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Lebensraum Regenwald. Zentrum biologischer Vielfalt


Die bisherigen seriösen Bücher über den tropischen Regenwald sind mehrheitlich entweder Erlebnisberichte für ein breites Publikum oder relativ trockene Kompendien für Spezialisten. Die Mitte zwischen diesen beiden Polen war kaum besetzt. Mit dem vorliegenden Buch hat sich dies geändert. Der Biologe John Terborgh, Direktor des Center for Tropical Conservation an der Duke-Universität in Durham (North Carolina), hat eine problemorientierte, hohem wissenschaftlichem Anspruch genügende Einführung in dieses trotz eminenter Bedeutung noch unterentwickelte Feld der Ökologie verfaßt, die Theorie und empirische Befunde ausgewogen präsentiert und gleichwohl fesselnd geschrieben ist. Das Buch ist mit guten Graphiken und eindrucksvollen Photos illustriert.

Im ersten Kapitel bespricht Terborgh die Mechanismen, die den Artenreichtum der Tropen erzeugen und erhalten; dabei behandelt er auch die Rolle des Klimas, das es den tropischen Wäldern vor dem Raubbau des Menschen ermöglichte, 20 Prozent der Landoberfläche der Erde zu bedecken – derzeit sind es nur noch etwa sechs Prozent.

Das zweite Kapitel ist dem "Paradoxon tropischer Üppigkeit" gewidmet. Entgegen allem Anschein sind die tropischen Wälder nämlich Mängelverwalter: Sie stocken größtenteils auf nährstoffarmen Böden. Der "globale Gradient biologischer Vielfalt", das heißt ihre Zunahme mit abnehmender geographischer Breite, und die einschlägigen Hypothesen dazu werden im dritten Kapitel kritisch durchleuchtet. Da immer wieder die Diversität der Primärproduzenten als fundamentaler Parameter auftaucht, bespricht Terborgh im vierten Kapitel konsequenterweise die Bäume, ihre Verbreitungsmuster, ihre lokale Artenvielfalt und die Mechanismen zu deren Erhaltung sowie die raum-zeitliche Regenerationsdynamik. Mit seiner Ansicht, es gebe keine eindeutige Tendenz dafür, "daß die Pflanzenvielfalt auf armen Böden... höher ist als auf reichen Böden", steht er allerdings eher isoliert da.

Dem vieldiskutierten Thema "Sonnenlicht und Schichtung" widmet er im fünften Kapitel relativ sehr breiten Raum. Für "die Evolution der Artenvielfalt" in der Erdgeschichte (Thema des sechsten Kapitels) sieht er die wichtigste Ursache in den Milankovic-Zyklen, die – außer anderen Ursachen – für die Wechsel zwischen Eis- und Warmzeiten in der jüngeren Erdgeschichte verantwortlich gemacht und ihrerseits ursächlich auf Veränderungen in der Umlaufbahn der Erde um die Sonne und der Neigung der Rotationsachse unseres Planeten zurückgeführt werden (Spektrum der Wissenschaft, September 1993, Seite 48). Darauf aufbauend stellte der deutsche Erdölgeologe und Ornithologe Jürgen Haffer seine Hypothese pleistozäner Refugien auf, wonach in Trockenzeiten der Wald in isolierte Fragmente mit jeweils unabhängiger Artenentwicklung zerfiel. In ausgewogener Weise bespricht Terborgh das Für und Wider dieser und weiterer Theorien. "Konvergenz oder Nichtkonvergenz" in der Evolution diskutiert er sehr detailliert im siebten Kapitel, vor allem anhand seines Spezialgebiets, der Primatologie.

In den letzten beiden Kapiteln behandelt er die gegenwärtigen ökologischen Probleme im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Nutzung der Tropenwälder: Entwaldung, den Wert von Schutzgebieten, die Folgen der Fragmentierung und Verinselung von Lebensräumen, die strukturierende Rolle der Topkarnivoren (der Beutegreifer am oberen Ende der Nahrungskette) sowie das "Management von Tropenwäldern". Terborgh betont die große Bedeutung der sekundären Wälder und ökonomischer Aspekte, die allmählich auch von vielen engagierten Regenwaldschützern nicht mehr ignoriert werden: "Ohne Zweifel werden die Wälder in den Tropen nur weiterbestehen, wenn sie ökonomisch erfolgreich sind." Hier wird jeder wirklich Kundige zustimmen.

Terborgh betont gleich eingangs, daß er ein subjektives Buch geschrieben und insbesondere die bei weitem wichtigste tierische Organismengruppe in den Regenwäldern, die Wirbellosen, ausgeblendet hat. Da er nicht den Anspruch einer umfassenden Darstellung erhebt, ist dagegen prinzipiell nichts einzuwenden, wohl aber, wenn er dies bei allgemeinen Aussagen mehrfach vergißt. So schreibt er ohne nähere Erläuterung bei der Besprechung der Rolle pflanzlicher "keystone species" während Nahrungsengpässen, daß "etwa ein Prozent der Pflanzenfülle die Lebensgrundlage für bis zu 80 Prozent der tierischen Biomasse" seien; das gilt nur, wenn man die Betrachtung auf Wirbeltiere beschränkt.

Manche Formulierung ist erstaunlich unvorsichtig, etwa wenn er von einer einzigen Untersuchung (Stephen Hubbells Erfassung der Baumartenverteilung auf einer Fläche von 420 mal 320 Metern in einem Trockenwald in Costa Rica) folgert, daß damit ein für allemal "jegliche noch verbliebenen Eindrücke... einer hyperdiversen Baumverteilung ,hinweggefegt'" worden seien. In anderem Zusammenhang formuliert er viel zu vorsichtig: Nicht "wahrscheinlich werden viele tropische Wälder lange vor ihrer Klassifizierung und Erfassung verschwunden sein" – das ist bereits in sehr vielen Fällen eingetreten und geschieht weiterhin Tag für Tag. Ein Literaturverzeichnis fehlt, das Stichwortverzeichnis ist dürftig; einige entstellende Fehler und Übersetzungsmängel wären bei einer sorgfältigen Endkontrolle zu vermeiden gewesen.

Diese Kritikpunkte weisen aber nur auf kleine Schönheitsfehler hin, die bei einer nächsten Auflage leicht vermieden werden können. Insgesamt ist "Lebensraum Regenwald" eine höchst gelungene Darstellung, die jeder Interessierte unbedingt lesen sollte.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1995, Seite 109
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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