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Gesellschaft und Klimawandel: »Freiheit ist das Recht, nicht auf Kosten anderer leben zu müssen«

Individuen könnten sich derzeit gar nicht klimafreundlich verhalten, erklärt der Sozialwissenschaftler Christoph Görg im Interview. Als Ursache sieht er strukturelle Überforderung.
Einsames Haus

Der Klimawandel hat die Menschheit in eine Krise geführt: Unser altes Erfolgsmodell, die scheinbar unerschöpfliche fossile Energie zu Treibhausgasen umzusetzen, hat keine Zukunft mehr. Was nun? Der Menschheit müsse eine sozial-ökologische Transformation gelingen, die die Folgen der Klimakrise abschwächt und gleichzeitig gesellschaftliche Ungerechtigkeiten berücksichtigt, fordert der Sozialwissenschaftler Christoph Görg. Im Interview spricht er über gutes Leben, unsere ganz grundsätzliche Abhängigkeit von der Natur und warum abhängig sein nicht zwangsläufig unfrei sein bedeutet.

»Spektrum.de«:Sie bemängeln, dass die Klimafolgenforschung sozialwissenschaftliche Erkenntnisse bisher zu wenig berücksichtigt. Was kann die soziale Ökologie dazu beitragen?

Chistoph Görg: Wir rücken die Interaktionen von Gesellschaft und Natur ins Zentrum und verstehen soziale und ökologische Probleme grundsätzlich aus dieser Wechselwirkung heraus.

Sie erforschen, welche gesellschaftlichen Strukturen für ein klimafreundliches Leben nötig sind. An welchem Projekt arbeiten Sie aktuell?

Besonders wichtig ist mir der Sachstandsbericht »Stukturen eines klimafreundlichen Lebens«, den wir für das Climate Change Center Austria erarbeiten. Dort tragen ungefähr 80 Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Disziplinen zusammen, wie sich Gesellschaften ändern müssen für ein klimafreundliches Leben. Der Bericht erscheint aber leider erst im September 2022.

Christoph Görg | Der Sozialwissenschaftler leitete von 2010 bis 2015 das Department Umweltpolitik am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Seit 2015 forscht und lehrt er am Institut für Soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur in Wien. Er ist Mitherausgeber eines Sachstandberichts des Climate Change Center Austria, der die gesellschaftlichen Strukturen für ein klimafreundlicheres Leben erarbeiten soll.

Häufig hört man in diesem Zusammenhang den Begriff der sozial-ökologischen Transformation. Können Sie genauer erklären, was man darunter versteht?

Leider gibt es dafür keine verbindliche Definition, viele verwenden den Begriff unterschiedlich und damit bin ich ziemlich unglücklich. Die Kernidee ist jedoch klar: Ökologische und soziale Probleme sind miteinander verschränkt. Der Klimawandel wird massive Auswirkungen auf die soziale Ungleichheit haben, und Maßnahmen zur CO2-Reduktion führen zu Gerechtigkeitsfragen. Man kann beide nicht voneinander trennen. Ein einleuchtendes Beispiel dafür ist die Energiewende in Deutschland. Die Strompreise sind stark angestiegen, was vor allem die finanziell schlechter Gestellten belastet. Man weiß schon seit Langem, dass man da aktiv gegensteuern muss.

Welche Rolle spielt die Idee einer sozial-ökologischen Transformation in Ihrer Forschung?

In der sozialen Ökologie haben wir zum Glück eine genauere Vorstellung von dem Begriff, und er hat dort eine tief greifende Bedeutung. Wir betrachten Gesellschaften als grundsätzlich abhängig vom Input der Natur. Die Gesellschaft braucht natürliche Ressourcen, ähnlich wie das ein biologischer Organismus tut. Für uns bedeutet sozial-ökologische Transformation deshalb, dass wir unseren gesellschaftlichen Stoffwechsel tief greifend verändern müssen.

Vom 31. Oktober bis zum 12. November 2021 findet in Glasgow das 26. Treffen der Mitgliedsstaaten der Klimarahmenkonvention von Rio (Conference of the Parties, COP) statt. Verfolgen Sie unsere aktuelle Berichterstattung im Liveblog und lesen Sie mehr rund um Klimawandel und Klimaschutz auf unserer Themenseite.

Können Sie das genauer erklären?

Unser aktueller industrieller Stoffwechsel beruht auf endlichen fossilen Rohstoffen, deren Verbrauch zum Ausstoß von Treibhausgasen führt. Das hat in großen Teilen der Welt zu materiellem Wohlstand geführt und geholfen, Millionen von Menschen aus Armut zu befreien. Doch mit dem Klimawandel ist er in eine Krise geraten. Deshalb muss sich der soziale Metabolismus ändern und er wird sich auch ändern. Die Frage ist nur: by design oder by disaster? Gelingt es also den Übergang so zu gestalten, dass wir die Folgen der Klimakrise abschwächen und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten sich nicht zuspitzen?

Wie verändert das die Beziehung zu unserer natürlichen Umwelt?

Zunächst einmal muss unsere Gesellschaft verstehen, dass sie ganz grundsätzlich vom Input der Natur abhängig ist. Auch wenn wir uns gerade digital unterhalten, beruht die computergestützte Kommunikation immer noch auf physischen Stoffen. Das wird oft übersehen, weil man glaubt, wir könnten uns durch technischen Fortschritt unabhängig von der Natur machen.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von der Krise der gesellschaftlichen Naturverhältnisse. Was heißt das?

Der Gedanke, dass der Mensch die Natur beherrschen sollte, ist fest in unserer Kultur verankert. Es gibt inzwischen fast keine Bereiche der Erde mehr, den Menschen nicht verändert haben. Indem wir immer weiter versuchen, uns die Natur untertan zu machen, werden wir jedoch noch stärker abhängig von ihr. Das Erleben wir jetzt gerade auch mit der Corona-Pandemie. Das ist ebenfalls eine sozial-ökologische Krise, die zeigt, dass ein Mikroorganismus das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben auf den Kopf stellen kann.

Muss sich unsere Gesellschaft deshalb mehr als Teil der Natur begreifen?

Die Menschheit ist genauso in Stoffwechselprozesse eingebunden, wie das andere Ökosysteme und Organismen auch sind. Deshalb sollten wir vor allem die künstliche Trennung überwinden zu meinen, die Natur sei etwas ganz anderes als die menschliche Gesellschaft.

»Unsere Gesellschaft muss verstehen, dass sie ganz grundsätzlich vom Input der Natur abhängig ist«(Christoph Görg)

Aber auch wenn wir Gemeinsamkeiten mit anderen Tieren und Pflanzen haben, unterscheiden wir uns ja trotzdem gewaltig von ihnen.

Ja, natürlich. Der Mensch hat inzwischen die gesamte Natur des Planeten einschließlich des globalen Klimasystems verändert. Das können wir uns nicht wegwünschen, indem wir uns der Natur unterordnen und wieder vorindustrielle Landwirtschaft betreiben. Der Klimawandel ist unserer Produktions- und Lebensweise geschuldet. Dafür müssen wir Verantwortung übernehmen. Zum Beispiel indem wir lernen, wie wir auf den Input der Natur angewiesen sind.

Wie können wir das schaffen?

Zum Beispiel indem wir Ökosystemleistungen verstehen und anerkennen. Das sind Dienste, die Ökosysteme für uns erbringen und ohne die unser Leben auf der Erde überhaupt nicht möglich wäre. Etwa das Bestäuben von Blüten durch Insekten. Oft übersehen wir diese Vorgänge, wir können sie aber noch viel stärker für uns nutzen.

Zum Beispiel?

Ein großes Problem ist ja zum Beispiel die Überhitzung in unseren Städten. Aus der Perspektive der Naturbeherrschung wäre eine mögliche Lösung, überall Klimaanlagen zu installieren. Damit verstärkt man das Problem aber nur, weil die sehr viel Strom und Ressourcen benötigen. Im Prinzip funktionieren Bäume aber genauso wie Klimaanlagen, weil sie viel Wasser verdunsten. Man könnte die hohen Temperaturen in Städten also auch mit Hilfe von Bäumen reduzieren.

Indem wir solche Ökosystemleistungen wahrnehmen und uns zu Nutze machen, erkennen wir einerseits an, dass es nicht darum geht, die Natur zu beherrschen und andererseits, dass wir von ihr abhängig sind. Deshalb brauchen wir auch eine Freiheit der Selbstbegrenzung.

Was meinen Sie mit der Freiheit der Selbstbegrenzung?

Wir müssen angesichts der Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse zu einem neuen Verständnis von Freiheit kommen. Gegenwärtig verstehen wir das sehr individualistisch, also als das Recht, sich nicht einschränken zu müssen. Man könnte Freiheit aber auch als das Recht verstehen, nicht auf Kosten anderer leben zu müssen . Daher kommt die Idee einer freien Selbstbegrenzung. Wir sollten verantwortungsvoll mit den Ressourcen unseres Planeten umgehen, damit sie die heute lebenden und zukünftigen Generationen nutzen können. Um das zu ermöglichen, müssen wir uns als Gesellschaft auf bestimmte soziale Grenzen einigen.

»›Buen Vivir‹ bedeutet, nicht nach immer mehr materiellem Wohlstand zu streben, sondern einen angemessenen Lebensstil in Einklang mit der Natur zu finden«(Christoph Görg)

Wie gehen andere Gesellschaften und Kulturen mit der Abhängigkeit von der Natur um?

Von indigenen Völkern aus den Andenländern in Südamerika stammt das Konzept des »Buen Vivir«, das heißt übersetzt »das gute Leben«. Die Vertreter dieser Philosophie verstehen sich und die gesellschaftliche Lebensweise als Teil der Natur und denken deshalb soziale und ökologische Themen grundsätzlich zusammen. Das gute Leben bedeutet für sie deshalb auch nicht, nach immer mehr materiellem Wohlstand zu streben, sondern einen angemessenen Lebensstil in Einklang mit der Natur zu finden.

Was lässt sich die Idee des »Buen Vivir« auf europäische Verhältnisse übertragen?

Es geht nicht darum, das Konzept zu imitieren, sondern davon zu lernen. Zu sehen, dass andere Kulturen nicht den westlichen, kapitalistischen Entwicklungsweg gegangen sind, kann uns Denkanstöße geben. Der Begriff hat beispielsweise die globale Klimagerechtigkeitsbewegung sehr beeinflusst. So auch die Aktivistinnen und Aktivisten von Ende Gelände, die sich gegen den Braunkohleabbau in Deutschland stellen. Man sieht das auch daran, dass sie das Grundproblem ganz anders definieren: nämlich als Folge eines Gesellschaftsmodells, das die Natur ausbeutet und nicht so weitergehen darf. Die Forderung nach Ende Gelände bezieht sich aber auch auf die erheblichen Probleme der sozialen Ungerechtigkeiten und vereint Bewegungen in Europa, Lateinamerika und Asien.

Sehen sie im Aufkommen solcher sozialen Bewegungen auch eine Chance im Umgang mit dem Klimawandel?

Ja, man kann die Anpassung an den Klimawandel nicht nur zwischenstaatlichen Konferenzen wie der COP26 überlassen. Die Zivilgesellschaft und damit auch Bewegungen wie Ende Gelände und Fridays for Future spielen eine ganz entscheidende Rolle. Ohne den Druck von Fridays for Future auf der Straße wäre noch weniger passiert in Europa. Deshalb hoffe ich, dass diese Krisensituation dazu führt, dass sich Bewegungen weltweit miteinander vernetzen und Druck auf nationale Regierungen ausüben. Es bringt aber natürlich nichts, wenn daraus keine konkreten Maßnahmen entstehen.

Das 1,5-Grad-Ziel ist ein positives Beispiel dafür. Lange glaubte man, es reiche aus, sich auf eine globale Erwärmung um 2 Grad zu beschränken. Erst als soziale Bewegungen und kleinere Inselstaaten darauf aufmerksam gemacht haben, dass der gefährliche Klimawandel schon viel früher anfängt, einigten sich die Weltnationen dann in der Pariser Klimakonferenz auf die 1,5 Grad. Ambitionen kommen nur durch öffentlichen Druck zu Stande.

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