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Hyperaktive Kinder

Das hyperkinetische – oder auch psycho-organische – Syndrom beruht nach neueren Erkenntnissen auf einer Störung der Selbstkontrolle. Möglicherweise entwickeln sich bestimmte Regelsysteme im Gehirn für Aufmerksamkeits- und Impulssteuerung nicht richtig, und vermutlich ist dies genetisch bedingt.


Als ich den fünfjährigen Keith in meinem Wartezimmer beobachtete, wurde mir klar, warum er im Kindergarten Schwierigkeiten hatte. Bald hüpfte er von Stuhl zu Stuhl, bald ruderte er mit Armen und Beinen, dann wieder strapazierte er unsere Nerven, weil er immer wieder die Lampen an- und ausschaltete. Ununterbrochen plapperte er. Als seine Mutter ihn ermunterte, doch zu den anderen Kindern ins Spielzimmer zu gehen, platzte er dort mitten hinein und übernahm sofort das Kommando, so daß sich die anderen Kinder beschwerten und bald vom gemeinsamen Spiel abließen. Mit den Sachen, die er jetzt für sich allein hatte, hantierte er aber nur irgendwie herum. Anscheinend war er unfähig, sich eine Weile selbst ruhig und konzentriert zu beschäftigen. Eine genauere Untersuchung bestätigte meinen Verdacht: Keith litt unter einem hyperkinetischen Syndrom.

Seit den vierziger Jahren gebraucht man in der Psychiatrie verschiedenste Bezeichnungen für solche äußerst impulsiven und unruhigen, permanent störenden Kinder, die kaum zuhören und sich sehr schlecht konzentrieren können. Häufig sprach man früher von einer "minimalen cerebralen Dysfunktion", vom "kindlichen hirnorganischen Psychosyndrom" oder einfach vom "hyperaktiven Syndrom des Kindes". In der Schweiz ist heute der Ausdruck "psycho-organisches Syndrom" üblich; in Deutschland hat sich "hyperkinetisches Syndrom" durchgesetzt. (Der Autor gebraucht den in Amerika seit neuerem gebräuchlichen Terminus attention-deficit hyperactivity disorder, ADHD, also "Aufmerksamkeits-Defizit-Störung mit Hyperaktivität"; auch die Weltgesundheitsorganisation benutzt als Überbegriff attention-deficit disorder; ADD; nicht alle Kinder nämlich, die schlecht aufpassen können, sind gleichzeitig hyperaktiv – manche sind äußerst verträumt, was der Autor aber nicht thematisiert; in diesem Text ist mit "Hyperaktivität" immer ADHD gemeint; die Redaktion.) Das Hin und Her der Namensgebung zeigt, wie schwer man sich lange mit dem Verhaltensbild tat. Die Experten waren sich unsicher über die Ursachen und selbst über die genauen Kriterien der Diagnose.

Das beginnt sich in den letzten Jahren zu klären. Es sieht so aus, als könnte bei solchen Kindern eine genetisch bedingte Entwicklungsstörung vorliegen. Die Einordnung des Syndroms hat sich damit in den letzten Jahren grundlegend gewandelt. Wie sich nämlich anscheinend herausstellt, handelt es sich nicht, wie man früher glaubte, um eine reine Störung im Bereich von Aufmerksamkeit und Konzentration, sondern diese hat tiefere Ursachen: Bestimmte Gehirnverschaltungen werden vielleicht nicht regulär angelegt, die zu einer neuronalen Hemmung notwendig sind, um Selbstkontrolle zu ermöglichen. Dieser Mangel beeinträchtigt wiederum andere, für beständige Aufmerksamkeit wichtige Hirnfunktionen, so die Fähigkeit, geduldig zu sein und auszuharren, wenn etwa innere Impulse nicht gleich befriedigt werden können oder ein Ziel nicht augenblicklich erreichbar ist. Ebensowenig gelingt es diesen Kindern, über längere Zeit ohne sofortige belohnende Rückmeldungen auf eine größere Sache hinzuwirken.

Man sollte beim hyperkinetischen Syndrom zwei Symptomkomplexe unterscheiden: Zum einen die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten, zum anderen die hohe Impulsivität und rastlose Aktivität (siehe Tabelle auf Seite 36). Nun sind Kinder generell meist viel lebhafter, aktionsfreudiger, sprunghafter und auch ungezügelter und ablenkbarer als Erwachsene. Sie leben mehr im Augenblick, folgen viel eher momentanen Einfällen und Stimmungen und lassen sich von allem Neuen und von den Dingen im Umfeld leichter beherrschen. Je jünger sie sind, um so weniger können sie Zeit einschätzen und Bedürfnisse zurückzustellen. Bedenklich wird das erst, wenn dies bei einem Kind deutlich stärker ausgeprägt ist als bei Gleichaltrigen.

Hyperaktivität tritt bei Jungen mindestens dreimal so oft auf wie bei Mädchen; nach einigen Studien ist das Verhältnis sogar neun zu eins. Möglicherweise hängt das damit zusammen, daß Jungen aus genetischen Gründen eher für Fehlentwicklungen des Nervensystems disponiert sind. Gewöhnlich werden die Kinder mit drei bis fünf Jahren auffällig, doch kann das auch viel später sein, mitunter sogar erst in der frühen Pupertät. Den Grund für diese Schwankungsbreite kennt man nicht.

Hyperaktivität ist offenbar eine sehr häufige Erscheinung. Noch wurden kein Land und keine Kultur gefunden, wo das Syndrom nicht vorkommt. Die Schätzwerte der zahlreichen Studien zum Anteil betroffener Kinder im Schulalter reichen von 2 bis 9,5 Prozent. Während man früher glaubte, die Symptomatik würde sich mit zunehmendem Alter mildern, so weiß man heute, daß sie noch beim Erwachsenen fortbestehen kann. Beispielsweise wiesen von 158 Betroffenen, die meine Kollegen und ich in den siebziger Jahren im Kindesalter untersucht hatten, zwei Drittel auch als junge Erwachsene noch immer die klinischen Anzeichen auf. Auch von den übrigen hatten viele als Erwachsene immer noch erhebliche Anpassungsschwierigkeiten, ob bei der Arbeit, in der Ausbildung oder in anderen sozialen Umfeldern.



Zappelphilipp



Damit Psychiater und Psychologen diesen Menschen helfen können, müssen die Experten erst einmal die Ursachen von Hyperaktivität besser verstehen. Traditionell gilt das Syndrom als Störung im Bereich der Aufmerksamkeit. Die Frage war deshalb, ob dem Gehirn vielleicht die Filter fehlen, um mit konkurrierenden Reizeingängen – etwa gleichzeitig eintreffenden Tönen und Bildern – fertig zu werden. Diesen Verdacht hat eine Gruppe um Joseph A. Sergeant von der Universität Amsterdam widerlegt. Vielmehr vermögen die Kinder offenbar Bewegungsimpulse auf solche Reize hin nicht zu unterdrücken. Weiteren Untersuchungen zufolge fällt es solchen Kindern zudem besonders schwer, in Erwartung eines Geschehens einen Bewegungsablauf im Voraus zu planen; auch scheint eine Rückmeldung zu fehlen, wenn die Reaktion nicht angemessen war. Beispielsweise gelingt es ihnen in einem landläufigen Reaktionstest schlechter als anderen Kindern, sich zu sammeln und auf ein Warnlicht zu warten, was das Signal ist, nun eine bestimmte von mehreren Tasten zu drücken. Machen die Kinder dabei Fehler, werden sie auch nicht etwa langsamer, um so die Genauigkeit zu verbessern.

Zur Zeit kennen wir die eigentlichen Ursachen für das hyperaktive Syndrom zwar noch nicht, doch es gibt Fortschritte. Wie es aussieht, wird die Wissenschaft dank der neuen bildgebenden Verfahren, die das Gehirn in Aktion zeigen, und der immer besseren Analysemöglichkeiten innerhalb der nächsten fünf Jahre Genaueres wissen. Schon jetzt haben sich durch diese neuen Techniken interessante Aspekte aufgetan, auch wenn sich daraus derzeit noch kein durchweg stimmiges Bild ergibt.

Welche Gehirnregionen beteiligt sein könnten, lassen in den letzten zehn Jahren angefertigte Gehirnaufnahmen vermuten. F. Xavier Castellanos, Judith L. Rapoport und ihre Kollegen vom amerikanischen National Institute of Mental Health in Bethesda (Maryland) haben 1996 festgestellt, daß das rechtsseitige vordere Stirnhirn (der präfrontale Cortex) und zwei der tiefsitzenden Basalganglien – der Nucleus caudatus und der Globus pallidus – kleiner sind als normal. Gleiches stellte Castellanos Team 1998 für den Vermis (Wurm) des Kleinhirns fest (siehe Kasten rechts).

Eben diese Regionen steuern aber die Aufmerksamkeit. So nimmt das rechte vordere Stirnhirn an der Planung von Verhalten teil, hilft Ablenkungen zu widerstehen und ein Bewußtsein von Selbst und Zeit zu entwickeln (siehe "Das Arbeitsgedächtnis", Spektrum der Wissenschaft, November 1992, Seite 94). Der Nucleus caudatus und der Globus pallidus helfen, automatische Reaktionen abzuwägen und wegzuschalten, so daß der Cortex reiflichere Entscheidungen treffen kann; diese Strukturen sind auch für die Koordination der Eingänge in verschiedene cortikale Regionen wichtig. Die genaue Funktion der Vermis-Region ist nicht klar; sie könnte den bisherigen Untersuchungen zufolge an der Motivationssteuerung beteiligt sein.

Was letztlich diese Abweichungen bewirkt haben mag, weiß man noch nicht. Allerdings deuten viele Studien darauf hin, daß verschiedene mutierte Gene eine Rolle spielen könnten, die normalerweise im präfrontalen Cortex und in den Basalganglien sehr aktiv sind, also als Vorlage von Proteinen abgelesen werden. Die Mehrzahl der Wissenschaftler glaubt heute an eine polygenetische Ursache für Hyperaktivität – nicht ein, sondern mehrere schadhafte Gene wären dann der Hintergrund.

Der Genverdacht erwuchs aus Verwandtschaftsuntersuchungen. In Familien mit einem hyperaktiven Kind zum Beispiel entwickeln Geschwister das Syndrom fünf- bis siebenmal öfter als in anderen Familien. Leidet einer der Eltern unter ADHD, beträgt das Erkrankungsrisiko der Kinder bis zu 50 Prozent.

Die überzeugendsten Hinweise stammen jedoch aus Zwillingsstudien. Jacquelyn J. Gillis von der Universität von Colorado und ihre Kollegen berichteten 1992, der eineiige Zwilling eines hyperaktiven Kindes sei 11- bis 18mal häufiger ebenfalls betroffen als andere Geschwister: Hat eines der Zwillinge das Syndrom, entwickelt das andere es bei 55 bis 92 Prozent der eineiigen Paare auch.

Eine der größten solchen Studien haben Helene Gjone und Jon M. Sundet von der Universität Oslo zusammen mit Jim Stevenson von der Universität Southampton (England) durchgeführt. Sie überprüften 526 eineiige – genetisch identische – Zwillinge und 389 zweieiige, die sich genetisch nicht mehr gleichen als Geschwister verschiedenen Alters. Dabei ermittelten die Forscher für die Verhaltensstörung eine Erblichkeit von nahezu 80 Prozent. Demnach sind die Unterschiede zwischen Menschen mit dem und ohne das Syndrom hinsichtlich Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität zu bis zu 80 Prozent genetisch bedingt.



Keine Bremse



Aber auch nicht-genetische Faktoren können nachweislich im Spiel sein, etwa eine verfrühte Geburt, Alkohol- und Tabakkonsum der Mutter, eine hohe Bleiexposition in der frühen Kindheit oder eine Hirnverletzung, insbesondere am vorderen Stirnhirn. Zusammen betrifft dies bei Jungen jedoch nur etwa 20 bis 30 Prozent der Fälle, bei Mädchen sind es sogar noch weniger. (Andere oft verdächtigte Einflüsse, etwa ungesundes Essen oder ein ungünstiges soziales Umfeld, sind in diesem Zusammenhang vielleicht zu Unrecht in Mißkredit geraten; so konnten die Forscher nicht konsistent nachweisen, daß falsche Ernährung, beispielsweise die aufgenommene Zuckermenge, zum Syndrom beiträgt; gleiches gilt für Defizite in der Erziehung.)

Welche Gene könnten fehlerhaft sein? Möglicherweise handelt es sich um Erbanlagen, die über den Umgang des Gehirns mit dem Neurotransmitter Dopamin bestimmen, also einen der Botenstoffe, die Signale zwischen Nervenzellen übermitteln.

Dopamin wird in spezifischen Hirnbereichen von Neuronen freigesetzt; das Molekül hemmt oder moduliert die Aktivität anderer Neuronen – insbesondere von welchen, die an Gefühlen oder an der Motorik beteiligt sind. Zum Beispiel beruhen die Bewegungsstörungen Parkinson-Kranker auf dem Verlust von dopamin-sezernierenden Neuronen in der Substantia nigra, einer Region unterhalb der Basalganglien.

Wie stark das Dopamin-Signal wirkt, hängt unter anderem davon ab, wie gut Rezeptoren, Erkennungsmoleküle auf den gegengeschalteten Nervenzellen, darauf ansprechen; auch können sogenannte Wiederaufnahmetransporter, die den Botenstoff in die Ursprungszelle zur Wiederverwendung zurückholen, den Effekt mindern (siehe Kasten rechts). Einige beeindruckende Studien setzen gezielt an Genen – und an Mutanten davon – für diese beiden Molekülsorten an. Diese Gene sind in dem präfrontalen Cortex und in den Basalganglien sehr aktiv, werden dort also eifrig für diese Moleküle abgelesen.

Mutationen in den Genen können die Wirksamkeit von Dopamin verändern: Wäre das Rezeptormolekül etwa weniger empfindlich als normal, würde auch die Signalwirkung schwächer; gleiches wäre der Fall, falls der Wiederaufnahmetransporter stärker als üblich funktionierte, denn dann bliebe dem Dopamin zu wenig Zeit zur Übertragung des Signals.

1995 berichteten Edwin H. Cook und seine Kollegen von der Universität Chicago, daß eine bestimmte Variante des Transporter-Gens DAT1 bei hyperaktiven Kindern häufiger vorkommt als sonst. Und im Jahr darauf stellte eine Gruppe um Gerald J. LaHoste von der Universität von Kalifornien in Irvine fest, daß sie eine Variante des Rezeptor-Gens D4 öfter tragen. Allerdings wurden jeweils nur 40 beziehungsweise 50 Kinder untersucht. Die Befunde werden jetzt in größeren Studien überprüft.

Wie aber sind die charakteristischen Verhaltensstörungen mit den anatomischen und genetischen Befunden zu vereinbaren? Die molekularen und organischen Abweichungen könnten sich durchaus als eigentliche Ursache der Hyperaktivität entpuppen, indem sie nämlich Schuld an der mangelhaften Hemmung von Verhaltensimpulsen und an der zu schwachen Selbstkontrolle haben könnten, dem meines Erachtens zentralen Defizit des Syndroms.

Selbstkontrolle – den ersten Verhaltensimpuls, und vielleicht auch eine Gefühlsreaktion, hinausschieben oder unterdrücken können – gehört zum Durchführen und Gelingen einer Aufgabe grundlegend dazu. Gewöhnlich eignen Kinder sich nach und nach geistige Funktionen an, mit deren Hilfe Ablenkungen ausgeblendet und Ziele erinnert und schrittweise verfolgt werden können. Um ein Ziel zu erreichen, ob bei der Arbeit, beim Spiel oder in anderem Zusammenhang, muß man dieses im Gedächtnis festhalten (zurückdenken), sich die nötigen Schritte bis zum Erfolg vergegenwärtigen (vorausschauen), währenddessen seine Gefühle zügeln und sich gleichzeitig zum Handeln motivieren. Keine dieser für eine Handlungsplanung und -durchführung wichtigen Funktionen kann wirklich gelingen, wenn störende Gedanken und Impulse nicht unterdrückt werden können.



Betragen "mangelhaft"



Jüngere Kinder zeigen solches Zurück-, Vor- und Mitdenken oft deutlich, indem sie etwa laut vor sich hin reden. Später behalten sie diese Denkfunktionen mehr und mehr für sich, internalisieren sie also und holen sie gewissermaßen in ihre Privatsphäre. Es scheint, als fehlte hyperaktiven Kindern die geistige Beherrschung, diese denkerischen Handlungshilfen nicht offen zu zeigen. Vier verschiedene geistige Funktionen lassen sich in dem Zusammenhang unterscheiden. Zum einen muß das Arbeitsgedächtnis mitwirken. Es hält Informationen fest, während eine Aufgabe durchgeführt wird, und zwar auch dann noch, wenn der ursprüngliche Reiz längst fort ist, von dem diese Information kam. Diese Gedächtnisqualität ist für zeitgerechtes und zielgerichtetes Verhalten unabdingbar, denn sie ermöglicht den Blick zurück und den voraus, erlaubt eine innere Vorbereitung von Aktionen und hilft auch dann, wenn man etwa komplexe Verhaltensabläufe anderer Personen nachzuahmen sucht, die einem neu sind. All dies läßt beim hyperaktiven Syndrom zu wünschen übrig.

Eine weitere Denkhilfe ist das internalisierte – stumme – Selbstgespräch. Vor dem siebten Lebensjahr pflegen Kinder Tätigkeiten häufiger mit lauten Äußerungen zu begleiten, wie als Hilfestellung etwa zum Erinnern und Problembewältigen. ("Wo habe ich das Buch hingelegt? Ah ja, ich habe es unter dem Tisch liegen lassen.") Im Grundschulalter ist aus dem kindlichen Selbstgespräch normalerweise ein fast unhörbares Murmeln geworden, bis es etwa mit zehn Jahren völlig verschwindet (siehe "Kindliche Selbstgespräche und mentale Entwicklung" von Laura E. Berk, Spektrum der Wissenschaft, Januar 1995, Seite 72).

Innerliches Reden mit sich selbst ermöglicht Selbstreflexion, erlaubt gleichzeitig aber auch das Befolgen von Regeln und Vorschriften, läßt das Lösen von Problemen durch Selbstbefragung zu und gestattet übergeordnete, allgemeinere Regeln zu erstellen, durch die man die Prinzipien von Vorschriften, Bräuchen und Spielregeln erst versteht – und all das schnell und selbständig, ohne äußere Hilfe. Tatsächlich berichteten 1991 Laura E. Berk und ihre Kollegen von der Staatsuniversität von Illinois in Normal von einer verzögerten Verinnerlichung des Selbstgesprächs bei hyperaktiven Jungen.

Eine dritte geistige Hilfsfunktion betrifft die Selbstkontrolle über Emotionen, Motivationen und Erregungszustände. Sie hilft Ziele erreichen, indem womöglich störende Gefühlsreaktionen auf irgendein Geschehen nötigenfalls aufgeschoben oder verwandelt werden können und indem unpassende, hinderliche Stimmungen und Wünsche in die eigene Privatsphäre genommen werden. Wer augenblickliche Launen beherrscht, vermag sich zugleich sozialverträglicher zu benehmen. Die vierte Funktion, bei der neue, noch nicht erprobte Verhaltensabläufe frisch zusammengestellt werden, umfaßt eigentlich zwei Prozesse: Vertraute Handlungen werden erstens in Versatzstücke zerlegt und diese dann zweitens anders zu einer neuen Kette zusammengesetzt. Dieses Vermögen des freien Kombinierens verleiht dem Menschen seine hohe Geschicklichkeit, Anpassungsfähigkeit und Kreativität; dank dessen kann er sich immer wieder nie dagewesene Ziele setzen und muß doch die Schritte, um sie zu erreichen, nicht erst alle einüben. Diese Funktion ermöglicht Kindern, ihr Verhalten über zunehmend längere Zeitphasen hinweg zu dirigieren, indem sie nämlich Versatzstücke zu immer längeren Ketten kombinieren lernen. Wie erste Studien mit hyperaktiven Kindern zeigen, haben diese damit Schwierigkeiten.

Ich könnte mir vorstellen, daß sich in der kindlichen Entwicklung normalerweise so wie das Selbstgespräch auch die anderen drei Hilfsfunktionen nach innen verlagern. Für ein visuelles Vorstellungsvermögen und sprachliches Denken ist dieser Prozeß unabdingbar. Ältere Kinder haben ihre Heimlichkeiten; es gelingt ihnen, andere nicht mehr alles merken zu lassen, was sie tun oder fühlen. Es mag sein, daß sich solche Fähigkeiten bei hyperaktiven Kindern nicht ausgeprägt haben, ob nun wegen eines genetischen Defekts oder vielleicht einer vorgeburtlichen Entwicklungsstörung, und daß sie deswegen zu vieles nach außen dringen lassen. Meines Erachtens beruhen die Unaufmerksamkeit, die Überaktivität und die ungezügelte Impulsivität von Kindern mit einem hyperkinetischen Syndrom darauf, daß sie sich nicht von internen Anweisungen steuern lassen können und also unangemessenes Verhalten nicht zu unterdrücken vermögen.

Falls, wie ich ausgeführt habe, tatsächlich eine versagende Verhaltenshemmung Schuld daran hat, daß die geistigen Hilfsfunktionen nicht nach innen verlagert und altersgemäß benutzt werden, würde dies die vielfach vertretene These bestärken, daß man solchen Kindern vermutlich durch eine stärker strukturierte Umwelt helfen kann. Eine recht straffe Organisation dürfte die oft angewandte, häufig gut wirksame Behandlung mit bestimmten Psychopharmaka sinnvoll ergänzen. Betroffene Kinder (auch Erwachsene) erhalten beispielsweise Stimulantien wie Ritalin; damit können viele deutlich besser ihre Impulse zügeln und ihr Verhalten steuern. Diese Wirkstoffe hemmen normalerweise den Rücktransporter für den neuronalen Botenstoff Dopamin, der somit mehr Zeit hat, sich an die Rezeptoren von Zielneuronen anzulagern (siehe Kasten auf Seite 33).

Diese Medikamente bessern das Verhalten von 70 bis 90 Prozent der über fünfjährigen Kinder mit ADHD, oft in verblüffender Weise. Unter der Medikation sind die kleinen Patienten aber nicht nur weniger unbändig, unruhig und ablenkbar, sondern sie können sich plötzlich auch besser konzentrieren, leichter aufpassen und sich eher Dinge merken. Sie lernen jetzt lieber und besser. Offensichtlich wird das Sprechen nun stärker internalisiert. Auffällig ist auch die verbesserte Selbstkontrolle. Infolgedessen wächst ihre Akzeptanz durch andere Kinder: Sie werden weniger geschnitten und gehänselt und sind beliebter, und das wiederum stärkt ihr Selbstvertrauen.

Aus meinem Modell folgt, daß die Behandlung des hyperkinetischen Syndroms auch Eltern und Lehrer einbeziehen sollte. Ergänzend zu einer Therapie der Kinder mit Psychostimulantien – und in manchen Fällen Antidepressiva – müßten die Erzieher darin geschult werden, wie sie mit den Verhaltensauffälligkeiten ihrer Zöglinge gezielter und geschickter umgehen können. Hilfreich ist es beispielsweise, wenn das Kind auf sein Verhalten hin gleich eine Rückmeldung erhält, also möglichst oft und schnell die Konsequenzen erfährt, insbesondere auch Lob und Anerkennung. Verspäteter Tadel hilft erfahrungsgemäß wenig; wie man mit Rügen – auch mit versteckten – bei diesen Kindern überhaupt vorsichtig sein sollte. Zugleich darf man nicht mit äußerlichen Hilfestellungen und Anhaltspunkten sparen: Ordnungsmuster und Regeln sind möglichst zuverlässig einzuhalten und dem Kind die Kriterien dafür beizubringen. Hierzu können auch ein deutlich strukturierter, möglichst immer gleicher Tagesablauf gehören und Richtlinien wie feste Uhrzeiten, Zeitintervalle oder andere sichere Signale und Rituale, an die das Kind sich halten kann und muß. Die Bezugspersonen sollten dem Kind bei länger dauernden und wiederholten Tätigkeiten beistehen, indem sie den Vorgang in kleinere Aufgaben zerlegen, für deren Bewältigung es zwischendurch eine Belohnung gibt. Ein solches äußeres Gerüst mit festen Zeiten, Geboten und Rückmeldungen verhilft dazu, die schwachen eigenen Muster, mit Informationen, Regeln und Motivationen umzugehen, zu kompensieren.

Manche der Kinder benötigen trotz allem eine spezielle Betreuung und Schulung. Zwar haben entsprechende pädagogische Sondereinrichtungen nicht den Anspruch, ihre Schwierigkeiten grundsätzlich kurieren zu können. Dennoch ist die überschaubare Umwelt für sie günstig. Das Kind erlebt dort weniger Konkurrenz und wird stattdessen individuell unterstützt und gefördert. Wenn es nun die Defizite in der Selbstkontrolle zu meistern lernt, wird es auch anderweitig besser zurechtkommen.

Eine wirkliche Heilung für das hyperkinetische Syndrom gibt es wohl nicht, aber man kennt jetzt immer bessere Möglichkeiten, mit dieser bleibenden, oft schwerwiegenden Entwicklungsstörung umzugehen und sie zu meistern. Vielleicht gibt es schon bald genetische Tests dafür und dann auch Pharmaka, die hyperaktiven Kindern noch gezielter helfen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1999, Seite 30
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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e-mail: BVdE-@t-online.de;
URL: http://www.osn.de/user/hunter/badd.htm