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Artensterben: Auf das Froschsterben folgte das Schlangensterben

Weltweit verenden Amphibien wegen einer eingeschleppten, tödlichen Pilzerkrankung. Die Seuche sorgt für eine Kettenreaktion im Ökosystem.
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Der mittlerweile weltweit verbreitete Chytridpilz Batrachochytrium dendrobatidis gehört zu den schlimmsten von Menschen in neue Ökosysteme eingetragenen Lebewesen: Die von ihm ausgelöste Seuche hat nahezu auf der ganzen Welt ein Froschsterben verursacht und dutzende Arten ausgelöscht. Die Folgen reichen allerdings noch weit über die Amphibienwelt hinaus, schreiben Elise Zipkin von der Michigan State University und ihr Team in »Science«: Mit den Fröschen verschwand eine wichtige Nahrungsquelle für tropische Schlangen, weshalb auch ihre Vielfalt in betroffenen Regionen deutlich abnahm.

Beispielhaft steht dafür laut den Wissenschaftlern der panamesische Nationalpark El Copé. Verglichen mit der Zeit vor Ausbruch der Seuche, die hier ab etwa 2004 wütete, reduzierte sich die Anzahl an Fröschen um 75 Prozent; rund 30 Arten starben womöglich sogar komplett in der Region aus (oder wurden so drastisch verringert, dass sie mit normalen Mitteln nicht mehr nachgewiesen werden konnten). Damit ging jedoch ebenso Beute für Reptilien verloren: Viele tropische Schlangenarten ernähren sich ganz oder in größerer Menge von Froschlaich oder erwachsenen Lurchen.

Während die Biologen vor Ankunft des Pilzes 30 Schlangenarten in El Copé zählen konnten, reduzierte sich die Anzahl danach auf 21. Doch allein diese Zahl überzeugte Zipkin und Co nicht: Verglichen mit Vögeln oder Amphibien lassen sich Schlangen deutlich schwieriger nachweisen und erfassen. Sie werden einfach häufiger übersehen. Die Wissenschaftler entwickelten daher ein mathematisches Modell, mit dem sich anhand der neu erfassten und bekannten Daten Wahrscheinlichkeiten berechnen lassen, ob eine Art in einem Ökosystem noch vorhanden oder doch ausgestorben ist.

Das Ergebnis unterstrich die Befürchtungen. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent war es nach dem Frosch- zu einem Schlangensterben gekommen. Und mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit führte die Seuche zu einer Vereinheitlichung der Schlangenvielfalt über eine große Region hinweg: Spezialisten sterben schneller und leichter aus als Generalisten – wer überwiegend von Froschlaich lebt, verhungert. Doch auch die häufigeren Arten gerieten in Schwierigkeiten. Bei der Hälfte dieser Spezies nahm die Zahl an Individuen ab, bei einem Viertel stagnierte sie, und nur ein Viertel zeigte Zuwächse. Viele Tiere blieben zudem unterdurchschnittlich klein und leicht mangels Nahrung.

Das Froschsterben löste also eine Kettenreaktion im Ökosystem aus, deren gesamte Tragweite mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nicht einmal erfasst ist. Sie zeigt sich auch nach unten hin in der Nahrungskette, wie ein Artikel in »The Atlantic« beschreibt: Viele Bäche im Regenwald lassen sich heute schlechter durchqueren, weil die Steine auf ihrem Grund schmierig durch Algenteppiche sind. Vor Ankunft der Seuche hatten Kaulquappen sie praktisch sauber gehalten.

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