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Akalkulie: Zahlensalat im Gehirn

Nach einem Autounfall kann Herr N. plötzlich nicht mehr richtig rechnen. Warum vermag er dann trotzdem Mengen so gut abzuschätzen?
Mann mit geschlossenen Augen

Die Geschichte hat einen tragischen Anfang. Bei einem Autounfall prallt der Versicherungsmakler N. mit der linken Seite seines Kopfs gegen die Windschutzscheibe und verliert das Bewusstsein. Im Krankenhaus entfernen die Chirurgen notfallmäßig im Schädelinnern einen Bluterguss, der Druck auf die linke Hirnhälfte ausübt. Doch das Gehirn hat bereits irreparablen Schaden genommen: Sein Körper ist halbseitig gelähmt, und sein Gesichtsfeld beschränkt sich auf die linke Seite. Alles, was rechts von ihm passiert, nimmt er nicht mehr wahr. Außerdem hat der 40-Jährige Probleme beim Sprechen, Schreiben und Verstehen von Wörtern sowie beim Lesen – er leidet an einer »Aphasie«. Wie bei den meisten Rechtshändern ist bei ihm die Sprachverarbeitung in der linken Hirnhälfte lokalisiert.

Ich lernte Herrn N. drei Jahre nach seinem Unfall ken­nen, als er für eine Abschlussuntersuchung ins Krankenhaus kam. Zu dieser Zeit interessierten wir – das heißt mein Kollege Stanislas Dehaene und ich – uns für die psychologischen und neuronalen Mechanismen beim Rechnen. Ähnlich wie die Sprache benutzt die Mathematik ein Vokabular (1, 2, 3, 7 …) mit einer bestimmten Bedeutung (10 repräsentiert eine Menge, die etwas höher ist als jene, die durch 9 dargestellt wird) sowie formalen Regeln, etwa (10 + 2) · 3 = 36. Aber wo und wie wird im Gehirn überhaupt gerechnet? ...

1/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 1/2019

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  • Quellen

Dehaene, S., Cohen, L.: Two Mental Calculation Systems: A Case Study of Severe Acalculia with Preserved ­Approximation. In: Neuropsychologia 29, S. 1045–1074, 1991

Harvey, B. M. et al.: Topographic Representation of ­Numerosity in the Human Parietal Cortex. In: ­Science 341, S. 1123–1126, 2013

Izard, V. et al.: Newborn Infants Perceive Abstract Numbers. In: PNAS 106, S. 10382–10385, 2009