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Digitale Filmkamera: Noch hapert es an den Gestaltungsmöglichkeiten



Bot Sony mit dem Video-Format Digital Beta eine Alternative zur konventionellen 16 mm-Kamera, greift das Unternehmen jetzt mit dem vom High Definition Televison (HDTV) abgeleiteten Aufzeichnungsformat HDCAM den 35 mm-Film an. Das mit der zugehörigen Kamera mit dem aufschlussreichen Namen HDW F-900 aufgenommene Material lässt sich digital weiterbearbeiten, auf Film ausbelichten, über digitale Projektoren abspielen oder einfach in die Fernsehformate PAL (Europa) und NTSC (USA) wandeln.

Im Unterschied zu Digital Beta erlaubt HDCAM eine Aufzeichnung von 24 Einzelbildern pro Sekunde – daher die Bezeichnung 24p. Dies entspricht eher dem Verfahren von analogen Filmkameras als die Formate der bisherigen Videotechnik: Gerade sowie ungerade Zeilen eines Bildes werden dabei nacheinander aufgenommen; in der Summe ergeben sich dann bei NTSC 30 Einzelbilder pro Sekunde, bei PAL 25.

Damit nicht genug der Ähnlichkeiten, stattete Sony seine Kamera mit allerlei Zubehör aus, das dem Kameramann vertraut ist. Das Ergebnis ist durchaus beachtlich, wie erste 24P-Filme zeigen, etwa Wim Wenders Musikvideo zum "Million Dollar Hotel" oder der Kurzfilm "Gone Underground" von Michael Ballhaus. Doch an den 35 mm-Film kommt die Bildqualität der HDCAM längst noch nicht heran. Der bietet eine Auflösung von 12,5 Millionen Bildpunkten (Pixeln), das sind 4000 Pixel in einer horizontalen Zeile, verkürzt als "4K" bezeichnet. Die HDCAM erreicht 1920 horizontale Pixel, also nur 2K. Das allein ist aber noch kein Argument, wie die Befürworter von 24P betonen, denn in der Projektion liefert auch diese geringere Auflösung durchaus gute Bilder, oft bessere als eine mittelmäßige Filmkopie.

Der wichtigste Unterschied aber ist das Abtastformat. Die HDCAM wie auch erste Geräte der Mitbewerber verwenden lichtempfindliche Chips, so genannte CCD-Bildwandler (charged coupled devices) mit einer Diagonalen von 18 Millimetern – beim 35 mm-Filmbild ist sie 26 Millimeter lang. Damit erfordern die digitalen Systeme andere Brennweiten, beispielsweise hat ein Normalobjektiv dann eine Brennweite von 13 Millimetern, eines für das konventionelle Gerät hingegen eine von 32 Millimetern. Je länger die Brennweite, desto kleiner ist der Bereich vor und hinter der eingestellten Entfernung, der scharf abgebildet wird. Wenn ein Zuschauer vom "Kino Look" spricht, meint er aber meist die von einer Fernsehkamera nicht erreichte Schärfentrennung von Vorder- zum Hintergrund, die dem Kameramann viel Freiheiten zur Gestaltung einer Aufnahme gibt.

Es dürfte freilich nur eine Frage der Zeit sein, bis die Hersteller CCD-Bildwandler mit größeren Bilddiagonalen anbieten. Auch andere Vorteile konventioneller Systeme wie eine höhere Bildfrequenz – Voraussetzung beispielsweise für Zeitlupenaufnahmen – dürften in einigen Jahren zur Ausstattung digitaler Kameras gehören.

Derzeit sind Fotoemulsionen für professionelle Filme lichtempfindlicher als die CCD-Chips und haben vor allem einen größeren Dynamik-Bereich: Von dem weißen Kleid und dem schwarzen Anzug eines Brautpaares kann das analoge Filmmaterial mehr Helligkeitsabstufungen liefern als die digitale Videokamera, die einen solchen Kontrastumfang aber mittels elektronischer Korrekturen bewältigen kann. Videotypische Bildfehler wie harte Konturen bei Hell-Dunkel-Sprüngen lassen sich bei professionellen Digital Beta-Camcordern bereits elektronisch gut ausgleichen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2001, Seite 92
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2001

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