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Verborgene Galaxien

Das Band der Milchstraße am Himmel verstellt den Blick auf einen großen Teil des Universums. Doch Astronomen haben Wege gefunden, wie sie durch den dichten Schleier aus Sternen und Staub hindurchspähen können.


Abseits der Städte können wir in einer klaren, mondlosen Nacht das breite schimmernde Band der Milchstraße sehen, das den ganzen Himmel umspannt. Es ist nichts anderes als ein Teil des scheibenförmigen Sternsystems, in dem wir uns befinden und das wir Galaxis nennen. Die Sonne ist einer der vielen Milliarden Sterne in dieser Scheibe; sie steht etwa 28000 Lichtjahre vom galaktischen Zentrum entfernt, in dessen Richtung sich die Sterne und interstellaren Gasmassen besonders dicht zusammenballen.

So prachtvoll die Milchstraße für romantische Gemüter auch sein mag: Für Astronomen, die extragalaktische Sternsysteme erforschen, ist sie ein ständiges Ärgernis, denn sie versperrt die Sicht auf mehr als zwanzig Prozent des Kosmos und damit auf ein Fünftel aller Galaxien.

Hinter dem Milchstraßensystem befinden sich zum Beispiel wesentliche Bereiche von zwei der gewaltigsten Strukturen im nahen Universum: der Perseus-Pisces-Superhaufen von Galaxien in den Sternbildern Perseus und Fische sowie der Große Attraktor, eine gigantische Materieansammlung, von der die Astronomen nur Kenntnis haben, weil sich zahlreiche der nahegelegenen Galaxien dorthin zu bewegen scheinen. Und aus der großen Anzahl heller Sternsysteme, die man noch am Rand des Milchstraßenbandes erkennen kann, läßt sich schließen, daß dahinter noch viele Welteninseln verborgen sind.

Die Milchstraße verhindert somit eine vollständige Kartierung unserer kosmischen Umgebung. Darum sind einige wichtige Fragen bislang offen geblieben: Wie ausgedehnt sind die großräumigen Strukturen im Kosmos? Wie haben sie sich gebildet? Welche mittlere Materiedichte hat das Universum?

Erst in den letzten Jahren haben die Astronomen Techniken entwickelt, mit denen sie durch den Schleier der Milchstraße zu blicken vermögen. Zudem gibt es neuerdings Methoden, mit denen sich der verhüllte Teil des Universums aus seinen Wirkungen auf den unverhüllten rekonstruieren läßt. Auch wenn die Beobachtungen dazu noch längst nicht abgeschlossen sind, so gibt es doch schon einige spektakuläre Entdeckungen. Unter anderem spürten die Forscher eine Galaxie auf, die – wäre sie sichtbar – uns als die größte am Himmel erschiene. Des weiteren fanden die Astronomen bisher unbekannte Galaxienhaufen enormer Ausdehnung. Und es gelang ihnen ein erster Blick auf das Zentrum des rätselhaften Großen Attraktors.

Die Erkenntnis, daß sich hinter dem Milchstraßensystem Galaxien verbergen, ist praktisch so alt wie die, daß es überhaupt extragalaktische Sternsysteme gibt. Anfang der dreißiger Jahre erkannten die Astronomen nämlich, daß die nebelhaften, diffus leuchtenden Objekte, die man an zahlreichen Stellen des Firmaments findet, von zweierlei Natur sind: Bei den einen handelt es sich tatsächlich um Nebel aus Gasen und Staub, die sich innerhalb des Milchstraßensystems befinden; die übrigen sind jedoch selbst Ansammlungen von Milliarden Sternen ähnlich unserer Galaxis weit außerhalb ihrer Grenzen.



Das verschleierte Universum



Solche Galaxien waren überall am Himmel auszumachen, nur nicht in einem Bereich entlang der galaktischen Ebene, den man deshalb zone of avoidance, die gemiedene Zone nannte. Diese scheinbare Leere rührt daher, daß das Licht der fernen Galaxien in diesen Raumrichtungen von den vielen hellen Sternen unseres eigenen Systems überstrahlt oder von den Staubwolken im interstellaren Raum absorbiert wird.

Astronomen, die Galaxien erforschen wollten, haben diese zone of avoidance gemieden und sich lieber den leichter zugänglichen Bereichen des Universums zugewandt. Daß sie dabei den vielleicht interessantesten Himmelsbereich aussparten, zeigte vor 20 Jahren eine Beobachtungsreihe, die zunächst gar nichts mit Galaxien zu tun hatte. Einige Wissenschaftler erstellten anhand von Messungen im Radiofrequenzbereich eine Himmelskarte der kosmischen Hintergrundstrahlung, jenes Nachleuchtens des Urknalls, das eigentlich aus allen Richtungen mit gleicher Intensität und mit gleicher Spektralverteilung zu uns gelangen sollte. Doch es zeigte sich eine 180-Grad-Asymmetrie, die man als Dipolcharakteristik bezeichnet: An einer Stelle des Firmaments ist die dem Spektrum der Hintergrundstrahlung entsprechende Temperatur um 0,1 Prozent höher als an der gegenüberliegenden Stelle.

Diese Messungen, die der Satellit COBE (Cosmic Background Explorer) 1989 und 1990 mit hoher Genauigkeit bestätigte, weisen darauf hin, daß sich unser Milchstraßensystem und alle benachbarten Galaxien, die zur sogenannten Lokalen Gruppe gehören, mit einer Geschwindigkeit von 600 Kilometern pro Sekunde in Richtung des Sternbildes Hydra (Wasserschlange) bewegen. Die Asymmetrie in der Temperaturverteilung der Hintergrundstrahlung wird demnach durch den Doppler-Effekt bedingt: Aus der Richtung, in die wir uns bewegen, erreicht uns die kosmische Hintergrundstrahlung ein wenig zu kürzeren Wellenlängen verschoben, und dies täuscht eine etwas höhere Temperatur vor.

Welche Ursache hat diese Bewegung im Raum? Galaxien sind nicht homogen im Universum verteilt, sondern treten in kleineren Gruppen und größeren Haufen auf. Diese wiederum bilden noch größere Strukturen, Superhaufen genannt, zwischen denen das Universum nahezu leer ist. Eine solch klumpige Struktur kann eine Massenanziehung in einer bestimmten Richtung hervorrufen. Es mag zunächst erstaunen, daß Galaxien sich über derart enorme Entfernungen gravitativ beeinflussen können. Aber in Relation zu den jeweiligen Massen sind die Galaxien näher beieinander als die Sterne innerhalb des Milchstraßensystems. Nun läßt sich die zu erwartende Bewegung der Lokalen Gruppe abschätzen, indem man die Gravitationskräfte aller bekannten Galaxien vektoriell aufsummiert. Tatsächlich ergibt sich dann eine Bewegungsrichtung, die weniger als 20 Grad von der gemessenen abweicht.

Der Unterschied ist möglicherweise darauf zurückzuführen, daß man die Verteilung der Galaxien in der zone of avoidance und deren Massen nicht genau genug kennt. Um Berechnungen und Messungen in Einklang zu bringen, leitete eine Forschergruppe die Existenz einer abstrakten Massenansammlung in 200 Millionen Lichtjahren Entfernung ab, die sie Großer Attraktor nannte (siehe "Die großräumigen Eigenbewegungen der Galaxien", Spektrum der Wissenschaft, November 1987, Seite 88). Die Lokale Gruppe scheint demnach gleichsam einem kosmischen Tauziehen zwischen dem Großen Attraktor und dem gleich weit entfernten, aber gegenüberliegenden Perseus-Pisces-Superhaufen unterworfen zu sein. Um abzuschätzen, wie dieses Gezerre ausgeht, müssen die Astronomen herausfinden, wieviel Masse sich in den nicht der Beobachtung zugänglichen Teilen dieser beiden Strukturen verbirgt.

Dabei ist es wichtig, selbst kleine, lichtschwache Nachbargalaxien ausfindig zu machen; denn weil die Gravitation quadratisch mit der Entfernung abnimmt, können sie die Bewegung der Lokalen Gruppe durchaus stärker beeinflussen als ferne Riesengalaxien. Allein fünf der acht hellsten Galaxien am Himmel liegen in der zone of avoidance. Sie sind so nah und leuchtkräftig, daß man sie relativ leicht hinter dem Schleier der Milchstraße erkennen kann. Offenbar gehören sie zu den Galaxiengruppen Centaurus A und IC 342; wieviele lichtschwächere Mitglieder diese enthalten, weiß man allerdings noch nicht.



Fenster in der Staubwand



Was den ungestörten Rundumblick ins Universum betrifft, so ist unser Standort im All nicht ideal. Wir hätten es allerdings noch schlechter treffen können: Von der Andromeda-Galaxie aus, dem größten benachbarten Sternsystem, würde deren Scheibe einen ähnlichen Teil des Weltalls verbergen; zudem wäre aber noch der Blick auf den Virgo-Haufen versperrt, die nächstgelegene Ansammlung von Galaxien. Doch für die Astronomen ist es schon ärgerlich, daß die Sonne sich zur Zeit nur 40 Lichtjahre von der Zentralebene unserer Galaxis entfernt und damit praktisch inmitten der dicksten Staubschicht befindet. Weil die Bahn der Sonne um das galaktische Zentrum etwas zu dieser Ebene geneigt ist, ist das aber nicht für alle Zeiten so: Vor 15 Millionen Jahren beispielsweise stand unser Sonnensystem fast 300 Lichtjahre über der Ebene, so daß wir einen freien Blick auf die eine Hälfte der heutigen zone of avoidance gehabt hätten. Erst in 35 Millionen Jahren wird sich eine ähnlich günstige Gelegenheit auf der anderen Seite der Scheibe ergeben.

Verständlich, daß die Astronomen nicht so lange warten wollen. Um bereits heute die Geheimnisse hinter dem galaktischen Schleier erforschen zu können, versuchen sie allerlei Kunstkniffe. Zunächst einmal werten sie im sichtbaren Licht gewonnene Aufnahmen der Milchstraße sorgfältig aus. Der fein verteilte Staub innerhalb der galaktischen Scheibe verschluckt das Licht dahinter liegender Galaxien nämlich nicht vollständig, wenn auch die Extinktion zur galaktischen Ebene hin stärker wird. Eine computergestützte automatische Analyse der Bilder ist aber bislang nicht mit der erforderlichen Zuverlässigkeit möglich. So haben einige Arbeitsgruppen in mühsamer Arbeit in den vergangenen zehn Jahren die Photoplatten der am Palomar-Observatorium in Kalifornien sowie an Sternwarten der Südhalbkugel durchgeführten Himmelsdurchmusterungen mit fachkundigen Augen inspiziert. Dabei haben sie 50000 zuvor unbekannte Galaxien entdeckt.

In den Bereichen mit besonders starker Extinktion versagt das Verfahren jedoch. Als Alternative bieten sich Beobachtungen bei größeren Wellenlängen an, die weniger geschwächt werden. Ideal sind Messungen der sogenannten 21-Zentimeter-Linie im Radiofrequenzbereich, die von neutralem Wasserstoff emittiert wird. Damit lassen sich alle Arten von gasreichen Sternsystemen wie Spiral-, Zwerg- und irreguläre Galaxien aufspüren; lediglich gasarme elliptische Systeme bleiben auch mit diesem Verfahren weiter verborgen.

Im Jahre 1987 begannen Patricia A. Henning von der Universität von New Mexico in Albuquerque und Frank J. Kerr von der Universität von Maryland in College Park ein richtungsweisendes Beobachtungsprogramm. Mit dem 91-Meter-Radioteleskop von Green Bank in West Virginia untersuchten sie zufällig ausgewählte Stellen der zone of avoidance und entdeckten prompt 18 neue Galaxien. Leider brach das Teleskop kurz darauf wegen eines Materialfehlers zusammen; das Nachfolgeinstrument wird erst in den kommenden Monaten in Betrieb gehen.

Ein internationales Team, dem wir beide angehören, führt derzeit mit dem 25-Meter-Radioteleskop bei Dwingeloo (Niederlande) eine systematische Durchmusterung durch. Damit sollen alle Spiralgalaxien im nördlichen Teil der zone of avoidance aufgespürt werden, die bis zu 175 Millionen Lichtjahre entfernt sind. Bisher entdeckten wir 40 davon.

Unter Leitung von Lister Staveley-Smith von der Australia Telescope National Facility in Marsfield begann im letzten Jahr ein internationales Projekt mit noch größerer Empfindlichkeit, an dem eine von uns (Kraan-Korteweg) mitwirkt. Mit einem speziellen Detektor am 64-Meter-Radioteleskop in Parkes, mit dem sich selbst Galaxien bis in 500 Millionen Lichtjahren Entfernung registrieren lassen, wird die südliche Milchstraße abgesucht. Mehr als 100 Welteninseln wurden bereits entdeckt, und bis zum Ende der Durchmusterung werden es wohl einige tausend sein.

Auch infrarote Strahlung wird weniger stark vom interstellaren Staub absorbiert und gestreut als sichtbares Licht. Anfang der achtziger Jahre kartierte der Satellit IRAS den gesamten Himmel im fernen Infrarot bei Wellenlängen zwischen zehn und 100 Mikrometern. Etliche in der zone of avoidance gefundene Objekte scheinen Galaxien zu sein: normale Spiralen oder sogenannte Starburst-Galaxien, in denen sich besonders viele neue Sterne bilden. Nachfolgebeobachtungen dieser Sternsysteme im nahen Infrarot – dem Bereich der Wärmestrahlung, der dem sichtbaren Licht direkt benachbart ist – werden zur Zeit durchgeführt.

Bis zum Jahre 2000 sollen auch zwei großflächige Durchmusterungen des Himmels im nahen Infrarot abgeschlossen sein: der amerikanische Two Micron All-Sky Survey und das europäische Projekt DENIS, das auf den Südhimmel beschränkt ist. Beide Programme erstellen digitale Aufnahmen bei drei verschiedenen Wellenlängen, mit denen sich die alte Sternpopulation von Galaxien nachweisen läßt. Diese Durchmusterungen sind besonders effektiv zum Nachweis von elliptischen Galaxien und ergänzen die anderen Suchprogramme daher bestens, wie ein Pilotprogramm eindrucksvoll gezeigt hat. Doch für die Himmelsbereiche, die von den dicksten Staubschwaden der Milchstraße verdeckt sind, versagt leider die Galaxiensuche im nahen Infrarot ebenso wie die im sichtbaren Licht.

Ein weiteres Beobachtungsfenster bietet sich im Röntgenbereich, also im kurzwelligen Teil des elektromagnetischen Spektrums. Große Haufen, die Hunderte von Galaxien enthalten, senden solche Strahlung aus. Aber trotz guter Erfolgsaussichten gibt es bisher kein Forschungsprogramm, um zum Beispiel in den Daten des Röntgensatelliten ROSAT danach zu suchen.

Auch mit indirekten Verfahren suchen Astronomen die zone of avoidance zu erkunden. So nutzten Forscher der Hebräischen Universität in Jerusalem und einer von uns (Lahav) eine Signalverarbeitungstechnik, mit der normalerweise Ingenieure verrauschte und unvollständige Daten auswerten, um das Vorhandensein von Galaxienhaufen in den südlichen Sternbildern Puppis (Achterdeck) und Vela (Segel) vorherzusagen. Außerdem berechneten sie auf diese Weise die Fortsetzung der von manchen Wissenschaftlern vermuteten langen Kette von Galaxienhaufen – der supergalaktischen Ebene, zu der möglicherweise auch der Große Attraktor und der Perseus-Pisces-Haufen gehören – durch das Band der Milchstraße. Weiterhin läßt sich mit den gemessenen Geschwindigkeiten der Galaxien außerhalb der zone of avoidance die kosmische Massenverteilung innerhalb dieser Zone abschätzen. Demnach könnte sich das Zentrum des Großen Attraktors auf der Verbindungslinie zwischen den Sternbildern Centaurus und Pavo (Pfau) befinden. Solche Rekonstruktionsmethoden liefern allerdings nur Informationen über die großräumige Galaxienverteilung – über kleinere Ansammlungen oder gar einzelne Sternsysteme verraten sie nichts.



Kosmische Kollision



Eine der überraschendsten Entdeckungen gelang 1994, als Rodrigo A. Ibata, damals an der Universität von British Columbia in Vancouver (Kanada), Gerald F. Gilmore von der Universität Cambridge (England) und Michael J. Irwin vom Royal Greenwich Observatory, ebenfalls in Cambridge, zufällig eine Galaxie fanden – quasi direkt vor unserer kosmischen Haustür, aber größtenteils verborgen hinter dem dichten Zentralgebiet des Milchstraßensystems im Sternbild Sagittarius (Schütze).

Auf Photographien im sichtbaren Licht ist diese Zwerggalaxie nicht zu erkennen, weil sich ihre Sterne mit denen unserer Galaxis zu mischen scheinen. Ihre Entdeckung gelang nur, weil die drei Astronomen die Geschwindigkeit der Sterne im Raum bestimmten. Dabei fiel ihnen auf, daß in einer bestimmten Himmelsregion ein Teil der Sterne sich anders bewegt als der Rest, der zu unserem Milchstraßensystem gehört. Die Sagittarius-Zwerggalaxie hat einen scheinbaren Durchmesser von mindestens 20 Grad, was sie nach der Milchstraße zur ausgedehntesten Struktur am Himmel macht (Bild Seite 56). Sie befindet sich teilweise inner-halb des Milchstraßensystems auf der uns entgegengesetzten Seite des galaktischen Zentrums und ist 80000 Lichtjahre von der Erde entfernt – nur halb so weit wie die Große Magellansche Wolke, die man lange Zeit als das uns nächstgelegene Sternsystem angesehen hat. Der tatsächliche Durchmesser der Zwerggalaxie beträgt etwa 28000 Lichtjahre, etwa ein Fünftel der Größe des Milchstraßensystems; sie enthält aber schätzungsweise nur ein Tausendstel so viel Sterne.

Diese Entdeckung stützt Theorien, denen zufolge sich große Galaxien im Laufe der Jahrmilliarden durch Verschmelzen kleinerer Sternsysteme bilden. Diese Art von kosmischem Kannibalismus war wohl in der Frühzeit des Universums viel häufiger als heute, weil damals die Abstände zwischen den Galaxien weitaus kleiner waren.

Durch Gezeitenkräfte hat sich die Sagittarius-Zwerggalaxie verformt, doch scheint ihr Kerngebiet recht stabil zu sein. Womöglich hat sie unser Milchstraßensystem schon zehnmal umrundet; daß sie dabei offenbar keinen allzu großen Schaden erlitten hat, weist auf eine große Masse hin; womöglich besteht sie zu einem erheblichen Anteil aus nicht sichtbarer, also dunkler Materie. In vielleicht einer Milliarde Jahren wird sie aber doch endgültig vom Milchstraßensystem einverleibt werden.

Eine weitere überraschende Entdeckung gelang unserer Forschungsgruppe vom Dwingeloo Obscured Galaxy Survey im August 1994, als wir unsere ersten 21-Zentimeter-Spektren gewannen. Wir hatten eine Himmelsregion ausgewählt, in der sich hinter den Staubwolken der Milchstraße die nahe Galaxiengruppe IC 342 verbirgt. Schon bald stießen wir im Sternbild Cassiopeia auf ein interessantes Radiospektrum. Doch erst nachdem wir Interferenzen, Überlagerungen von galaktischen Strahlungsquellen und andere Störeinflüsse ausgeschlossen hatten, konnten wir sicher sein, eine zuvor unbekannte Nachbargalaxie entdeckt zu haben.

Später fand George K. T. Hau von der Universität Cambridge an der Position der Radioquelle im optischen Bereich eine extrem lichtschwache Galaxie. Kurz danach an verschiedenen Großteleskopen gewonnene Aufnahmen mit langer Belichtungszeit offenbarten ihre Gestalt: ein langer Balken, an dessen Enden Spiralarme ansetzen (siehe Photo Seite 57). Wenn wir diese Welteninsel, Dwingeloo 1 genannt, nicht durch den Staubschleier der Milchstraße hindurch beobachten müßten, würde sie zu den zehn hellsten Galaxien am irdischen Himmel zählen. Aufgrund der gemessenen Rotationsgeschwindigkeit schreiben die Astronomen ihr eine Masse von einem Drittel des Milchstraßensystems zu. Dies macht sie vergleichbar mit der Spiralgalaxie Messier 33 im Sternbild Triangulum (Dreieck), die nach dem Milchstraßensystem und der Andromeda-Galaxie das drittgrößte Sternsystem innerhalb der Lokalen Gruppe ist.



Haufen und Superhaufen



Während Astronomen mit der Antennenanlage des Radio-Observatoriums bei Westerbork (Niederlande) Nachfolgebeobachtungen von Dwingeloo 1 durchführten, entdeckten sie in nur einem drittel Grad Abstand eine zweite Galaxie: Dwingeloo 2, mit dem halben Durchmesser und einem Zehntel der Masse von Dwingeloo 1. Mit einer Entfernung von zehn Millionen Lichtjahren ist das Galaxienpaar zwar der Lokalen Gruppe recht nahe, aber doch zu weit entfernt, um es dazurechnen zu können. Es ist eher mit dem Haufen IC 342 assoziiert. Optische Suchprogramme mit empfindlichen Detektoren spürten noch zwei weitere Galaxien auf, die dieser Ansammlung hinzuzuzählen sind. Und erst vor wenigen Wochen wurden die drei lichtschwachen Zwergsysteme Andromeda V, Cassiopeia und Pegasus entdeckt, die zur Lokalen Gruppe gehören und sich in der näheren Umgebung der Andromeda-Galaxie befinden.

Obwohl weite Bereiche der zone of avoidance noch nicht durchmustert sind, können die Astronomen mittlerweile ausschließen, daß sich dort noch Sternsysteme von der Größe unserer Galaxis oder der Andromeda-Galaxie verbergen. Damit steht fest, daß diese beiden die größten Mitglieder der Lokalen Gruppe sind, und daß die Massenverteilung in unserer unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft weitgehend bekannt ist.

Genaue Beobachtungen der zone of avoidance haben aber auch Erkenntnisse über fernere Bereiche des Universums geliefert. So entdeckten Walter Huchtmeier vom Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn und eine von uns (Kraan-Korteweg) mit dem 100-Meter-Radioteleskop bei Effelsberg im Sternbild Puppis einen Galaxienhaufen in 65 Millionen Lichtjahren Entfernung; unabhängig davon gelang Lahav dieselbe Entdeckung. Auch einige der von IRAS gefundenen Sternsysteme gehören zu dieser Ansammlung. Berechnet man nun die Massenverteilung in unserer kosmischen Umgebung unter Hinzunahme dieses Haufens und schätzt daraus die erwartete Bewegung der Lokalen Gruppe ab, so ergibt sich eine bessere Übereinstimmung mit der gemessenen Anisotropie der kosmischen Hintergrundstrahlung.

Können Untersuchungen wie diese dazu beitragen, das Geheimnis um den Großen Attraktor zu lüften? Obwohl die Dichte der Galaxien am Himmel in Richtung auf das vermutete Zentrum dieser Massenansammlung zunimmt, liegt das Zentrum selbst hinter der Milchstraße verborgen. Zwar hat der Astronom George O. Abell in den achtziger Jahren einen Haufen entdeckt, der sich grob an der richtigen Stelle befindet. Er war zunächst auch der einzig bekannte überhaupt in der zone of avoidance, doch konnte man seine anfangs etwa 50 identifizierten Mitglieder kaum für die Bewegung der Lokalen Gruppe verantwortlich machen. Erst jüngere Durchmusterungen zeigten, wie massereich dieser Haufen wirklich ist. So wies eine von uns (Kraan-Korteweg) zusammen mit Patrick A. Woudt von der Europäischen Südsternwarte in Garching 600 weitere Galaxien als Mitglieder dieses Haufens nach. Gemeinsam mit französischen und südafrikanischen Kollegen gewannen wir an verschiedenen Teleskopen auf der Südhalbkugel der Erde Spektren einiger dieser Galaxien, aus denen wir deren Geschwindigkeiten innerhalb des Haufens ermitteln konnten. Die Werte sind so hoch, daß der Haufen tatsächlich sehr massereich sein muß. Er gleicht damit dem riesigen Coma-Haufen, der 10000mal so viel Masse enthält wie unser Milchstraßensystem. Möglicherweise haben die Astronomen nun endlich das Zentrum des Großen Attraktors geortet. Der betreffende Haufen kann zusammen mit den benachbarten Galaxienansammlungen die beobachteten Bewegungen innerhalb des nahen Universums zufriedenstellend erklären.

Aber die Hierarchie der kosmischen Strukturen endet nicht bei den Galaxienhaufen. Die Durchmusterungen haben noch größere Zusammenballungen enthüllt. Kenichi Wakamatsu von der Gifu-Universität in Japan entdeckte im Sternbild Ophiuchus (Schlangenträger) einen 370 Millionen Lichtjahre entfernten Superhaufen. Obwohl hinter dem dicht von Sternen bevölkerten Zentrum des Milchstraßensystems gelegen, ließen sich auf Photoplatten Tausende Galaxien des Superhaufens identifizieren. Es gibt wahrscheinlich eine Brücke aus Galaxien zwischen diesem Superhaufen und einem im Sternbild Herkules. Dies weist auf kosmische Strukturen einer Größe hin, die selbst Astronomen überrascht.

Für Generationen von Himmelsforschern war die zone of avoidance ein Hindernis, wenn sie solche fundamentalen Fragen beantworten wollten wie die nach der Bildung des Milchstraßensystems, nach dem Ursprung der Bewegung der Lokalen Gruppe, nach der Verbindung von Galaxienketten oder nach der tatsächlichen Anzahl von Sternsystemen im Universum. Die Bemühungen der letzten zehn Jahre, den dichten Schleier der Milchstraße zu lüften, haben diese Zone nun zu einer der interessantesten Regionen des Himmels gemacht. Die Entdeckung der Sagittarius-Zwerggalaxie zeigte, wie unsere Galaxis entstand; und der geheimnisvolle Große Attraktor ist inzwischen kartiert. Doch die terra incognita des Universums wird wohl noch weitere Überraschungen bereithalten, denn nur Steinchen für Steinchen füllt sich das Mosaikbild des Himmels jenseits des Milchstraßensystems.

Literaturhinweise

Principles of Physical Cosmology. Von P. J. E. Peebles. Princeton University Press, 1993.

Unveiling Large-Scale Structures behind the Milky Way. Herausgegeben von Chantal Balkowski und R. C. Kraan-Korteweg. Astronomical Society of the Pacific Conference Series, Band 67, Januar 1994.

A Dwarf Satellite Galaxy in Sagittarius. Von R. A. Ibata, G. Gilmore und M. J. Irwin in: Nature, Band 370, Seiten 194 bis 196, 21. Juli 1994.

Dynamics of Cosmic Flows. Von Avishai Dekel in: Annual Review of Astronomy and Astrophysics, Band 32, Seiten 371 bis 418, 1994.

A Nearby Massive Cluster behind the Milky Way. Von R. C. Kraan-Korteweg und anderen in: Nature, Band 379, Seiten 519 bis 521, 8. Februar 1996.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999, Seite 54
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999

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