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Energiepolitik: Die Himba und der große Damm

Die Kultur eines namibischen Stammesvolkes droht in einem Stausee unterzugehen. Dies sei eben der Preis des Fortschritts, behaupten die Befürworter des Großdamms.


Die Wasser des Kunene bilden Namibias Nordwestgrenze zu Angola. Der Fluss durchzieht ein karges, trockenes Bergland, das gleichwohl Heimat ist für einen der letzten weit gehend autark lebenden Stämme Afrikas, für die Himba. In diesem Land, das sie nach einem mythischen Vorfahren Kaoko nennen, errichten diese Halbnomaden ihre Dörfer und lassen ihre Rinder weiden. Dort liegen ihre Vorfahren begraben, und die heiligen Gräber vermitteln kulturelle Identität und Kontinuität. Doch geht es nach dem Willen der Regierung in Windhoek, wird im Kaoko-Land ein gewaltiger Damm entstehen, um Namibias Energiehunger zu stillen. Fast 400 Quadratkilometer Land würden ihm zum Opfer fallen. Gegen den erklärten Willen der Himba.

Etwa 16000 Menschen umfassen die Sippen dieses Hirtenvolks. Im kargen Bergland leben sie von dem Fleisch und der Milch ihrer Rinder und Ziegen, dazu gibt es hin und wieder Kürbis oder Melone. Man nennt die Himba manchmal auch das rote Volk, weil sie traditionell Körper, Haar und die aus Tierhäuten gefertigte Kleidung mit einer Mischung aus Butterfett und gestoßenem roten Ocker einreiben. Nach eigenem Bekunden tun sie dies um der Schönheit willen, doch zweifellos schützt die Paste auch vor Sonne und Austrocknung.

Seit vielen Jahrzehnten leben diese Menschen weit gehend isoliert – kein anderer Stamm machte ihnen das öde Land streitig. Auch die deutschen Kolonisatoren, die Ende des 19. Jahrhunderts "ihr Deutsch-Südwestafrika" gründeten, hielten sich fern. Die Lage änderte sich erst in neuerer Zeit: Unter südafrikanischem Protektorat wurde ihr Umherziehen eingeschränkt, was viele Himba entwurzelte und ins soziale Abseits trieb.

Mit ihrer Isolation könnte es bald vorbei sein. Ein Standort unterhalb der Epupa-Wasserfälle erscheint viel versprechend für den Bau eines Damms. Erste Pläne für einen Staudamm an dieser Stelle gab es schon 1969, als das ehemalige Deutsch-Südwestafrika noch der Verwaltung Südafrikas unterstellt war. Die Idee verschwand in der Versenkung, bis Namibia im Jahr 1990 seine Unabhängigkeit erlangte. Ein Jahr später gaben die beiden Nachbarländer Namibia und Angola eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, die zwei mögliche Standorte für einen Staudamm unter die Lupe nahm: die Epupa-Fälle und eine weiter flussabwärts gelegene Stelle in den Baynes Mountains. Die Studie kam zu dem Ergebnis, Epupa sei die wirtschaftlich sinnvollere Alternative, doch Angola hält am zweiten Standort fest. Zum Teil wohl deswegen, weil das Land dann auch mit Geldern für die Sanierung eines im Bürgerkrieg zerstörten Staudammes an einem angolanischen Nebenfluss des Kunene rechnen könnte. Das macht dieses Projekt dann aber auch teurer im Vergleich zu dem namibischen.

Bis zum Jahr 2008 soll deshalb nach dem Willen der namibischen Regierung an den Epupa-Fällen ein provisorisches Dorf für mehr als tausend Arbeiter entstehen. Die Häuptlinge der Himba sehen dem mit gemischten Gefühlen entge-gen, denn sie fürchten soziale Probleme wie Alkohol, Prostitution und Aids. Die Verheißungen des Fortschritts – bessere Straßen, bessere Gesundheitsversorgung, Schulen und elektrischer Strom – bedeuten ihnen dagegen nur wenig. Ihre Sorgen sind nicht unbegründet. Die Weltstaudammkommission konstatierte im November 2000, dass weltweit vierzig bis sechzig Millionen Menschen durch den Bau großer Dämme ihre Heimat verloren haben. Gerade die einheimische Urbevölkerung hatte dem Bericht zufolge unter den negativen Konsequenzen solcher Vorhaben stets besonders zu leiden, ohne von ihrem Nutzen sonderlich zu profitieren. Welchen Wert soll man dem Recht eingeborener Völker auf ungestörte Ausübung ihrer überlieferten Lebensweise zumessen, welchen der schieren Notwendigkeit für Entwicklungsländer, ihre natürlichen Energieressourcen zu erschließen?

Ich hatte Gelegenheit, mit Hikuminwe Kapika, einem von etwa einem Dutzend Himba-Häuptlingen, zu sprechen. Das bedeutete allerdings eine Reise ans Ende der Welt. Erst zwei Tage nach dem Verlassen der letzten geteerten Straße erreichte unser allradgetriebener Pick-up-Truck die vierzig Meter hohen Epupa-Wasserfälle. An Bord hatten wir Benzinkanister (die nächste Zapfsäule ist eine halbe Tagesfahrt entfernt), Trinkwasser, Campingausrüstung, medizinische Notfallausstattung und Ersatzräder wie auch Tabak, Zucker und Decken als Gastgeschenke. Zu alledem prangte oben auf der Ladefläche noch ein nagelneues Fahrrad – die erbetene Bezahlung unseres Übersetzers. Mit einem großen Fahrradkorb, der auch eine Ziege aufnehmen kann.

Unser Fahrer tat sein Bestes, um der holprigen Piste zu folgen und gleichzeitig den Schlaglöchern und spitzen Felsen auszuweichen, doch meist kamen wir nur mühsam voran. Mehr als einmal blieben wir im Sand eines trockenen Flussbetts stecken. Da half alles nichts, wir mussten aussteigen und etwas Luft aus den Reifen lassen oder Äste unterlegen. Auch Landschaft und Tiere zu bestaunen motivierte manchen Halt. So sah ich einmal einen ganz enormen Skorpion. Ich habe schon Hummer gegessen, die kleiner waren. Schließlich erreichten wir die Siedlung nahe den Wasserfällen und schlugen dort unser Lager auf.

An diesem Kreuzungspunkt im Niemandsland treffen sich die namibischen Himba mit ihren Stammesgenossen aus dem Nachbarland Angola jenseits des Kunene. Hier werden auch Kontakte zu anderen Stämmen gepflegt, etwa zu den eng mit den Himba verwandten Herero, den Zemba, Thwa und Ngambwe. Missionare haben an diesem Ort ein stroh-gedecktes Kirchlein errichtet, außerdem gibt es ein kleines First-Class-Safaricamp, einen aus Wellblechplatten zusammengezimmerten Shop, der neben billigem Tabak hauptsächlich Maismehl und lauwarme Cola verkauft, sowie einen kommunalen Campingplatz, auf dem Besucher wie wir für fünfzig namibische Dollar (etwa sechs Euro) pro Nacht ihr Zelt unter Makalani-Palmen aufstellen können. Nur wenige Menschen leben das ganze Jahr über in dieser Siedlung; die Himba kommen jedoch regelmäßig dorthin, um Bestattungszeremonien abzuhalten, Erbschaften aufzuteilen, Vieh zu verkaufen und um Freunde und Verwandte zu besuchen. In dieser Zeit wohnen sie in provisorischen Hütten.

Häuptling Hikuminwe Kapika, ein würdiger älterer Herr, empfing uns in seinem von Dornreisern umzäunten Kral. Das Gespräch begann verhalten, denn schon viele Journalisten hatten ihn interviewt, seinen Sorgen um die Zukunft des Stammes gelauscht und Artikel geschrieben, die Kapika nie zu Gesicht bekam. Er mochte mittlerweile auch bezweifeln, dass das Medienecho wirklich etwas änderte. Doch schließlich erzählte er: Dass er fürchtete, die fremden Arbeiter könnten das Vieh der Himba stehlen – keineswegs eine irrationale Angst, denn Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Himba durch Raubzüge des weiter südlich lebenden Stammes der Nama beinahe ausgelöscht, und auch heute ist der Viehdiebstahl noch durchaus an der Tagesordnung. Außerdem bekümmert Kapika die Vorstellung, die Neuankömmlinge könnten wertvolles Weideland in Besitz nehmen und übernutzen. Die Familienverbände der Himba wechseln ihren Aufenthaltsort mehrmals im Jahr, sodass sich abgeweidete Gebiete immer wieder erholen können.

Vor allem aber: Der entstehende Stausee würde Hunderte von Grabstätten überfluten, die sowohl für die Religion als auch für die sozialen Strukturen dieses Volkes eine zentrale Rolle spielen. Durch rituelle Handlungen auf den Grabfeldern nehmen die Familienoberhäupter in Krisenzeiten Kontakt zu ihren Ahnen auf, und auch Streitigkeiten werden häufig über den Ruhestätten der Vorfahren beigelegt. Kommt es einmal zum Streit um Weidegründe, dann fragen die Himba: "Wie viele eurer Vorfahren sind hier beerdigt? Sind eure Ahnengräber älter als unsere?"

Häuptling Kapika mochte es besonders erzürnen, dass er die Bedenken und Ängste längst der Regierung hinterbracht und in Gesprächen dargelegt hatte, das Vorhaben aber dennoch weiter vorangetrieben wird. "Das ist auch nicht anders, als es unter der Apartheid der Weißen war. Wir Himba werden Widerstand leisten und gegen diese Pläne kämpfen. Mit Steinen und Speeren!"

Vielleicht werden diese einfachen Menschen von den Politikern und Ingenieuren nicht ganz ernst genommen? Viele Himba kennen keinen elektrischen Strom und haben niemals ein Bauwerk gesehen, das höher als ein Stockwerk ist. Der Epupa-Damm würde immerhin 163 Meter hoch aufragen. Die Realisierung des Projekts wird über eine halbe Milliarde Euro verschlingen, später soll das Kraftwerk täglich 360 Megawatt Energie liefern.

Als die ersten Staudammexperten zu den Himba kamen, hatten die Stammesoberen noch keine Einwände gegen das Vorhaben. Warum auch, sie glaubten, es ginge um einen kleinen, aus Erde aufgeschütteten Damm, so wie sie selbst Dämme errichten, um ihr Vieh zu tränken. Lange Zeit redeten die Kommunikationspartner völlig aneinander vorbei.

Die namibische Journalistin Margaret Jacobsohn war vom Amt für Integrierte Ländliche Entwicklung und Naturschutz beauftragt worden, die soziale Seite des Vorhabens zu untersuchen. Sie erinnerte sich an ein besonders viel sagendes Erlebnis. Als sie eine Himba-Familie nahe den Epupa-Fällen zu ihrer Meinung über den geplanten Staudamm befragte, stieß Jacobsohn auf Unverständnis, obwohl sie das Wort der Behörden hatte, die Menschen seien informiert worden. Die Journalistin führte ihre erstaunten Gesprächspartner dennoch so gut wie möglich durch einen Fragebogen, und nach dem Interview wandte sich ein Familienmitglied mit einer Bitte an sie: Vielleicht könnte sie bei einem mysteriösen Schreiben helfen, das ihnen vor einiger Zeit ins Haus geflattert war? Der Mann kramte einen ockerverschmierten Umschlag hervor – den Informationsbrief der Regierung. Die Himba hatten das auf Englisch verfasste Schreiben noch nicht einmal geöffnet. Nachdem Jacobsohn den Brief übersetzt hatte, schüttelte ein alter Mann bedächtig den Kopf. "Wovon du redest, das ist der große Tod der Himba!"

Als einer der letzen Stämme dieser Erde führt dieses Volk fast völlig isoliert von der globalen Gesellschaft ein traditionelles Leben als Selbstversorger. Für Anthropologen sind sie besonders interessant, weil bei ihnen ein Prinzip der bilinearen Verwandtschaft gilt: Jedes Stammesmitglied gehört zu zwei Sippen, nämlich der väterlichen (dem Patriclan) und der mütterlichen Sippe (dem Matriclan). Dieser Brauch ist nicht sehr verbreitet, außer den Himba kennen ihn nur wenige Naturvölker in Westafrika, Indien, Australien, Melanesien und Polynesien.

Das Oberhaupt eines Himba-Patri-clans ist immer der älteste Mann der Sippe. Die Söhne bleiben ihr Leben lang im Haus des Vaters; Töchter schließen sich also nach der Heirat dem Haushalt der Familie ihres Ehemannes an und werden zu Mitgliedern seines Patriclans. Doch die Vererbung des Vermögens – hauptsächlich Vieh – wird durch den Matriclan bestimmt. Somit erbt ein Sohn nicht das Vieh seines Vaters, sondern das seines Onkels mütterlicherseits.

Durch dieses Prinzip stehen in Krisenzeiten gleich zwei Familienverbände in unterschiedlichen Gegenden hinter dem einzelnen Stammesmitglied; das bringt besondere Vorteile für Völker, die wie die Himba im dürregeplagten Kaoko-Land in einer eher lebensfeindlichen Umwelt zurechtkommen müssen. Vermutlich hilft das Prinzip auch, Inzucht beim Vieh zu vermeiden, denn bei einigen Patriclans liegen Tabus auf Ziegen oder Rindern einer bestimmten Farbe oder Fellzeichnung. Wird ein Tier geboren, das die Tabus des Clans verletzt, muss es gegen ein "erlaubtes" Tier aus einem anderen Patriclan ausgetauscht werden.

Selbst in der Religion der Himba spielt die bilineare Abstammung eine wichtige Rolle, denn die Ausübung ritueller Handlungen obliegt allein dem jeweiligen Patriclan. Die Himba glauben nämlich an einen Schöpfergott, der jedoch allen menschlichen Dingen so weit entrückt ist, dass sich ein Kontakt zu ihm nur durch die Anrufung der väterlichen Ahnen herstellen lässt. Im Mittelpunkt aller religiösen Riten stehen "heilige Feuer", die ursprünglich über den Gräbern der Vorfahren entzündet wurden.

Noch heute wachen die Oberhäupter der Patriclans über das heilige Feuer ihrer Sippe – häufig nur ein glimmender Holzscheit inmitten von kreisförmig angeordneten Steinen zwischen dem Eingang der Hütte des Sippenoberhauptes und dem Pferch, wo das Vieh über Nacht angebunden wird. Dieser Bereich des Krals gilt als heilig; Fremde dürfen sich ohne ausdrückliche Erlaubnis nicht zwischen dem heiligen Feuer und dem Pferch oder zwischen dem Feuer und der Hütte bewegen. Am Tage obliegt die Bewahrung des heiligen Feuers traditionell dem Patriarchen, der über der Feuerstätte die Angelegenheiten der Familie mit den Ahnen bespricht. Am Abend trägt seine Frau einen Span des Feuers in die Haupthütte, um es damit am andern Morgen wieder neu zu entfachen.

Heute gilt das Interesse der Anthropologen besonders dem raschen sozialen Wandel, der das Volk der Himba ergriffen hat. Er zeigt sich unter anderem in Äußerlichkeiten wie Kleidung und Haartracht, und es fällt auf, dass sich wesentlich mehr Männer als Frauen den westlichen Gepflogenheiten anpassen. Bei der Siedlung an den Epupa-Fällen kann man denselben Himba-Mann an einem Tag im Lendenschurz und traditionellen Schmuck, am nächsten Tag jedoch mit Hemd und Hose bekleidet antreffen. Nur wenige unverheiratete Männer tragen in dieser Gegend noch den früher üblichen "Junggesellenzopf", und noch weniger verheiratete Männer halten sich an den Brauch, ihr ungeschnittenes Haar mit einem Turban aus weich gegerbtem Schafsleder zu umwickeln. Kaum ein Mann in der Siedlung reibt sich noch mit der Ockerpaste ein; viele waschen sich täglich mit Seife im Kunene.

Ganz anders jedoch die Frauen: Sie verhalten sich sehr viel konservativer hinsichtlich Kleidung und Haartracht; selbst bei den Epupa-Fällen tragen die meisten nichts als ihren Schmuck auf der unbedeckten Brust und die kompliziert gewickelten Schurze aus Ziegen- oder Kalbsleder um ihre Hüften. Sie reiben sich jeden Morgen sorgfältig von Kopf bis Fuß mit der Ocker-Butterfett-Creme ein und waschen sich fast nie mit Wasser. Bei den jungen Mädchen fällt das Haar in zwei dicken Flechten über Stirn und Gesicht, während verheiratete Frauen an den langen Kaskaden von dünnen, mit einer Schlammkruste überzogenen Zöpfen zu erkennen sind.

Nach Ansicht vieler Anthropologen halten die Himba-Frauen nicht einfach passiv an der Tradition fest: In Wahrheit widersetzen sie sich aktiv der Veränderung, weil sie nur so ihre gesellschaftliche Stellung bewahren können. Die Männer verdienen sich gelegentlich ein paar Namibia-Dollars durch Hilfsarbeiten oder durch den Verkauf von Vieh, den Frauen jedoch fehlen solche Möglichkeiten. Indem sie nun an traditionellen Werten festhalten, verfolgen die Himba-Frauen eine Strategie, die in der modernen Anthropologie als "Wandel durch Kontinuität" oder "aktiven Konservatismus" bezeichnet wird. "Gerade das scheinbare Verharren in der Tradition kann eine strategisch sinnvolle – und sehr vernünftige – Reaktion auf die Ereignisse der heutigen Zeit sein", sagt Margaret Jacobsohn.

Doch kann Namibia auf ethnische Probleme Rücksicht nehmen? Jesaya Nyamu, Namibias zuständiger Minister für Bergbau und Energie, wird bei meinem Besuch in der Hauptstadt Windhoek nicht müde zu betonen, dass sein Land zur Zeit sechzig Prozent seiner Energie vom Nachbarland Südafrika importiert. Hier eine Alternative zu schaffen, hält er für ein Gebot der nationalen Souveränität. "Keiner sieht, wie dringend unser Land eine unabhängige Stromproduktion braucht!" All jenen ausländischen Umweltschutzgruppen, die sich in die Staudammdiskussion seines Landes einmischen, unterstellt der Minister deshalb eine Doppelmoral. "Diese Leute messen mit zwei verschiedenen Maßstäben: Einem für ihre eigenen, industrialisierten Länder, und einem anderen für solche, die sie für unberührt und exotisch halten. Oder stehen in Europa und Amerika nicht überall Dämme?"

Er hat nicht Unrecht: Auf Platz zwei in der Rangliste der Betreiber von über neunzig Meter hohen Staudämmen folgen die USA auf China, so die Auskunft der ICOLD (Internationale Kommission für Große Talsperren, eine unabhängige Fachorganisation mit Sitz in Paris). Und dabei ging die heute reichste Nation der Welt nicht gerade zimperlich mit den Rechten ihrer eingeborenen Bevölke-rung um: Als im Jahre 1934 der Grand-Coulee-Damm im Bundesstaat Washington den Columbia River aufstaute, wurde die Heimat der Colville- und Spokane-Indianer überflutet, gleichzeitig beraub-te man sie ihrer Lebensgrundlage, der Lachsfischerei. Im Jahr 1951 forderten die Indianer erstmals Schadenersatz, 1994 akzeptierten sie ein Angebot der amerikanischen Regierung: Jedes Jahr, so lange der Staudamm Strom produziert, erhalten sie Reparationszahlungen in Höhe von 15 Millionen Dollar, dazu kommt eine einmalige Entschädigungssumme in Höhe von 54 Millionen Dollar.

In Namibia ist der politische Streit um den Damm inzwischen voll entbrannt: Völlig überflüssig, befindet Oppositionsführer Katuutire Kaura, denn ein flussaufwärts bei Ruacana gelegenes Stauwerk aus den 70er Jahren arbeite derzeit bei weniger als zwanzig Prozent seiner Kapazität. Und in den kürzlich entdeckten Kudu-Erdgasfeldern vor Namibias Südküste vermutet man 560000 Kubikmeter Erdgas – mehr als genug für die Bedürfnisse des ganzen Landes. "Das reicht für zwanzig bis dreißig Jahre", bekräftigt Kaura. Zurzeit arbeitet die namibische Regierung gemeinsam mit dem Erdölkonzern Shell an der Erschließung dieser unverhofften Energiequelle.

Und was die Himba beträfe, mutmaßt Kaura weiter, würden die Eingeborenen kaum vom Damm profitieren, aber einen hohen Preis dafür bezahlen. Da sie für die – ohnehin nur vorübergehend – anfallenden Arbeiten nicht qualifiziert sind, bringt er ihnen kaum Jobs. Eine nomadische Lebensweise und geringer Besitz sind auch nicht förderlich, in den Genuss des elektrischen Stroms zu kommen. Das war in Opuwo am Ruacana-Damm nicht anders – erst gute zwanzig Jahre nach dem Bau des Kraftwerks wurde der Ort elektrifiziert. "Der Damm wird die Himba an den Rand der Gesellschaft abdrängen, wo sie nicht überleben können", prophezeit Phil Ya Nangoloh, Leitender Direktor von Namibias Nationaler Gesellschaft für Menschenrechte.

In diesem Zusammenhang warnt die Weltstaudammkommission davor, dass solche Großprojekte häufig der ortsansässigen Bevölkerung Ressourcen rauben, die für Nahrung und Auskommen wichtig sind, und einer anderen Bevölkerung an einem anderen Ort zuführen. Der Zweck großer Staudämme läge gewissermaßen darin, Flüsse und Landschaften zu "exportieren". Die Kommission fordert deshalb auf, eher eine nachhaltige Energiewirtschaft zu etablieren, die vorhandene Ressourcen beispielsweise durch ein besseres Management intensiver nutzt und auf erneuerbare Energien setzt.

Der Wind bläst der namibischen Regierung ins Gesicht. Immerhin hat die Weltbank bereits verkündet, das Dammprojekt auf keinen Fall zu finanzieren. So ist es nicht erstaunlich, dass Mitte vergangenen Jahres ein neues Konzept publik wurde: Ein riesiger Windpark in der Großen Bucht nahe der Küstenstadt Luderitz soll drei bis zehn Megawatt Leistung liefern und so die Unabhängigkeit vom Stromlieferanten Südafrika sicherstellen.

Was, wenn die Regierung ihre Staudamm-Pläne doch weiter vorantreibt? An meinem letzten Morgen im Camp bitte ich unseren Kontaktmann Tjiuma um seine ehrliche Einschätzung der Lage. In der tiefen morgendlichen Stille, die über dem Kunene liegt, bekennt er, dass die Himba bereits Widerstandspläne schmieden. Mehr als fünfzig ihrer Häuptlinge kämpften im Unabhängigkeitskrieg, sagt er, und die alten Gewehre liegen noch in ihren Hütten.

Eine Woche später, als ich den Energieminister in Windhoek treffe, frage ich ihn vorsichtig, was die Regierung in einem solchen Fall zu tun gedenke. Er drohte massive Gegengewalt an, räumte aber ein: "Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird." Vielleicht gönnt der Fortschritt dem Kaoko-Land tatsächlich noch einen Aufschub.

Literaturhinweise


Ochre & Water. Himba Chronicles from the Land of Kaoko. Ein Film von Craig Matthew und Joelle Chesselet. 2001. Im Vertrieb von Off The Fence B. V. Nieuwe Herengracht 31, N-1011 RM Amsterdam (E-Mail: info@offthefence.com).

Dams and Development: A New Framework for Decision-Making. World Commission on Dams, 2000.

Himba: Nomads of Namibia. Von Mar-garet Jacobsohn, Peter Pickford und Berverly Pickford. Struik Publishers, Cape Town, 1990.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 2002, Seite 74
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
4 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 4 / 2002

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