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CCAMLR-Konferenz: Eine neuerliche Chance für den Meeresschutz im Südpolarmeer

Ein »Netzwerk« von Schutzgebieten rund um die Antarktis soll das empfindliche Ökosystem vor den Folgen von Klimawandel und Überfischung bewahren. Bislang sperrten sich zwei Länder.
Pinguine auf dem Eis

Die heute beginnende 40. Konferenz der Antarktis-Kommission CCAMLR könnte den Schutz des Südpolarmeers entscheidend voranbringen – sofern es gelingt, drei ausgedehnte Areale rund um den Südkontinent unter strengen Schutz zu stellen. Dies hatten zuletzt Umweltschutzorganisationen, darunter auch die Deutsche Umwelthilfe, in einem offenen Brief an die Konferenz und ihre 26 Mitglieder nachdrücklich gefordert. Es wäre die weitreichendste Maßnahme zum Meeresschutz, die je unternommen worden ist.

Der Plan stand schon mehrfach auf der Tagesordnung der Konferenz der Commission for the Conservation of Antarctic Marine Living Resources (CCAMLR) im tasmanischen Hobart. Bislang hatten allerdings immer China und Russland dagegen votiert und das Vorhaben scheitern lassen. Die Kommission, die 1980 als internationales Gremium zur Organisation des Meeresschutzes in der Südpolregion gegründet wurde, muss ihre Entschließungen einstimmig treffen.

Der von der Antarktisforschung ausgearbeitete Plan sieht vor, Gewässer um die Antarktische Halbinsel sowie Teile des Weddellmeers und Teile der Ostantarktis unter Schutz zu stellen. Insgesamt wäre das geschützte Gebiet mit beinahe vier Millionen Quadratkilometer so groß wie die Europäische Union. Jedes Schutzgebiet wäre in Zonen unterteilt, in denen Fischerei teils gar nicht oder nur unter Auflagen erlaubt wäre. Bislang existiert im Südpolarmeer nur ein solches Schutzgebiet, es befindet sich im Rossmeer. Zusammen mit den drei neuen potenziellen Schutzgebieten würde sich ein »Netzwerk« von Schutzgebieten ergeben, das Tier- und Pflanzenarten erlaubt, in Sicherheit entlang der Küste des Kontinents zu wandern, etwa bei der Nahrungssuche oder weil der Klimawandel ein Ausweichen in günstigere Gebiete nötig macht.

Gesunder Krill ist der entscheidende Faktor im Südpolarmeer

Das Südpolarmeer, das rund zehn Prozent der weltweiten Ozeanfläche umfasst, sei zentral für das Funktionieren der irdischen Ökosysteme und den Klimaschutz, argumentiert etwa die US-amerikanische Pew-Stiftung, die auch zu den Initiatoren des offenen Briefs gehört. Insbesondere der Krill, der in der Antarktis an der Basis der Nahrungskette steht, sorge dafür, dass Kohlendioxid in der Tiefe des Ozeans gebunden wird. Die Abermilliarden kleinen Krebse fressen kohlenstoffreiche Algen an der Wasseroberfläche und scheiden das organische Material wieder aus, das dann in die Tiefe sinkt. Oder sie werden selbst gefressen, wodurch der Kohlenstoff zunächst in die Körper der Räuber und dann über deren Ausscheidungen und Kadaver wiederum in die Tiefsee gelangt. Der antarktische Krill entziehe dabei der Atmosphäre das Äquivalent des jährlichen CO2-Ausstoßes von 35 Millionen Autos, hat die Pew-Stiftung berechnet.

Krill wird allerdings in manchen Regionen, insbesondere um die Antarktische Halbinsel, stark befischt. Er dient als Fischfutter, zur Produktion von Fischölen und als Köder. Erste Auswirkungen auf das Nahrungsnetz wollen Wissenschaftler bereits beobachtet haben. Außer unter dem industriellen Krillfang leidet die Region bereits deutlich unter den Folgen der Klimakrise. Der steigende Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre führt zu einer Übersäuerung des Wassers, die sich negativ auf die Panzer der Krebse auswirkt. Zudem erwärmt sich die Südpolregion deutlich schneller als der Rest der Welt. Vielerorts gibt es dadurch weniger Eis als in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten, es mehren sich Extremwetterereignisse, all das schadet den empfindlichen Ökosystemen, die in der Antarktis insgesamt als störungsanfällig gelten – unter anderem weil in den kalten Gewässern die meisten Lebewesen nur langsam wachsen. Krill ist für die Vermehrung auf eisbedecktes Wasser angewiesen. Die Folgen des Klimawandels sollten darum unbedingt bei der Festlegung von Fangquoten für Krill und der beiden wichtigen Speisefischarten Schwarzer Seehecht und Riesen-Antarktisdorsch einbezogen werden, fordern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrem Schreiben.

Gleichzeitig stellt der Ozean um den Südkontinent eine wichtige Quelle für die Fischbestände im Rest der Welt dar und wirkt regulierend auf das globale Klima. Auch deshalb solle er möglichst umfassend unter Schutz gestellt werden. Einige Studien haben bereits beobachtet, dass sich die Region auf gefährlich Kipppunkte zubewegt. Werden diese Punkte erreicht, ändert sich das örtliche Klimasystem oder Nahrungsnetz drastisch, ohne dass es die Möglichkeit gäbe, den Vorgang aufzuhalten.

Deutschland komme bei den Verhandlungen auf der zwölftägigen Konferenz, die noch bis zum 29. Oktober dauert, eine besondere Rolle zu, weil die Bundesregierung schon vor Jahren den Vorschlag zum Schutz des Wedellmeeres eingebracht habe, heißt es bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Die Bundesregierung müsse alles daransetzen, damit die Schutzgebiete in Hobart realisiert würden. Es handele sich um eine »einmalige Chance für den Meeresschutz«, sagte der DUH-Geschäftsführer Sascha Müller-Kraenner der Deutschen Presse-Agentur.

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