Direkt zum Inhalt
Login erforderlich
Dieser Artikel ist Abonnenten mit Zugriffsrechten für diese Ausgabe frei zugänglich.

Rausch: Chaos auf Zeit

Unter dem Einfluss von Halluzinogenen verhalten sich neuronale Netze viel desorganisierter als sonst, erklärt der britische Neurowissenschaftler Robin Carhart-Harris. Mit seinen psychede­lischen Studien will er ein neues Modell des Bewusstseins entwerfen.
Psychedelisches Gehirn

Gegen fünf Uhr nachmittags merkte der Chemiker, dass etwas mit ihm nicht stimmte. »Schwindel, Angstgefühl, Sehstörungen, Lähmungen, Lachreiz«, hält er in seinem Protokoll fest. Der Heimweg mit dem Rad erschien ihm beschwerlich: »Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel. Auch hatte ich das Gefühl, mit dem Fahrrad nicht vom Fleck zu kommen«, erinnert er sich. Die Nachbarin, Frau R., kam ihm plötzlich vor wie eine »bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze.« Einige Stunden später sei die anfangs unangenehme Erfahrung dann umgeschlagen: »Jetzt begann ich allmählich, das unerhörte Farben- und Formenspiel zu genießen, das hinter meinen geschlossenen Augen andauerte. Kaleidoskopartig sich verändernd, drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss.« Sogar Geräusche hätten sich in optische Empfindungen verwandelt, berichtet der Forscher: Aus dem Rauschen eines vorbeifahrenden Autos wurde so ein »in Form und Farbe entsprechendes, lebendig wechselndes Bild«.

Was der Schweizer Albert Hofmann da im Frühling 1943 erlebte, sollte später als der erste dokumentierte LSD-Trip in die Geschichte eingehen. Noch heute feiern Fans der Droge in aller Welt den 19. April in Erinnerung an Hofmanns denkwürdige Radtour als »Bicycle Day«. Dabei hatte der vorsichtige Wissenschaftler eine vermeintlich winzige Dosis von 250 Mikrogramm zu sich genommen – tatsächlich jedoch ein Vielfaches der Wirkdosis dieses hochpotenten Stoffs. Doch was in den folgenden Jahrzehnten damit geschah, war Hofmann zuwider: Der Harvard-Psychologe Timothy Leary propagierte als Guru der Hippiebewegung den Massenkonsum von LSD. Gleichzeitig missbrauchten Geheimdienste die Droge für fragwürdige Militärexperimente ...

Kennen Sie schon …

Spektrum - Die Woche – Wie die Sonne das Denken beflügelt

Wie beeinflusst das Sonnenlicht, Helligkeit und Dunkelheit unser Denken? Erfahren Sie, wie Jahreszeiten unsere kognitiven Fähigkeiten beeinflussen können, Kinder von Muskeltraining profitieren und ob unser Wasser vielleicht aus zwei Flüssigkeiten besteht. Plus: Artemis 2 – Aufbruch zum Mond geglückt

Gehirn&Geist – Perfektionismus - Ein Risikofaktor für psychische Erkrankungen?

Rund 30 Prozent der Erwachsenen zeigen perfektionistische Tendenzen – doch oft hat dies auch seinen Preis. Perfektionismus kann ein Risikofaktor für psychische Erkrankungen sein. Wir berichten, wie ein gesunder Umgang mit den eigenen hohen Ansprüchen gelingen kann und welche Form von Perfektionismus Eltern vermeiden sollten, um ihre Kinder zu entlasten. Außerdem werfen wir einen Blick auf die langen Wartezeiten in der Psychotherapie, beleuchten, ob Ohrstöpsel tatsächlich den Schlaf verbessern, und fragen, wie wir möglichst lange gesund leben können.

Gehirn&Geist – Faszination Gehirn: 38 Infografiken über unser Denken, Fühlen und Handeln

Weil Sprache allein nicht immer das beste Kommunikationsmittel ist, werden seit 2013 ausgewählte Inhalte auf eine andere Art präsentiert: in Infografiken. Denn manches lässt sich in Bildern so viel einfacher darstellen als mit Worten. In dieser 2. Auflage der Spezialausgabe von »Gehirn&Geist« präsentieren wir ein »Best-of« unserer Infografiken zu Psychologie, Hirnforschung und Medizin. Wie funktioniert unser Orientierungssinn? Was haben Darmbakterien mit der Psyche zu tun? Was macht eine angenehme Unterhaltung aus? Wie wirkt Alkohol im Gehirn? Und warum lassen wir uns im Supermarkt so leicht zu Spontankäufen animieren? Antworten auf diese und viele weitere Fragen finden Sie in dieser 2. Auflage der Spezialausgabe von »Gehirn&Geist«. Jede der 38 Grafiken im Heft widmet sich einem eigenen Thema.

  • Quellen

Carhart-Harris, R. L. et al.: The Entropic Brain: A Theory of Conscious States Informed by Neuroimaging Research with Psychedelic Drugs. In: Frontiers in Human Neuroscience 10.3389/fnhum.2014.00020, 2014

Carhart-Harris, R. L.: The Entropic Brain – Revisited. In: Neuropharmacology 10.1016/j.neuropharm.2018.030.010, 2018

Carhart-Harris, R. L et al.: Neural Correlates of the Psychedelic State as Determined by fMRI Studies with Psilocybin. In: Proceedings of the National Academy of Sciences, 109(6), 2138-2143, 2012

Erritzoe, D. et al.: Effects of Psilocybin Therapy on Personality Structure. In: Acta Psychiatrica Scandinavica, 10.1111, 2018

Fox, K. C. R. et al.: Functional Neuroimaging of Psychedelic Experience: An Overview of Psychological and Neural Effects and Their Relevance to Research on Creativity, Daydreaming, and Dreaming. In: arXiv preprint arXiv:1605.07153, 2016

Kaelen, M. et al.: The Hidden Therapist: Evidence for a Central Role of Music in Psychedelic Therapy. In: Psychopharmacology, 235(2), 505-519, 2018

MacLean, K. A., Johnson, M. W., Griffiths, R. R.: Mystical Experiences Occasioned by the Hallucinogen Psilocybin Lead to Increases in the Personality Domain of Openness. In: Journal of Psychopharmacology, 25(11), 1453-1461, 2018

Muthukumaraswamy, S. D., Liley, D. T.: 1/f Electrophysiological Spectra in Resting and Drug-Induced States Can Be Explained by the Dynamics of Multiple Oscillatory Relaxation Processes. In: Neuroimage 179, S. 582–595, 2018

Schartner, M. M. et al.: Increased Spontaneous MEG Signal Diversity for Psychoactive Doses of Ketamine, LSD and Psilocybin. In: Scientific reports 10.1038/srep46421, 2017

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.