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Frühzeit des Menschen



Buchtitel und Umschlaggestaltung stiften zunächst Verwirrung. Es geht nämlich gar nicht um die Frühzeit des Menschen, etwa Fragen seiner Herkunft und Abstammung oder andere hervorhebenswerte Ereignisfolgen aus der Vorgeschichte. Der Begriff Paläoanthropologie taucht nicht einmal im Text auf. Auch die ersten Seiten lichten den Nebel zunächst noch nicht, denn das hier erwartete Inhaltsverzeichnis findet sich erst ab Seite 434.

Erst die Lektüre des Vorwortes befreit aus der Verschleierung: Das großformatige und zweifellos gewichtige Werk behandelt Kunst und Kunstwerke aus der Spätphase der Altsteinzeit (Jungpaläolithikum) und unternimmt erstmals den Versuch, das Phänomen Kunst des Quartärs in einem weltweiten Überblick zu erfassen. Der Autor, leitender Mitarbeiter am Musée National d'Histoire Naturelle in Paris, ist ein gleichermaßen renommierter Archäologe wie Kunsthistoriker, der über die frankokantabrische Höhlenkunst im Umkreis der Pyrenäen ebenso gearbeitet hat wie über Felsbildnisse im brasilianischen Mato Grosso. Das Werk ist Band 37 der etablierten Buchreihe "Universum der Kunst".

Den Ärger über den falschen Titel vergißt man rasch, wenn man die großformatigen, zum Teil (doppel)seitenfüllenden Darstellungen hochrangiger Beispiele aus der Kunst des Eiszeitalters vor Augen hat – so die beeindruckende Frauenkopfplastik aus Mammutelfenbein, gefunden in Brassempouy im französischen Département Landes, einen Ausschnitt vom polychromen Fries der Stiere aus der Wandkunst von Lascaux (Dordogne) oder eine gravierte Schieferplatte vom Magdalénien-Fundplatz Gönnersdorf am Mittelrhein. Das Programm des Buches nimmt weiter Kontur an, wenn man in diesen Bildfolgen auch auf Darstellungen aus der Felskunst der Buschmänner Südafrikas oder auf Beispiele aus der sakralen Felsmalerei der australischen Aborigines stößt.

Als man 1879 in Nordspanien die Karsthöhle Altamira mit ihren harmonischen Kompositionen roter und schwarzer Wisente entdeckte, hielt man die Wandbilder für Fälschungen, weil man dem vorkeltischen Menschen künstlerische Begabung und Darstellungstechniken überhaupt nicht zutraute. Erst mit der Entdeckung des Höhlensystems von Font-de-Gaume (Dordogne) kurz nach der Jahrhundertwende kam der Durchbruch. Hinderlich in der Anerkennung dieser Kunst war kurioserweise, daß sie sich in ihrer Formensprache nicht etwa auf primitive oder dumpfe Andeutungen beschränkte, sondern durchweg naturalistisch oder – nach Einschätzung Herbert Kühns, eines ihrer ersten Monographen – sogar impressionistisch zu nennen ist.

Heute bedarf die Kunst des ausgehenden Pleistozäns keiner unterstützenden Argumentation mehr. Mehrere hundert Höhlen und überhängende Felswände mit Malereien, Gravuren oder beidem sind unterdessen bekannt. Hinzu kommen Tausende von Objekten mit gezeichneten, gemalten, geschnitzten Szenen oder Ritzverzierungen auf Stein, Horn oder Elfenbein. Die Dokumentation ist erstaunlich umfassend und auch bildthematisch faszinierend vielseitig. Diese Materialfülle repräsentiert das erste, allerdings mehrere Jahrzehntausende (etwa 40000 bis 12000 Jahre vor der Gegenwart) überspannende Kapitel der Kunstgeschichte und damit einen augenscheinlich besonders spannenden Ausschnitt aus dem kulturellen Aufstieg des Menschen, als der vor etwa 40000 Jahren erreichte handwerkliche Standard sich nicht mehr ausschließlich auf die Fertigung von Steingerät oder Knochenwerkzeug beschränkte wie in den rund zweieinhalb Millionen Jahren Hominiden-Entwicklung zuvor (Spektrum der Wissenschaft, Juni 1993, Seite 32).

An dieser Fülle und am Ertrag der Forschung läßt das Buch in bemerkenswertem Maße teilhaben. Der erste und mit mehr als 300 Seiten umfangreichste Teil gilt der Hinführung unter archäologischen, technischen, anthropologischen und vor allem ästhetischen Aspekten. Die vorgeschichtlichen Künstler erfaßten natürliche Formen richtig und vorlagengetreu, entwickelten aber auch Züge, die über das bloße Nachzeichnen oder Kopieren weit hinausgehen. Gerade die zahlreichen und ungemein beeindruckenden Tierdarstellungen behalten stets ihren figürlichen Charakter, verkörpern aber auch fortschreitende Stilisierung oder Herausarbeiten von Typhaftem.

Teilweise lassen die Bildnisse fragenden und deutenden Umgang mit der Umwelt erkennen: Der späteiszeitliche Mensch weist der ihn umgebenden Welt einen Sinn zu, läßt seine Beobachtungen, Träume oder Vorstellungen Gestalt annehmen. In den ersten Buchkapiteln begleitet man die eiszeitlichen Künstler auf ihrem Weg zum Werk, betrachtet Kunst in der Natur, erfährt die Zeitgebundenheit der Formen, die Probleme der Materialwahl und das immer wiederkehrende Spannungsverhältnis von Form und Bedeutung.

Der zweite Buchteil ordnet die spätpaläolithische Kunst in ihren geographischen Rahmen ein, unterscheidet verschiedene Epochen sowie ihre formalen Merkmale und erläutert Gestaltungstechniken. Der Anhang bietet außer der Bibliographie ein ausführliches Glossar und ein Ortsregister.

Eine ganze Reihe bisher erschienener Monographien hat vor allem die Felskunst Europas thematisiert und sich an Formenschatz oder Deutungsmöglichkeiten anzunähern versucht. Einzigartig am vorliegenden Band ist die thematische Bandbreite, die den Blick eben nicht nur auf die spektakulären Fundstätten in Nordspanien und Südwestfrankreich lenkt, sondern die verschiedenen Erscheinungsformen vorgeschichtlicher Kunst eben auch in Afrika, in Asien, Australien und Südamerika erleben läßt. Erstaunlich ist dabei der Befund, daß sich ähnliche Erscheinungsformen der Bildwerke völlig unabhängig voneinander in räumlich wie zeitlich sehr weit auseinanderliegenden Bereichen entwickelt haben. Reste dieser Ausdrucksmöglichkeiten reichen in bestimmten Reliktkulturen Australiens oder Südafrikas sogar bis in unsere Zeit hinein. Sie eröffnen damit interessante zusätzliche Zugänge in eine Vorstellungswelt, die sonst nur in Farbe oder Form vor uns steht.

Die illustrative Ausstattung ist exzellent. Das Werk präsentiert an ausgesuchten Beispielen die gesamte formale und thematische Bandbreite eiszeitlicher Kunst und zeigt vielfach seltene, außerhalb der engeren Fachliteratur bisher noch nicht wiedergegebene Objekte. Die Lektüre des Werkes ist somit bestimmt nicht nur ein theoretischer Gewinn, sondern auch rein visuell ein höchst genußvoller Nachvollzug, wie vor Jahrzehntausenden Gedanken zur Gestalt wurden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1994, Seite 112
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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