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Das kopernikanische Prinzip und das Überleben der Menschheit

Wird es in zehn Millionen Jahren noch Menschen geben? Wahrscheinlich nicht, (J. Richard) Gott weiß es - mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 5 Prozent.


Es ist realistisch, die eigene Person und die Position, in der man sich – räumlich und zeitlich – befindet, nicht für etwas Besonderes zu halten, auch wenn das dem Selbstwertgefühl Abbruch tut. Für dieses Prinzip gibt es prominente Beispiele: Nikolaus Kopernikus etwa, indem er die Vorstellung, die Erde sei der Mittelpunkt der Welt, korrigierte, oder Charles Darwin, indem er dem Menschen seine Sonderrolle unter den Lebewesen absprach und ihn als eine von vielen Säugetierarten einordnete.

Inzwischen wissen wir, daß die Sonne ein durchschnittlicher Stern durchschnittlichen Alters in einer durchschnittlichen Galaxie ist. Es ist eine gute Arbeitshypothese, bis zum Beweis des Gegenteils anzunehmen, an unserer Position im Weltall sei auch sonst nichts Besonderes. Daraus folgt zum Beispiel, daß das Universum, von uns aus gesehen, im Großen homogen und isotrop ist, was kürzlich durch die Messungen der kosmischen Hintergrundstrahlung eindrucksvoll bestätigt wurde.

J. Richard Gott, Astrophysiker an der Universität Princeton (New Jersey) und durch unkonventionelle Ideen zu Zeitmaschinen bekannt geworden (Spektrum der Wissenschaft, August 1992, Seite 28), hat nun dieses Prinzip formalisiert und in bisher ungewohnten Kontexten angewandt. In einem als "Hypothesis" gekennzeichneten Artikel in "Nature" (27. Mai 1993, Seite 315) formuliert er das "kopernikanische anthropische Prinzip": Der Ort im Universum, an dem Sie, verehrter Leser, leben, und der Zeitpunkt Ihrer Geburt sind nur durch die Tatsache ausgezeichnet, daß Sie ein intelligenter Beobachter sind. Wenn Sie nichts weiter wissen als das, "sollten Sie sich auf den Standpunkt stellen, Sie seien aus der Menge aller (vergangenen, gegenwärtigen und künftigen) Beobachter nach dem Zufallsprinzip ausgewählt worden; Sie könnten irgendeiner von ihnen sein".

Ein Beispiel: Gott sah 1969 erstmals die Berliner Mauer. Sein Prinzip besagt in diesem Falle, daß der Zeitpunkt dieser Beobachtung durch nichts ausgezeichnet war, sondern mit gleicher Wahrscheinlichkeit an jedem Punkt des Zeitintervalls liegen konnte, in dem die Mauer überhaupt beobachtbar war. Insbesondere war es – bereits nach dem Wissensstand von 1969 – unwahrscheinlich, daß der Zeitpunkt seiner Beobachtung sehr nahe am Anfang oder am Ende dieser Zeitspanne gelegen hätte.

Wenn für eine sichere Feststellung nicht genügend Information zur Verfügung steht, pflegen die Statistiker hilfsweise Aussagen zu machen, die wenigstens mit 95prozentiger Wahrscheinlichkeit zutreffen. Diesem Brauch folgend, konnte ein Beobachter der Mauer die Aussage wagen, sie werde sich höchstwahrscheinlich nicht gerade im ersten oder letzten Vierzigstel ihrer Existenz befinden. Wenn er von ihr nichts weiter wußte als den Zeitpunkt ihrer Erbauung, konnte er gleichwohl mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von nur 5 Prozent vorhersagen, die Mauer werde noch mindestens ein Neununddreißigstel ihrer bisherigen Existenzdauer stehen – andernfalls läge die Beobachtung im letzten Vierzigstel – und höchstens das Neununddreißigfache (mit entsprechender Begründung). So vermochte Gott mit einem Minimum an Information (1961 gebaut, 1969 beobachtet) das Ende der Mauer auf irgendwann zwischen 1970 und 2281 zu prophezeien, was inzwischen durch die Realität bestätigt worden ist.

Gott besuchte 1977 die damals 55 Jahre alte Sowjetunion. Nach dem gleichen Muster wie oben konnte er ein Intervall angeben, in dem mit 95prozentiger Wahrscheinlichkeit deren Ende liegen würde; und tatsächlich trat dieses Ereignis, das niemand 1977 zu prophezeien gewagt hätte, innerhalb des Intervalls ein. Das bedeutet nicht etwa, daß Gott durch seine Reise das "Reich des Bösen", wie es der frühere amerikanische Präsident Ronald Reagan einmal nannte, in mystischer Weise destabilisiert hätte, sondern ist die nachträgliche Bestätigung dafür, daß der Zeitpunkt seines Besuches nicht bemerkenswert war.

Interessanter wird die Argumentation für Ereignisse, über die man weniger weiß. Nach neueren Schätzungen existiert die Spezies Homo sapiens seit ungefähr 200000 Jahren. Daraus folgt, daß die Menschen die Erde höchstwahrscheinlich noch länger als 5100, aber nicht länger als 7,8 Millionen Jahre bevölkern werden. Der untere Schätzwert bietet angesichts ohnehin düsterer Globalprognosen wenig Trost; der obere wirkt jedoch fast noch pessimistischer, weil er gewissermaßen den günstigsten Fall nach oben beschränkt: Sollte es intelligenten und zivilisierten Menschen nicht möglich sein, unter Überwindung gegenwärtiger Probleme – vielleicht nach einer langen Durststrecke – Verhältnisse auf der Erde zu schaffen, mit denen sie auf praktisch unbegrenzte Zeit leben können?

Möglich schon, aber unwahrscheinlich, sagt Gott. Denn offensichtlich leben wir zur Zeit nicht in einem solch paradiesischen Zustand. Genau das sollten wir aber, wenn wir zufällig herausgegriffene Beobachter wären; denn es wäre höchst unwahrscheinlich, daß dieser Zufallszugriff ausgerechnet einen Angehörigen des unparadiesischen Zeitalters trifft, das ja nur einen verschwindend geringen Anteil der gesamten Existenzdauer der Menschheit ausmachen würde.

Dagegen könnte man einwenden, daß die Menschen nicht gleichmäßig auf die Zeiten verteilt sind. Auf der Erde lebten noch nie so viele Menschen wie heute, und ihre Anzahl nimmt weiter zu. Unangenehmerweise wird die Prognose aber noch pessimistischer, wenn man Populationseffekte mit einbezieht. Denn wenn Sie älter als zwölf Jahre sind, gibt es bereits ungefähr 1,8 Milliarden Menschen, die jünger sind als Sie. Andererseits sind bis heute insgesamt nur rund 70 Milliarden Menschen geboren worden. Wenn also morgen die Welt untergeht, waren Sie nicht unter den letzten 2,5 Prozent aller je geborenen Menschen. Das ist wenig beruhigend; denn nach dieser Argumentation erlaubt die bisherige Bevölkerungsentwicklung des Menschen nicht den Schluß, daß die Welt morgen wahrscheinlich nicht untergeht.

Hat die Menschheit die Aussicht, irgendwann das Weltall zu kolonisieren und dadurch – frei von den Begrenzungen der Erde – ihre Anzahl auf das Milliardenfache zu erhöhen? Wahrscheinlich nicht; denn warum hätte dann der Zufallszugriff ausgerechnet uns erwischt, Angehörige jenes bedauernswerten Milliardstels aus der vorgalaktischen Zeit?

Andererseits ist es tröstlich zu wissen, daß der Erdbevölkerung wohl kaum das Schicksal droht, von einer an Zahl, Intelligenz oder technischem Entwicklungsstand überlegenen galaktischen Rasse kolonisiert zu werden; denn nach Gotts Prinzip wären wir selbst wahrscheinlich Angehörige dieser Rasse. Nach demselben Muster kann man mit großer Aussicht auf Erfolg vermuten, daß ein zufällig herausgegriffener Mensch auf einem übervölkerten Planeten lebt und daß sein Land (seine Gemeinde, seine Horde oder was immer) bevölkerungsreicher ist als die Hälfte aller Länder (Gemeinden, Horden und so weiter) auf der Welt.

Warum wirken diese Gedankengänge so befremdlich? Zwei Erklärungen bieten sich an.

Erstens sind die Situationen, in denen Gotts Prinzip sinnvoll anzuwenden ist, dem täglichen Leben relativ fern. Nur in den seltensten Fällen weiß man über seine derzeitige Lage so wenig, daß einem die Anwendung des Prinzips brauchbare Information verschafft. Wenn ein Anhalter seit zwei Stunden an der Autobahnauffahrt steht, weiß er in aller Regel nicht, warum kein einziger der vielen Autofahrer, die vorbeikamen, ihn mitzunehmen bereit war. Immerhin kann er sich ausrechnen, daß er wahrscheinlich noch länger als drei Minuten, aber weniger als 78 Stunden warten muß. Das mag in Ausnahmefällen für die Entscheidung, weiter auszuharren oder nicht, eine gewisse Hilfe sein. Aber normalerweise wird der Tramper sich doch an anderen Kriterien orientieren.

Unsere Kenntnis über den Zustand der Erde ist recht begrenzt, reicht jedoch für die Prognose aus, daß eine alles Leben vernichtende Katastrophe morgen nicht hereinbrechen wird. Daß Gotts Prinzip die Prognose nicht bestätigt, beunruhigt uns deshalb nicht besonders.

Zweitens: Gott teilt die Beobachtungen, die ein intelligenter Mensch machen kann, in Regel- und Ausnahmeereignisse ein. Ein Ausnahmeereignis wäre es zum Beispiel, einen Menschen, ein Bauwerk, einen Staat oder das ganze Universum im ersten oder letzten Vierzigstel seiner beobachtbaren Existenz zu erleben. Nun soll man zwar nicht damit rechnen, daß eine bestimmte Beobachtung ein Ausnahmeereignis ist; aber man kann erwarten, daß das für jede zwanzigste Beobachtung gilt. Da wir zahlreiche Beobachtungen machen, wenn der Tag lang ist, sind die Ausnahmebeobachtungen nicht so selten. Ein zufällig herausgegriffener Mensch befindet sich wahrscheinlich nicht gerade im ersten Vierzigstel seiner Lebensdauer; trotzdem ist es nicht ungewöhnlich, einem Säugling zu begegnen.

Außerdem sind es häufig die Ausnahmeereignisse, die bemerkenswerte Folgen haben und die einem deswegen besser im Gedächtnis bleiben. Wer heute eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz hat, verdankt dies in der Regel einem Ausnahmeereignis, nämlich der einen Zusage unter mehr als 20 Absagen.

Nur wenn es um Beobachtungen geht, die man typischerweise nur einmal macht (Menschen existieren seit ungefähr 200000 Jahren, es gibt bislang keine Anzeichen fremder Intelligenzen im Weltall) und über deren Gegenstand man fast nichts weiß, ist es sinnvoll, (Richard) Gott zu vertrauen. Man wird mit 95prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht enttäuscht werden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1993, Seite 30
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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