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Paläoanthropologie: Die Evolution des Menschen

Vor zwei Jahrzehnten glaubten Forscher noch an eine einzige Hauptentwicklungslinie bei den Hominiden: Diese führte zum modernen Menschen. Neue Fossilien und Forschungsmethoden haben das alte Bild ausradiert.


Das Bild von der Evolution des Menschen hat sich in den letzten Jahrzehnten gründlich gewandelt. Nehmen wir nur eine der jüngsten Entdeckungen: Ausgerechnet in Zentralafrika hätten Anthropologen in den 1970er Jahren bestimmt keine extrem frühen Hominiden erwartet. Doch der Toumai-Schädel aus der Djourab-Wüste im Tschad, der im Sommer 2002 einigen Medienrummel auslöste, scheint manche Merkmale bereits nicht mehr aufzuweisen, die unser letzter mit den Schimpansen gemeinsamer Vorfahr noch besessen haben dürfte. Mit seinem vermuteten Alter von über sechs Millionen Jahren dürfte dies derzeit der mutmaßlich älteste Vertreter unter den Vormenschen sein.

Eines hat das letzte Vierteljahrhundert klar erwiesen: Der Mensch entstand in Afrika. Ansonsten ist heute vieles strittig, auch die Abgrenzung der menschlichen Gattung Homo. Das riesige Forschungsfeld, das die Herkunft des Menschen untersucht, umfasst inzwischen verschiedenste wissenschaftliche Disziplinen, von den Geo- bis zu den Molekularwissenschaften, die mit neuen Untersuchungsmethoden und wissenschaftlichen Konzepten die Evolution des Menschen aufzuklären suchen. Fossilien und die Geschichten, die sie erzählen, machen nur einen kleinen Teil der Untersuchungsobjekte aus. Trotzdem fesseln alte Knochen und andere Zeugnisse der Vorzeit das Interesse von Laien wie Fachleuten in besonderem Maße.

Dies gilt auch für die zahlreichen Fossilfunde der 1970er Jahre. Vor allem ostafrikanische Grabungen machten damals von sich reden. Als spektakulär galt bereits der Fund von Beinknochen samt Kniegelenk von einem Hominiden, der vor über drei Millionen Jahren lebte und aufrecht ging. Forscher entdeckten ihn in der Afar-Wüstenregion in Äthiopien. Ein Jahr später, 1974, fanden sie im gleichen Gebiet »Lucy«, das wohl berühmteste Skelett der Vorgeschichte. Auch diese Australopithecus-Frau ging schon aufrecht. Ende der 1970er Jahre stießen Wissenschaftler in Tansania auf die fossilen Fußspuren von Laetoli. Sie bewiesen zweifelsfrei: Vor dreieinhalb Millionen Jahren waren hier mindestens zwei aufrecht gehende Primaten entlangmarschiert.

Zur gleichen Zeit entdeckten Forscher zudem in Südäthiopien die Ablagerungsschichten bei Omo. Diese Sedimente erzählen durchgehend von der Klimaentwicklung in der entscheidenden Phase vor dreieinhalb bis zwei Millionen Jahren, als die menschliche Gattung – Homo – entstanden sein muss. Ostafrik­anische Funde veranlassten die Anthropologen damals auch zu einem ersten Umdenken über den Hominiden-Stammbaum: Neue Fossilien von Australopithecus-Arten – die ein ähnliches Alter hatten wie die ältesten behauenen Steinwerkzeuge und die Funde von den ersten Menschen, also Angehörigen der Gattung Homo – schürten den Verdacht, dass in Ostafrika früher zwei ganz verschiedene aufrecht gehende Hominiden zeitgleich nebeneinander gelebt hatten.

Bei Lucys Entdeckung und noch bis Anfang der 1980er Jahre sahen Anthropologen die Evolution der Hominiden im Wesentlichen als eine stufenweise Höherentwicklung an, ohne viele Abzweige und Seitenwege. Sie glaubten, aus gewöhnlichen Affen seien die Menschen­affen hervorgegangen, aus diesen die Australopithecinen (Vormenschen) wie Lucy, und aus denen später die Gattung Homo. Dann ging es ­vermeintlich genauso in einer Einbahnstraße Schritt für Schritt weiter. Zuerst kam Homo habilis, aus ihm entwickelte sichHomo erectus, aus dem wiederum Homo sapiens. Dieser bildete zwei Unterarten: den modernen Menschen, Homo sapiens sapiens, und daneben den Neandertaler,Homo sapiens neanderthalensis. So falsch und veraltet steht es immer noch in vielen Schulbüchern.

Erweiterte Verwandtschaft

Als Vorfahren der in Afrika heimischen Australopithecinen hatten eine Zeit lang die asiatischen Ramapithecinen gegolten. Von diesen Menschenaffen sind nur ein paar Kieferbruchstücke überliefert. Dennoch schrieben die Forscher ihnen einen halb aufgerichteten Gang zu, eine Zwischenstufe zwischen der Fortbewegungsweise etwa von Schimpansen und Australopithecus. Sie rechneten aus, dass sich unsere Vorfahren vor über fünfzehn Millionen Jahren von den Menschenaffen abgespalten hatten.

Die aufblühende Molekularbiologie half dann, die Zeitvorstellungen und Verwandtschaftsverhältnisse zurechtzurücken. In Äthiopien hatte der wieder aufflackernde Erithrea-Krieg den ergiebigen Feldkampagnen 1977 ein Ende gesetzt. In anderen Staaten, wie Kenia oder Tansania, gelangen Paläoanthropologen zwar auch weiterhin bedeutende Entdeckungen. Aber zunehmend gewannen nun molekulare Studien Gewicht in Fragen zur Herkunft des Menschen.

Während der 1970er Jahre stellten Forscher Vergleiche von verschiedenen Molekülen der niederen Affen, Menschenaffen und des Menschen an. So untersuchten sie Antikörper des Immunsystems, Chromosomen und Erbsequenzen. Das Ergebnis: Der Mensch ist mit den afrikanischen Menschenaffen, Gorilla und Schimpanse, viel näher verwandt als mit dem in Südostasien heimischen Orang-Utan. Das passte zu neueren Ergebnissen der vergleichenden Systematik. Sie ordnet Arten nicht mehr nach Entwicklungsstufen, also nicht mehr in hierarchische Entwicklungsreihen, sondern sortiert die Organismen nach gemeinsamen Vorfahren. Alle Formen, die von daher das gleiche neue Merkmal erbten, werden in eine Gruppe zusammengestellt.

Die frühere Vorstellung, dass alle heutigen Menschenaffen eine gemeinsame systematische Familie, die Pongiden, bilden, war damit nicht mehr zu halten. Vielmehr sollte nur noch der Orang-Utan dazugehören. Schimpanse und Gorilla sind nach diesen Studien Hominiden. Sie stehen einander und dem Menschen näher als dem Orang-Utan.

Die Molekularanthropologen wagten auch eine Altersschätzung für den letzten gemeinsamen Vorfahren der afrikanischen Menschenaffen und des Menschen. Sie schufen das Konzept der molekularen Uhr. Danach ereignen sich Mutationen in den Bausteinen des Genoms mit einer statistisch etwa gleichen zeitlichen Rate. Folglich spiegelt die Anzahl von unterschiedlichen Bausteinen bei zwei Arten mit einer gewissen Unschärfe die Zeit wider, seit beider Abstammungslinien sich voneinander abspalteten. Der Schätzwert für den Menschen und die afrikanischen Menschenaffen grenzt die Aufspaltung beider Linien auf drei bis zehn Millionen Jahre vor heute ein, wobei der Zeitraum vor fünf bis acht Millionen Jahren plausibel erscheint. Der gemeinsame Vorfahr rückte uns näher.

Immer besser war zu erkennen, wie – und wo – die menschliche Evolution stattgefunden hatte. Anfang der 1980er Jahre wurde das Modell der »East Side Story« populär. Auffallenderweise stammten alle damals bekannten Fossilien von ostafrikanischen Vormenschen aus heute ­relativ trockenen Regionen östlich des großen Grabenbruchs, der Ostafrika nordsüdlich durchzieht. Schimpansen und Gorillas leben hingegen in den Regenwäldern westlich davon. Vor rund acht Millionen Jahren begann sich an dieser Stelle, wo Afrika auseinander reißt, eine geografische Barriere zu bilden, die sich auch auf das Klima zu beiden Seiten auswirkte. Im Westen hielt sich Regenwald. Im Osten aber wurde es zunehmend trockener. Dort breiteten sich allmählich immer mehr Savannen und baumarme Grasflächen aus.

In dieser Umwelt, so vermuteten die Forscher, entwickelten sich die Australopithecinen und der Mensch. Hier, östlich des Grabenbruchs, konnten der aufrechte Gang und die anderen Merkmale der menschlichen Linie entstehen. In den Wäldern im Westen entstanden aus Populationen des gemeinsamen Vorfahren Schimpansen und Gorillas. Obwohl dieses Modell Widerspruch erntete, lenkte es doch die Aufmerksamkeit auf den Einfluss von Umweltänderungen in der Hominidenevolution.

Kein Kulturmonopol

Als sich die Fossilien in den 1970er Jahren anhäuften, animierte dies besonders jüngere Wissenschaftler dazu, sie der ganzen Palette modernster technischer Untersuchungsverfahren zu unterziehen. Zähne, Knochen und Gelenke gaben ihr Wachstum, ihre Abnutzungsspuren und ihre biomechanischen Eigenschaften preis. Die Forscher enthüllten so von Lucy, wie sie gegangen war und Kinder gebar, wie sie sich ernährte und auch wie sie in der Jugend wuchs.

Die Zeit vor rund eineinhalb bis zwei Millionen Jahren, als schon die ersten Menschen lebten und behauene Steinwerkzeuge hinterließen, fällt bereits in das Feld der Archäologen. Sie versuchten an den ältesten archäologischen Fundplätzen abzulesen, wie die ersten Menschen mit Umweltressourcen umgingen. Was sie dabei in Detailarbeit zusammentrugen, dünkte vielen wenig schmeichelhaft für uns Menschen. Denn anscheinend ernährte sich Homo habilis, klein und noch teilweise baumlebend, kaum von der Jagd, sondern von Aas. Ein Mythos stürzte ein.

Die moderne Ethologie mit ihren neuen Ideen zur Evolution von Verhalten gewann in Fragen der Menschwerdung erst spät Gewicht. Bis Anfang der 1980er Jahre hatten Anthropologen für Modelle vom Leben der frühen Menschen hauptsächlich ethnologische Berichte und mehr oder weniger richtige Annahmen über heutige Jäger- und Sammlerkulturen herangezogen. Die neuen Paradigmen der Verhaltensbiologie seit den 1960er Jahren, die Verhaltensstrategien aus ökologischen Zwängen und in der Evolution geformten sozialen Motiven heraus erklären, ignorierten sie weitgehend.

Primatologen führten schließlich die Wende herbei. Mitte der 1980er Jahre erstellten sie die ersten Übersichtsarbeiten über die Sozio-Ökologie der Affen und Menschenaffen. Als Erste bezogen sie auch den Menschen in solche vergleichenden Verhaltensstudien ein, die ökologische Anpassungen beschreiben. Sie wagten dabei jene alten Modelle in Frage zu stellen, in denen ausschließlich die Jagd, der Werkzeuggebrauch, das Gruppenleben und allenfalls noch das Nahrungsteilen die Menschwerdung auslösten. Nun zeigten Primatologen auf, dass nah verwandte Affenarten in Anpassung an ihre spezifische Umwelt und deren Klima unterschiedlich leben, was sich bis in das soziale Miteinander auswirkt. Einige haben sich hervorragend an ziemlich trockene Bedingungen adaptiert. Deren Studium erwies sich als sehr fruchtbar auch für das Verständnis von Anpassungen bei der Menschwerdung, weil sich diese Evolution in teilweise vergleichbaren Lebensbedingungen der Savanne vollzog. Sofern bei solchen Vergleichen die vorgegebenen Unterschiede der betrachteten Gruppen berücksichtigt werden, lassen sich weit reichende Modelle über frühe aufrechte Hominiden der Savanne entwickeln.

Freilandbeobachtungen an Menschenaffen, die um 1960 anfingen, rückten die Sonderstellung des Menschen in ein anderes Licht. Vorallem Schimpansen galten zunächst als Modell für die Lebensweise unserer frühen Vorfahren. Inzwischen machen ihnen darin die Bonobos (eine erst spät erkannte eigene Menschenaffenart) Konkurrenz. Freilandstudien an ihnen begannen 1974, in dem Jahr, in dem Lucy gefunden wurde. Es ist hier nicht so wichtig, welcher von beiden Menschenaffen näher mit uns verwandt ist. Denn beide zeigen, dass die Vorstellung nicht zutrifft, nur der Mensch besitze eine Kultur. Diese Primaten gehen unter anderem bereits mit Werkzeugen um und tradieren deren Gebrauch. Sie jagen und fressen Fleisch. Man darf annehmen, dass unser mit ihnen gemeinsamer Vorfahre all das auch schon tat.

Unterschätzte Neandertaler

Dem so genannten modernen Menschen ging es nicht besser. Vor allem hat sich sein Verhältnis zum Neandertaler verändert. So erwiesen in den 1980er Jahren neue Datierungsmethoden, dass im Nahen Osten vor Neandertalern moderne Menschen lebten. Das waren Vorläufer des europäischen Cro-Magnon-Menschen (des ersten modernen Menschen in Europa). Moderne Menschen lassen sich in Palestina vor etwa 110000 Jahren nachweisen, Neandertaler erst vor 90000 Jahren. Beide hatten in diesem in der Vorzeit für die menschlichen Wanderungen so wichtigen Korridor sogar über mehrere Jahrzehntausende nebeneinander gelebt. Noch erstaunlicher: Kulturell gehören beide in dieselbe Kulturepoche der mittleren Altsteinzeit, ins Moustérien. Nicht länger konnte der moderne Mensch als die Menschenform mit der weiter entwickelten Kulturstufe gelten.

Zuverlässige Altersmessungen erwiesen nun auch für West- und Mitteleuropa, dass Neandertaler und moderne Menschen hier noch einige Jahrtausende lang nebeneinander existiert hatten. Der moderne Mensch kam vor 40000 Jahren neu nach Europa. Die letzten Neandertaler lebten noch bis vor 32000 Jahren. Sie waren im eiszeitlichen Klima Westeurasiens während einiger Jahrhunderttausende entstanden. Besonderes Aufsehen erregte ein Neandertaler-Fund von 1979 aus der Charente in Frankreich. Er gehört ins Châtelperronien, eine Kulturschicht der oberen Altsteinzeit, die bisher als Kultur des modernen Menschen galt. Dies bewies, dass die Neandertaler eine viel weiter entwickelte Kultur besaßen als bisher angenommen.

Erst Mitte der 1990er Jahre kam heraus, dass moderne Menschen bereits am Ausgang jener Phase Kunst von großer Ausdruckskraft schufen. Die reichen Wand- und Deckenmalereien in der 1994 entdeckten Höhle von Vallon-Pont (Grotte Chauvet) hätten Experten vom Stil her früher auf 20000 Jahre geschätzt. Doch physikalische Datierungen ergaben das erstaunlich hohe Alter von 32000 Jahren.

In den 1980er Jahren stellte sich die Frage neu, wo der moderne Mensch entstanden war. Vielen Paläoanthropologen erschien es damals als wahrscheinlich, dass er sich in mehreren Regionen der Alten Welt aus den lokalen Homo- erectus-Populationen entwickelt hatte. Durch ­genetischen Austausch zwischen diesen Populationen sollte sich eine gemeinsame Art herausgebildet haben. Andere Forscher vermuteten, dass der moderne Mensch von Afrika aus die Welt er­obert hatte und ansässige Bevölkerungen verdrängte.

Die Wogen kochten hoch, als amerikanische Wissenschaftler 1987 die »afrikanische Eva« vorstellten. Genauer gesagt postulierten sie aus Erbgut-Vergleichen heutiger Bevölkerungen eine rein afrikanische Abstammung des modernen Menschen, zumindest in weiblicher Linie. Ähnlich wie bei den vorn erwähnten Messungen des Alters verschiedener Primatenlinien mittels einer »molekularen Uhr« hatten sie Mutationen in Erbsequenzen gezählt und daraus die Stammlinien ­rekonstruiert. In dem Fall hatten sie Erbgut der Mitochondrien untersucht, Zellorganellen, die nur von der Mutter vererbt werden. Sie errechneten daraus für den modernen Menschen ein Alter von ungefähr 200000 Jahren.

Noch ist der Streit nicht entschieden. Die Molekularanthropologen möchten außerdem zweierlei auseinander halten: den Ursprung unserer Art einerseits und das genetische Erbe der heutigen Menschheit andererseits. Wohl könnte der moderne Mensch in Afrika entstanden sein. Es scheint aber, dass die Population irgendwann vor 100000 bis 50000 Jahren sehr klein wurde, dass sie zeitweilig auf rund 60000 Individuen schrumpfte, also eine drastische Auslese erfuhr. Trotzdem soll der moderne Mensch nach diesem Modell zumindest den größten Teil der heutigen genetischen Ausstattung beigesteuert haben.

Natürlich kam dann die Frage nach dem hypothetischen Adam auf. Auch nach den männlichen Abstammungslinien fahnden Molekulargenetiker inzwischen, nun anhand des Y-Chromosoms. Die Resultate ergeben im Prinzip das Gleiche: eine afrikanische Herkunft des modernen Menschen. Kritiker stoßen sich aber an denselben ­methodischen und analytischen Aspekten. Außerdem ergaben sich zwei unterschied­liche Alter: Die postulierte Eva hätte vor 150000 Jahren gelebt, Adam vor nur etwa 50000 Jahren. Die Abweichungen sind aber nicht so tragisch. Die Formulierung gibt den Sachverhalt verkürzt wieder, da die Studien in Wirklichkeit molekulare Entwicklungslinien aufzeigen. Sie behandeln Populationen, nicht Individuen. Die Eigennamen dienen nur der Veranschaulichung.

Vom Baum zum Busch

Die 1990er Jahre brachten eine Artenexplosion bei den Vormenschen – und öffneten das Fenster zugleich weiter in unsere Vergangenheit. Die bisher ältesten Australopithecinen waren rund dreieinhalb Millionen Jahre alt. Dann wurde 1994 Australopithecus ramidus beschrieben. Wie Lucy stammt der Fund aus der Afar-Wüste, nur ist dieses Fossil viereinhalb Millionen Jahre alt. Die Entdecker glaubten, eine Zwischenform zwischen dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Schimpanse und Mensch und der Art von Lucy,Australopithecus afarensis, gefunden zu haben. Doch in den folgenden Jahren kamen in verschiedenen Ländern gleich eine ganze Serie weiterer sehr alter Arten neu hinzu.

Den Anfang machte Australopithecus anamensis (Kenia), der vor etwa vier Millionen Jahren lebte. Ein Jahr später folgte die dreieinhalb Millionen Jahre alte Art Australopithecus bahrel­ghazali (Tschad). Als Nächstes kam der zweieinhalb Millionen Jahre alte Australopithecus garhi (Äthiopien) hinzu. Der nächste dieser Funde war Kenyanthropus platyops (Kenia), der über dreieinhalb Millionen Jahre alt sein dürfte. Und schließlich die jüngsten Funde und zugleich bisher ältesten dieser Fossilien: Orrorin tugenensis (Kenia) ist sechs Millionen Jahre alt, Sahelanthropus tchadensis (Tschad) wird sogar auf sieben geschätzt. Die Basis unseres Stammbaumes vor Erscheinen der Gattung Homo ist unübersichtlicher als je zuvor.

Was unsere eigene Gattung betrifft, haben die 1990er Jahre auch einiges aufgerührt. Zunächst machten ein paar Anthropologen sich über die ursprünglichste Menschenart her, den 1964 benannten Homo habili. Jetzt verwiesen die Forscher auf die große Variabilität der Fossilien, die bisher hierunter eingeordnet wurden. Sie wollten dafür zwei Arten definieren: Zu Homo habilis im engeren Sinne sollten nur die grazileren, noch stark ans Baumleben angepassten Individuen gehören. Eine zweite Art, Homo rudolfensis, sollte die kräftiger gebauten, mehr ans Bodenleben angepassten Typen mit einem größeren Gehirn und menschenähnlicheren Gesichtsschädel umfassen.

Noch weiter ging ein paar Jahre später der Vorschlag, diese beiden Arten nicht länger der Gattung Homo zuzuordnen, sondern noch den Australopithecinen. Dann wäre erst Homo ergaster (sozusagen der afrikanische Homo erectus) der erste »echte« Mensch gewesen. Er war groß, starkknochig und ging fast schon genauso wie wir. Zu dieser Art gehört das eineinhalb Millionen Jahre alte Skelett von Turkana von einem über einen Meter siebzig großen, noch nicht ausgewachsenen Jugendlichen, das 1985 gefunden wurde. Diese großwüchsige Menschenform dürfte bereits vor 1,8 bis 2 Millionen Jahren entstanden sein. Eine solche Definition würde die Gattung Homo viel klarer fassen als bisher.

Das gleiche Schicksal könnte nach neuen Erkenntnissen die Art Homo erectus im weiten Sinne treffen, also die frühen Menschen in Asien und Europa. Einige Anthropologen unterscheiden inzwischen die asiatische Form als Homo erectus im strengen Sinne von einem Homo heidelbergensis, der in Afrika und dem westlichen Eurasien lebte. Sehr umstritten ist allerdings noch die Bezeichnung Homo antecessor für 800000 Jahre alte nordspanische Fossilien, die vor nicht einmal zehn Jahren auftauchten. Immerhin könnte diese Menschenform am Ursprung von Neandertaler und modernem Menschen stehen.

Früher Aufbruch nach Eurasien

Viele Forscher tendieren heute dazu, den modernen Menschen und den Neandertaler eher als zwei getrennte Formen bis hin zu eigenständigen Arten einzustufen: Homo neanderthalensis und Homo sapiens. Unter anderem berufen sie sich auf Vergleiche von Erbsequenzen der Mitochondrien, die ihnen in den letzten Jahren an Fossilien gelangen. Diese Sequenzen waren bei den untersuchten Neandertalern deutlich anders als bei heutigen Menschen.

In den 1990er Jahren kam heraus, dass sich Menschen wesentlich eher von Afrika her ausbreiteten als bisher angenommen. Nach Asien wagte sich nicht erst vor einer Million Jahren ein eher kräftig gestalteter Homo erectus, der schon mit einem ziemlich großen Gehirn ausgestattet und auch bereits kulturell recht gut ge­rüstet war. Als Erstes fand sich Anfang der 1990er Jahre in Dmanisi in Georgien – praktisch vor den Toren Europas – ein Unterkiefer, dessen Alter auf über 1,7 Millionen Jahre eingestuft wurde. Mehrere weitere asiatische Funde haben offenbar ein sehr hohes Alter. So wird ein Kieferbruchstück von Longuppo in Mittelchina auf 1,8 Millionen Jahre datiert, ein Fossil von Trinil auf Java auf etwa 1,7 Millionen Jahre. Zudem sprechen auch archäologische Befunde aus Israel, Pakistan und China dafür, dass Menschen Afrika schon vor eineinhalb bis zwei Millionen Jahren Richtung Eurasien verließen. Hieran lässt sich kaum noch zweifeln, seit in Dmanisi in den letzten Jahren drei fast 1,8 Millionen Jahre alte menschliche Schädel auftauchten.

Einer der Dmanisi-Schädel weist eine Hirnkapazität von nur etwa 600 Kubikzentimetern auf. Darin gleicht er einem Homo habilis, doch anatomisch ähnelt er wie die anderen Schädel in vielem Homo ergaster, jener schon weiter entwickelten afrikanischen Form. Das Merkmalsmosaik würde hervorragend zu einer Zwischenform dieser beiden Arten passen, wie übrigens auch einige oft vergessene afrikanische, besonders südafrikanische Fossilien. Aus all dem folgt: Vor etwa 1,8 Millionen Jahren machten sich bereits eher kleine, kleinhirnige Menschen nach Eurasien auf, die noch sehr einfache Werkzeuge – ­behauene Geröllsteine – besaßen.

Was also haben die letzten drei Jahrzehnte Neues über die Menschenevolution herausgebracht? Unser schöner Stammbaum ist gefällt. Stattdessen steht nun ein Busch. Ob er östlich oder westlich des afrikanischen Grabenbruchs wurzelt, ist offen. Falls der Busch östlich davon keimte, könnte 0rrorin tugenensis mit seinem aufrechten Gang unser Vorfahr sein. Begann sein Wachstum weiter westlich, könnten Gesicht und Gebiss von Sahelanthropus tchadensis von sehr frühen Vorfahren des Menschen zeugen.

Eines ist allerdings sicher: Die Wurzeln der Menschen sind in Afrika zu suchen. Das hatte Charles Darwin schon 1872 vermutet. Anthropologen brauchten aber über hundert Jahre, um dies zu bestätigen. Bei all dem sollten wir stets daran denken, dass die Fossilien für das Ziel, die Evolution des Menschen zu erforschen, zwar den spektakulärsten Teil ausmachen. Doch eigentlich ist dieses Unterfangen ein Abenteuer der Denkansätze. Das letztlich Entscheidende sind die wissenschaftlichen Konzepte, die sich ausbilden müssen. Noch zweihundert Jahre nach George Cuvier mit seiner Katastrophentheorie ist die Vorstellung von einer einlinigen Weiterentwicklung nicht wirklich aus den Köpfen verschwunden. Kaum taucht ein neues Fossil auf, verlautet immer noch, dies sei »der älteste menschliche Vorfahr«, obwohl es mit größerer Wahrscheinlichkeit eine weitere von vielen frühen Linien im Hominidenbusch repräsentiert.

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich die Artenzahl fossiler Hominiden vervierfacht. Viele Forscher rechnen nun auch die Schimpansen zur Hominiden-Familie. Sie haben begriffen, welch großen Einfluss Umweltveränderungen auf die menschliche Evolution hatten. Sie erkannten, dass diese Evolution letztlich auch auf Zufällen beruhte. Und sie berücksichtigen, dass stets mehrere aufrecht gehende Hominidenarten gleichzeitig lebten. Nicht länger sind Archäologen und Anthropologen versucht, eine Kulturstufe mit einem Menschentyp gleichzusetzen. Zu den wichtigsten Erkenntnissen gehört auch die Einsicht, dass sich Merkmale wie der aufrechte Gang, die Werkzeugherstellung und das große Gehirn nicht gemeinsam entwickelten.

Diese neuen Auffassungen vertreten die Paläoanthropologen noch längst nicht einhellig. Das eigentliche Problem dieser Forschungsrichtung scheint zu sein, dass sich jeder gern sein eigenes Bild vom Menschen macht.

Literarturhinweise


Vom Affen zum Menschen. Teil 1: Evolution der Primaten; Teil 2: Evolution des Menschen. Von Louis de Bonis. Spektrum der Wissenschaft, Compact 1/2001 und 1/2002.

Die Evolution des Menschen. Spektrum der Wissenschaft, Dossier 3/2000.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2003, Seite 22
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2003

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