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Meeresbiologie: Abbruch des Larsen-Eisschelfs legte unerwartetes Ökosystem frei

Forscher um Eugene Domack vom Hamilton College in New York haben im Weddellmeer einen ehemals verborgenen "Cold Vent" entdeckt – ein den Hydrothermalquellen entsprechendes Ökosystem, aber bei geringeren Wassertemperaturen. Die einzigartige Lebensgemeinschaft kam ans Licht, als die Wissenschaftler Filmaufnahmen auswerteten, die sie nach dem Abbruch des antarktischen Larsen-B-Eisschelfs im Jahr 2002 von einem nun freigelegten Gletscherbett machten.

Cold VentLaden...
Cold Vent | Der Kollaps des antarktischen Larsen-B-Eisschelfs im März 2002 legte am Meeresboden eine bis dahin unbekannte Lebensgemeinschaft frei.
Die Bilder zeigen Muschelbänke, Schlammvulkane und Bakterienmatten in 850 Metern Tiefe. Die Lebensgemeinschaften dürften auf Grund des Lichtmangels auf chemischer Energie in Form von Methan beruhen, das aus den Schloten strömt [1]. Hamilton erwartet, dass sich zahlreiche bislang unbekannte Arten in dem Ökosystem finden werden. Allerdings seien die Lebensgemeinschaften nach Abbruch des Eisschelfs nun freigelegt und damit in Gefahr, durch Sedimente verschüttet zu werden.

Cold Vents, auch bekannt als "Cold Seeps" oder "kalte Quellen" wurden erstmals 1984 vor der kalifornischen Küste bei Monterey entdeckt, Funde im Golf von Mexiko und dem Japanischen Meer folgten.

Auf unerwartetes Leben stießen auch John Parkes von der Cardiff-Universität und seine Kollegen. Die Wissenschaftler analysierten Bohrkerne aus dem Pazifik. Sie fanden in neunzig Metern Tiefe an einem Küstenstandort eine mikrobielle Aktivität, die der von Oberflächenlebensgemeinschaften entsprach. Außerdem lag die Zahl der Organismen etwa 13 Mal so hoch wie nahe der Oberfläche [2]. Auch zeigten sich deutliche Unterschiede in der Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften in Abhängigkeit von der Geochemie der Sedimentschichten.

An Standorten des offenen Meeres hingegen war die Zahl der Organismen stärker beschränkt, doch auch hier ermittelten die Forscher überraschend hohe Aktivitätswerte, diesmal in Abhängigkeit von Kieselalgenschichten. Da diese zum Teil mehrere Millionen Jahre alt sind, folgern Parkes und seine Kollegen, dass solche tief in den Sedimenten verborgenen Lebensgemeinschaften über geologische Zeiträume hinweg florieren.

Meeresbodensedimente bilden den größten Lebensraum weltweit für Lebensgemeinschaften aus Bakterien und Archaebakterien, aber mit äußert geringem Stoffumsatz. In zahlreichen Modellen zur Aktivität der Organismen zeichnete sich daher ab, dass die meisten Bewohner einen extrem langsamen Stoffwechsel besitzen oder ganz inaktiv sein müssten.
21.07.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21.07.2005

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