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Deutsche Forschungslandschaft ohne radikale Änderungen

Aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen und die Integration der ostdeutschen Forschung stoßen auf ein starr gewordenes finanzielles und politisches System. Der neue "Graue Plan" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sucht wortreich die divergierenden Entwicklungen einzufangen.

Die deutsche Forschungslandschaft hat sich nach der staatlichen Vereinigung äußerlich nicht so stark verändert, wie manche erhofft oder befürchtet hatten. Der neue „Graue Plan“ der DFG zu „Perspektiven der Forschung und ihrer Förderung“ ist zwar mit 487 Seiten um ein gutes Viertel dicker als sein Vorgänger; die thematischen Tendenzen in den einzelnen Forschungsbereichen unterscheiden sich aber nur unwesentlich von dem, was vor fünf Jahren zu berichten war (Spektrum der Wissenschaft, November 1987, Seite 34). Die finanziellen und politischen Rahmenbedingungen scheinen freilich in vielen Punkten schlechter zu sein, von den Einschränkungen durch Gentechnik- und Tierschutzgesetz bis zur relativen Unterfinanzierung der Hochschulen.

Das einzige auch qualitativ Neue sind die Erfahrungen bei der Integration der ostdeutschen in die westdeutsche Wissenschaft. Es ist nicht die Regel, sondern eine bemerkenswerte Ausnahme, wenn die DFG etwa in den Agrarwissenschaften über eine solche bloße Eingliederung hinausgehen will: Sind die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu diesem Bereich in den neuen Bundesländern umgesetzt, müsse auch „eine Gesamtbestandsaufnahme der Landbauforschung in der Bundesrepublik erfolgen... mit dem Ziel, diese Forschung nicht nur unter den Aspekten des augenblicklichen Bedarfs der neuen Bundesrepublik, sondern auch vor dem Hintergrund der Verantwortung als reiche Industrienation für Probleme der Zweiten und Dritten Welt zu definieren“.

Eine solche radikale Umbesinnung sucht man in dem DFG-Katalog „Aufgaben und Finanzierung 1993–1996" sonst meistens vergeblich. Die großen strukturellen Unterschiede zwischen West und Ost vor allem in der Grundlagenforschung könnten nur innerhalb mehrerer Jahre beseitigt werden.

Kein Zweifel: An vielen Stellen haben die neuen Bundesländer zusätzliche Themen, Erfahrungen und Forschungsstätten mit eingebracht. Aber sie werden – mit erstauntem Wohlwollen oder auch mit Klagen über sichtbare Schwächen – in das in Jahrzehnten aufgebaute westliche Fördersystem eingebaut und nicht als Herausforderung zu einem Strukturwandel verstanden. In den Augen der Gutachter von Anträgen aus ostdeutschen Hochschulen auf DFG-Förderung „präsentiert sich die Forschung im neuen Bundesgebiet insgesamt leistungsfähiger, als nach ersten Prognosen angenommen werden konnte, aber weitaus inhomogener als in Westdeutschland und in einer hochgradig instabilen Verfassung“.

Mathematik gut, Wirtschaft schwach

Eine breite Basis und spezifische Stärken der Forschung im neuen Bundesgebiet sieht die DFG in Chemie (Festkörper-, Oberflächen- und Kolloidchemie), Physik der kondensierten Materie (Metall- und Halbleiterphysik, Materialwissenschaften, Plasma- und Astrophysik), Botanik (Pflanzenphysiologie und -biochemie, angewandte Zweige in den Agrarwissenschaften) sowie Erd- und Meereswissenschaften.

Die mathematische Forschung spielt eine besondere Rolle. Ihr Potential sei mit der Vereinigung „erheblich erweitert“ worden. Sowohl an den Universitäten und Hochschulen der ehemaligen DDR als auch am Karl-Weierstraß-Institut der Akademie der Wissenschaften hätten sich trotz widriger Umstände einige Gruppen von Mathematikern mit hohem internationalem Ruf herausgebildet; sie würden jetzt „mit großer Freude in das internationale wissenschaftliche Leben aufgenommen“, an dem sie vorher selten persönlich teilnehmen konnten.

Auch hier freilich sieht die DFG die Integration in bereits bestehende Projekte als gutes Verfahren an, das Zusammenwachsen zu fördern. Wie in allen anderen Bereichen beeinträchtigen die Umstrukturierung der Fachbereiche in den östlichen Hochschulen und die damit verbundene Unsicherheit der Wissenschaftler die mathematische Forschung. Die DFG verlangt Abhilfe mit begleitenden Maßnahmen (bessere Grundausstattung, Nachwuchsförderung und Gastprofessuren), um den wissenschaftlichen Nachwuchs in Ostdeutschland zu halten.

In Leipzig hat sie eine Forschergruppe „Nichtlineare Funktionsanalysis und mathematische Methoden der Kontinuumsmechanik“ gegründet. Für mathematische Beiträge zur Entwicklung von Hochtechnologien ist in der Nachfolge des Karl-Weierstraß-Instituts in Berlin das Institut für Angewandte Analysis und Stochastik entstanden; es füllt das Spektrum von der Modellierung bis zur Entwicklung von Algorithmen und zur numerischen Simulation naturwissenschaftlicher und technologischer Probleme. Zwei Arbeitsgruppen der Max-Planck-Gesellschaft befassen sich mit theoretischer Mathematik.

Als besonders schwierig erscheint der DFG derzeit die Lage in den Geistes- und Sozialwissenschaften in Ostdeutschland. Sie räumt zwar hervorragende Einzelleistungen ein und erkennt einige Gebiete etwa der Sprachwissenschaft, der Kognitionspsychologie sowie der psychologischen und arbeitswissenschaftlichen Belastungs- und Beanspruchungsforschung als stark an; doch die überall notwendige Erneuerung, so das Fazit, könne nur mit Hilfe der westlichen Bundesländer gelingen.

Die international renommierte, in der DDR hingegen vernachlässigte Altertumswissenschaft dürfte in Ostdeutschland einen neuen Aufschwung erhalten. Anknüpfend an alte Traditionen entstehen an der Humboldt-Universität in Berlin sowie in Greifswald, Halle, Jena, Leipzig und Rostock wieder vollständige Institute der einschlägigen Fächer.

Großes Gewicht mißt die DFG den wichtigen Forschungsaufgaben zu, welche insbesondere die – in Ostdeutschland mit einem hohen Defizit belasteten – Wirtschaftswissenschaften jetzt aufgreifen müssen: neue Lösungen für den bundesstaatlichen Finanzausgleich, Transformation ehemals sozialistischer Betriebe, sozialwissenschaftliche Untersuchungen im neuen Schwerpunktprogramm „Sozialer und politischer Wandel im Zuge der Integration der DDR-Gesellschaft“, politologische Studien zum Parteiensystem, zur Interessenvermittlung, zum Neuaufbau von Verwaltungen und zur Rolle der Treuhandanstalt.

Den Geographen eröffnen sich neue Perspektiven: Sie können jetzt in Mittel- und Osteuropa wieder unmittelbar forschen und sind nicht nur auf die Übernahme von dortigen Ergebnissen angewiesen; des weiteren können sie jetzt endlich beginnen, einen Nationalatlas von Deutschland zu erarbeiten, der – wie in vielen Nachbarstaaten schon geschehen – das geowissenschaftliche Grundwissen räumlich visuell faßbar darstellt.

Wegen ihrer vordringlichen Interdisziplinarität erscheinen im DFG-Bericht die meisten Natur- und Biowissenschaften einschließlich der Umweltforschung gar nicht als Bereiche, in denen zwischen Ost- und Westdeutschland unterschieden wird. Forschung in Deutschland insgesamt hat ein anderes inneres Gesicht bekommen. Die Spezialisierung wird immer höher. Rasche Durchbrüche und Umwälzungen in der Molekularbiologie, insbesondere der Gentechnik, in den Neurowissenschaften, aber auch in der Apparate- und Meßtechnik bedingen feinste Verästelungen. Gleichzeitig aber erscheinen die Zusammenhänge als immer komplexer. Das Zusammenwirken über die Fachgrenzen hinweg rückt in den Mittelpunkt. Die Synergetik ist zu einem neuen Wissenschaftsgebiet geworden.

Mechanismen der Forschungsförderung

Für die DFG wird die Aufgabe, Hochschulforschung zu fördern und dabei selbststeuernde Mechanismen in diesem hochsensibel werdenden Bereich zu etablieren, immer schwieriger. Die Grundausstattung der Institute, für die die Länder zuständig sind, reicht einfach nicht. Ein immer geringerer Anteil von Antragstellern kommt bei der DFG bis zum Ziel durch. So erfolgreich viele neue Einrichtungen auch sind – die rund 170 Graduiertenkollegs stoßen immer wieder an Grenzen: Die Stipendiensätze für Doktoranden sind zu niedrig, Hochschulen zögern noch mit der Raumzuteilung, und der Finanzierungsmodus von Bund und Ländern ist zu bürokratisch.

Zu dem generellen Geldmangel kommt noch der höchst überflüssige Streit zwischen Bund und Ländern um die gemeinsame Forschungsförderung nach Artikel 91b des Grundgesetzes. Die bisher notwendige „Einigung zwischen Bund und allen 16 Ländern leistet einen wesentlichen Beitrag zur Kontinuität der überregionalen Forschungsförderung“, meint die DFG. Sie habe sich als stabilisierender Faktor und zugleich als umgehend handlungsfähiges politisches Instrument bei der Vereinigung bewährt und dürfe nicht zu Lasten des Bundes verändert werden.

Zwar wird die Hilfe des Bundesministeriums für Forschung und Technologie (BMFT) sehr gelobt, doch bereiten seine rasch aufgebauten und dann wieder ebenso rasch auslaufenden Programme der DFG erhebliche, nicht nur finanzielle Schwierigkeiten. In den vom BMFT favorisierten Ingenieurwissenschaften zum Beispiel wird unabhängige Grundlagenforschung, die frei von industrieller Interessenbindung ist, nur von der DFG gefördert. Dieses Instrument freier Forschungsförderung gerät aus dem Lot, wenn nicht die Hochschulen selbst die Grundlage dafür schaffen, sondern sich auf die staatlichen Programme verlassen.

Trotz ihrer fast unübersehbaren internationalen Kooperationen in wissenschaftlichen Gesellschaften und der von ihr hervorgehobenen Notwendigkeit, große Investitionen und Langfristvorhaben auch der Grundlagenforschung in internationale Institutionen zu verlegen, hat die DFG Bedenken, falls die Europäischen Gemeinschaften künftig Grundlagenforschung stärker fördern sollten. Deren Unterstützung sei grundsätzlich national und standortnah, also in Deutschland Sache der Länder, „weil nur so der Zusammenhalt von Forschung und Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses gesichert werden kann und weil sie außerdem neben universellen Maßstäben auch Besonderheiten der jeweiligen Wissenschaftskultur und -tradition zu berücksichtigen hat“.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993, Seite 123
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1993

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