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Künstliche Menschen

Automaten, Roboter, Homunkuli: Das Wechselspiel von technischem Fortschritt und seiner Entsprechung in der Literatur spiegelt sich wider in der Geschichte des "künstlichen Menschen". Oftmals waren die Schriftsteller auf der Höhe ihrer Zeit – mitunter nahmen sie reale Entwicklungen sogar vorweg.


Als der Physiker Richard Seed aus Riverside bei Chicago 1997 ankündigte, Menschen nach Art des wenige Monate zuvor gezeugten Schafes "Dolly" klonen zu wollen, wurde er von Kollegen als "durchgedreht" bezeichnet. Die Absicht, aus einer lebenden Zelle eines erwachsenen Menschen dessen genetisch identisches Replikat herzustellen, könne praktisch nicht eingelöst werden.

Ein Artikel über Seed im "Spiegel" war damals mit "Furcht vor Frankenstein" überschrieben – womit auf den Prototyp jenes Forschers hingewiesen wurde, der bei Experimenten mit dem Leben rücksichtslos natürliche Grenzen überschreitet. Auch der Genforscher Craig Venter wurde verschiedentlich mit dem Titelhelden von Mary Shelleys Roman aus dem Jahr 1818 in Verbindung gebracht. Venters Privatfirma agierte bei der Entzifferung des menschlichen Erbguts flinker als das multinationale Humangenom-Projekt. Der Firmenchef durfte sich persönlich von jenem hochtönenden Satz angesprochen fühlen, den US-Präsident Bill Clinton am 26. Juni 2000 über die Fernsehkanäle in alle Welt sandte: "Wir lernen die Sprache, in der Gott Leben schuf."

"Die Sprache des Lebens lernen", "im Buch der Natur lesen", "das Alphabet des Werdens buchstabieren" – so oder ähnlich lauten die Wendungen, die derzeit häufig im Zusammenhang mit der Gentechnik gebraucht werden. Die Metaphern deuten ein Zusammenwachsen von Bio- und Informationswissenschaften an: Der Gegenstandsbereich der Molekularbiologie lässt sich erst dann durchdringen, wenn wir seine Kernelemente als "Nachrichten" begreifen, die empfangen, gespeichert und entschlüsselt werden können.

Der kultur- und technikgeschichtliche Rekurs auf die artifizielle Simulation und Reproduktion des Menschen eröffnet eine interessante Fragestellung: Stellt die gegenwärtige Verschmelzung von Informationsverarbeitung und Gentechnik jene entscheidende Neuerung dar, die einen Jahrhunderte alten Mythos möglicherweise seiner baldigen Verwirklichung zuführt?

Seit den Anfängen unserer Kultur gibt es belegbare Bestrebungen, spezifisch menschliche Fähigkeiten oder sogar den Menschen selbst technisch "nachzubauen". Unsere Ahnen verfolgten dieses Ziel auf dem Wege der (Al)Chemie und der angewandten Physik – von der Hydraulik bis hin zur Elektronik. Noch heute bezeugt die umgangssprachliche Aufteilung der Kunstgeschöpfe in "Retorten-" und "Maschinenmenschen" diese beiden Realisierungsversuche. Auch in der Literaturgeschichte hinterließen die künstlichen Geschöpfe ihre Spuren – und erreichten dort einen weitaus höheren Grad an Beweglichkeit und Lebensechtheit als in der handfesten Wirklichkeit. Doch so fantasievoll die literarischen Kunstmenschen auch ausgestaltet wurden – noch heute lassen sich an ihren poetischen Erscheinungsformen gut die verschiedenen Stadien der technischen Entwicklung ablesen.

In der griechischen Mythologie war der Schmiedegott Hephaistos für die Anfertigung künstlicher Geschöpfe zuständig. Seine Tätigkeit beschränkte sich also keineswegs auf die Herstellung prächtigen Geschmeides für die göttlichen Schwestern oder die Produktion von Blitzen für Göttervater Zeus. Nein – auch mit Rädern versehene Dreifüße, die von selbst zum Dienst bei den Olympiern anrollten, gehörten zum Repertoire. So jedenfalls entnehmen wir es dem wahrscheinlich im achten Jahrhundert vor Christus entstandenen "Ilias"-Epos des Dichters Homer. Für den eigenen "Gebrauch" schuf sich der hinkende Feuerbeherrscher zudem goldene Jungfrauen, die ihn stützen konnten, wann immer er seine vulkanische Werkstatt verließ.

Ganz offensichtlich hängt im mythischen Denken die Nachbildung menschlicher Wesen oder Eigenschaften von der Beherrschung des Feuers ab (Bild oben). Ohne dessen Nutzung erschien weder handwerkliche Produktion noch kulturelle Entfaltung denkbar. Von daher ist es verständlich, dass der Menschenschöpfer Prometheus, der unsere Spezies der griechischen Sage zufolge aus Ton und Regenwasser formte, auch erst einmal das Feuer vom Olymp stehlen musste, um das Überleben seiner Geschöpfe zu sichern.

Ebenfalls zu den sagenhaften Menschenbildnern zu zählen ist der attische Baumeister Daidalos. Seine Erfindungen jedoch sind bereits technisch nachvollziehbar. Die bekanntesten Errungenschaften waren sicher jene Fluggeräte, die ihm und seinem Sohn Ikaros die Flucht aus dem Reich des kretischen Königs Minos ermöglichten – wobei Ikaros allerdings tragischerweise abstürzte, als das Wachs, das die Federn seiner Flugmaschine zusammenhielt, in wärmeren Luftschichten plötzlich zu schmelzen begann. Aber Daidalos soll noch ganz andere Dinge konstruiert haben: Seine beweglichen Statuen etwa hätten aus der berühmten Mechanikerschule von Alexandrien stammen können. Dort wurden bereits im dritten Jahrhundert vor Christus mittels Luft- und Wasserdruck betriebene Automaten gebaut. Heron von Alexandria entwickelte die Maschinen im ersten nachchristlichen Jahrhundert weiter. Er fertigte Priesterfiguren an, die zu kultischen Zwecken Trankopfer bereiteten. Auch einen hydraulisch funktionierenden Herakles, der einen Pfeil auf einen Goldäpfel bewachenden Drachen abschoss, soll es gegeben haben (Bild nächste Seite).

Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung urteilte der sizilianische Geschichtsschreiber Diodor, die sagenhaften "Bildsäulen" des Daidalos hätten lebenden Wesen durchaus ähnlich gesehen – und genau das war von Anfang an das entscheidende Qualitätsmerkmal sämtlicher Androiden.

Der Begriff "Android" leitet sich von den griechischen Wörtern "anér" ("Mann", "Mensch") und "eîdos" ("Aussehen", "Gestalt") her und bedeutet so viel wie "des Menschen Abbild". Allerdings wurde er erst im Zeitalter des Absolutismus geprägt. Im 17. und 18. Jahrhundert trieben kunstreiche Uhrmacher den Nachbau des Menschen zu neuen Blüten. Die neuzeitlichen Kunstwesen konnten schreiben und musizieren. So "menschlich" die Maschinen aber auch erschienen – ihre enorme gesellschaftliche Wertschätzung ist nur vor dem Hintergrund der Epoche zu erklären: Das mechanische Weltbild lieferte einerseits die theoretischen Grundlagen für die Konstruktion. Andererseits passten sie perfekt in das Weltbild der Aufklärung: Der Staat, die Natur und damit auch der Mensch selbst stellten nach Ansicht der Vertreter des aufgeklärten Materialismus mechanische Systeme dar, die ausschließlich den Gesetzen der Physik gehorchten: Neben anderen war es der französische Arzt, Anatom und Philosoph Julien Offray de La Mettrie (1709– 1751), der den cartesianischen Dualismus auflöste, demzufolge der Mensch sowohl über eine "Körpermaschine" ("res extensa") als auch über eine Seele göttlichen Ursprungs ("res cogitans") verfügen sollte. La Mettrie ging hingegen davon aus, dass es lediglich ein – nach mechanischen Regeln organisiertes – Seinsprinzip gebe. Für seine 1748 erschienene Abhandlung "Der Mensch als Maschine" standen die kunstvollen Androiden des Jacques de Vaucanson (1709–1782) Modell. Vor allem ein automatischer Flötenspieler, der zwölf verschiedene Stücke spielen konnte und dabei Lippen und Finger bewegte, hatte es La Mettrie angetan. Mit etwas "mehr Kunst", frohlockte er, könne man die Figur sicher auch zu einem "Sprecher" weiterentwickeln.

Die sozioökonomischen Konsequenzen, die die mechanisch-modellhaften Lebewesen seines Landsmanns nach sich zogen, ahnte La Mettrie allerdings nicht voraus. Vaucansons Kunstmenschen verschafften dem Erfinder, nachdem er sein Talent an ihnen erprobt hatte, große Aufmerksamkeit beim regierenden Adel und darüber eine Anstellung als königlicher Inspektor der Seidenmanufakturen zu Lyon. 1741, als er das Amt antrat, konstruierte er einen von Lochkarten gesteuerten Webstuhl, der die Textilherstellung zwar erheblich rationalisierte, aber gleichzeitig auch die Lebensbedingungen der Arbeiter verschlechterte.

Dass zwischen Androiden und Industriemaschinen ein produktionstechnischer Zusammenhang besteht, merkte schon der an technischen Phänomenen stets interessierte deutsche Romancier Jean Paul. Bei einem heiter-spöttischen Angriff auf die Schachspiel und Sprache simulierenden Apparate des Barons Wolfgang von Kempelen (1734–1804) stellte er 1789 fest: "Schon von ieher brachte man Maschinen zu Markt, welche die Menschen außer Nahrung sezten, indem sie die Arbeiten derselben besser und schneller ausführten. Denn zum Unglück machen die Maschinen allezeit recht gute Arbeit und laufen den Menschen weit vor."

Maschinen statt Menschen

Im Zuge der Industrialisierung verlor sich das praktische Interesse der Techniker am Bau von Maschinenmenschen zunächst. Goethe lehnte es 1805 als nostalgisch ab, diese immer noch so zu bewundern, "als wenn seit jener Zeit die höhere Mechanik nichts frisches Bedeutenderes hervorgebracht hätte". Etwa ein halbes Jahrhundert später hielt der Physiker Hermann von Helmholtz (1821–1894) die zweifellos "scharfsinnigen" Bestrebungen, "Maschinen zu bauen, welche die tausend verschiedenen Dienstleistungen eines Menschen vollziehen", endgültig für erledigt. Die Zeit habe einen "fruchtbringenderen Weg" eingeschlagen und verlange nun "im Gegenteil, dass eine Maschine nur eine Dienstleistung, diese aber an Stelle von tausend Menschen, verrichte".

Das von Goethe apostrophierte Neue in der "höheren Mechanik" war in Gestalt der Dampfmaschine in die technikgeschichtliche Landschaft eingezogen, und mit der Veränderung der Antriebskraft wandelte sich das literarische Erscheinungsbild der anthropomorphen Kunstwesen ebenfalls. Dies musste auch der Titelheld in Karl Immermanns komischem Heldenepos "Tulifäntchen" von 1830 staunend feststellen: "Menschen schienen sie vollständig / Von gewohntem Fleisch und Beine, / Nur am Hinterkopf bemerkt er / eine Röhre, klein von Eisen, / Aus der Röhre stieg ein Rauch auf, / Zeichen ihrer innern Gluten, / Angefacht von Kohlefeuer". Ersonnen von einem "grübeltiefen" Ingenieur aus England – den sie als "Dampfbedienter" und "Dampffrau, die ihm förmlich angetraut war", auf diversen Reisen begleiten –, karikieren Immermanns Maschinenmenschen die Auswüchse der industriellen Revolution. Von England ausgehend, hatte diese nach dem Erlöschen von James Watts Patent auf die Dampfmaschine seit 1799 zunehmend auch auf dem Kontinent Fuß gefasst. Einen starken Aufschwung erfuhr sie, als von 1825 an englische Maschinen, Technologien und Fachkräfte auch in deutsche Territorien importiert wurden.

Nach der Wärmekraft war es die Elektrizität, die den Automatenbau beherrschte. 1892 schilderte Jules Vernes in seinem Roman "Das Karpatenschloß" die überraschende Wiederkehr der toten Sängerin Stilla, die einst während einer Arie auf der Opernbühne zusammengebrochen war. Ihr plötzlicher Auftritt in einem halb zerfallenen Schloss, der durch die Projektion ihres Bildes auf eine Spiegelwand und ein Phonogramm höchst lebendig wirkt, mutet ihren Bräutigam von einst verständlicherweise gespenstisch an. Der arme Mann kennt den Phonographen noch nicht – eine Maschine, die mittels einer Paraffinwalze Schallwellen aufzeichnete und im Dezember 1877 von Thomas Alva Edison entwickelt worden war. Der amerikanische Erfinder war auch als Person eine dankbare Erzählfigur, denn glaubhaft konnten ihm die erstaunlichsten Ideen und deren Realisierungen zugeschrieben werden. Sogar den Bau einer "Eva der Zukunft" trauten ihm zeitgenössische Schriftsteller zu, wie der gleichnamige Roman des französischen Symbolisten Villiers de l’Isle-Adam von 1886 belegt. Unter Verwendung der neuesten Errungenschaften der Elektrotechnik fertigt der Roman-Erfinder für den dandyhaften englischen Lord Ewald als Ersatz für dessen schöne, aber geistlos-gewöhnliche Freundin das "elektrische Ideal" einer Frau an. Dieser Gestalt gewordenen Männerfantasie sind "zwei Goldphonographen" in den Brustkorb implantiert, deren Tonrollen bei Bedarf stundenlang subtile Dichterworte abspulen, wovon der Lord in der Tat einen Beitrag zur Hebung des Konversationsniveaus erwarten darf. Bevor sie der feinen Gesellschaft aber überhaupt präsentiert werden kann, kommt die Dame bei einem Schiffsbrand tragischerweise ums künstliche Leben.

In diesem Schluss, das heißt bei ihrer Vernichtung durch das reinigende – und zum Beseitigen von Hexen(werken) lange schon bewährte – Feuer, drückt sich natürlich auch das moralische Unbehagen an der frevelhaften Unternehmung aus, Gott ins Handwerk zu pfuschen. Und so müssen die vermessenen Menschenbildner seit alters her mit dem Verlust ihrer Schöpfungen oder sogar mit Leib und Seele bezahlen. Den Präzedenzfall lieferte auch hier Prometheus, der für sein selbstloses Tun an einen Felsen im Kaukasus gekettet wird, wo ihn täglich ein Adler aufsucht, um die über Nacht nachgewachsene Leber aufs Neue zu fressen. Sein modernes Pendant, Mary Shelleys Romanheld Doktor Frankenstein, büßt für den unstillbaren Drang nach künstlicher Erzeugung von Leben kaum weniger hart: Sein aus totem Körpermaterial komponiertes Geschöpf empfindet zwar menschlich und sehnt sich nach Liebe und Geborgenheit. Weil ihm diese aber verwehrt bleiben, rottet das Monster alle Menschen, die seinem Schöpfer nahe stehen, aus. In die Weite des ewigen Eises gehetzt, wird Frankenstein zuletzt selbst Opfer seiner Kreatur. Damit passte Mary Shelley dem Romanende ein Grundmotiv literarischer Technikdarstellung ein: die Unkontrollierbarkeit des natürliche Grenzen überschreitenden Forschungswerkes.

Heute verhängen Schriftsteller – die sich nun mit den Ergebnissen und Zielen der Reproduktionstechnologien auseinander zu setzen haben – nicht mehr derart drakonische Strafen. Vielmehr gehen sie vorzugsweise auf die sittlich-sozia-len Folgen technisch-naturwissenschaftlicher Innovationen ein. Diese Akzentverschiebung hängt unter anderem damit zusammen, dass sich der Realitätsanteil bei der Rekonstruktion menschlicher Wesenszüge und Eigenschaften bis in die Gegenwart erheblich vergrößert hat. Beispielsweise wird dies an den modernen Automaten sichtbar, deren Entwicklung wir der Nachrichtentechnik und der elektronischen Datenverarbeitung verdanken: Von Mikroprozessoren gelenkte Roboter verrichten Tätigkeiten von Facharbeitern, indem sie zum Beispiel Kraftfahrzeugkarossen schweißen und lackieren; "intelligente" Rechenmaschinen können bereits Muster erkennen und geometrische Figuren klassifizieren.

Früher, so berichtete Garri Kasparow 1996, hätte er über die Frage gelacht, ob Computer über eine Art Intelligenz verfügen. Dann aber verlor er gegen den Schachcomputer "Deep Blue", weil sich sein Kontrahent für einen Rechner untypisch verhielt: Statt wie üblich nach einfachen Materialvorteilen vorzugehen, opferte er einen Bauern, ohne jedoch unmittelbar davon zu profitieren. Erst im weiteren Verlauf der Partie wurde der strategische Vorteil, der sich aus diesem Zug ergab, offenkundig – Kasparow jedenfalls erschien er intuitiv richtig, originell und hoch intelligent. Da das, was der Mensch "aus einem Gefühl heraus" gemacht hätte, von einer Maschine errechnet worden war, so der Schluss des Weltmeisters, müsse von einem bestimmten Punkt an "zumindest im Schach immense Quantität in Qualität umschlagen." Anhand der Züge könne er kaum noch entscheiden, ob ein Mensch oder ein Computer spiele.

Wer die Geschichte der Simulationsversuche betrachtet, wird den Automatenbauern insgesamt größere Erfolge und öffentlichkeitswirksamere Leistungen bescheinigen als den Anhängern der so genannten Arkanwissenschaften (lateinisch "arcanum" für "Geheimnis"), denen es darum ging, den Menschen selbst künstlich zu erschaffen. Zwar war der Homunkulus der Alchimisten in erster Linie nicht mehr als ein Gedankenexperiment, gleich bedeutend mit dem "Stein der Weisen" oder dem "Elixier des Lebens". Und dennoch führte der magisch-alchemische "Eingriff in die Natur", den der Philosoph Ernst Bloch (1885–1975) später als die "älteste intendierte Form von Technik" bezeichnete, zu Verfahrensweisen und Apparaturen, die noch der empirischen Naturwissenschaft von Nutzen waren.

Die bekannteste Rezeptur zur Erzeugung eines Menschen außerhalb des Mutterleibs stammt von dem Arzt und Naturphilosophen Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus. Um 1530 unterzog er das Sperma eines Mannes in einem kürbisartigen Gefäß mit Hilfe von Pferdemist einem Fäulnisprozess – der so genannten "putrefactio". Beim Verbleib "in steter gleicher Wärme" und mit Menschenblut genährt, ergebe dies nach vierzig Tagen "ein recht lebendig Kind", das jedoch "viel kleiner" sei (deshalb lateinisch "homunculus" für "Menschlein"), als "das von einem Weibe geboren wird".

Die radikalen Gedankenspiele des Hohenheimers, der letztlich über einen von Geburt an fehlerlosen Menschen reflektierte, hatten indes wenig zu tun mit der auf dem Alchimistenherd nachvollzogenen Urzeugung, das heißt der Entwicklung von Organismen aus anorganischen Stoffen. Bei seiner "Generation der homunculi" ging Paracelsus nämlich vom Sperma, einer unbestreitbar organischen Substanz, aus – wobei er sich an die im frühen 16. Jahrhundert immer noch gültige Lehrmeinung des Aristoteles hielt, dass die Vererbung allein Sache des männlichen Samens sei. (Erst im späten 19. Jahrhundert wurde die genetische Bedeutung der Eizelle erkannt.)

Goethe hingegen griff für die Menschenfabrikation im mittelalterlichen Laboratorium seines "Faust II" von 1832 eindeutig auf das "große Werk" ("opus magnum") der Alchimisten zurück. Das ist sowohl den Vorgängen in der Phiole als auch den Fachbegriffen zu entnehmen, mit denen der begeisterte Adept Wagner sein Verfahren beschreibt: "Es leuchtet! Seht! – Nun lässt sich wirklich hoffen, / Daß wenn wir aus viel hundert Stoffen / Durch Mischung – denn auf Mischung kommt es an – / den Menschenstoff gemächlich komponieren / In einen Kolben verlutieren [mit Lehm verschließen] / Und ihn gehörig kohobieren [mehrfach destillieren], / So ist das Werk im stillen abgetan".

Natürlich inszenierte Goethe hier – im gotischen Laboratorium – eine kulturgeschichtlich dazu passende Tätigkeit. Zugleich schaltete er sich aber auch in einen zu seiner eigenen Zeit schwelenden naturwissenschaftlichen Disput ein: Als 1828, im Jahr des Entwurfs der Homunkulus-Episode, dem Chemiker Friedrich Wöhler (1800–1882) die synthetische Herstellung von Harnstoff gelang – womit durch "verständiges Probieren" (Wagner) der Natur das Geheimnis organischen Wachstums entlockt zu sein schien –, glaubten nicht wenige Zeitgenossen, dass durch die künstliche Gewinnung eines Stoffwechselproduktes endlich der Weg zum künstlichen Menschen gebahnt sei. Solchen Vorstellungen wirkte Goethe mit der dramatischen Anlage seiner Homunkulus-Figur aber gerade entgegen. Das Menschlein im Reagenzglas möchte, obwohl oder weil selbst aus der Urzeugung im alchimistischen Labor hervorgegangen, "gerne im besten Sinn entstehn". Und so vermischt es sich mit den Wellen des Meers, aus dem doch "alles Leben entsprungen", bevor es sich nach den "ewigen Gesetzen der Natur" in "tausend und abertausend Formen" entfaltet.

Dass der technisch herstellbare Mensch mittlerweile von den Höhen künstlerischer Fantasie in die Ebenen alltäglicher Wirklichkeit herabgestiegen ist, wird wohl nirgendwo so offensichtlich wie in der Reproduktionsmedizin. 1888 war die Übertragung eines Embryos in eine Leihmutter eine so wunderliche und schräge Vorstellung, dass sie der österreichische Schriftsteller Robert Hamerling (1839–1889) als knalligen Aufhänger für eine Satire auf die Technikeuphorie der Gründerzeit verwenden konnte. Der Titelheld seines "Homunculus"-Epos zeigt sich – wie gehabt – als geistig hoch entwickelt, weist aber gewaltige "leiblich-materielle Defizite" auf. Daher muss er auf natürlichem Wege nachgebessert werden. Sein Vater, ein gelehrter Doktor der Chemie, führt ihn zu diesem Zweck "auf das erste / Urprinzip vitalen Daseins, / Wie er glücklich es erfunden", zurück, nämlich auf ein "zartes Protoplasma-Klümpchen". "Sacht’ den Embryo verpflanzt er" danach "in den Mutterschoß der Gattin / Eines armen Dorfschulmeisters".

Der "geheimnißvolle" Embryonen-Transfer – damals eine ebenso komisch anmutende Fiktion wie die erwähnte mittellose Leihmutter – ist längst harte Realität. Die entsprechenden menschlichen und juristischen Probleme wurden wohl zum ersten Mal 1987 einer breiteren Öffentlichkeit bewusst: Beim so genannten "Baby-M"-Prozess im amerikanischen New Jersey wurde ein Kind nicht der leiblichen Mutter, sondern der Auftraggeberin zugesprochen. In der anschließenden Diskussion erläuterten Mediziner etwa ein Dutzend Möglichkeiten, die natürliche Zeugung zu umgehen, um eine künstliche Befruchtung vorzunehmen. Sogar die extra-uterine Schwangerschaft sagte man für die nahe Zukunft voraus. Auch wenn sich diese Prognose bislang nicht erfüllt hat – der künstliche Uterus ist technologisch noch nicht ausgereift –, drängt sich doch angesichts ständig erweiterter und verfeinerter Methoden der In-vitro-Fertilisation bisweilen der Gedanke an Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" von 1932 auf. Darin wird die Frau bekanntlich nicht von einem Kind, sondern von der Geburt selbst entbunden, damit die pränatale Konditionierung der Nachkommen auf ihre künftigen sozialen Funktionen hin nicht gefährdet wird. Es ging bei Huxley mit anderen Worten um Züchtung, um die Kultivierung eines Menschenparks, und weniger um die Techniken extrakorporaler Befruchtung. (Hierfür schien dem Autor gemäß dem biologischen Wissensstand seiner Zeit noch die Entnahme der Eierstöcke vonnöten.)

Geburt in der Retorte

Aber die künstliche Zeugung, ursprünglich gedacht als Hilfe für unfruchtbare Paare, kommt tendenziell auch eugenischen Gelüsten entgegen. Dass sie jedenfalls eng mit Manipulationen an (überzähligen) Embryonen zusammenhängt und genetischen Eingriffen eine gleichsam operationale Basis verschafft, hat Johannes Mario Simmel in der kombinierten Liebes- und Kriminalgeschichte "Doch mit den Clowns kamen die Tränen" 1987 dargestellt.

Angesichts der politischen Brisanz und der sozioökonomischen Relevanz der Thematik müsste der Homunkulus-Mythos, der von der Erzeugung des Menschen in der Retorte erzählt, neu gelesen werden – als kulturgeschichtliches Vorspiel heutiger Versuche der Fortpflanzungsmedizin und Humangenetik. Schon bei Paracelsus beschrieb der Mythos den Menschen als Ausgangsmaterial (input) und Endergebnis (output) eines Produktionsprozesses – und genau das bezeichnete der Kulturanthropologe Günther Anders 1980 vor dem Hintergrund der reproduktionsmedizinischen Praxis und der gentechnologischen Fortschritte als eine weitere "industrielle Revolution" – bei der der behandelte "Rohstoff" eben der Mensch sei.

Anders’ Betrachtung ist einseitig, zweifellos, und will es auch sein, weil ihm die Gefahren, die der Menschheit seiner Meinung nach durch die humangenetischen Unternehmungen drohen, jeden Gedanken an einen potenziellen medizinischen Vorzug rauben. Nicht zuletzt erinnert sein hartes Urteil an die Verdammung des Doktor Frankenstein, und das kritische Vokabular ließe sich ohne weiteres auch zur Bewertung der Monsterfabrikation verwenden. Allein – deren fanatischer Vollstrecker war ebenso fiktiv wie sein missratenes Geschöpf.

Aktuelle Bearbeitungen des Frankenstein-Stoffs beziehen sich natürlich in erster Linie auf die Fortschritte der Molekularbiologie. In dem 1998 publizierten Roman "Die Prozedur" des niederländischen Schriftstellers Harry Mulisch gelingt es dem Chemiker Victor Werker, "einen primitiven Organismus aus anorganischer Materie" im Labor herzustellen. Indem er über seine Nobelpreis würdige Entdeckung des "Eobionten" in Briefen an eine imaginierte Adressatin berichtet – seine tot geborene Tochter Aurora –, wird dem Wissenschaftler klar, dass er, der "weltberühmte Lebenmacher", stets die Flucht ergreift, wann immer "der Tod auf dem Programm steht". Bemerkenswerterweise hat Mulisch Werkers äußerst vielschichtige Lebens-Geschichte erzählerisch an solche Mythen angeschlossen, in denen Schöpfung an Sprache gebunden ist: den Schöpfungsbericht des Johannesevangeliums beispielsweise, demzufolge am Anfang das göttliche Wort steht, oder die Sage vom Golem, jener Diener- und Helfer-Gestalt jüdisch-kabbalistischer Tradition, die, aus einem Erdenkloß geformt, ebenfalls durch die Kraft des göttlichen Wortes belebt wird. Mulischs Protagonist entwickelt die "allereinfachste unabhängige Lebensform". Fast hätte Craig Venter dafür Pate stehen können, denn Anfang 1999 – Mulischs Roman war gerade erschienen – kündigte er an, die (nur) 470 Gene, mit denen das primitive Bakterium Mycoplasma genitalium ausgestattet ist, so lange zu sondern, zu überprüfen und auszusortieren, bis er diejenigen Erbinformationen erfasst habe, die allein für das Leben des Parasiten verantwortlich sind. Erinnern wir uns: Das größte Geheimnis der Natur, die "Ursache allen Lebens", zu lösen – war das nicht auch Frankensteins erklärtes Ziel?

Bis in die unmittelbare Gegenwart hinein hat die Dichtung also die Versuche zur technischen Reproduktion des Menschen und die Experimente mit dem menschlichen Leben begleitet. Zumeist wurden dabei die jeweiligen technischen Möglichkeiten der Zeit reflektiert, mitunter aber auch antizipiert. Da die Kunstmenschen den jeweiligen Stand der technischen Entwicklung widerspiegeln und sich mit ihr wandeln, überschneiden sich hier Linien der Literatur- und Technikgeschichte. An den Schnittstellen lassen sich die verschiedenartigen – ökonomischen, politischen, medizinischen – Motivationen ablesen, die die Hervorbringung von Retorten- oder Maschinenmenschen jeweils veranlassten. Auf diese Weise in seiner geschichtlichen Bedingtheit erkannt, wird der "Homo replicatus" einer kritischen Betrachtung zugänglich. Zugleich stellt sich mit der permanenten Verbesserung der Replikate und Simulationen erneut die Frage nach dem, was den Menschen ausmacht – und was eben nicht technisch herzustellen oder nachzuahmen ist.

Literaturhinweise


Der Frankenstein-Komplex. Kulturgeschichtliche Aspekte des Traums vom künstlichen Menschen. Von Rudolf Drux (Hg.). Suhrkamp, Frankfurt/Main 1999.

Die Prozedur. Roman. Von Harry Mulisch. Hanser, München 1999.

Künstliche Menschen. Dichtungen und Dokumente über Golems, Homunculi, Androiden und lebende Statuen. Von Klaus Völker (Hg.). Suhrkamp, Frankfurt/Main 1994.

Menschen aus Menschenhand. Zur Geschichte der Androiden – Texte von Homer bis Asimov. Von Rudolf Drux (Hg.). Metzler, Stuttgart 1988.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2001, Seite 68
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 2001

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