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Neue Wege zur Wissenschaft in Mittel- und Osteuropa

Die Wissenschaftsstrukturen in Ländern wie Polen, Estland, Tschechien und Ungarn befinden sich im Umbau. Angestrebt wird eine bessere Zusammenarbeit mit privaten Partnern aus der Wirtschaft. Als Vorbilder dienen dabei vor allem deutsche Institutionen und Einrichtungen.


Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft hat hierzulande ihren anrüchigen Beigeschmack verloren. Immer weniger Grundlagenforscher an Universitäten scheuen sich, auch an die Anwendung ihrer Ergebnisse zu denken. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat an Universitäten Transferbereiche eingerichtet, die Forschungsergebnisse in die Anwendung überleiten (Spektrum der Wissenschaft, September 1998, Seite 108). Auch die Max-Planck- und die Leibniz-Institute sowie die Helmholtz-Forschungszentren haben gesicherte Wege von der Forschung zur Entwicklung, Erprobung und Anwendung. Die Fraunhofer-Gesellschaft dient seit je satzungsgemäß der "Förderung der angewandten Forschung". Sie spielt beim Aufbau neuer Wissenschaftsstrukturen in den Ländern Mittel- und Osteuropas eine zentrale Rolle.

Die 1992 in Ungarn gegründete Bay Zoltán Foundation for Applied Research ist gewissermaßen die dortige Version des Fraunhofer-Modells. Ihre Institute – je eines für Biotechnologie, für Logistik und Produktionssysteme sowie für Materialwissenschaft und -technologie – verfolgen unmittelbar zwei Aufgaben: Ergebnisse der Grundlagenforschung in Anwendungen überzuführen und verstärkt Universitäten einzubeziehen. Indem Doktoranden als Angestellte an den Instituten arbeiten können, fördert die Stiftung zudem nicht nur die Ausbildung junger Wissenschaftler, sondern bremst auch deren Abwanderung in westliche Länder.

Mit dem Aufbau einer solchen Wissenschaftsstruktur vollzieht Ungarn einen wichtigen Schritt auf dem Weg in die Europäische Union. Ähnliche Umstrukturierungen erfolgen in den anderen EU-Beitrittskandidaten Polen, Slowenien, Estland und Tschechien. Aber auch Länder wie Bulgarien, Rumänien, Slowakei, Lettland und Litauen orientieren ihre Wissenschaftssysteme und deren Partnerschaften mit privaten Einrichtungen jetzt an den westeuropäischen Vorbildern. Ein Symposium in Halle (Saale) zeigte im letzten November, wie weit diese Entwicklungen bereits vorangeschritten und welche Probleme noch zu meistern sind.

Das Symposium über "Die mittelosteuropäischen Länder, Deutschland und die USA: Neuordnung von Forschung und Lehre in Ländern Mittelosteuropas" – mittlerweile das dritte seiner Art – wurde von der Stiftung Deutsch-Amerikanisches Akademisches Konzil zusammen mit der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und dem National Research Council der USA veranstaltet. Die Teilnehmer diskutierten über Modelle von Partnerschaften zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor in Forschung und Innovation und stellten ihre Erfahrungen und künftigen Strategien vor.

Fallbeispiele demonstrierten praxisnah die unterschiedlichen Kooperationsformen in dieser sogenannten Private Public Partnership – also wie Grundlagenforscher zusammenarbeiten, wie das Verhältnis zur anwendungsorientierten Forschung gestaltet werden kann, welche Mechanismen bei der Überführung der Forschungsergebnisse in die Praxis wirksam werden, welche Möglichkeiten für die Ausgründung von Unternehmen bestehen und wie diese mit ihren Muttereinrichtungen zusammenarbeiten.

Private Public Partnership reicht weit über die üblichen Transferbeziehungen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft hinaus. Die Kooperation erhält eine neue Qualität, wie Walter Kröll, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, während des Symposiums feststellte. Die Partner engagieren sich nicht nur kurzfristig. Jeder behält seine eigene Identität, aber jeder bringt seine eigenen Stärken in arbeitsteilige Netzwerke ein, die beispielsweise Verbundforschungsvorhaben, Leitprojekte oder Joint Ventures umfassen können.

Natürlich sind dabei beträchtliche Schwierigkeiten zu überwinden. Das Problem der exklusiven Nutzung von Forschungsergebnissen sei in Deutschland einigermaßen gelöst, meinte Kröll, in anderen Länder hingegen noch nicht. Unternehmen neigten oft dazu, Einrichtungen, die mit Steuergeldern gefördert werden, gleichsam als kostenlose verlängerte Werkbank oder als bloße Werbeträger anzusehen. Zudem bestünden bekanntermaßen in Unternehmen und Forschungseinrichtungen unterschiedliche Kulturen: öffentliche Wissenschaft ist nach ihren eigenen Gesetzen organisiert, Firmen hingegen forschen umsatzorientiert. Wie also läßt sich die Langzeitorientierung von Universitäten und anderen Forschungszentren mit den kurzfristigen Interessen der Industrie verbinden?

Daß diese Frage keineswegs überall positiv beantwortet ist, zeigte Karel Klusá´cek vom Technologiezentrum der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. Theoretisch sei die Großindustrie für eine Partnerschaft mit der akademischen Grundlagenforschung bestens geeignet, denn sie verfüge über langfristige Ziele und denke strategisch, könne aufwendige Forschungsprojekte formulieren und habe dazu meist auch eigene Finanzquellen. Tatsächlich aber agiere die Mehrzahl der tschechischen Industrieunternehmen mit einem Zeithorizont von Monaten oder gar nur Wochen. Das Dringendste sei nicht eine strategische Kooperation mit der Grundlagenforschung, sondern die Sicherung der Gehälter für den nächsten Zahltag.

Klein- und Mittelunternehmen seien zwar generell flexibler und risikofreudiger als Großunternehmen, setzten auf Wachstum und Innovation und könnten mit begrenzten Finanzmitteln mehr erreichen; dem stünden aber in Tschechien eine fehlende Innovationspolitik, hohe Zinsen, ein sehr begrenztes Budget zur staatlichen Förderung von Klein- und Mittelunternehmen gegenüber, bedauerte Klusá´cek. Einige tschechische Unternehmen würden zudem von ihren ausländischen Anteilseignern gezwungen, in deren Labors forschen zu lassen.

Von der Kommerzialisierung ihrer Forschungen versprächen sich Universitäten und Institute Vorteile wie zusätzliche Einkünfte, eine stärkere Position in Budgetverhandlungen mit der Regierung, höheres Ansehen und Attraktivität für junge Wissenschaftler. Die Industrie erhoffe sich Zugang zum aktuellen Wissen sowie zu Forschungseinrichtungen und Ausstattungen, überdies finanziellen und konzeptionellen Einfluß auf Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Diesen Erwartungen stünden in Tschechien dieselben psychologischen Hemmnisse entgegen wie in anderen Ländern: Forschungsinstitute befürchteten Einschränkungen der akademischen und der Publikationsfreiheit und einen Verlust an wissenschaftlichem Ansehen; die Unterschiede in den Zeitvorstellungen sowie zwischen den beiden Forschungskulturen würden auf Seiten aller potentiellen Partner für zusätzliche Bedenken sorgen, und für die Industrie komme noch das Risiko des Geheimnisverrats und die schwache Marktorientierung der öffentlichen Forschungseinrichtungen als Hemmschuh hinzu.

Die Tschechische Akademie der Wissenschaften kommt offenbar nur sehr mühsam voran beim Überwinden dieser Schwierigkeiten. Sie schließt Lizenzabkommen für die Nutzung von Patenten, vereinbart kurzfristige Forschungsverträge, berät Unternehmen und unterhält seit 1993 einen high-tech business incubator, eine Art Technologiezentrum, in dem junge Unternehmen Fuß fassen können. Aber trotz vieler Verhandlungen mit tschechischen Unternehmen sind bisher keine gemeinsamen Forschungs- und Entwicklungsprojekte in Schlüsseltechnologien zustandegekommen. Die Akademie bezieht weniger als vier Prozent ihres Budgets aus der Zusammenarbeit mit der Industrie.

Alle diese eher resignativen Feststellungen haben auf dem Symposium einige Kritik hervorgerufen. Das tschechische Modell trägt noch zu viele Charakteristika des früheren zentralistischen Akademie-Systems. Wie hinderlich dies für Reformen in allen mittel- und osteuropäischen Ländern ist, die früher unter dem Einfluß des sowjetischen Systems standen, hatte sich schon kurze Zeit nach den politischen Umbrüchen 1989 gezeigt (siehe Spektrum der Wissenschaft, April 1993, Seite 113).

Daß die Transformationsperiode tatsächlich viel länger dauert, als die Politiker ursprünglich versprochen haben, stellte am Ende des Symposiums Josef Rembser fest, der Direktor des Deutsch-Amerikanischen Akademischen Konzils. Diese These und die unterschiedliche Entwicklung in den einzelnen Ländern wird in einer Untersuchung von Eberhard Buckel vom ifo-Institut für Wirtschaftsforschung unterstützt. Demnach melden Forschungseinrichtungen in Polen weit mehr Patente an als solche in Tschechien und Ungarn. Man könnte daraus schließen, daß die Qualität von Forschung und Lehre in Polen weniger unter dem Transformationsprozeß gelitten hat. Allerdings könnte, so Buckel, dies auch so interpretiert werden, daß in Polen die Privatisierung staatlicher Betriebe weniger weit fortgeschritten ist als in den beiden anderen Ländern. Es sei nämlich "nicht sicher, ob eine in größerem Umfang privatisierte Industrie die Kapazität der Forschungseinrichtungen im bisherigen Umfang wird auslasten können".

Das Beispiel Bulgarien zeigt, daß die Chancen der Transformation auch heute noch gegeben sind: Dort geht, wie Roumen B. Antonov, Präsident eines der zahlreichen nach deutschem Vorbild organisierten Technologiezentren, berichtete, nunmehr die Initiative vom Industrieverband aus. Auf der Grundlage eines guten Erziehungssystems mit gut ausgebildeten Ingenieuren und Wissenschaftlern werden die Zentren als Vorstufen für künftige Klein- und Mittelunternehmen von unten her aufgebaut und nicht zentral verordnet. Allerdings fehlen noch die in- und ausländischen Märkte, eine klare Regierungspolitik und – natürlich – Geldquellen.

In anderen mittel- und osteuropäischen Ländern, vor allem in Ungarn, Polen und Estland, läuft es schon besser. Die ungarische Bay Zoltán Foundation hat den Anschluß an den internationalen Standard bereits gefunden. Sie entwickelt marktfähige Produkte und Verfahren, arbeitet eng mit den Universitäten zusammen und ist reguläres Mitglied internationaler Kooperationen und Organisationen. Ihre drei Institute decken ihre Kosten überwiegend mit kommerziellen Aufträgen, die sie im Zuge von Ausschreibungen erhalten. Etwa 30 Prozent stammen aus eigenen Ressourcen der Stiftung.

Ein anderer Ansatz scheint in Estland erfolgreich zu sein: die Mobilisierung der Universitäten zur Innovation von Gesellschaft und Wirtschaft. Spin-off-Programme und verschiedene neue organisatorische Einheiten wurden aufgebaut, um Forschungs- und Entwicklungsergebnisse besser wirtschaftlich nutzen zu können. Positive Impulse kamen dabei auch vom Staat. Nach der radikalen Einführung der marktorientierten Wirtschaft nahm die Industrieproduktion (jeweils gegenüber dem Vorjahr) 1995 um 1,9 Prozent, 1996 um 4,5 Prozent und 1997 um 13,4 Prozent zu. Im Mai 1998 verabschiedete die Regierung ein Innovationsprogramm, von dem weitere Wachstumsimpulse erwartet werden. Für Grundlagen- und universitäre Forschung ist das Erziehungs-, für Innovation das Wirtschaftsministerium zuständig. Ein Forschungs- und Entwicklungsrat berät die Regierung. Als nicht-staatliches Organ vereinigt die Estnische Akademie der Wissenschaften die Forschungskompetenz – ein beträchtlicher Unterschied zur früheren Akademiestruktur sowjetischer Provenienz. Die jährlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung – an denen auch die Estnische Wissenschaftsstiftung, die Innovationsstiftung und der Rat für wissenschaftlichen Wettbewerb beteiligt sind – entsprechen etwa 0,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Um das Zusammenspiel von Technologie- und Wissenschaftssystem sowie den Wissenstransfer zu stärken, haben die Esten 1992 an der Universität Tartu einen Science Park und in Tallinn ein Elektronik-Zentrum eingerichtet. Der Science Park spielt eine bedeutende internationale Rolle und ist Sitz der Baltischen Vereinigung von Innovationszentren. Sein Management hat 1996 eine Stiftung übernommen, an der Stadt und Kreis Tartu, die Universität und das Physikalische Institut sowie die Estnische Landwirtschafts-Universität beteiligt sind.

Der Wettbewerb schafft neue Formen der Kooperation zwischen Universitäten und Industrie. An der Technischen Universität Tallinn soll ein Spin-off-Programm dafür sorgen, daß Wissenschaftler als Unternehmer Forschungsergebnisse kommerzialisieren. Der Erfolg wird letztlich davon abhängen, wie Universitäten und Gesellschaft künftig zusammenwirken und wie gut das Innovations-Management ist. Ein anderer, offenbar erfolgreicher Weg wird in Polen beschritten. Anna J. Podhajska, Mikrobiologin an der Universität Gda´nsk, schilderte die Arbeit des von ihr initiierten Zentrums für Technologie-Transfer, an dem auch die Technische und die Medizinische Universität in der polnischen Stadt beteiligt sind. Das Zentrum begnügt sich nicht mit dem reinen Technologie-Transfer. Es unterstützt auch wirtschaftliche Initiativen und hilft bei Unternehmensgründungen. Die Studenten müssen von Anfang an Englisch beherrschen. In seinem Lehr- und Forschungsplan stehen neben Medizin und Biowissenschaften Umweltschutz, ökologische Energiequellen und Abfallentsorgung sowie die wirtschaftliche Verwertung der Ergebnisse – etwa der kommerzielle Vertrieb biotechnischer Produkte – oben an. Ein besonderer Clou: Mit dem Verkauf von Technologien werden die Sommerschulen des Zentrums finanziert. Es arbeitet eng unter anderem mit der Universität Bremen zusammen, nutzt die Forschungsprogramme der Europäischen Union für die mittel- und osteuropäischen Länder und ist Mitglied der 1997 gegründeten polnischen Organisation für den Transfer von Innovation, der elf Zentren angehören. Über das europäische Innovations-Netzwerk Innovation Relay Centre will diese Organisation polnische Technologien in ganz Europa verkaufen.

Die Beispiele Polen, Estland und Ungarn zeigen, daß mit großem Engagement von Einzelpersonen, mit neuen und dezentralen Organisationsformen die osteuropäischen Länder durchaus den Anschluß an die westeuropäische wissenschaftliche und technologische Entwicklung finden können.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999, Seite 104
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999

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