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Die Petö-Therapie

Die in Ungarn entwickelte Methode der konduktiven Förderung soll bewegungsbehinderten Kindern und Erwachsenen helfen, ihren Alltag weitgehend selbständig zu meistern.


Die konduktive Förderung ist der heilpädagogische Ansatz des ungarischen Neurologen, Psychiaters und Pädagogen András Petö (1893-1967). In Ungarn gibt es diese Therapieform für Bewegungsbehinderte seit 1947, sie gelangte aber erst Ende der achtziger Jahre in die Länder der westlichen Welt. In Deutschland gründete sich 1994 auf Initiative von Eltern bewegungsbehinderter Kinder der erste Petö-Verein, FortSchritt e.V., der mittlerweile 4000 Mitglieder zählt. "Jedes Jahr sind tausend Eltern nach Budapest gefahren, um ihre Kinder dort zumindest zeitweise mit dieser Methode behandeln zu lassen", sagt Peter von Quadt, Vorsitzender von FortSchritt e.V.; "das war Grund genug, hier eine ähnliche Bewegung ins Leben zu rufen". Der Verein, der im bayerischen Niederpöcking eine Kindertagesstätte eingerichtet hat, versteht sich hauptsächlich als Selbsthilfegruppe, die betroffene Eltern im Klinik- und Therapiealltag unterstützt; doch er setzt sich auch aktiv für die Petö-Therapie ein.

Petö entwickelte sein heilpädagogisches Verfahren bereits in den Jahren 1911 bis 1916. Er verband Elemente aus Orthopädie, Neurologie und Psychiatrie mit der Rehabilitation von spastisch-gelähmten Kindern. Nach dem Zweiten Weltkrieg schuf er aufgrund jahrelanger praktischer Arbeit seine kombinierte neuropädiatrisch-pädagogische Therapie für cerebralgeschädigte Kinder und Erwachsene. Ziel dieser Methode ist, die betroffene Person in allen wichtigen Bereichen des Alltags von fremder Hilfe oder von Hilfsmitteln weitgehend unabhängig zu machen.

Störungen des Bewegungsapparates können auf vielfältige Ursachen zurückzuführen sein. Während Orthopädie, Logopädie oder Ergotherapie einzelne Fehler der Bewegungs-, der Sprach- oder der Sinnesorgane behandeln, sucht die Petö-Therapie die generelle Aktivität des Einzelnen so zu fördern, daß er jeden Tag aufs neue übt, die Bewegungsabläufe des Körpers bewußt zu steuern. Der Lernprozeß wird dadurch nicht reduziert auf das Üben einzelner Funktionen in einer Einzeltherapie ein- oder zweimal pro Woche, sondern er erstreckt sich über das gesamte Alltagsleben.

Beim Training spielt die Motivation eine große Rolle. Mit speziellen Greifpuppen und bunten Spielsachen, mit Liedern und Gedichten werden Kinder animiert, aufzustehen, sich zu setzen, zu greifen und zu laufen. Diese Übungen finden nur in kleinen Gruppen statt, die vor allem für die Kinder eine temporäre Lebensgemeinschaft bilden, in der sie durch das Sich-miteinander-Freuen, das Sich-Trösten und das Sich-Ermahnen angespornt werden. Auf jeweils drei Kinder kommt eine Therapeutin, die sogenannte Konduktorin, die das korrekte Ausführen der Bewegungen überwacht.

Der Konduktorin kommt eine besondere Verantwortung zu, denn sie entscheidet, welche Übungen wann und wie zu machen sind. Das sehr praxisorientierte Studium am Petö-Institut in Budapest – dem weltweit einzigen Ausbildungsort – dauert vier Jahre und umfaßt unter ande-rem medizinische Biologie, Krankengymnastik, Beschäftigungstherapie, Heil- und Sonderpädagogik sowie Musiktherapie.

Die konduktive Pädagogik ist ein komplexes System, das ganzheitlich orientiert ist. Dazu wird das Kind so früh wie möglich in einen regelmäßigen Tagesablauf integriert. Die Programme finden mit wenigen Wechseln nahezu jeden Tag zur gleichen Stunde und in derselben Dauer statt. Das bildet einen Bezugsrahmen, in dem vor allem die Kinder Kontinuität und Sicherheit finden. Dabei ist nichts dem Selbstzweck überlassen: Das "Gehprogramm" findet dann statt, wenn man von einem Raum in den anderen gehen muß, das "Töpfchenprogramm" während der Pause, das "Eßprogramm" morgens und mittags. Jede Phase des Tagesablaufs wird dazu genutzt, die natürlichen Bewegungsabläufe bewußt immer und immer wieder einzuüben, damit diese schließlich selbstverständlich werden. Wichtig sind dabei auch spezielle Möbel oder andere Hilfsmittel wie Beinschienen, mehrbeinige Krücken, Wandsprossen, an denen die Kinder sich hochziehen können, ein Gehbarren, an dem sie laufen lernen, spezielle Holzstühle zum Sitzen, Greifen und Halten sowie Holzpritschen zum Üben, Spielen und Schlafen. Alle diese eigens für das Trainingsprogramm entwickelten Möbel ersetzen oftmals den Rollstuhl, der das Kind außerhalb der klassischen Therapien zur Passivität verurteilen würde.

In Ungarn ist mittlerweile ein regelrechtes Netzwerk für die Petö-Therapie entstanden. Konduktoren stellen bereits in den Neugeborenenstationen Art und Schwere der Störungen fest. Die Behandlung setzt dann zwischen dem 6. Lebensmonat und dem 3. Lebensjahr ein – zunächst in Mutter-Kind-Gruppen, danach in einem Ganztagskindergarten und in Budapest in einer institutseigenen Grundschule bis zum Alter von 14 Jahren. Angestrebt wird letztlich die Integration des Kindes in eine normale Schule. Für Jugendliche und Erwachsene gibt es in fast allen größeren Städten des Landes ambulante Betreuungsmöglichkeiten, denn trainieren muß ein bewegungsbehinderter Mensch sein Leben lang.

Sowohl von ärztlicher Seite als auch von den Krankenkassen her ist die Petö-Methode voll in das Gesundheitswesen Ungarns integriert. In Deutschland hingegen ist sie noch nicht anerkannt. "Das Spezifische der konduktiven Erziehung liegt in ihrem ganzheitlichen Ansatz", so Ildiko Kozma, Professorin und Direktorin des Petö-Instituts in Budapest. Doch genau darin liegt auch das Problem, das deutsche Krankenkassen mit dieser Therapie haben. Denn selbst wenn sich in Ungarn statistisch nachweisen ließ, daß über 70 Prozent der Patienten auf allen Entwicklungsebenen Fortschritte machen, so fehlt es nach deutschem Verständnis an einer klaren Klassifizierung. Was ist die Petö-Therapie? Eine ärztliche Behandlung, ein Trainingsprogramm oder eine Form der Heilpädagogik? Und welche Elemente der akzeptierten Heilverfahren wendet sie wie an?

Ein 1993 erschienenes Gutachten des Medizinischen Dienstes in München bewertete die Petö-Methode ablehnend. Kritisiert wurde, daß der Beruf des Konduktors keinem uns bekannten medizinischen Hilfsberuf gleichzustellen sei. Des weiteren werde "das Kind nicht auf bessere Bewegungsfunktionen hin trainiert", sondern in ihm solle "der Wunsch der Selbstverwirklichung erstarken". Und das Ganztagstraining in den Gruppen wäre dem Einzelnen nicht angepaßt: "Die einen sind überfordert und resignieren, die anderen sind unterfordert und langweilen sich." Auch ideologische Bedenken wurden vorgebracht: "Eine individuelle Förderung ist nicht vorgesehen", so der Gutachter, "das Kollektiv (wird) als regulatives Prinzip eingesetzt. Es ist wohl kein Zufall, daß die Petö-Erziehung sich in einem sozialistischen Staat … entwickelt hat."

"Ein Gutachten vom grünen Tisch", meint von Quadt dazu, weil bislang niemand vom Medizinischen Dienst ein Petö-Zentrum besucht habe. Der Verweis auf einen vermeintlich ideologischen Zusammenhang wird vor allem von den ungarischen Vertretern als absurd abgelehnt; denn sie haben am eigenen Leibe erfahren, wie wenig das Kollektiv der ehemals sozialistischen Staaten mit wirklichem Gruppendenken zu tun hat.

Mittlerweile haben sich deutsche Ärzte eingehender mit der Petö-Therapie befaßt. Der Kinderneurologe und Rehabilitationsmediziner Michael Rochel an der Taunusklinik Falkenstein ließ als einer der ersten cerebralgeschädigte Kinder regelmäßig konduktiv fördern. Die Methode, so Rochel, wurde "immer als ein motorisches Förderprogramm dargestellt. Durch unseren Forschungsbericht haben wir bewiesen, daß es sich dabei um eine ganzheitliche Reha-Maßnahme handelt, die auf allen Entwicklungsebenen Fortschritte bringt." Des weiteren erforschen das Zentrum für Kinderheilkunde in Bonn, die Gesamthochschule Siegen und das Kinderzentrum in München die Petö-Methode. Deren Vergleichsstudien sollen in den nächsten Monaten abgeschlossen werden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1999, Seite 136
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1999

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