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Gebärdensprache: Sprechende Hände

Nicht nur der Mund kann reden, auch die Hände können es. Die Gebärdensprachen der Gehörlosen liefern neue Erkenntnisse darüber, wie das Gehirn mit Sprache umgeht.


Ein stiller Kampf tobt in Deutschland. Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit ringen Gehör-lose seit Jahren um die offizielle Anerkennung ihrer Sprache – gegen den erbitterten Widerstand von Pädagogen. Denn noch immer halten zahlreiche Lehrer die Deutsche Gebärdensprache – zu Unrecht – für ein unvollständiges System willkürlicher Zeichen, mit dem sich allenfalls einfache Gedanken ausdrücken lassen. Unterstützung erfahren die Gehörlosen von Sprachwissenschaftlern und Hirnforschern, die eigentlich ein ganz anderes Ziel vor Augen haben: Sie wollen wissen, wie das menschliche Gehirn Sprache produziert und verarbeitet.

Auch hier beschränkten sich die Studien zunächst auf Lautsprachen wie Deutsch, Englisch oder Französisch. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gelangen den Wissenschaftlern große Fortschritte bei der Lokalisierung von Hirnzentren, die an der Sprachentstehung und -verarbeitung beteiligt sind. So entdeckte der französische Neurologe Paul Broca 1861, dass Patienten, die zwar Sprache verstanden, aber selbst nur mit Schwierigkeiten sprechen konnten, häufig Schäden in einem Teil der linken Gehirnhälfte aufwiesen, der heute als Broca-Zentrum bekannt ist. Dagegen ist bei Menschen, die zwar fließend reden können, jedoch Probleme mit dem Verstehen haben, für gewöhnlich eine andere Region in der linken Hemisphäre betroffen, wie der deutsche Arzt Carl Wernicke 1874 herausfand. Das Areal bekam nach ihm den Namen Wernicke-Zentrum.

Solche Sprachstörungen – so genannte Aphasien – entstehen zumeist durch Schäden in der linken Gehirnhälfte. Bei ähnlichen Defekten in der rechten Hemisphäre kommt es stattdessen eher zu schweren Beeinträchtigungen bei der Bearbeitung visuell-räumlicher Aufgaben. Die Patienten sind beispielsweise nicht mehr in der Lage, eine einfache Skizze nachzuzeichnen. Aus diesen Gründen wird der linken Hirnhälfte oft die Sprache zugeordnet und der rechten das räumliche Denken. Obwohl diese Zweiteilung die wahren Verhältnisse zu einfach darstellt, spiegelt sie doch einige der wichtigsten medizinischen Unterschiede zwischen Patienten mit links- beziehungsweise rechtsseitigen Hirnschäden wider.

Dennoch bleiben viele Fragen offen – insbesondere, warum die Sprache sich ausgerechnet in diesen Arealen etabliert hat. Auf den ersten Blick erscheint das sogar sinnvoll: Das Wernicke-Zentrum ist als wichtige Region für Sprachverständnis dicht an der Hörrinde lokalisiert, das an der Sprachproduktion beteiligte Broca-Zentrum ist ein Nachbar der motorischen Rinde, welche die Muskeln von Mund und Lippen kontrolliert. Aber orientiert sich die Organisation der Sprache im Gehirn tatsächlich am Hören und Sprechen?

Vielsagende Gebärdensysteme

Ein möglicher Weg zu einer fundierten Antwort wäre die Untersuchung einer Sprache, die über andere sensorische und motorische Kanäle läuft. Lesen setzt zwar eine visuelle – oder bei Braille-Schrift taktile – Informationsaufnahme voraus, und Schreiben erfordert Bewegungen der Hand. Doch bei den meisten Menschen hängen diese Aktivitäten zumindest teilweise von Hirnregionen ab, die mit dem Gebrauch von Lautsprache verknüpft sind. Die Gebärdensprache der Gehörlosen erfüllt hingegen exakt die Wünsche der Wissenschaftler. Im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte haben wir daher Gruppen gehörloser Gebärdender untersucht, die – meist infolge eines Schlaganfalls – Schäden an der linken oder rechten Hirnhälfte erlitten hatten. Indem wir ihre Fähigkeiten, Gebärden zu verstehen oder selbst zu produzieren, erforschten, näherten wir uns der Frage, ob Gebärdensprache und Lautsprache in den gleichen Bereichen des Gehirns interpretiert und generiert werden.

Zur Gebärdensprache gibt es eine Vielzahl falscher Vorstellungen. Bis weit in das letzte Jahrhundert hinein glaubten selbst Gehörlose, es handle sich lediglich um eine lockere Ansammlung von pantomimischen Zeichen, die nur für primitive Ansprüche ausreichten. Doch inzwischen haben Linguisten längst nachgewiesen, dass Gebärdensprachen strukturierte Kommunikationssysteme sind, deren Grammatik ebenso komplex ist wie die der Lautsprachen. Mit Gebärden lassen sich beliebig abstrakte und anspruchsvolle Gedanken ausdrücken – vom Liebesgedicht bis zur Quantenmechanik. Die Bildung der Gebärden und Sätze folgt dabei bestimmten Regeln, so wie es auch bei gesprochenen Sprachen der Fall ist. Allerdings ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS) nicht einfach eine manuelle Version des Deutschen. Sie folgt einer eigenen, ganz anders aufgebauten Grammatik. Beispielsweise steht das Verb in DGS am Ende des Satzes, und anstelle von Pronomen werden Positionen im Raum genutzt.

Entgegen einer weit verbreiteten Annahme gibt es keine globale Gebärdensprache. Jede Nation hat ihre eigene, und innerhalb eines Landes kommen unterschiedliche Dialekte vor. Die Deutsche Gebärdensprache kennt wohl ebenso viele regionale Varianten für "grün", wie es Wörter für "Brötchen" im Deutschen gibt. Wenn ein Gehörloser eine fremde Gebärdensprache wie zum Beispiel American Sign Language (ASL) erlernt, benutzt er sie oft mit einem Akzent.

Gemeinsam sind den gebärdeten und gesprochenen Sprachen die abstrakten Merkmale von Sprache. Den auffälligsten Unterschied macht die Art und Weise aus, wie sie nach außen dargeboten werden: Lautsprachen codieren ihre Information in zeitlich-akustischen Veränderungen, Gebärdensprachen stützen sich dagegen auf visuell-räumliche Muster. Wie wirkt sich dieser Formunterschied auf die neu-rale Organisation im Gehirn aus?

Denkbar wäre, dass Gebärdensprache von den Systemen der rechten statt der linken Hirnhälfte bearbeitet wird, da es sich ja um Signale mit visuell-räumlichem Charakter handelt. Nach dieser Hypothese könnte das dem Wernicke-Zentrum entsprechende Areal für Gebärdensprache nahe an den Hirnregionen für die Verarbeitung optischer Reize sitzen. Das Gegenstück des Broca-Zentrums läge dann unweit der motorischen Rinde, die Bewegungen der Hände und Arme kontrolliert.

Als wir in den achtziger Jahren begannen, diese Hypothese zu testen, mussten zunächst zwei grundlegende Fragen beantwortet werden: Zeigen gehörlose Gebärdende mit Hirnschädigungen Probleme im Umgang mit der Gebärdensprache? Falls ja, erinnern die Defizite an Wernicke-Aphasien (Verständnisprobleme und fehleranfällige Sprache) oder Broca-Aphasien (gutes Verstehen, aber Schwierigkeiten, selbst flüssig zu sprechen)? Die Antwort war in beiden Fällen ein eindeutiges "Ja". Einer der ersten Patienten, den unsere Gruppe untersuchte, gebärdete fließend nach den grammatischen Regeln der ASL, doch oft waren seine Mitteilungen zusammenhangslos. Dies und seine mangelnde Fähigkeit, die Gebärden anderer Menschen zu verstehen, erinnerten stark an Symptome hörender Menschen mit Wernicke-Aphasie.

Eine andere Patientin hatte extreme Probleme, Gebärden zu produzieren. Fast jedesmal kämpfte sie um die richtige Form und Stellung der Hand. Die meisten ihrer Äußerungen beschränkten sich auf eine einzelne Gebärde. Der Grund lag nicht einfach in Schwierigkeiten bei der motorischen Kontrolle: Bat man sie, Strichzeichnungen abzumalen, die zum Beispiel einen Elefanten oder eine Blume darstellten, bewältigte sie die Aufgabe sehr gut. Außerdem verstand sie Gebärdensprache hervorragend, ungeachtet ihrer Unsicherheiten beim Selbst-Erzählen. Kurz, ihre sprachlichen Fähigkeiten zeigten Parallelen zu den Symptomen einer Broca-Aphasie.

Als wir nach den für die Gebärdensprach-Aphasien verantwortlichen Hirnzentren suchten, erlebten wir eine Überraschung: Beide Patienten hatten Läsionen in der linken Hemisphäre und zwar genau dort, wo die Störungen auch bei hörenden Patienten mit vergleichbaren Problemen auftreten. Der Defekt beim Gebärdenden mit Verständnisschwierigkeiten betraf also unter anderem das Wernicke-Zentrum, und die Patientin, die kaum selbst gebärden konnte, hatte Schäden im Broca-Zentrum.

Diese Beobachtungen zeigen, dass die linke Gehirnhälfte eine wesentliche Rolle bei der Bearbeitung von Gebärdensprache spielt. Doch wie sieht es mit der rechten Hälfte aus? Sollten Schäden in dieser Hemisphäre, die ja nach dem derzeitigen Wissensstand unverzichtbar für viele visuell-räumliche Aufgaben ist, nicht ebenfalls einen verheerenden Einfluss auf die Gebärdensprachkompetenz haben?

Anscheinend ist dem nicht so. Gehörlose mit Defekten in der rechten Hirnhälfte führten ihre Gebärden schnell, flüssig und exakt aus, wobei sie die korrekte Grammatik anwandten. Außerdem verstanden sie mit Leichtigkeit die Gebärden anderer Erzähler. Sogar wenn der Hirnschaden die nichtsprachlichen visuell-räumlichen Fähigkeiten eines Patienten schwer beeinträchtigte, hatte dies keine Auswirkungen auf die Gebärdensprache. In einem Fall konnte der Patient zum Beispiel keine erkennbaren Zeichnungen anfertigen oder nachmalen, und Objekte im linken Teil seines Gesichtsfeldes nahm er gar nicht wahr. Dennoch kommunizierte er sehr effektiv in Gebärdensprache.

Spätere Untersuchungen an größeren Gruppen gehörloser Gebärdender bestätigten die Ergebnisse der frühen Fallstudien. In einer 1996 veröffentlichten Arbeit verglich unser Team die Gebärdensprachkompetenz von dreizehn Personen mit Hirnschäden auf der linken (left hemisphere-damage, LHD) und zehn Patienten mit Defekten auf der rechten Seite (right hemisphere-damage, RHD). Als Gruppe betrachtet schnitten die LHD-Gebärdenden bei einem weiten Spektrum von Gebärdensprachtests ziemlich schlecht ab: Sie hatten Probleme, einzelne Gebärden oder Sätze zu verstehen, und häufig auch Schwierigkeiten, flüssig zu erzählen. Nicht besser sah es aus, wenn sie Bilder benennen sollten. Oft unterliefen ihnen beim Gebärden Handfehler: Sie vertauschten die Handformen oder eine Gebärde mit einer anderen. Hingegen bewältigten die RHD-Patienten alle Aufgaben gut. Die Studie wies auch nach, dass Probleme beim flüssigen Gebärden nicht durch allgemeinere Schwierigkeiten bei der Kontrolle willentlicher Hand- und Armbewegungen verursacht werden. Personen, die Mühe hatten, Gebärden zu formen, waren oft in der Lage, bedeutungslose Zeichen mit Hand und Arm durchzuführen.

Ähnliche Resultate brachte eine andere Versuchsreihe, die sich auf das Gebärdensprachverständnis konzentrierte. Auch unter diesen neunzehn Gebärdenden mit unterschiedlichen Hirnläsionen schnitt die LHD-Gruppe deutlich schlechter ab als die Gehörlosen mit rechtsseitigen Schäden. Die größten Probleme mit dem Verständnis einfacher Zeichen und ganzer Sätze hatten Patienten, deren linker Schläfenlappen betroffen war – jene Region, in der sich das Wernicke-Zentrum befindet.

Alles in allem besagen unsere Ergebnisse, dass die linke Hirnhälfte wichtiger ist für Gebärdensprache – genau wie für Lautsprache. Anscheinend beeinflusst die Art und Weise, in der eine Sprache aufgenommen und produziert wird, nicht sonderlich ihre Organisation im Gehirn. Doch wie bereits angedeutet, ist die Annahme eines funktionell zweigeteilten Gehirns – mit sprachlichen Fähigkeiten vorwiegend in der linken und visuell-räumlichen Zentren hauptsächlich in der rechten Hälfte – allzu einfach. Die Forschung in den letzten Jahrzehnten hat gezeigt, dass die meisten kognitiven Leistungen sich in viele einzelne Arbeitsschritte zerlegen lassen. Bei einigen davon mag die Aktivität nur auf einer Seite stattfinden, während andere beide Hemisphären beanspruchen.

Das Sprachvermögen setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Eine hörende Person muss zum Beispiel die einzelnen Sprachlaute und daraus aufgebaute Wörter aufnehmen und produzieren können. Andernfalls wäre es unmöglich, "Tasse" von "Kasse" zu unterscheiden. Außerdem muss sie in der Lage sein, morphologische Zusätze zu erkennen ("Kindheit" statt "Kind"), syntaktische Konstruktionen ("Der Hund jagte die Katze" im Gegensatz zu "Der Hund wurde von der Katze gejagt") sowie lautliche Betonungen ("das Weiße Haus" statt "das weiße Haus"). Schließlich verlangt ein längeres Gespräch die Fähigkeit, verlässliche Beziehungen zwischen Personen und Ereignissen zu konstruieren und über viele Sätze beizubehalten.

Von all diesen Einzelaspekten sprachlicher Leistung beschränkt sich die Produktion der Sprache am stärksten auf die linke Hirnhälfte. Schäden in diesem Teil beeinträchtigen oft die Fähigkeit, beim Sprechen passende Laute auszuwählen und zu Worten zu verbinden. Defekte in der rechten Hälfte des Gehirns wirken sich selten so aus. Die Aufnahme und das Verstehen von Sprache scheinen weniger streng an die linke Hirnhälfte gebunden zu sein.

Defekte der linken Gehirnhälfte

Beide Hemisphären sind fähig, zwischen einzelnen Sprechlauten zu unterscheiden, und anscheinend spielt die rechte Seite des Gehirns eine Rolle beim Führen zusammenhängender Gespräche. Patienten mit Schäden im rechten Hirnteil mögen noch ziemlich gut Wörter und Sätze bilden können, aber sie stolpern häufig von einem Thema zum nächsten, wobei allenfalls ein dünner Faden das Ganze verbindet.

Das Entschlüsseln der Bedeutung von Wörtern und Sätzen obliegt jedoch offenbar der linken Hemisphäre. Dies erklärt, warum man lange Zeit annahm, Sprache sei ausschließlich linksseitig angesiedelt. Die gebräuchlichsten Aphasie-Tests bewerteten nämlich die Produktion und das Verstehen von Wörtern und Sätzen, nicht die Gesprächsführung. Auch die nichtsprachlichen räumlichen Fähigkeiten können in Komponenten mit unterschiedlichen Verteilungsmustern zwischen den Hirnhälften zerlegt werden. Obwohl bei hörenden wie gehörlosen Personen die schwersten Störungen der Raumwahrnehmung meist infolge von rechtsseitigen Schäden auftraten, haben Wissenschaftler auch bei Hörenden mit linksseitigen Defekten einige Defizite bei visuell-räumlichen Aufgaben beobachtet.

Die Patienten können zwar die Gesamterscheinung einer Skizze erkennen oder reproduzieren, haben aber Schwierigkeiten, deren räumliche Eigenschaften, also ihre Details, aufzunehmen oder nachzuzeichnen. Bei Personen mit Schädigungen in der rechten Hemisphäre ist es eher umgekehrt. Daher nahmen Forscher an, die linke Hirnhälfte sei wichtig für das Wahrnehmen und Verändern räumlicher Details, während die rechte Seite des Gehirns für Prozesse auf globaler Ebene notwendig sei.

Dieses anspruchsvollere Bild des Gehirns wirft eine interessante Frage auf: Hängt die Verteilung der visuell-räumlichen Fähigkeiten auf die beiden Hirnhälften – Details links, Überblick rechts – mit unterschiedlichen Kompetenzen beim Gebärden zusammen? Wenn man die einzelnen Gebärden und Sätze als Bausteine der Sprache ansieht, kann ein ausführliches Gespräch als Modell dafür dienen, wie die Stücke ein Ganzes bilden. Möglicherweise dominiert die linke Hälfte des Gehirns deshalb die Bildung und das Verstehen von Gebärden und Sätzen, weil diese Prozesse von räumlichen Fähigkeiten auf lokaler Ebene abhängen. Und vielleicht beherrscht die rechte Hirnhälfte darum den Ablauf zusammenhängender Konversation in Gebärdensprache, weil der Vorgang auf einer globalen Stufe angesiedelt ist.

Wir überprüften diese Hypothese experimentell. Tatsächlich hatten viele Gebärdende mit Defekten im rechten Hirnteil Probleme bei Gesprächen. Ihre Erzählungen strotzten von Randbemerkungen und Nebensächlichkeiten – die gleichen Merkmale wie bei hörenden Patienten. Aber in einigen Fällen kam ein neues Problem hinzu: Bei Erzählungen mit mehreren Personen nutzt ein gesunder Gebärdender den umgebenden Raum, indem er die einzelnen Charaktere seiner Geschichte bestimmten Positionen zuordnet. Im weiteren Verlauf verweist er auf diese Stellen, wenn die entsprechende Person gemeint ist. Wir fanden in unserer Studie heraus, dass manche Gehörlose mit rechtsseitigem Hirnschaden in ihren Erzählungen beim Thema bleiben, aber kein konsistentes Netz von Personen im Gebärdenraum erstellen und aufrechterhalten konnten.

Hängt eine dieser Schwierigkeiten bei der Gesprächsführung mit Defiziten in der nichtsprachlichen räumlichen Kompetenz zusammen? Anscheinend nicht. Einer unserer Patienten mit RHD hatte trotz starker Einschränkung seiner räumlichen Fähigkeiten keine Probleme, eine zusammenhängende Geschichte zu gebärden. Ein anderer, dessen visuell-räumliches Vermögen nur wenig gestört war, vermochte keinen passenden Rahmen für seine Charaktere zu wahren. Offensichtlich sind die kognitiven Systeme der rechten Gehirnhälfte für nichtsprachliche räumliche Aufgaben getrennt von den Bereichen für Gespräche.

Wie sieht es bei Gehörlosen aus, die einen Defekt in der linken Hemisphäre haben? Sind deren Gebärdensprach-Aphasien durch Störungen der lokalen räumlichen Fähigkeiten bedingt? Um dies zu klären, baten wir eine LHD-Gruppe, Strichzeichnungen und hierarchisch aufgebaute Muster abzumalen. Alle Vorlagen hatten lokale und globale Eigenschaften, die leicht zu unterscheiden waren – zum Beispiel war ein großer Buchstabe "D" aus lauter kleinen Buchstaben "y" aufgebaut. Wie bei hörenden Personen mit linksseitigem Hirnschaden neigten auch die Gehörlosen dazu, die Gesamterscheinung des Bildes richtig wiederzugeben, dabei aber häufig einige Details wegzulassen. (Eine Gruppe mit rechtsseitigem Defekt machte es genau entgegengesetzt: Ihre Skizzen waren voller Details, insgesamt aber ohne Konzept.) Einen Zusammenhang zwischen dem Grad der räumlichen Defizite auf lokaler Ebene und dem Ausmaß der Gebärdensprach-Aphasie konnten wir nicht finden. Entgegen der Erwartung ist die Fähigkeit von gebärdenden Muttersprachlern wohl unabhängig von ihrem nichtsprachlichen räumlichen Vermögen.

Möglicherweise haben wir einige feine Unterschiedungen bei der Organisation von Sprache im Gehirn Hörender und Gehörloser übersehen. Untersuchungen an Patienten mit Hirnläsionen haben nur eine begrenzte Genauigkeit. Um exakt festzustellen, welche Teile des Gehirns an der Kommunikation in Gebärdensprache beteiligt sind, müsste man Dutzende Gehörloser mit Defekten an genau den richtigen Stellen testen. Es würde Jahrzehnte dauern, sie auch nur ausfindig zu machen. Doch die Entwicklung nichtinvasiver Techniken in der Hirnforschung – funktionelle Kernspintomographie (fNMR für: functional Nuclear Magnetic Resonance) und Positronen-Emissionstomographie (PET) – hat den Wissenschaftlern neue Möglichkeiten an die Hand gegeben, um die neuronalen Wurzeln der Sprache zu ergründen.

Mit diesen bildgebenden Verfahren haben Forscher die Rolle des Broca-Zentrums bei der Produktion von Laut- und Gebärdensprache untersucht. Sie stellten fest, dass tatsächlich sowohl bei Hörenden, die sprechen, als auch bei Gehörlosen, die gebärden, das Broca-Zentrum aktiv ist. Außerdem bestätigten die Bilder, dass es sich bei den Regionen für das Verstehen der Gebärdensprache im Wesentlichen um die gleichen Gebiete handelt, die auch bei gesprochener Sprache beteiligt sind. In einer Studie aus dem Jahre 1998 beobachteten Wissenschaftler mit fNMR Gehörlose, die sich Videofilme mit Sätzen in amerikanischer Gebärdensprache ansahen. Die Daten belegten Hirnaktivitäten in mehreren Teilen des linken Schläfenlappens, darunter Abschnitte des Wernicke-Zentrums, sowie in einigen Regionen im linken Stirnlappen, einschließlich des Broca-Zentrums.

Ein gemeinsames Sprachzentrum

Das Experiment zeigte zudem aktive Bereiche im rechten Schläfenlappen und linken Stirnlappen. Daraus haben einige Forscher geschlossen, das Verstehen von Gebärdensprache sei stärker bilateral organisiert als bei Lautsprachen. Aber auch an hörenden Personen, die Sprache aufnahmen, haben Wissenschaftler beidseitige Aktivitäten registriert. Es bedarf also noch weiterer Forschung, um die Rolle der rechten Hirnhälfte beim Verarbeiten von Gebärdensprache zu klären. In jedem Fall machen die Studien an Patienten mit Hirnläsionen deutlich, dass die Unterschiede zwischen gesprochener und Gebärdensprache allenfalls gering sind – falls sie überhaupt existieren.

Gebärdensprache umfasst sowohl linguistische als auch visuell-räumliche Verarbeitungsschritte – zwei Fähigkeiten, die bei Hörenden auf weitgehend getrennten neuralen Systeme beruhen. Entgegen früheren Vorstellungen hat die Organisation von Gebärdensprache im Gehirn mehr mit derjenigen von gesprochener Sprache gemeinsam als mit der bei visuell-räumlichen Prozessen. Woran könnte das liegen?

Unsere Arbeiten und die anderer Gruppen weisen darauf hin, dass es sich beim Gehirn um ein modular strukturiertes Organ handelt, dessen einzelne Einheiten jeweils für einen bestimmten Verarbeitungsschritt zuständig sind.

So gesehen überrascht es kaum, dass der Umgang mit Gebärdensprache anscheinend unabhängig ist von anderen visuell-räumlichen Fähigkeiten wie dem Abzeichnen einer Skizze. Trotz der visuellen Eingabe und manuellen Ausgabe handelt es sich hier doch um grundsätzlich verschiedene Aufgaben. Demzufolge sollte man erwarten, dass die peripheren Ebenen der Verarbeitung – zum Beispiel in der primären Sehrinde, welche die Signale vom Sehnerv erhält – zu einem gewissen Teil in den gleichen Hirnsystemen ablaufen und sich dann in zentraleren Systemen auf höherer Ebene aufspalten.

Genau umgekehrt ist die Situation bei gesprochener versus Gebärdensprache. Die beiden unterscheiden sich dramatisch bei der Ein- und Ausgabe, durchlaufen jedoch anscheinend die gleiche linguistische Verarbeitung. Wir erwarten deshalb, dass die Sprachtypen in den zentralen, höheren Ebenen des Gehirns große neurale Bereiche gemeinsam haben und auf den peripheren Stufen getrennte Wege gehen. So laufen diese Prozesse bei Lautsprache in der Hörrinde beider Hirnhälften ab, die ersten Schritte der Gebärdenverarbeitung hingegen in der Sehrinde. Jenseits der frühen Stufen scheinen die Signale aber durch zentrale linguistische Systeme zu gehen, die für Gebärden- und Lautsprache gleich organisiert sind.

Eine der wichtigsten Fragen bei zukünftigen Forschungsvorhaben wird sein, wo die peripheren Prozesse aufhören und die zentralen Verarbeitungsebenen beginnen – sofern es eine scharfe Grenze zwischen beiden gibt. Außerdem wissen wir noch immer viel zu wenig darüber, wie das Gehirn überhaupt die Signale auswertet oder erzeugt. Die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Sprachmodi bieten ideale Voraussetzungen, solche Probleme anzugehen.

In Deutschland und anderen Staaten, in welchen die nationalen Gebärdensprachen noch nicht als vollwertige Sprachen anerkannt sind, werden die Ergebnisse weiterhin auch politische Bedeutung haben – und damit unter Umständen entscheidenden Einfluss auf die Lebensumstände der Gehörlosen. Nur zögerlich hält Gebärdensprache in einzelnen Projektklassen an wenigen Gehörlosenschulen Einzug in den Unterricht. Eines der Hauptargumente von Gegnern dieser Entwicklung – es gäbe keine Sprache ohne Sprechen – haben die Forschungen bereits widerlegt.

Literaturhinweise


Ich sehe was, was Du nicht hörst. Von D. Happ et al. in: Forschung Frankfurt, Nr. 3, 1998, S. 4.

Einführung in die Gebärdensprache und ihre Erforschung. Von Penny Boyes Braem. Signum Verlag, 3. Auflage 1995.


Glossar


Deutsche Gebärdensprache (DGS): Eine natürliche und vollwertige Sprache auf visueller Basis. Die DGS verfügt über ein eigenes Vokabular und eine eigene Grammatik.

Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG): Ein manuelles System, bei dem jedes Wort der gesprochenen Sprache durch eine Gebärde dargestellt wird. LBG nutzen zum großen Teil die Gebärden der DGS, folgen aber der deutschen Grammatik.

Pantomime: Eine künstlerische Darstellungsform, die Handlung und/oder Charaktere durch Mimik, Gestik und Körpersprache ausdrückt. Im Gegensatz zu Sprache fehlt ihr ein einheitliches Regelwerk.


Die Heimat der Sprache


Zwei der wichtigen Regionen für die Sprachverarbeitung sind das Broca-Zentrum und das Wernicke-Zentrum in der linken Gehirnhälfte. Das Broca-Zentrum wird bei Hörenden aktiviert, wenn sie sprechen, und bei Gehörlosen, während sie gebärden. Das Wernicke-Zentrum ist am Vorgang des Verstehens beteiligt – sowohl bei Laut- als auch bei Gebärdensprachen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2001, Seite 46
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
10 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 10 / 2001

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