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Verknüpfung der Systeme Telematik im Autoverkehr


Telematik ist eine Wortschöpfung, die eine kombinierte Anwendung von Technologien aus Telekommunikation und Informatik beschreibt. Anwendungsfelder der Telematik sind komplexe technische Systeme, deren Funktionalität durch die Wechselwirkung zwischen mobilen und infrastrukturellen Komponenten maßgeblich bestimmt wird – insbesondere alle Verkehrssysteme, gleich ob Straße, Schiene, Luft oder Wasser. Die funktionellen Grenzen des Straßenverkehrs zeigen sich tagtäglich, wenn diese sich selbst organisierende System stellenweise den Anforderungen aller Beteiligten nicht mehr gerecht werden kann und kollabiert.

Verkehrsstaus werden gewöhnlich von zwei Klassen von Ereignissen ausgelöst:

- Die Anzahl der Fahrzeuge überfordert die lokal vorhandene Kapazität der Infrastruktur, etwa von Straßen und Parkplätzen, um ein Vielfaches. Typische Beispiele sind Großveranstaltungen wie Fußballspiele, Messen und Ausstellungen.

- Die Anzahl der Fahrzeuge übersteigt punktuell die Kapazitätsgrenze der Infrastruktur. Typische Beispiele sind Unfälle und Baustellen.

Demgegenüber sind in einem möglicherweise von Telematik geprägten künftigen Verkehr idealerweise alle Bewegungen auf den Straßen bekannt und regulierend zu beeinflussen. Dort, wo heute nur Mittelwerte der Geschwindigkeit von Fahrzeugpulks beim Durchfahren von Meßquerschnitten erhoben werden, liegen dann kontinuierliche Daten über Position und Geschwindigkeit der einzelnen Fahrzeuge vor. Sie können jeweils mit Angaben zu Start und Ziel sowie zur geplanten Route ergänzt werden, und auf Basis dieser Informationen sollten sich einerseits präventive Maßnahmen zur Verkehrsleitung – etwa mit Ampelsteuerungen, Geschwindigkeitsvorgaben und Wechselverkehrszeichen – optimieren, andererseits präzise aktuelle Verkehrsinformationen und -prognosen erstellen und an alle Verkehrsteilnehmer übermitteln lassen.

Um dies auch nur in Ansätzen zu realisieren, muß man alle Fahrzeuge mit Ortungseinrichtungen – typischerweise für das Global Positioning System (GPS; Spektrum der Wissenschaft, Januar 1996, Seite 102) – und Mobilkommunikation ausgerüstet sein. Die davon generierten Daten würden über leistungsfähige Kommunikationsanetze in eine oder mehrere stationäre Leitzentralen übertragen, und die Auswertung der aktuellen Verkehrslage dort wäre die Grundlage für die Verkehrsprognose sowie für individuell zugeschnittene Verkehrsinformationen und Routenempfehlungen.

Sind diese technischen Voraussetzungen erst einmal gegeben, gäbe es in vieler Hinsicht attraktive Telematikanwendungen, zum Beispiel Pannenhilfe mit Ferndiagnose, automatischen Notruf, Diebstahlsicherung, Flottenmanagement und Zielführungssysteme (Spektrum der Wissenschaft, Januar 1996, Seite 106). Hier will ich nur auf zwei interessante Weiterentwicklungen eingehen, die durch den Einsatz von Telematik ein erheblich größeres Nutzungsspektrum erreichen können.


Management einer Flotte von Personenkraftwagen

Ein von Telematik gestütztes Flottenmanagementsystem ermöglicht zum Beispiel, mit GPS und Mobilkommunikation ausgerüstete Fahrzeuge bedarfsorientiert zur kurzzeitigen Nutzung bereitzustellen. Als eine Art Selbstfahrertaxi könnten sie den klassischen öffentlichen Nahverkehr ergänzen und in Stoßzeiten entlasten.

Der Nutzer braucht lediglich, wie derzeit beim Bestellen eines Funktaxis, in der Dispositionszentrale anzurufen. Nach Identifikation des Kunden (er muß selbstverständlich über einen Führerschein verfügen) wird entsprechend Start, Ziel, Zeitpunkt und Dauer der Fahrt ein Wagen gebucht. Zum vereinbarten Termin übernimmt ihn der Kunde an einer Art Haltestelle und öffnet ihn mit einer Telematik-Fernbedienung. Schon vor Fahrtbeginn hat die Zentrale die Auftragsdaten in das gebuchte Fahrzeug übertragen, so daß kein Unberechtigter es nutzen kann. An der Zielhaltestelle wird mit Abschließen des Wagens wiederum per Telematik-Fernbedienung der Mietvorgang beendet, und das Fahrzeug steht für einen neuen Einsatz bereit.

So oder ähnlich könnte ein individuelles City-Verkehrssystem funktionieren. Dies muß keine unrealistische Zukunftsvision bleiben, wie ein seit Mitte 1993 erfolgreich laufender interner Versuch bei Daimler-Benz zeigt: Eine Flotte von inzwischen 60 Fahrzeugen mit sieben Haltestellen ergänzt die Werksbuslinien zwischen den verschiedenen Werksteilen im Großraum Stuttgart.

Dynamische Zielführungssysteme

Neuartige Navigationshilfsmittel für den Straßenverkehr sollen dem Fahrer ermöglichen, sich in einer ihm unbekannten Umgebung leicht zurechtzufinden. Die Basisinformationen dafür sind in der Regel eine digitalisierte Straßenkarte und die über GPS ermittelte aktuelle Fahrzeugposition.

Werden nun diese statischen Zielführungssysteme von einer Dienste-Zentrale per Telematik zusätzlich mit aktuellen Verkehrsdaten versorgt, können sie jede Störung – etwa durch eine Baustelle – in die Routenberechnung einbeziehen. Die einzelnen Fahrer umfahren entweder den Stau oder verhüten sogar, daß er überhaupt entsteht.

Ausschlaggebend für den Erfolg einer dynamischen Zielführung ist die Qualität der verfügbaren Verkehrsdaten. Japan bietet mit dem Großraum Tokio in dieser Hinsicht gegenwärtig weltweit die besten Voraussetzungen. Deshalb präsentierte Daimler-Benz dort im April 1997 die erste dynamische Zielführung für Mercedes-Fahrzeuge, die in Zusammenarbeit mit ATIS, einem Unternehmen mit öffentlichen und privaten Anteilseignern, entwickelt wurde. Die Erwartungen sind recht hoch: Bei entsprechender Verbreitung – auch in Fahrzeugen anderer Hersteller – sollten sich nach Einschätzung der japanischen Verkehrspolizei Dauer und Länge der Staus um rund 20 Prozent reduzieren.

Über die Zukunft von Telematikdiensten bestimmen aber nicht nur die technische Realisierbarkeit oder die Akzeptanz potentieller Kunden. Wesentlich werden Entscheidungen der öffentlichen Verwaltung und der Politik sein: Fast alle zur Zeit diskutierten Telematikdienste benötigen Daten über die aktuelle Verkehrslage, und für deren kommerzielle Vermarktung durch privatwirtschaftliche Unternehmen fehlt noch die Rechtsgrundlage. Auch bei künftigen Anwendungen sind sicherlich noch viele Fragen des öffentlichen und des bürgerlichen Rechts zu klären. Da sich aber weltweit viele Unternehmen aus verschiedenen Branchen in der Telematik engagieren, ist eine für den Verkehr günstige und insgesamt wirtschaftlich interessante Entwicklung zu erwarten.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997, Seite 51
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997

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