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Invasive Arten: Auf dem Vormarsch

Nur selten kommt ein tierischer Neubürger als geladener Gast. Schlimm, wenn er sich ausgerechnet dann als Einheimische gefährdender Feind entpuppt, dem kaum Paroli zu bieten ist.
Erdkröte (<i>Bufo bufo</i>)Laden...
"Haut sie tot mit Golf- und Kricketschlägern!", bellte David Tollner, Mitglied des Parlaments in Canberra, im letzten April emotionsgeladen in die Runde. Eine fragwürdige Aufforderung, doch sie trifft den australischen Nerv. Im ganzen Land ist man sich einig: Die Kröten müssen weg.

Denn diese Kröten gehören nicht nach Australien, und Anfang des letzten Jahrhunderts gab es sie dort auch nicht. Stattdessen hatte die Zuckerrohrindustrie ein Insektenproblem, da gleich zwei Zuckerrohrkäfer die Ernten zunichte machten. 1935 entschied man, in Gordonvale an der Nordostküste Fremdkräfte einzusetzen, und holte eine Spezialtruppe aus Venezuela ins Land: Hundert Aga-Kröten (Bufo marinus) sollten einen biologischen Feldzug gegen die Käfer führen.

Das allerdings geriet zum ökologischen Alptraum. Denn während die Käfer weiter dem Zuckerrohr den Garaus machten, machten sich die Kröten aus dem Staub. Und statt der Käfer fraßen sie alles andere, das ihren Weg kreuzte. Nur sie selbst haben keine natürlichen Feinde, streicht ihr Gift sie doch vom Speiseplan anderer. Auch größere Tiere wie Fische, Warane und Dingos sterben daran, wenn sie die Kröten-Eier und Kaulquappen fressen oder die Tiere auch nur mit der Schnauze berühren.

Aga-KröteLaden...
Aga-Kröte | Aga-Kröten (Bufo marinus) breiten sich unkontrolliert in Australien aus. Lange Beinen helfen ihnen beim scheints nicht zu stoppenden Vormarsch.
Unter argwöhnischen Blicken zieht heute eine ganze Aga-Armada gen Westen. Stadt um Stadt und Dorf um Dorf nehmen die Invasoren für sich in Besitz. Als sie jedoch 2001 den Kakadu-Nationalpark erreichten und unter der dortigen Fauna zu wüten begannen, war das zu viel. Auf Regierungsgeheiß soll es den bis zu zwei Kilogramm schweren Kröten-Kaventsmännern nun organisiert an den Kragen gehen. Seit 2004 zum Beispiel gibt es die Nationale Aga-Kröten-Task-Force, die den gezielten Angriff koordinieren soll.

Wie Australiens Regierung nimmt jetzt auch die Wissenschaft den Kampf gegen die Kröte auf. "Wir wissen, dass die Kröte ein Fiesling ist. Nur hilft es nicht weiter, das immer wieder zu zeigen", so Richard Shine von der Universität Sidney. "Wir wollten vielmehr herausfinden, was sie so erfolgreich macht. Vielleicht können wir dann an diesem Punkt einhaken und die Invasion stoppen."

"Wir wissen, dass die Kröte ein Fiesling ist"
(Richard Shine)
Durch ihre Studien an der Krötenfront etwa 60 Kilometer von Darwin, gewannen die Forscher ein völlig neues Bild von der Einwanderin. Im Rahmen des so genannten Toadbuster-Projekts hatten sie Freiwillige aufgerufen, lebende Kröten abzuliefern. Die statteten die Forscher dann mit Radiosendern aus und verfolgten erstaunt deren Funksignale: Bis zu 1,8 Kilometer schaffen die Kröten in einer einzigen Nacht – viel mehr als frühere Studien belegen. Wie kommt das? Haben sich die Kröten möglicherweise evolutiv an das Leben als Einwanderer angepasst?

Die Bewegungsfähigkeit von Froschlurchen ist eng mit ihrer Beinlänge verknüpft. Auf kurzen Distanzen sind Exemplare mit längeren Beinen schneller zu Fuß. Viel wichtiger aber ist, dass sie das Tempo durchhalten und daher auch größere Distanzen zurücklegen. Sollte die Evolution tatsächlich mitgemischt und den Tieren durch längere Gliedmaßen bei ihrer Ausbreitung geholfen haben, so hat das drei Konsequenzen.

Erstens müssten überall an der Invasionsfront überproportional viele Langbeiner vorhanden sein. Das konnten die Forscher bestätigen, kamen während des zehnmonatigen Beobachtungszeitraumes doch immer die Langbeiner vor den anderen an.

Zweitens sollten die Rennsieger zu jüngeren Populationen gehören als jene, die auf kürzeren Beinen unterwegs sind. Auch das ist belegt, denn die Wissenschaftler maßen die längsten Extremitäten an der Ausbreitungsfront und die kürzesten in Queensland, wo alles begann.

Zudem müssten sich die Tiere mit der Zeit gesteigert haben. Hierzu verglichen Shine und sein Team ihre Ergebnisse mit früheren Aufzeichnungen. Und siehe da: Hatten die Kröten zwischen 1940 und 1964 noch etwa 10 Kilometer pro Jahr zurücklegt, schafften sie zwischen 1965 und 1974 schon 20 Kilometer, zwischen 1980 und 1984 pro Jahr 28 Kilometer und heute ganze 50.

"Naturschützer und Manager müssen sich darauf einrichten, dass die Evolution die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Kröten nahezu verfünffacht. Sie sollten sich daher nicht mehr auf frühere Vorhersagen verlassen", empfiehlt Shine. "Die Plage sollte so schnell wie möglich unter Kontrolle gebracht werden, bevor Bufo marinus zu einem noch hartnäckigeren Gegner mutiert."

"Die Plage sollte so schnell wie möglich unter Kontrolle gebracht werden, bevor Bufo marinus zu einem noch hartnäckigeren Gegner mutiert"
(Richard Shine)
Alles in allem ein trauriges Beispiel, wie Kämpfe mit biologischen Waffen fehlschlagen können. Trotzdem will die Regierung demnächst wieder lebende Angreifer ins Feld schicken – dieses Mal gegen die Kröten. Mikrobiologische Agenten sind die neuen Hoffnungsträger. Die Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (CSIRO) soll ein Amphibienvirus entwickeln, das in das Erbgut der Tiere eingeschleust werden und das Erreichen der Geschlechtsreife verhindern soll.

Doch bis das so weit ist, werden die Kröten vermutlich weiter von verzweifelten Bürgern erschlagen. Bei mehr als einem Schlag kommt einen das jedoch teuer zu stehen. Zumindest in den Northern Territories kann das Gericht eine Strafe von bis zu 12 000 Dollar dafür verhängen.

Angesichts dessen treiben die Ausrottungsmethoden seltsame Auswüchse. Lindsay Wilkinson, Direktor des nationalen Tierschutzbundes in Darwin (RSPCA), schlägt vor, die Tiere mit Hämorridensalbe auf Basis von Benzocain zu betäuben und sie dann im Kühlschrank erfrieren zu lassen: "Humanes" Sterben für einen aus der Kontrolle geratenen Deserteur.
16.02.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.02.2006

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