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Grüne Gentechnik: Interview: Braucht die Welt Genfood?

Interview mit Robert B. Horsch und Margaret Mellon

PRO


Spektrum der Wissenschaft: Monsanto ist eines der am meisten kritisierten, ja geschmähten Unternehmen, weil es sich so stark in der Entwicklung genmanipulierter Nahrung engagiert. Verschweigen Sie manchmal ihre dortige Position vorsichtshalber gegenüber Fremden?

Robert Horsch: Hin und wieder habe ich schon negative Reaktionen erlebt, aber meist wissen die Leute in ihrem Verhalten schon zu unterscheiden zwischen mir als Person und dem großen, anonymen Unternehmen.

Könnte die Welt überhaupt auf grüne Gentechnik verzichten?

Die Biotechnologie ist ein großartiges Werkzeug, mit dem wir mehr Nahrungsmittel auf weniger Fläche produzieren können, noch dazu mit weniger Raubbau an den Wasservorräten und weniger Gefährdung der Artenvielfalt. Ich bin überzeugt davon, dass der Einsatz der Biotechnologie nicht nur wichtig, sondern zwingend notwendig ist, wenn wir den schnell wachsenden Bedarf an Nahrung und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen decken wollen. Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln wird in den nächsten 25 Jahren um mindestens 50 Prozent steigen, weil nicht nur die Bevölkerung wächst, sondern zusätzlich auch die Einkommen.

"Genfood"-Kritiker weisen nun aber darauf hin, dass wohl kein Unternehmen seine Produkte verschenken wird. Kann eine Firma wie Monsanto die Biotechnologie für Bauern in der Dritten Welt erschwinglich machen?

Erschließung der Absatzmärkte und technologische Hilfe für die Entwicklungsländer schließen einander nicht aus. Ein sehr erfolgreicher Ansatz ist die Segmentierung des Marktes in drei Bereiche. Zunächst ist da der rein kommerzielle Markt: Als gewinnorientiertes Unternehmen investieren wir sinnvollerweise dort in Produkte und Märkte, wo wir unsere Erzeugnisse auch verkaufen können und Gewinnchancen sehen. Am Gegenpol steht der nichtkommerzielle Technologietransfer, der weitestgehend auf eine Zusammenarbeit öffentlicher Träger ausgerichtet ist.

Wie sieht ein solcher Transfer aus?

Gerade läuft ein Kooperationsprojekt zur Übertragung von Virusresistenz-Genen auf Süßkartoffeln. Wir werden niemals ein Geschäftsinteresse an der Knolle haben, einfach weil sie auf dem Weltmarkt keine Rolle spielt. Trotzdem haben wir kenianischen Wissenschaftlern unser geistiges Eigentum und unser Know-how zur Verfügung gestellt; so gelang es ihnen, Süßkartoffeln gegen deren schlimmste Krankheiten in Afrika resistent zu machen, die zu Ernteeinbußen von bis zu 80 Prozent führen können.

Was geschieht im dritten Bereich?

Im mittleren, den ich einen "Übergangsmarkt" nenne, spielt die Biotechnologie noch keine so große Rolle. Auf lange Sicht verspreche ich mir davon aber wichtige Impulse, auch für die Entwicklungshilfe. Hier setzten wir bisher unsere älteren, nicht-biotechnologischen Produkte ein, wie etwa Mais-Hochertragshybdriden, und künftig werden wir wohl auch Biotech-Produkte einbeziehen. Wir laden die Kleinbauern zur Besichtigung eines Musterfeldes ein, und sie entscheiden dann, ob sie das Saatgut auf ihrem Land ausprobieren wollen. Sind sie danach zufrieden, können sie im Folgejahr noch einmal die gleiche oder eine noch größere Fläche so bestellen. Solche Programme laufen in Mexiko, Indien und Afrika. Im günstigsten Fall haben die Bauern nach einer drei- oder vierjährigen Experimentierphase so viel erwirtschaftet, dass sie praktisch selbstständig weiterarbeiten können.

Und wie profitiert Monsanto dabei?

Wir verkaufen Saatgut und Herbizide zu den üblichen Marktpreisen, aber wir unterstützen auch die Ausbildung, die Testphasen und den Aufbau von Vertriebssystemen, sodass wir in den ersten paar Jahren eigentlich gar keinen Gewinn machen. Das beginnt erst, wenn das Projekt so gut läuft, dass es sich selber trägt. So weit sind wir bis jetzt aber noch bei keinem dieser Programme.

Kommen wir zu den ökologischen Auswirkungen der genmanipulierten Nutzpflanzen. Wo sehen Sie die wichtigsten Pluspunkte?

Als Erstes fällt den Leuten meist der geringere Verbrauch an Pestiziden ein, und bei der Bt-Baumwolle zum Beispiel, die ein Bakterienprotein als Insektizid herstellt, macht sich das gewaltig bemerkbar. Allein in den letzten vier Jahren sollen 1230 Tonnen Pestizide eingespart worden sein, und es werden noch viel, viel mehr, wenn man die biotechnologischen Möglichkeiten ausgiebiger nutzt.

Ein weiterer Vorteil sind aber die höheren Erträge. Unser heutiger Bt-Mais macht noch nicht sonderlich viele Insektizide überflüssig, aber er bringt merkliche Ertragssteigerungen – je nach Saison und Region 5 bis 15 Prozent.

Und was bringt das der Umwelt?

Im Endeffekt verringert sich dadurch der Verbrauch von Land, Wasser, Dünger und Pestiziden im Maisanbau. Mit dem auch bisher üblichen Ressourcen-Einsatz erzielt man eine 10 Prozent höhere Maisernte, nutzt die Ressourcen also besser. Mehr noch: Wenn ohnehin gutes Ackerland noch produktiver wird, dann kann man ärmere Böden brach liegen lassen und die Flächen der Natur überlassen, und das ist von großem Nutzen für die Umwelt. Wir können ja nicht ewig an unseren alten Anbaumethoden festhalten – mit all dem Chemikalieneinsatz, dem Wasserverbrauch, dem Urbarmachen von immer mehr Wildnis, der Landschaftszersiedelung und der Produktion von Industriemüll.

Die Biotechnologie versprach nicht nur mehr, sondern auch gesündere Nahrung mit besserem Nährwert. Statt dessen gibt es jetzt den Bt-Mais. Der legendäre "Goldreis" mit höherem Carotin-Gehalt steckt noch in der ersten Testphase. Ist mit diesen nährwertverbesserten Lebensmitteln überhaupt je zu rechnen?

Überall zeigen sich Fortschritte, in der industriellen und akademischen Forschung, bei den öffentlich-staatlichen Einrichtungen. Zum Beispiel arbeiten wir zusammen mit dem nichtkommerziellen Tata Energy Research Institute in Indien an einem "goldenen" Rapsöl, das genau wie der Goldreis besonders viel Beta-Carotin enthält, eine Vorstufe von Vitamin A. Das könnte in Regionen, wo Rapsöl zur täglichen Kost gehört, den Vitamin-A-Mangel mildern.

Die Nahrungsmittel der Industrieländer zu verbessern, ist kein vorrangiges Ziel von Monsanto, aber in anderen Unternehmen und an Universitäten wird intensiv daran gearbeitet. DuPont zum Beispiel hat ein besonders lange haltbares Öl mit einem höheren Oleinsäure-Anteil und einem geringeren Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren entwickelt. Es wird auch an der Modifikation anderer Fettsäuren gearbeitet, um gesundheitlich wertvollere Speiseöle zu erhalten. Außerdem sind Forschungen zur Erhöhung des Vitamin-D-Gehalts von Sojaöl im Gange.

Ein oft vorgebrachter Einwand gegen Genfood betrifft das Risiko von Allergien. Kann die Biotechnologie auch umgekehrt das Risiko mildern?

Das Problem der Nahrungsmittelallergien ist natürlich Gegenstand verschiedener Projekte, auch bei Monsanto. Uns ist bereits gelungen, ein bekanntes Allergie auslösendes Protein auf genetischer Ebene an bestimmten Stellen zu verändern und damit sein allergenes Potenzial drastisch zu senken. Andere Forschergruppen wollen bestimmte natürliche Inhaltsstoffe von Erdnüssen, Sojabohnen und weiteren Produkten "entschärfen", auf die ja viele Menschen allergisch reagieren.

Sicherlich ein Punkt, der manche mit der Gentechnik versöhnen mag. Hat das Unternehmen aus den Erfahrungen mit der öffentlichen Kritik gegen Gentechnik gelernt?

Monsanto bemüht sich jetzt, aufgeschlossener mit den Ängsten der Menschen hinsichtlich genmanipulierter Nahrungsmittel umzugehen. Wir haben gemerkt, dass man sich mit manchen Genmodifikationen auf besonders heikles Terrain begibt. Vegetarier zum Beispiel dürfte die Vorstellung beunruhigen, Gemüse mit einem tierischen Gen zu essen. Für Menschen bestimmter Kultur- oder Religionszugehörigkeit könnte es ähnliche Probleme geben. Deshalb haben wir uns entschlossen, auf tierische Gene in Nahrungspflanzen zu verzichten.

Ich glaube, es ist niemandem gedient – auch Monsanto nicht –, wenn man die potenziellen Gefahren der Biotechnologie ignoriert. Aber ich kann weder heute noch für die absehbare Zukunft erkennen, dass von unseren genveränderten Produkten, seien sie schon auf dem Markt oder noch in der Entwicklung, ein messbares Risiko ausgeht. Zu dem gleichen Schluss sind zahlreiche nationale und internationale wissenschaftliche Organisationen gekommen, einschließlich der Amerikanischen Ärztevereinigung, der Nationalen Akademie der Wissenschaften und der Weltgesundheitsorganisation.

Gibt es so etwas wie eine neue Firmenphilosophie?

Wir bei Monsanto haben uns kürzlich verpflichtet, mit allen betroffenen gesellschaftlichen Gruppierungen in einen intensiveren Dialog zu treten, unsere Arbeitsmethoden und sicherheitsrelevanten Erkenntnisse transparenter zu machen, kulturell und ethisch begründete Vorbehalte zu respektieren, unsere Technologie den Entwicklungsländern verfügbar zu machen und sicherzustellen, dass unsere Leistungen den Interessen der Verbraucher und des Umweltschutzes gerecht werden. Ich glaube, diese Neuorientierung und unser neuer selbst auferlegter Kodex werden sowohl dem Firmenimage als auch der Akzeptanz der neuen Technologien dienen.


KONTRA


Spektrum der Wissenschaft: Waren Sie schon immer skeptisch gegenüber gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln?

Dr. Margaret Mellon: Auf die Gentechnologie bin ich in den achtziger Jahren gestoßen, als ich am Institut für Umweltrecht an einem Projekt über giftige Chemikalien arbeitete. Anfangs hatte ich zur Biotechnologie eine positivere Einstellung als jetzt; wie viele andere Leute auch, war ich nicht sehr kritisch. Aber je mehr ich darüber lernte und je gründlicher ich nachfragte, desto weniger konnte ich die damit verknüpften übersteigerten Versprechungen für bare Münze nehmen.

Allerdings möchte ich auch betonen, dass die Union kritischer Wissenschaftler, deren Mitglied ich bin, kein Verein von Biotechnologie-Gegnern ist. Wir halten ihren Einsatz bei der Produktion von Medikamenten zum Beispiel für sehr sinnvoll. Der therapeutische Nutzen solcher neuartigen Arzneimittel übersteigt die Risiken, ganz abgesehen davon, dass es oft gar keine Alternativen gibt.

Verhält es sich bei der Landwirtschaft ganz anders?

Völlig anders. Bis jetzt zumindest sind mit den Biotech-Agrarprodukten nur bescheidene Vorteile verbunden, und ob diese schwerer wiegen als die Gefahren, muss sich erst noch erweisen. Außerdem gibt es für Probleme der Landwirtschaft bestechende Alternativlösungen, nur: Wir vernachlässigen sie schlichtweg.

Viele Forscher und politisch Sachverständige argumentieren aber, wir bräuchten die Biotechnologie unbedingt zur Ernährung der Weltbevölkerung – speziell in den Entwicklungsländern.

Damit sprechen Sie eine wichtige Frage an; etwa 800 Millionen Menschen sind unterernährt oder hungern. Aber: Bietet die Gentechnik dafür die beste oder die einzige Antwort? Wir haben heute schon genug Nahrung für alle, aber sie erreicht nicht die Menschen, die sie brauchen. Wer hungert, ist meistens schlicht zu arm, um die angebotenen Lebensmittel zu kaufen, und das, obwohl die Preise noch nie so niedrig waren wie heute. Das Problem liegt also bei den Einkommensunterschieden – was tut die Gentechnologie dagegen?

Das eigentlich Tragische ist, dass die Debatte um die Biotechnologie von einer echten Lösung des Hungerproblems in der Welt ablenkt. Ich würde es begrüßen, wenn man ernsthaft fragte: "Wie können wir den Hungernden der Welt helfen, sich selber zu ernähren?" – und dann einen Katalog möglicher Antworten erstellte. Technische Verbesserungen, auch die Gentechnik, würden mit auf dieser Liste stehen, aber gewiss nicht an erster Stelle. Viel wichtiger sind Handelspolitik, Infrastruktur und Landreform, aber all dies findet momentan kaum Beachtung.

Gentechnik halten Sie also auch hier nicht für obsolet.

Durchaus nicht. Die Gentechnologie hat ihren festen Platz und steht nicht zur Disposition, aber ich halte sie nicht für das Allheilmittel gegen den Welthunger. Behandelt man sie als solches, gerät die ganze wichtige Debatte in Schieflage. Ich staune auch, wie schnell bei manchen Leuten die Vorzüge der traditionellen Züchtungsmethoden in Vergessenheit geraten sind – immerhin haben wir dieser Technik unsere Hochleistungs-Landwirtschaft zu verdanken.

Wie stehen Sie zu dem Argument, dass genmanipulierte Nutzpflanzen eine umweltverträglichere Landwirtschaft ermöglichen?

Was heißt umweltfreundlicher Landbau? Einer ohne Pestizide? Ich meine, dazu gehört eigentlich noch viel mehr. Betrachten wir aber einmal nur die angestrebte Minderung des Pestizid-Verbrauchs dank genmanipulierter Sorten. Umfragen des US-Landwirtschaftsministeriums unter amerikanischen Farmern zufolge hat der Anbau von schädlingsresistentem Bt-Mais als Maßnahme gegen den Maiszünsler nicht viel Spritzmittelersparnis gebracht, weil das Insekt auf den allermeisten Maisfeldern ohnehin nicht chemisch bekämpft werden muss.

Der Einführung der Bt-Baumwolle hingegen folgte ein deutlicher Rückgang des Pestizidverbrauchs. Das ist gut für die Umwelt und gut für die Pflanzer, die damit ihre Betriebskosten senken können. Dieser Nutzen währt aber nur so lange, wie das Bt-Merkmal greift. Ich glaube, die meisten Wissenschaftler rechnen damit, dass die Schädlinge bei der Art und Weise, wie die Bt-Pflanzen angebaut werden, eher früher als später Resistenzen entwickeln. Und damit wären dann die Vorteile der Bt-Baumwolle dahin. Wahrscheinlich werden wir mit ihr die gleiche Erfahrung machen wie schon zuvor mit allen Pestiziden – sie wirkten nur eine begrenzte Zeit lang. Dies ist also kein dauerhafter Weg zu einer umweltfreundlicheren Landwirtschaft.

Wie steht es mit ökologischen Risiken?

Inzwischen sind sich Fachleute weitgehend darüber einig, dass Gene aus den Biotech-Pflanzen auf verwandte Arten übergehen werden. Mit dem Pollen gelangen die neuen Gene ja auf benachbarte Felder oder in die freie Natur. In Kanada führt dieser Genfluss bereits zur Entstehung herbizidresistenter Unkräuter.

Sehen Sie sogar gesundheitliche Gefahren durch Genfood auf uns zukommen?

Ich wüsste keinen konkreten Grund, warum die derzeit schon gehandelten Lebensmittel dieser Art bedenklich sein sollten, aber vorbehaltloses Vertrauen kann ich dennoch nicht aufbringen. In der wissenschaftlichen Zeitschrift "Science" teilte im letzten Juni ein Wissenschaftler mit, er habe die Fachliteratur nach Vergleichsstudien zwischen genmanipulierten und normalen Nutzpflanzen durchsucht und nur ungefähr fünf Arbeiten entdeckt, die in der üblichen Weise von Fachkollegen begutachtet, "peer-reviewed", worden waren. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist das absolut keine Basis für die Behauptung, wir wüssten genug, um uns der Unbedenklichkeit dieser Nahrungsmittel sicher zu sein.

Was befürchten Sie konkret?

Bei so wenig Wissen würde ich an erster Stelle Bedenken wegen Allergie-Risiken anmelden und zweitens wegen der Gefahr neuer Toxine in der Nahrung. Natürlich wird die Pflanzenzüchtung dem entgegenzusteuern versuchen, aber Pflanzen enthalten nun einmal eine Vielzahl von Giftstoffen. Wenn Wissenschaftler nun an Systemen herumhantieren, die niemand vollständig durchschaut, dann kann es durchaus zu unerwarteten Effekten kommen, wie etwa dem Anschalten von Toxin-Genen. In der traditionellen Züchtung unterliegt die Zusammenführung und Verteilung von Genen bestimmten Regeln; danach richtet man sich hier nicht.

Sie sehen die Genmanipulation von Nutzpflanzen also nicht als Fortsetzung der traditionellen Züchtung mit anderen Methoden?

Nein, auf keinen Fall. Eine Kreuzung zwischen Elefant und Maispflanze ist züchterisch ein Ding der Unmöglichkeit, nur die Forscher schaffen solche in der Natur nicht vorkommenden Genkombinationen.

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wird hier fraglos etwas grundsätzlich anderes gemacht als bisher, und zwar etwas Unnatürliches. Das bedeutet freilich nicht, dass sich dies zwangsläufig als besonders gefährlich erweisen muss, aber der Bruch mit den herkömmlichen Verfahrensweisen ist doch so groß, dass besondere Vorsicht angebracht ist.

Und wo speziell?

Eben dort, wo diese Technologie in unsere Lebensmittel eingreift. Unzählige Menschen – praktisch die gesamte Bevölkerung – könnten mit der genmanipulierten Nahrung in Kontakt kommen, und wir haben gerade einmal eine Hand voll begutachteter Arbeiten, die sich mit den Sicherheitsaspekten befassen. Die Frage ist doch: Gehen wir unter der Voraussetzung, es handle sich nur um eine kleine Erweiterung traditionellen Züchtens, von der Annahme aus, diese Technologie sei sicher – oder haben wir Beweise dafür? Als Wissenschaftlerin möchte ich Beweise sehen. Warum sich mit Annahmen zufrieden geben, wenn man die Fragen im Labor klären kann?

Nun lässt sich ja wissenschaftlich nie beweisen, dass eine Technologie hundertprozentig sicher ist. Wären Sie einverstanden, wenn ein "Gen-Lebensmittel" hinreichend getestet würde? Und wie viel Restrisiko erscheint Ihnen tragbar?

Mit einer adäquaten Prüfung könnte ich leben. Nur stellt sich diese Frage jetzt noch gar nicht. Niemand kann sagen: "Bitte sehr, wir haben soundso viele von Fachkollegen begutachtete experimentelle Studien, in denen genmanipulierte mit nicht manipulierten Nahrungsmitteln nach vielen Kriterien verglichen wurden, und alle besagen, dass Genfood unbedenklich ist."

Erst wenn wir Beweismaterial in dieser Größenordnung haben, dann werden wir darüber reden, ob es genügt. Und wenn alles gut geht, werden wir schließlich an den Punkt kommen, wo wir sagen können, wir waren vorsichtig, aber nun legen wir los – jetzt oder nie. Dieser Punkt ist aber nicht in Sicht.

Manche mögen entgegnen, niemand lebt ohne Risiko.

Natürlich setzen wir uns ständig irgendwelchen Risiken aus, aber wir sollten es nicht ohne Grund tun. Würden wir in den reichen Nationen nicht im Nahrungsüberfluss leben, würden sich die Regale hier nicht schon unter 300000 Lebensmittelprodukten biegen, dann hätte die Gesellschaft dort einen Grund, auch das Risiko gentechnisch veränderter Nahrungsmittel einzugehen. Aber wir haben reichlich zu essen, genau genommen sogar zu viel. Mit unserem System der Ernährung gibt es zwar viele Probleme, aber die wird die Biotechnologie nicht lösen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2001, Seite 58
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
10 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 10 / 2001

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