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Europa und die wissenschaftliche Gemeinschaft

Bei der Umsetzung des vierten Rahmenprogramms zur EG-Forschungspolitik für die Jahre 1994 bis 1998 werden erstmals drei renommierte Wissenschaftler – François Gros, Direktor des Pariser Instituts Pasteur, sowie die Nobelpreisträger Ilya Prigogine und Carlo Rubbia – beratend mitwirken.

Die Europäische Gemeinschaft betreibt seit nunmehr fast zehn Jahren in strukturierter und umfassender Weise Wissenschafts- und Technologiepolitik. Man kann ohne Übertreibung feststellen, daß die EG-Programme die Wissenschaftslandschaft in Westeuropa grundlegend verändert haben. Die Netze, die zwischen Universitäten, öffentlichen Forschungszentren sowie großen und kleinen Unternehmen aufgebaut worden sind, und die Normalität der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit sind heute kaum mehr wegzudenken. Daß das Europa der Forschung eine Realität geworden ist bedeutet jedoch nicht, daß alle Probleme und Schwächen des europäischen Forschungssystems überwunden wären.

Wenn auch von Land zu Land in unterschiedlichem Maße, tut sich Europa gemeinhin nach wie vor schwer, wissenschaftliche Durchbrüche in wirtschaftliche Erfolge umzusetzen. Der Kontinent leidet auch weiterhin und vor allem an Zersplitterung. Man kann nicht behaupten, daß es bereits eine echte gemeinsame europäische Forschungspolitik gäbe. Die Forschungsmittel der EG betragen nur 4 Prozent der gesamten Forschungsausgaben in Europa; die Koordinierung zwischen den nationalen Strategien, den Gemeinschaftsprogrammen und den Projekten anderer Forschungseinrichtungen wie des Europäischen Laboratoriums für Teilchenphysik CERN, der Weltraumorganisation ESA oder der Molekularbiologie-Organisation EMBO ist noch ziemlich unterentwickelt.

Die einzelnen wissenschaftlichen Aktionen der Gemeinschaft werden in sogenannten Rahmenprogrammen zusammengefaßt. Die EG-Kommission hat vor kurzem ein neues Rahmenprogramm für den Zeitraum 1994 bis 1998 vorgeschlagen, mit dem sie sich um die Lösung der erwähnten Probleme bemüht. Um die Wirkung der Programme zu verbessern, sind die Arbeiten in den wesentlichen Bereichen auf eine bestimmte Anzahl grundlegender Technologien mit weitgefächerten Anwendungsmöglichkeiten ausgerichtet. Die Maßnahmen zur Verbreitung von Forschungsergebnissen werden beträchtlich verstärkt. Zudem zielen die Gemeinschaftsprogramme auf eine bessere Koordinierung der verschiedenen anderen Forschungsaktivitäten in Europa. Dabei soll der gemeinsamen Forschungsstelle eine wichtige Rolle zukommen.

Die verschiedenen Programme des vierten Rahmenprogramms werden jedoch nicht die erwarteten Ergebnisse bringen können, wenn sie nicht bereits von ihrer Konzeption an eng mit der Wissenschaftsgemeinschaft abgestimmt sind. Dies geschieht nicht von selbst. In dem Maße, wie sich das gemeinschaftliche Forschungssystem weiterentwickelt, läuft es auch Gefahr, sich von der Forschungswelt zu entfernen. Eine ständige Einbindung namhafter Repräsentanten der Wissenschaft ist deshalb unerläßlich, wenn sichergestellt werden soll, daß unsere Aktionen realen Bedürfnissen entsprechen und praktisch durchführbar sind.

Aus diesem Grunde habe ich François Gros, Ilya Prigogine und Carlo Rubbia (Bild 2) gebeten, mich dabei zu beraten. Jeder von ihnen wird für bestimmte Bereiche zuständig sein, Gros für einen definierten Sektor, die beiden anderen für übergreifende Fragen.

Entwicklungsstrategische Bedeutung der Biowissenschaften

François Gros ist damit beauftragt, die Kommission im Bereich der Biowissenschaften und Biotechnologien zu beraten. Bekanntlich nimmt auf diesem Gebiet das Wissen in spektakulärem Tempo zu. Vierzig Jahre nach der Entdeckung der DNA-Struktur durch James D. Watson und Francis H.C. Crick vergeht kein Monat ohne einen neuen Durchbruch in der Molekularbiologie.

Die Biowissenschaften eröffnen jedoch nicht nur neue Dimensionen der Erkenntnis. Ihre potentiellen Anwendungen in Medizin, Landwirtschaft und Industrie zeigen immer wieder Perspektiven für die Verbesserung der Lebensqualität und die Entwicklung neuer Produkte auf. Auf sie sind wir bei den großen Herausforderungen für die Menschheit im nächsten Jahrhundert wie denen der Ernährung, der Rohstoffproduktion und des Umweltschutzes sowie beim Kampf gegen Krankheiten und Seuchen angewiesen. Das nächste Rahmenprogramm mißt den Biowissenschaften deshalb – außer den Informations- und industriellen Technologien – eine echte entwicklungsstrategische Bedeutung bei.

Der Fortschritt von Wissenschaft und Technik auf diesem Gebiet bringt jedoch auch eine Reihe komplexer ethischer und sozialer Probleme mit sich. Deren Lösung erfordert schwierige Entscheidungen, insbesondere beim Erstellen von Verhaltenskodizes und bei der Reglementierung wissenschaftlicher Tätigkeit.

Um unmittelbar auf beiden Ebenen auf neue Entwicklungen und Bedürfnisse reagieren zu können, muß sich die Kommission auf Persönlichkeiten stützen, die an fachlicher Kompetenz und Weitblick führend sind.

Engere Verbindungen der Politik mit der Welt der Wissenschaft

Ilya Prigogine fällt die Aufgabe zu, die Kommission bei der Schaffung von Verbindungen der Gemeinschaft mit der wissenschaftlichen Welt zu beraten. Die Qualität der Forschung beruht zuallererst auf den Menschen, die darin arbeiten. Außer den Organisatoren und der finanziellen Ausstattung sind es die Wissenschaftler selbst, die den eigentlichen Reichtum des europäischen Forschungssystems ausmachen. Dieses Kapital gilt es zu entwickeln und optimal zu nutzen. Ebenso wie andere Teile der industriellen Welt wird Europa in den kommenden Jahren mit dem Problem wachsender Nachfrage nach Forschern und Ingenieuren in einer Gesellschaft mit alternder Bevölkerung konfrontiert werden. Wissenschaftliche Karrieren müssen deshalb wieder attraktiv werden und den Forschern Gelegenheit zum permanenten Regenerieren ihres Wissens geben.

Außerdem muß die europäische Wissenschaft ihre Fragmentierung überwinden. Vielfach kann ein junger Forscher die beste Ausbildung nur in einem Labor oder Forschungszentrum eines anderen Landes bekommen. Zur Schaffung eines Europas der Forscher hat die EG deshalb bereits vor einigen Jahren Initiativen wie die Programme "Science" und "Mensch und Mobilität" ergriffen. Diese Aktionen müssen verstärkt und den förderlichen Arbeits- und Lebensbedingungen von Forschern angepaßt werden.

In allen europäischen Ländern spielen die nationalen Akademien, Wissenschaftsgesellschaften und disziplinären Vereinigungen eine wichtige Rolle. Mehrere dieser Organisationen bestehen bereits auf europäischer Ebene. Auch mit ihnen muß die Gemeinschaft engere Beziehungen knüpfen. Lange Zeit vernachlässigte Themen wie die Schaffung eines europäischen Forscherstatus sind nun ebenfalls zu bearbeiten.

Eine bedeutende Aufgabe ist es gegenwärtig, die Wissenschaftslandschaft in Mittel- und Osteuropa und ihre Beziehungen zu Westeuropa zu erhalten und zu entwickeln. Trotz des Umstandes, daß die Forschung in den sozialistischen Ländern jahrzehntelang unter Isolierung gelitten hat, haben sich dort vielfältige Traditionen und Schulen gebildet, die es unbedingt zu bewahren gilt. Angesichts der großen aktuellen Probleme sowohl wissenschaftlicher als auch ökonomischer Natur, die die Gefahr eines brain-drain als sehr real erscheinen lassen, muß die Gemeinschaft alles tun, um massenhafter Abwanderung oder Resignation vorzubeugen.

Die europäische Wissenschaft in der Welt

Carlo Rubbia wird sich hauptsächlich mit der Internationalisierung der Forschung und der Globalisierung großer Projekte befassen. Wissenschaft hat vielfach schon immanent kosmopolitischen Charakter. Über traditionelle Kooperationen hinaus hat sich die Zusammenarbeit bei großen Projekten multilateral und weltweit in den letzten Jahren immens verstärkt. Das geschieht entweder aus Kostengründen wie bei der Energiegewinnung durch thermonukleare Fusion, den Infrastrukturen für Weltraumaktivitäten und den großen Teilchenbeschleunigern oder auch wegen der Komplexität der Aufgabe, zum Beispiel bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms; schließlich kann – wie im Falle des Programms "Global Change" zur Erforschung der Erwärmung der Erdatmosphäre – die globale Natur des Problems ausschlaggebend sein.

All dies bedarf abgestimmter Reaktionen Europas. Die vollständige Integration der Forschung zum magnetischen Einschluß von Plasmen hat Europa eine Führungsrolle in der Welt bei der Entwicklung von Fusionskraftwerken eingebracht und ermöglicht die Teilnahme am ITER-Projekt, dem Bau und Betrieb des Internationalen Thermonuklearen Experimental-Reaktors (Spektrum der Wissenschaft, Juni 1992, Seite 62). Das Bestehen von ESA und CERN hat Europa in der Raumfahrt und in der Hochenergiephysik eine starke Stellung verschafft, die es erlaubt, mit der übrigen Welt einen konstruktiven Dialog zu führen.

Die Lage ist dort anders, wo die Arbeiten nicht auf der gemeinsamen Nutzung großer Institutionen beruhen. Wesentliches Ziel der Programme der Europäischen Gemeinschaft in diesen Bereichen – so bei den internationalen Klima-Abkommen oder in der Atmosphären- und der Meeresforschung – ist es, die Koordinierung der Teilnahme von Laboratorien aus verschiedenen Ländern zu verbessern. Allerdings sollte auch klar sein, daß dabei politische Schwierigkeiten hinderlich und nicht immer leicht zu bewältigen sind.

Dies sind die drei Hauptachsen der künftigen Wissenschafts- und Technologiepolitik der Europäischen Gemeinschaft. Sicherlich gibt es noch andere Aufgaben. So sind für das vierte Rahmenprogramm erstmals in der Geschichte der Gemeinschaftsforschung in verschiedenen Bereichen Aktivitäten der angewandten Sozialwissenschaften vorgesehen. Dazu gehören Forschungsarbeiten in Erziehung und Ausbildung, über gesellschaftliche Ausgrenzung sowie zu Problemen der städtischen Lebensbedingungen. Auch dabei sucht die Kommission den Rat hervorragender Fachleute, um den wissenschaftlichen Bedarf zu identifizieren und erfolgversprechende Wege zu finden.

Die Wissenschaftspolitik der Europäischen Gemeinschaft erschöpft sich nicht in Entscheidungen, juristischen Texten, Programmen und Verwaltungsmaßnahmen. Wenn die Gemeinschaftsforschung bislang echte Wirkung gezeigt hat, dann dort und in dem Maße, wie sie in enger Verbindung mit der sonstigen Wissenschaft durchgeführt wurde. Um die Effizienz der gemeinschaftlichen Programme weiter zu verbessern, muß diese Verbindung aufrechterhalten, systematisiert und verstärkt werden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1993, Seite 112
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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