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Brief an die Leser


Verehrte Leserin,

sehr geehrter Leser,



nehmen wir als Beispiel der Volksmedizin den Kalmus. Mit diesem Aronstabgewächs kam auch die Kenntnis seiner Wirkungen bei Magen- und Verdauungsstörungen sowie Zahnfleisch- und Halsentzündungen vor gut drei Jahrhunderten aus Indien nach Europa. Das aus dem besonders aromatisch duftenden Wurzelstock gewonnene etherische Öl, so weiß man inzwischen, enthält unter anderem Pinen, Camphen, Eucalyptol, Sesquiterpene, Eugenol, Methyleugenol, Asarylaldehyd, d-Campher und als Hauptwirkstoff alpha-Asaron (2,4,5-Trimethoxy-1-propenylbenzol), das auch in der Brechwurz (Asarum europeum) vorkommt und daher seinen Namen hat; es reizt Haut und Schleimhäute, kann Erbrechen, Benommenheit, Atemlähmung und Fehlgeburten auslösen und steht sogar im Verdacht, krebserregend zu sein. Quantitäten, wie sie für Badezusätze, Seifen, Mundwässer, Zahnpasten und Magenbitter-Liköre verwendet werden, scheinen aber nicht sonderlich zu schaden. Die aus Kalmuswurzeln hergestellten Tees, Aufgüsse, Pulver, Tinkturen, Extrakte und Schnäpse könnte man als Relikte überlebten Herkommens erachten.

Warum kann man nicht? Deutschland, einst aufgrund fortschrittlicher Pharmakologie die Apotheke der Welt genannt, kehrt von Staats wegen zur vorwissenschaftlichen Offizin zurück. Das Bundesforschungsministerium hat 10 Millionen DM für Modelle zur Überprüfung und Weiterentwicklung von Verfahren der Erfahrungsheilkunde ausgelobt, und die neueste Novelle der Approbationsordnung sieht als Prüfungsstoff der angehenden Mediziner auch „Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen von Naturheilverfahren und Homöopathie“ vor – nicht etwa als Anlaß zu kritischer Analyse. Damit sollten vielmehr die sogenannten besonderen, also außerwissenschaftlichen Therapierichtungen „für die medizinischen Fakultäten... hoffähig“ gemacht werden, befürchtet die Deutsche Gesellschaft für Pharmakologie und Toxikologie in einem wohlbegründeten Kommentar. Die von dem Mainzer Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen eingesetzte Arbeitsgruppe habe bei ihrem Entwurf eines Gegenstandskatalogs die Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer „nicht erkennbar konsultiert“; im Detail falle „eine Reihe von Inhalten auf, die den zwingenden Hinweis verdienen würden, daß sie in den Bereich der Medizinhistorie gehören, wenngleich sie heute noch unter teils irrationalen Vorstellungen betrieben werden“.

Postmoderne Politik: Während die pharmazeutische Industrie mit einem Aufwand von weltweit jährlich 60 Milliarden Mark nach wirksameren Medikamten sucht (siehe Seite 96), fördert diese Regierung Praktiken, die kurz vor dem Gesundbeten kommen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993

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