöpfe oder ebenfalls Ohrpflöcke. So viele verschieden geformte Teile zu finden sind, so viele Verwendungszwecke mag es gegeben haben. Genaueres läßt sich bislang über diese ersten ornamentalen Objekte nicht sagen.


Körperzier als soziales Element

Was das plötzliche, ja explosionsartige Auftreten von Schmuck über die gesellschaftliche Entwicklung während der späten Eiszeit besagt, läßt sich allein aus den archäologischen Befunden nicht genau ermitteln. Allerdings können heutige ursprüngliche Völker Anhaltspunkte liefern: Durch Bemalen, Tätowieren oder Behängen des Körpers und andere Verzierungen pflegen sie eine soziale Identität auszudrücken – Geschlecht, Rolle in der Gemeinschaft, wirtschaftlichen Status, Gruppenzugehörigkeit.

Terence Turner von der Universität Chicago spricht vom Körper in der modernen Gesellschaft sogar als von einer symbolischen Bühne in dem Sinne, daß er als Schauplatz für das Drama Sozialisation benutzt wird. Ihn in dieser Weise einzubeziehen, ist eine menschliche Universalie; das Verhalten ist allen bekannten Kulturen eigen.

Was war der Hintergrund davon, daß die Menschen anfingen, sich zu schmücken und zu verzieren? Generell sind zwei Entwicklungen denkbar. Zum einen könnten zu dieser Zeit soziale Klassierungen entstanden sein. Das hieße, im Aurignacien hätten sich Statusunterschiede erstmals quasi als Institution manifestiert. Möglich wäre aber auch, daß nun Techniken zur Verfügung standen, um vorhandene soziale Muster auch zu repräsentieren. Die beiden Erklärungen schließen sich freilich nicht aus; vielleicht differenzierten sich neue gesellschaftliche Rollen aus, als sich mehr Möglichkeiten ergaben, sie mit der äußeren Aufmachung zu unterstreichen.


Die Anfänge der Kunst

Zwar sind die vorliegenden Hinweise zu dürftig für eine endgültige Deutung, insbesondere weil wir nicht auf Grabfunde zurückgreifen können. Aber sicher ist immerhin, daß im frühen Aurignacien eine außerordentliche Entwicklung von Techniken stattfand, die ermöglichten, geistige Bilder wiederzugeben. Gerade die Plätze, wo besonders viele Schmuckstücke vorlagen, bargen manche der frühesten wirklichen Kunstwerke: Gravierungen und Zeichnungen auf Steinplatten, kleine Skulpturen aus Mammutelfenbein, auch bearbeitete Knochen, Geweih- und Elfenbeinstücke oder Steine mit für uns heute vielleicht verwirrenden, aber anscheinend bedeutungsvollen Mustern.

Unter den ersten Zeichnungen sind Abbilder natürlicher Formen sowie einfache, wohl abstraktere Konfigurationen regelmäßiger Linien oder Punkte. Einige der konkreten Bildnisse stellen Tiere dar, andere wurden verschiedentlich als Wiedergabe der weiblichen Genitalien angesehen. Die letztere Deutung ist umstritten, gewinnt aber durch zwei eindeutig phallische Darstellungen Gewicht: eine Skulptur aus Horn und eine Gravierung in Kalkstein. An eher abstrakten Motiven finden sich zum Beispiel quer zueinander gesetzte Rillen, die wie lauter "X" aussehen, oder Anordnungen von Kerben, Einschnitten oder punktartigen kleinen Löchern in gleichmäßigen Reihen oder Linien (Bilder 1, 4, 6 und 7). Da die gleichen Muster über größere Gebiete hin allenthalben vorkommen, mögen es den dort lebenden Menschengruppen gemeinsame Chiffren und Symbole gewesen sein. Eventuell sind solche großräumigen sozialen Zusammenschlüsse erst im Aurignacien aufgetreten.

Meiner Ansicht nach stellen sogar von den eher abstrakt anmutenden Zeichen einige etwas ursprünglich Natürliches dar. Zu den bekanntesten verzierten Artefakten des Aurignacien gehört eine Elfenbeinplatte, die aus einer überdachten Felsnische in Südwestfrankreich – dem Abri Blanchard – stammt. Sie ist auf einer Seite mit einer Reihe Punkten versehen, die dem Vorgeschichtler Alexander Marshack zufolge einen Mondkalender abgaben (Bild 6 unten). Doch dies wird von anderen Archäologen bezweifelt, unter anderem deshalb, weil nicht nur am selben Ort, sondern auch an benachbarten Plätzen etliche Objekte mit ganz ähnlichen Mustern aufgetaucht sind, die aber mit kalendarischen Aufzeichnungen augenscheinlich nichts zu tun haben. Naheliegender – was aber für die kulturelle Evolution genauso aufregend wäre – scheint, daß die Motive vorrangig einen ästhetischen Zweck hatten und nicht den, etwas zu registrieren.

Meines Wissens hat bisher niemand erwogen, daß die Platte aus dem Abri Blanchard nach einem konkreten Vorbild ausgestaltet worden sein könnte. Ich kam auf diese Idee, als ich fünf Elfenbeinanhänger untersuchte, die vom nahen Abri de la Souquette stammen. Sie tragen gewundene Punktreihen, die mich frappant an die Maserung gleichfalls dort gefundener Muschelschalen von der Atlantikküste erinnern. Ist man der Ähnlichkeit gewahr geworden, kann man die Anhänger nur als getreue Abbilder der Muscheln interpretieren. Womöglich sind solche Verzierungen also vielfach, wenn nicht immer, zunächst von natürlichen Mustern abgeschaut worden. Übertragen auf andere Zusammenhänge erhielten sie dann dekorative Bedeutung.

Eigenschaften aus einem Kontext in einen anderen zu transferieren ist nun ein wesentliches Element von Metaphern. Die Metaphorik scheint bei einem weiteren Fundstück aus dem Abri de la Souquette noch direkter auf, und zwar bei einer Speerspitze aus Rengeweih, die an der Basis gespalten ist (Bild 8). Die Menschen des Aurignacien haben viele Speerspitzen gefertigt, doch diese wurde merkwürdig abgewandelt. Sie ist am Vorderende so abgeflacht und zugespitzt, daß man eine Schnauze zu erkennen meint, und weist sogar genau dort, wo am Kopf das Auge säße, ein ungewöhnlich feines Loch auf. Die gespaltene Basis erinnert an ein Paar Flossen. Alles in allem entsteht der Eindruck eines Seehundes oder einer Robbe – zwar nicht leicht faßbar, aber doch überzeugend.

Die Speerspitze wäre demnach eine Metapher des marinen Säugetieres: Ein Gebrauchsgegenstand, der ihm seiner Stromlinienform wegen ohnehin schon ein wenig ähnelte, besonders auch was die Flossen betrifft, wurde zusätzlich mit den kennzeichnenden Attributen versehen. Interessanterweise kamen Überreste eines Seehundes an einer zeitgleichen Fundstelle nur 100 Meter weiter zum Vorschein. Der Ort liegt heute 200 Kilometer vom Atlantik entfernt, und während der Eiszeit war es wegen des niedrigeren Meeresspiegels bis zur Küste noch weiter. Nun schwimmen Robben zwar hin und wieder weit flußaufwärts, aber dennoch müßte das Auftauchen eines solchen Tieres damals viel Aufsehen erregt und Neugier geweckt haben.

Die mutmaßliche Seehund-Speerspitze – Skulptur und Gebrauchsgegenstand in einem – bildet eine Ausnahme unter den französischen Funden. Man hat in den Gegenden überhaupt nur relativ wenige Tierdarstellungen entdeckt, und diese sind fast immer in Kalkstein eingraviert – gewöhnlich so ungenau, daß sie sich nicht leicht zuordnen lassen (Bild 5). Dagegen kennt man von drei Fundstellen des frühen Aurignacien im süddeutschen Raum (Vogelherd, Geißenklösterle und Hohlenstein-Stadel) an die zwanzig Tierplastiken aus Elfenbein, die zudem oft mit abstrakten Mustern versehen sind (Bilder 1 und 4). Manche sind so gut ausgearbeitet und realistisch, daß man ältere Vorbilder vermutet, die allerdings bis jetzt noch nicht gefunden worden sind.

Man ist leicht versucht anzunehmen, daß die ersten Bildnereien der Menschheit kindlich einfach waren. Was die Zeichnungen und Ritzungen des Aurignacien betrifft, mag dies vielleicht zutreffen. Doch die Skulpturen und Statuetten jener Zeit sind dem Leben abgesehen und stark im Ausdruck. Möglicherweise fiel es den Menschen zunächst leichter, ein Tier zwar verkleinert, aber körperlich nachzubilden als seine Umrisse auf eine Fläche zu übertragen. Offenbar dauerte es noch viele tausend Jahre, bis die Maler der Eiszeit Regeln und Kunstgriffe erdacht hatten, räumlich Faßbares in zweidimensionale Repräsentationen auf Felswänden umzusetzen wie in der Höhle von Lascaux oberhalb der Vézère, die 17000 Jahre jünger sind als die ersten Zeichnungen der späten Altsteinzeit.


Denken in Bildern

Lassen sich für das Aurignacien Zusammenhänge zwischen den Entwicklungen von Technologien, Körperschmuck und Umsetzung mentaler Repräsentationen aufzeigen? Ich meine solche erkennen zu können. Denn diesen Phänomenen eignet sämtlich in besonderer Weise ein reifendes Vermögen, bildhaft zu denken und sich darüber mitzuteilen. Unter anderem diese neue Kompetenz könnte die technologische Revolution, die das Aurignacien von früheren Epochen abhebt, erklären: Heidi Knecht von der Universität New York etwa meint, diese Art der Auseinandersetzung mit dem Problem, Formen und Muster zwei- und dreidimensional wiederzugeben, habe zur raschen Entwicklung neuer Werkzeuge und Waffen angeregt.

Neue räumliche und bildhafte Vorstellungen können durchaus zum Schmücken des Körpers Bezug haben. Ihn zu verzieren ist ja ein Mittel, soziale – also an sich gar nicht sichtbare – Charakteristika anschaulich und wiedererkennbar herauszustellen. Manchen in der Gemeinschaft wichtigen gesellschaftlichen Kategorien entsprechen nicht unbedingt irgendwelche physischen, mithin optisch faßbaren Merkmale – doch man kann die Betreffenden in markanter Weise ausstatten. Die Menschen des Aurignacien fanden diese Möglichkeit. Erstmals konnten sie einen sozialen Status oder die Gruppenzugehörigkeit auch darstellen, indem sie Formen und Strukturen aus der Natur abstrahierten und sie metonymisch oder metaphorisch auf Menschen übertrugen. Nichts deutet darauf hin, daß es etwas Ähnliches vordem schon gab.

Daß man nun fähig war, Eigenschaften von Objekten zu isolieren und in einen neuen Zusammenhang zu stellen, dürfte sich tiefgreifend ausgewirkt haben. Charakteristika wie spitz oder hakig ließen sich jetzt technisch verwerten und verbinden. Denn erst wenn man das Spitzige oder Hakenhafte an sich losgelöst vom natürlichen Objekt zu denken vermag, ist es möglich, sich Speerspitzen mit Widerhaken vorzustellen. Wir sind heute in technischen Dingen diese Art des visuellen, bildhaften Denkens so gewöhnt, daß wir uns kaum vorstellen können, wie jung es wahrscheinlich ist und wie revolutionierend es sich auf die kulturelle Evolution ausgewirkt hat.

Man gewinnt einen Eindruck vom hohen Rang eines solchen Vorstellungsvermögens aus den Arbeiten des Wissenschaftshistorikers Brooke Hindle von der Universität New York, der sich mit den Hintergründen der industriellen Revolution beschäftigt hat. Demnach dachten die meisten großen Erfinder in Bildern – nicht zuletzt trugen die bei technischen Konstruktionen üblichen sogenannten Explosionszeichnungen, in denen die Teile eines Geräts wie auseinandergerissen, aber in der richtigen Lagebeziehung zueinander dargestellt sind, wesentlich zu den Innovationen der frühen Moderne bei. Vielleicht ist es kein Zufall, daß die ersten abbildenden Darstellungen gerade zu einer Zeit auftauchten, als die Menschheit eine der bedeutendsten Phasen technologischer und sozialer Neuerungen ihrer Geschichte erlebte.

Letztlich vollziehen sich solche Entwicklungen in der einen oder anderen Form immer im Zusammenhang mit Sprache. Als Grundlage weiteren Wandels müssen Bilder vermittelt und von anderen verstanden werden. Verbale Kommunikation hat es sicherlich vor der jüngeren Altsteinzeit gegeben, wenngleich vielleicht noch mit hauptsächlich konkreten Inhalten, die sich auf natürliche Objekte und Vorgänge bezogen. Für die dann einsetzende kulturelle Revolution war aber eine wesentliche Voraussetzung, daß man mit Imaginationen umgehen und sie abwandeln und in Beziehung bringen sowie insbesondere auch mitteilen konnte.

Selbstverständlich ging das nicht ohne entsprechende neurale Kapazität; aber das heißt nicht, daß gerade damals eine kritische Schwelle der Gehirnevolution erreicht gewesen wäre. Im Gegenteil, es ist viel wahrscheinlicher, daß der Übergang rein kulturbedingt war – daß er nämlich stattfand, als die Menschen lernten, Konventionen auszubilden, auszudrücken und zu verstehen.

Diese Neuerung und das Innewerden der Fähigkeit dazu waren für die Menschheitsgeschichte mindestens so bedeutsam wie die Beherrschung des Feuers oder der Gebrauch von Steinen als Werkzeuge. Die Auswirkungen auf die weitere erfinderische Entwicklung müssen enorm gewesen sein. Während die Neandertaler mehr als 100000 Jahre lang praktisch auf der gleichen technisch-kulturellen Stufe blieben, vermochten sich die Aurignacien-Menschen in kurzer Zeit neue Möglichkeiten in vielen Lebensbereichen zu erschließen – ob dies nun die gesellschaftliche Verfassung oder das technologische Repertoire oder auch mythische Vorstellungen betraf. Dies geschah mit immer rascherem Tempo und setzt sich bis heute fort. Zu einem großen Teil hängt diese Entwicklung zweifellos mit dem Wahrnehmen, Gestalten und Vermitteln von mentalen Bildern zusammen.

Literaturhinweise

- Aurignacian Signs, Pendants and Art Objects in Central and Eastern Europe. Von J. Hahn in: World Archaeology, Band 3, Heft 3, Seiten 252 bis 266, Februar 1972.

– The Creative Explosion. Von J.E. Pfeiffer. Cornell University Press, 1985.

– Dark Caves, Bright Visions: Life in Ice Age Europe. Von Randall White. American Museum of Natural History und W.W. Norton & Company, 1986.

– The Origins of Image Making. Von Whitney Davis in: Current Anthropology, Band 27, Heft 3, Seiten 193 bis 216, Juni 1986.

– Production Complexity and Standardisation in Early Aurignacian Bead and Pendant Manufacture: Evolutionary Implications. Von R. White in: The Human Revolution: Behavioral and Biological Perspectives on the Origins of Modern Humans. Herausgegeben von Paul Mellars und Christopher Stringer. Princeton University Press, 1989.

– Toward a Contextual Understanding of the Earliest Body Ornaments. Von R. White in: The Emergence of Modern Humans. Biocultural Adaptations in the Later Pleistocene. Herausgegeben von Erik Trinkaus. Cambridge University Press, 1990.

– Deutschland in der Steinzeit. Von Ernst Probst. Bertelsmann, München 1991.

– Die Anfänge der Kunst vor 30000 Jahren. Herausgegeben von Hans-Jürgen Müller-Beck und Gerd Albrecht. Konrad-Theiss-Verlag, Stuttgart 1987.

– Lascaux. Oder die Geburt der Kunst. Von Georges Bataille. Klett-Cotta, 1986.

– Prähistorische Kunst. Von André Leroi-Gourhan in: Große Epochen der Weltkunst. Ars Antiqua, Serie I, Band 1. Herder, Freiburg 1981.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1994, Seite 62
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 1994

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 1994

Kennen Sie schon …

26/2019

Spektrum - Die Woche – 26/2019

In dieser Ausgabe widmen wir uns der Hitze, Erdbeben und der Ernährung.

21/2019

Spektrum - Die Woche – 21/2019

In dieser Ausgabe widmen wir uns dem Burnout, Walen und der Landwirtschaft.

Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2017

Spektrum der Wissenschaft – Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2017: Götter, Gräber, Archäologen

Mythen: Algorithmen rekonstruieren die frühesten Sagen • Al-Andalus: Vorbilder für die Renaissance im muslimischen Spanien • Indus-Kode: Schon eine Schrift oder nur Symbolzeichen?

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!