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Sophie und Michael D. Coe:: Die wahre Geschichte der Schokolade.

Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell.
S. Fischer, Frankfurt am Main 1997. 352 Seiten, DM 48,–.

Uns Europäern ist Schokolade als feste, süße Substanz geläufig und erst seit der Eroberung Südamerikas überhaupt bekannt. Dabei liegen vier Fünftel ihrer Geschichte vor dieser Zeit, und während 90 Prozent der gesamten Spanne wurde sie nicht gegessen, sondern getrunken. Aus diesem Grund beginnt die "wahre Geschichte" des amerikanischen Anthropologenehepaars Michael und Sophie D. Coe bei den mittelamerikanischen Hochkulturen. Michael D. Coe hat hierfür die Aufzeichnungen seiner Frau nach deren Tod zum Buch aufbereitet.
Den Mayas und Azteken dienten die Kakaobohnen als wichtiges Zahlungsmittel. Kakao war das bevorzugte Getränk der gehobenen Schichten und Bestandteil religiöser Rituale. Seine frühe Geschichte ist zugleich eine Geschichte der Entstehung und der Lebensweise dieser Völker.
Die spanischen Eroberer Mittelamerikas begriffen bald seinen Nutzen als Zahlungsmittel; vom Geschmack des kalten, leicht bitteren und üblicherweise ungesüßten Getränks waren sie dagegen zunächst abgestoßen. Erst in heißer Form und durch Mischen mit Rohrzucker und europäischen Gewürzen konnten sich die Europäer mit ihm anfreunden. Auch sein Name durchlief eine Veränderung: Die Spanier konnten sich nicht an das aztekische Worte cacahuatl (Kakaowasser) gewöhnen, da caca in den romanischen Sprachen ein Ausdruck für Fäkalien ist. Das Wort Schokolade entstand vermutlich aus dem Maya-Wort chocol (heiß) und dem aztekischen atl (Wasser).
Nach Europa kam die (Trink-)Schokolade zuerst als Heilmittel. Nach der auf die antiken Ärzte Hippokrates und Galen zurückgehenden medizinischen Theorie des Barock sind die vier Körpersäfte Blut, Schleim, Galle und schwarze Galle mit den Charakteristika heiß, kalt, feucht und trocken sowie den Temperamenten sanguinisch, phlegmatisch, cholerisch und melancholisch verknüpft, und vom Gleichgewicht dieser Säfte hängt die Gesundheit des Menschen ab. Lebensmitteln wurden ebenfalls solche Eigenschaften zugeordnet: Kakao galt als eher kalt und feucht, die in der Zubereitung von Trinkschokolade verwendeten Gewürze als heiß. Während die Schokolade in die verschiedenen europäischen Königs- und Fürstenhäuser Eingang fand, diskutierte man heftig über ihren Nutzen oder Schaden bei der Behandlung von Krankheiten sowie über die Eignung für die unterschiedlichen Temperamente.
Zweieinhalb Jahrhunderte lang stritten sich die Europäer darüber, ob Kakao ein Getränk oder eine Speise sei. Im letzteren Fall hätte nämlich Schokoladetrinken das kirchliche Fastengebot durchbrochen; der Adel und viele Kirchenvertreter wollten aber auch in der Fastenzeit nicht darauf verzichten. Bemerkenswerterweise entschieden die um Rat gefragten Päpste stets in der gleichen Weise, nämlich zugunsten der Genießer.
Der weitere Verlauf der europäischen Schokoladengeschichte bis ins 19. Jahrhundert folgte bis zu einem gewissen Grade der Entwicklung der unterschied-lichen politischen Systeme: Während im absolutistischen Frankreich die Schokolade das beliebteste nichtalkoholische Getränk der oberen Gesellschaftsschichten blieb, entstanden in der konstitutionellen Monarchie Englands die Kaffeehäuser, in denen debattiert und gewettet wurde und aus denen später die englischen Clubs hervorgingen. Nicht daß es dort keinen Kakao gegeben hätte; aber Kaffee war noch vor dem Tee das billigste und beliebteste Getränk.
Durch Vermischen von Kakaopulver und Zucker mit geschmolzener Kakaobutter entstand die erste feste Schokoladentafel, die durch Einbeziehung von Milchpulver zur Milchschokolade wurde. Die in Nordamerika erstmals praktizierte maschinelle Massenproduktion machte die Schokolade der breiten Bevölkerung zugänglich.
"Die wahre Geschichte der Schoko-lade" ist ein Buch mit sehr vielen Details (und zuweilen Wiederholungen). An-hand der Entwicklungsgeschichte des Kakaos gewährt es Einsichten in die vorkoloniale Lebensweise der Mayas und Azteken, den Verlauf der Conquista sowie in die Alltagsgewohnheiten und Denkweisen der Europäer vom Barock bis zur Aufklärung. Ansprechend ist dabei vor allem die Kombination von zitierten Originaltexten, zeittypischen Schokoladenrezepten, erklärenden Passagen und gut ausgesuchten Abbildungen. Eine umfangreiche Bibliographie ermöglicht tiefergehende Beschäftigung mit einzelnen Aspekten.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1998, Seite 120
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 1998

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